Trainspotter
Jul. 9th, 2013 12:28 amChallenge: Personen / Verkanntes Genie (für mich)
Fandom: Original
Wörter: 550
Er steht immer am Bahnhof. Egal wann man ankommt, wann man abfährt – vielleicht verpasst man ihn, weil man selbst gerade ein anderes Gleis benutzt, aber er ist doch da. Notizbuch und Stift in der Hand. Manchmal hat er den Stift auch hinter sein Ohr gesteckt, hält einen Pappbecher mit Kaffee in der freien Hand, oder ein Brot.
Manchmal spricht ihn eine Mitarbeiterin der Bahnhofsmission an, es läge ihr fern irgend jemandem Hilfe aufzudrängen, aber wenn er Hilfe bräuchte – er nickt, immer freundlich, lächelt ein sehr zahnloses Lächeln unter seinem struppigen Vollbart.
In einem Sommer gab es eine Gruppe Halbstarker, die regelmäßig zu ihm kamen, ihn ausfragten über seine Notizen, über die wichtige Arbeit, die er da vollbringe. Er merkte wohl, dass sie sich über ihn lustig machten, aber er wollte ihnen den Spaß nicht verderben. Außerdem kann es sehr einsam sein, bei seiner Arbeit. Als sie ihn schließlich dazu bringen wollten Alkohol und Zigaretten für sie zu kaufen, schickte er sie weg. Versuchte es wenigstens. In seiner Enttäuschung hatte einer der Jungs die Idee, dass es doch fürchterlich komisch wäre diesen Schwachsinnigen zu verprügeln, also taten er und seine Freunde genau das, und hätte die Mitarbeiterin der Bahnhofsmission nicht gerade diesen Moment gewählt um ausgerechnet auf dieses Gleis zu kommen, und rasch einen Schutzmann herbei zu rufen – es hätte böse ausgehen können.
Man empfahl ihm, vorerst nicht an den Bahnhof zurück zu kehren, vielleicht überhaupt einmal auszuruhen, bot ihm ein Bett im Haus der Bahnhofsmission an. Aber er schüttelte nur seinen grauen Kopf und bestand darauf, dass er seine Arbeit nicht vernachlässigen könne.
„Es wird schon jemand anderes notieren wann und wie die Züge einfahren“, hatte die Missionarin versucht ihn zu beschwichtigen. Am Bahnhof würde man ausführlich über die Ankunfts- un Abfahrtszeiten Buch führen. Er könne ganz sicher die Aufzeichnung aus der von ihm verpassten Zeit abschreiben, wenn er wolle.
Aber sie konnte ihn nicht überzeugen. Es geht ihm nicht um Verzögerungen oder Verspätungen. Er notiert sie, der Vollständigkeit halber, aber sie sind nicht das entscheidende. Es geht ihm, streng genommen, überhaupt nicht um die Züge. Es geht ihm um die Zufälle, die Unfälle, die Zusammenstöße, ein Treffen zwischen zwei Freundinnen, die sich seit fünf Jahren nicht mehr gesehen haben, der umgestoßene Koffer, der zu einer Einladung auf einen Kaffee, die zu einem Austauschen der Nummern, das zu einem Wiedersehen führt.
All das notiert er, zeichnet er auf. Ganz egal an welchem Gleis er sitzt, er sieht alles, merkt alles. Und manchmal kommt ein kleines Mädchen bei ihm vorbei, sie sieht immer anders aus, mal blond, mal brunett, mal hat sie rote Zöpfe mal tiefschwarze Locken, mal trägt sie ein Kleidchen, mal eine Latzhose. Aber es ist immer das selbe Mädchen, oder wenigstens – es ist immer das selbe, in dem Körper der Mädchen.
„Es passiert zu viel Schlechtes hier“, murmelt er, wenn er ihr sein voll geschriebenes Notizbuch gibt und ein neues, leeres, dafür bekommt. Oder: „Die Menschen haben zu viel Glück.“
Und das kleine Mädchen lächelt ihr sanftes Kleines-Mädchen-Lächeln.
„Das werden wir entscheiden, wenn wir deinen Report gelesen haben“, verspricht sie ihm, ohne ihm etwas zu versprechen. Und dann hüpft sie davon, bevor irgend ein anderer als er sie gesehen haben könnte, und lässt ihn wieder alleine mit seiner Arbeit.
no subject
Date: 2013-07-09 08:59 pm (UTC)no subject
Date: 2013-07-10 05:07 am (UTC)