Wilford&Pethbell (II)
Jul. 8th, 2013 07:24 pmChallenge: Personen - Harte Schale, weicher Kern
Fandom: Original
Anmerkung: Mehr oder weniger eine Fortsetzung hiervon.
Wörter: 650
Es ist noch kein ganzes Semester vergangen seit Professor Winford Wilford an der Blenstetter Universität zu unterrichten begonnen hat und es eilt ihm bereits ein gewisser Ruf voraus.
Man könne meinen er wolle seine Studenten vergraulen, heißt es. Und das, wo sich ohnehin schon wenige finden, die sich die Blöße geben möchten, ihr Interesse an metaphysikalischen Phänomenen offen zu bekunden. Die wenigen, die dennoch zu seinen Lehrveranstaltungen erscheinen werden fast minütlich daran erinnert, dass sie hier eigentlich nichts zu suchen haben, dass ihr Wunsch, das Unerklärliche zu erklären ja ganz niedlich sei, aber sie seien doch besser bedient, wenn sie sich mit der zufälligkeit von Zufällen begnügen oder sie irgend einem Gott zuschreiben würden.
„Wollen Sie eigentlich nicht unterrichten?“, fragt Pethbell den Professor an einem Abend. Auch wenn er nur gelegentlich und ausschließlich zu den öffentlichen Vorträgen des Professors erscheint, ist die allgemeine Grundstimmung ihm doch nicht entgangen.
Winford Wilford zieht an seiner Pfeife.
„Nicht wirklich“, brummt er ohne dabei aufzublicken.
„Und wieso tun Sie's dann?“
Seufzend senkt Wilford seine Zeitung. Er wird nicht schlau aus diesem Jungen, der ihm mal eiskalt und verschlossen und dann wieder mit fast rührender Offenheit begegnet. Dieser Junge, den er seit Wochen aus seiner Wohnung hinaus wünscht, aber alle Wahrscheinlichkeiten um ihn herum bleiben konstant, kein Zufall tritt ein, der Pethbell dazu bringen könnte die Stadt oder wenigstens den Lerchenweg zu verlassen.
Im Übrigen könnte Wilford nicht sagen was genau ihn an dem Jungen so stört. Alles in allem ist er ausgesprochen höflich, so zuvorkommend wie man mit einem Holzbein nur sein kann – die meiste Zeit ist er ohne hin so gut wie unsichtbar, nicht im Hause oder wenn doch zu leise um bemerkt zu werden. An manchen Abenden, wenn sie sich zufällig im Wohnzimmer begegnen, genießt er Pethbells Gesellschaft sogar, findet dass man mit dem Jungen erstaunlich erwachene und interessante Gespräche führen kann.
Es sind die kindlich vorwitzigen Moment, wie jetzt, in denen er Pethbell gerne überall nur nicht in seiner Nähe wissen will. Und doch gelingt es ihm nicht, dessen Fragen einfach von sich zu weisen, versucht er jedes Mal aufs neue nicht diesem dunkel grau bemoosten Blick zu begegnen.
Orels Augen hatten die selbe Farbe gehabt, kommt es ihm manchmal – in diesem Moment kurz vor dem Einschlafen, wenn die Gedanken einem nicht mehr gehorchen wollen – in den Sinn und er beginnt zu rechnen, in dem verzweifelten Versuch Pethbell ein Alter zuzuschreiben, das zu den Jahren passen könnte, die verstrichen sind seit er seinen Sohn das letzte mal lebend gesehen hat.
„Oder wollen Sie nicht darüber sprechen?“, hakt Pethbell jetzt, im Wohnzimmer, nach.
„Es ist nichts Interessantes daran“, erwidert Wilford trocken. Er habe Geld gebraucht und ein Bekannter von ihm hätte ihm diese Stelle angeboten.
„Und weshalb sind Sie dann so bemüht, ihre Studenten loszuwerden?“, fragt Pethbell weiter. Ohne die würde Wilfor sich doch wieder ohne Anstellung und damit ohne Geld finden.
„Sie sind ziemlich frech“, stellt Wilford darauf fest.
Schuldbewusst senkt Pethbell den Blick. Das sei nicht seine Absicht gewesen, beteuert er. Er würde schlichtweg nicht begreifen, was so schlimm daran wäre, wenn ein paar Menschen mehr daran glauben, dass Wunder und Zufälle mit etwas anderem als einer göttlichen Entität erklärt werden könnten.
„Dann sind Sie naiver als ich ihnen unterstellt hätte“, antwortet Wilford ihm.
„Je mehr Menschen die Metaphysik als Wissenschaft ernst nehmen“, sagt er „um so größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass einer von ihnen auf die Idee kommt, sie irgendwie nutzbar zu machen.“
„Ich dachte, das wäre schon längst der Fall?“, erwidert Pethbell hierauf, äußert seine Vermutung ganz unbedarft, so nebenbei, und versetzt Wilford doch einen Stich damit.
In dieser Nacht, kurz bevor er einschläft, rechnet er wieder, rechnet und rechnet, Pethbell ist zu alt, um Orel sein zu können – aber Wilford kann sich nicht zufrieden geben mit dieser Einsicht, er dreht und wendet Unwahrscheinlichkeiten in Gedanken hin und her, ungewillt diese unverhoffte Hoffnung wieder aufzugeben.