Wilford & Pethbell (I)
Jul. 6th, 2013 10:07 amChallenge: Personen - Stille Wasser sind... (für mich)
Fandom: Original
Anmerkung: Zwei Charaktere, die schon viel zu lange auf ihre eigenen Geschichte warten, und sich viel zu gerne mit metaphysikalischen Phänomenen befassen.
Wörter: 1030
Professor Winford Wilford hatte nicht gewusst, dass es in dem Haus von Frau Richter einen zweiten Mieter gibt. Hätte er das, er wäre nicht hier eingezogen. Das Haus hatte durch seine ruhige Lage bestochen, hatte den Eindruck gemacht als könne man hier in all der Zurückgezogenheit, die einem die Straßen des Blenstetter Zentrums zugestehen, leben.
Die Hausherrin selbst hatte für ihn nicht gezählt. Die war ja kaum mehr als Mobiliar – auch das Mädchen das für sie den Haushalt führte konnte getrost ignoriert werden.
Aber ein anderer Mieter! Ein anderer Mieter mit dem er womöglich noch seinen Wohnraum teilen müsste?
Wäre er nicht so ein unsagbar guter Mensch, er würde Frau Richter Pest und Cholera an den Hals wünschen. Nur dass weder die eine noch die andere Krankheit eine sonderlich gute Wahl für die Vermieterin ist. So etwas möchte man ja nicht im Haus haben. Eher würde sie in nächster Zeit einen Hexenschuss haben, oder Hühneraugen unter den Füßen entdecken?
Natürlich nur, wenn Winford Wilford nicht so ein unsagbar guter Mensch wäre. Weil er das aber ist, begnügt er sich damit, Frau Richter freundlich aber nachdrücklich zu fragen, weshalb sie ihn nicht über etwaige Mitbewohner informiert habe.
„Ich dachte nicht, dass es ihnen wichtig wäre, Herr Professor“, ist alles, was die Vermieterin dazu zu sagen hat und auch über den anderen Mieter hat sie nicht viel zu erzählen. Berdis Pethbell, ein junger Kerl sei das, ein Student oder so – eigentlich viel zu jung, als dass sie ihn an die Front geholt haben könnten.
„Achso?“, Winford Wilford hebt eine Augenbraue.
„Na, wo soll er denn sonst sein Bein verloren haben“, flüstert Frau Richter hinter vorgehaltener Hand.
Winford Wilford fallen da eine ganze Menge Möglichkeiten ein, aber die behält er für sich. Er ist als Professor der Metaphysik an der Blenstetter Universität hierher gekommen, und er hat so die Ahnung, dass es die Vorstellungskraft von Frau Richter übersteigen würde, weshalb ein Akademiker – der kein Mediziner ist, wohl gemerkt – irgend eine Ahnung von möglichen Ursachen für verlorengegangene Gliedmaßen haben könnte.
Sein Ärger weicht einer gewissen Neugierde – über diesen Umstand könnte er sich ärgern, es reicht aus professionellen Gründen neugierig zu sein, im Alltag ist es eine ganz und gar ablenkende Eigenschaft. Aber er versucht doch seine freie Zeit so oft es geht in dem Wohnzimmer zu verbringen, das er sich mit seinem Mitbewohner teilen muss.
Bald einen Monat wohnt er bereits auf dem Lerchenweg und Frau Richter und deren Hausmädchen bleiben die einzigen Personen denen er begegnet. Vielleicht er hatte er seinen Wunsch nach Ruhe und Einsamkeit etwas zu ernst gemeint. Manchmal, wenn er Nachts in seinem Bett liegt, hört er den Mitbewohner, hört dessen asymmetrischen Schritte, das pochen von Holz auf Holz. Aber das ist alles.
Selbstverständlich. Er wartet auf Zufälle, die er zuvor eigenhändig als unwillkommen betitelt hatte. Er betitelt sie also um – das ist keine große Sache, wenn man weiß, was man tut, was man will.
