Die Heldin in ihrer Welt
Jul. 9th, 2013 08:56 pmChallenge: Heldenreise - Der Held in seiner Welt (fürs Team)
Fandom: Original (Sirius)
Anmerkung: Gruselig. So was zu schreiben und nicht die Einzige zu sein, die es ausbaden muss. Ich hoffe, der Text erweist sich als ein brauchbarer Anfang.
Wörter: 770
Von allen Planeten auf denen die Menschen sich niedergelassen hatten war Keret mit Abstand einer der trostlosesten. Wenigstens auf die besiedelte Fläche des Planeten traf diese Behauptung zu. Während weite Teile der Kontinente mit Gebirgen und dichten Urwäldern unerschlossen blieben, bestimmten Sümpfe das Landschaftsbild der Kolonien.
In einem interstellaren Reiseführer hieß es:
„Am angenehmsten ist es auf Keret während der kalten Jahreszeiten. Im Dauerregen schwimmende Straßen wirken wie eine Wohltat verglichen mit dem Gestank, den die sommerliche Hitze mit sich bringt.“
Es kann also kaum verwundern, dass Keret kein sonderlich beliebtes Reiseziel war. Die einzigen Besucher des Planeten waren Händler, die kamen um Torf zu erstehen, und die hatten ihre Schiffe in denen sie bleiben konnten, wenn sie tatsächlich dazu gezwungen waren, länger als ein paar Stunden hier zu verbringen.
Dennoch hatte Mascha, nahe dem Hafen, ein Gasthaus eingerichtet und allen Wahrscheinlichkeiten zum Trotz fanden sich die Zimmer in diesem Gasthaus oft genug belegt um ihre Existenz zu rechtfertigen. Zugegeben, Maschas Haupteinnahmequelle waren nicht ihre Gästezimmer.
Die Haupteinnahmequelle war der Schankraum im Erdgeschoss des Hauses. Durchreisende wie Ansässige kamen um die schwüle Trostlosigkeit des Planeten bei Mascha zu ertränken und Mascha sorgte dafür, dass es ihnen gelang, lauschte – wenn gerade nicht all zu viele Gäste da waren – mit Engelsgeduld ihren Geschichten und Problemen. Mascha habe ein Herz aus Gold, hieß es am und um den Hafen.
Ein Fremder mochte den Satz vielleicht falsch verstehen, und unter den Fremden gab es genügend Kerle, vor denen man ehrliche Angst haben sollte – aber Mascha hatte keine Angst, Mascha hatte ihre Stammgäste, die jeden, der sich auch nur ein wenig daneben benahm, aus ihrem Lokal beförderten, ehe der wusste wie ihm geschah.
Nicht, dass Mascha wirklich ihrer Hilfe bedurfte. Sie war nicht immer Gastwirtin gewesen, hatte genug in ihrem Leben gesehen und erlebt um auf sich selbst aufpassen zu können. Um ihrer Tochter Willen allerdings war sie Dankbar für diesen Kern aus Stammgästen. Nur wegenen ihnen, konnte die kleine Lenora zwischen den Tresen und Tischen umher wuseln seit sie in der Lage war sich selbstständig zu bewegen und ohne dass Mascha sich jemals Sorgen um sie machen musste.
Lenora hatte großen Spaß an den Gästen, die sie wie eine liebe Nichte oder Enkelin behandelten, sie – wenn es sich anbot – auf den Schoß nahmen und ihr Geschichten erzählten.Gruselige über die Sümpfe mit ihren Irrlichtern und Moorleichen oder abenteuerliche, von fremden Planeten – und die kleine Lenora quietsche vor Vergnügen, wenn ihr diese behütete Angst einen kalten Schauer über den Rücken jagte, denn sie hatte in ihrem Leben noch nicht gelernt wie es war, sich wirklich zu fürchten.
Mit sieben begann sie ihrer Mutter beim Ausschank zu helfen, manchmal besuchte sie auch Karl den Koch in der Küche, und lernte von dem was es zu wissen gab über echte Lebensmittel und deren Substitute. Mit zwölf war sie schon eine geschickte Kellnerin, und eine noch geschicktere Köchin und als sie vierzehn Jahre alt wurde hatte ihre Mutter ihr alles beigebracht, das sie über die Buchführung des Lokals wissen musste.
Sie sei geboren, um den Laden weiter zu führen, sagte Karl einmal, als sie ihm in der Küche half. Lenora freute sich sehr über dieses Kompliment. Aber dann dachte sie darüber nach.
„Bin ich das wirklich?“, fragte sie, ließ ihr Abtrockentuch sinken und drehte die Schüssel in ihrer Hand so, dass sie ihrem verzerrten Spiegelbild in die Augen blicken konnte.
„Was meinst du denn?“, gab Karl zurück.
Lenora überlegte einen Augenblick, tastete mit spitzer Zunge ihre Lippen nach den passenden Worten ab.
„Ich meine“, sagte sie dann, „Du bist nicht mein Vater. Oder?“
Karl lachte. Erst überrascht und dann etwas verhalten. Nein, das sei er ganz bestimmt nicht.
„Aber du hast ihn gekannt?“, hakte Lenora nach.
Zur Antwort erhielt sie Schweigen. Langes Schweigen. Schließlich drehte Karl sich um, wischte sich mit der Ecke seiner Schürze den Schweiß aus der Stirn.
„Frag deine Mutter selbst“, empfahl er und klang dabei so bestimmt, so final, wie Lenora ihn nie zuvor gehört hatte.
Die Antwort ihrer Mutter kannte Lenora allerdings schon in und auswendig. Sie wisse es selbst nicht, das sei eine wilde Zeit gewesen, damals, bevor sie hier her kam, und Lenora solle sich keine Gedanken darüber machen. Und meistens gelang es Lenora, sich keine Gedanken zu machen.
An diesem Abend allerdings stand sie hinter dem Tresen, wischte Gläser und Zapfte Bier und wollte am liebsten alles in Stücke schlagen. Sie mochte das Gasthaus ihrer Mutter – es war doch ihr Zuhause – aber sie konnte nicht, wollte sich nicht einreden lassen, dass das Alles, dass dies ihre Bestimmung sein sollte.