Und doch bleibt eine Begegnung aus. Nach drei Monaten schließlich entscheidet Professor Winford Wilford sich zu einem durch und durch banalen Schritt.
„Ich wäre Ihnen sehr dankbar“, wendet er sich an Frau Richter „wenn Sie meinem Mitmieter mitteilen würden, dass ich ihn all zu kerne kennenlernen würde – wo wir nun schon seit einem viertel Jahr die Wohnräume miteinander teilen.“
So sehr ist er daran gewohnt, dass Dinge von selbst geschehen, dass es ihn, nach diesen drei Monaten des wartens, ehrlich überrascht, als er den jungen Herrn am nächsten Abend tatsächlich im Wohnzimmer anfindet. In einem Sessel – genau genommen in jenem Sessel, welchen Winford Wilford in den vergangenen Wochen als den seinen zu bezeichnen begonnen hatte – sitzt er, hat sein Holzbein, das linke ist es, auf den Fußhocker gelegt, die Arme vor der Brust verschrenkt und ein knabenhaft verschmitztes Lächeln auf den schmalen Lippen.
Als Frau Richter sagte, Herr Pethbell wäre jung, hatte Winford Wilford sich doch einen jungen Mann vorgestellt. So wie er jetzt vor ihm sitzt, liegt die Bezeichnung Junge oder Kind aber doch sehr viel näher.
„Sie sind Professor Winford Wilford?“, fragt Pethbell ohne Anstalten zu machen sich von seinem Platz zu erheben. Mit seinem Bein kann man es ihm vielleicht sogar nachsehen, entscheidet Wilford und macht also selbst einen Schritt auf den Jungen zu, reicht ihm die Hand.
„Ihr Vortrag über koinzidentielle Korrelation hat mir sehr gefallen!“
Seine Stimme klingt ebenso jung wie sein sommergesprosstes Gesicht aussieht. Ein wenig heiser auch.
„Sie sind Student der Metaphysik?“, erwidert Wilford etwas verwundert. Er dachte eigentlich all seine Schüler – so viele sind es ja nicht, dafür ist der Ruf seines Fachs viel zu schlecht – inzwischen zu kennen. Aber Pethbell lacht. Das sei er nicht. Er könne es sich, wenn er weiter hier wohnen bleiben wolle, gar nicht leisten die Beiträge für die Universität zu zahlen, um als ordentlicher Student eingeschrieben zu sein. Aber er würde sich die die freien Vorträge ansehen. Wenn er Zeit habe. Und wenn die Themen vielversprechend klängen.
Professor Winford Wilford hört ihm zu, seine Finger streichen, ganz ohne dass er sie darum gebeten hätte – sich dieser Geste überhaupt bewusst wäre – über die Barthaare an seinem Kinn. Es missfällt ihm sehr, dass er gegen alle Regeln der Gesellschaft, des Respekts vor dem Alter oder wenigstens seinem Akademischen Grad, in diesem Gespräch doch nicht die Oberhand, die Autorität zu haben scheint. Und er weiß nicht woran es liegt. Die Worte des Jungen sind tadellos in ihrer Höflichkeit.
„Aber Sie beschäftigen sich mit metaphysikalischen Phänomenen?“, gelingt es Wilford endlich einzulenken.
Der Junge Pethbell macht eine unbestimmt Handbewegung. Gewissermaßen, sagt er, und sieht Wilford dabei zum ersten mal direkt in die Augen. (Seine Augen sind grau, wie Steine, mit türkisen Flechten, die vom Rand her bis zur Pupille wuchern wollen.) Es liegt etwas in diesem Blick, etwas das Wilfords Unbehagen wie seine Neugierde bekräftigt.
„Mit was sollte man sich sonst beschäftigten“, sagt Pethbell und zieht damit die Worte, zehn Jahre alte Worte, die doch nie jemand zu Gesicht bekommen hat, aus dem Tagebuch des Professors Winford Wilford.
„Mit was sollte man sich sonst beschäftigen, wenn man den Glauben an die Religion aber nicht seinen Blick für das Unerklärliche verloren hat?“