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Team: Sirius
Challenge: Personen - Lebenspartner (für mich)
Fandom: Original
Anmerkung: Das ist die Geschichte vom Dachs und vom Raben, und wie der eine im Wald bleiben will und der andere die Welt erkunden möchte.
Wörter: 750



Eines schönen Tages trat Dachs aus seiner Höhle und fand, dass Rabe dort auf ihn wartete.

„Was gibt's“, fragte er den Freund.

„Ach“, erwiderte der.

„Nichts gibt es. Ich bin den ganzen Tag umher geflogen und habe nichts Neues entdeckt.“

Er streckte hierbei seine Flügel weit von sich, um Anstrengung und Langeweile Raum zu machen. Als Dachs davon sehr unbeeindruckt blieb, hüpfte er ein paar mal auf und ab.

„Nichts geschieht hier“, schimpfte er. Immer ist alles gleich. Seine Federn würden schon ganz grau vor Langeweile werden.

Dachs hörte ihm geduldig zu. Er kannte Rabe gut genug, um zu wissen, dalangss er sich gleich wieder beruhigt.

„Hörst du?“, krächzte Rabe laut.

„Ganz grau!“

Dachs schluckte die Schnecke, die er eben zwischen die Zähne bekommen hatte, hinunter.

„Ich sehe nicht, was daran schlimm sein sollte“, brummte er und leckte sich die Pfoten.

„Natürlich nicht!“

Vor lauter Aufregung flatterte Rabe so vor sich hin, dass das Laub um sie wirbelte, und selbst die langsamsten Schnecken sich gewarnt fühlten. Dachs verzog seine Mundwinkel.

„Du bist halt auch schon ganz grau“, schimpfte Rabe.

„Aber weißt du was?“, sagte er und flatterte auf einen nahegelegenen Ast.

„Mir reicht es. Ich verlasse den Wald“, sagte er.

„Kommst du mit?“

Dachs dachte darüber nach. Es bestand ein gewisser Reiz in der Idee, das wollte er gar nicht abstreiten, die Welt mit seinem Freund zu erkunden. Aber wie sollte er das seinem Clan beibringen, wie sollte er sich irgendwelche Hoffnungen machen, einmal mehr als das Nesthäkchen unter seinen Vettern und Brüdern zu sein, wenn er jetzt einfach davon zog? Außerdem mochte er sein warmes Bett so sehr – auf Reisen würde er sicher nie auf so weichem Moos und Laub zu liegen kommen.

„Geh du mal“, sagte er schließlich.

„Ich bleibe hier. Und wenn du Morgen wieder kommst, lache ich dich aus.“

Da gab Rabe einen gekränkten Laut von sich.

„Ich habe es ja gesagt – du bist selbst schon ganz grau“, rief er. Dann flatterte er davon.

Dachs sah ihm hinterher.

„Der kommt schon wieder“, sagte er sich. Es war ja nicht das erste mal, dass Rabe des Waldes überdrüssig wurde.

Aber der Frühling verging und es wurde Sommer und Rabe kam und kam nicht wieder.

„Geht es dir nicht gut?“, fragten seine Vettern.

Und „Fehlt dir was?“ und „Sollen wir deine Wohnhöhle neu einrichten?“ oder: „Bestimmt ist einer der Würfe auch von dir!“

Dieser Gedanke freute Dachs ein wenig, aber selbst wenn er half sich um die Jungtiere zu kümmern, konnte er doch nie ganz aufhören an Rabe zu denken, der irgendwo in der weiten, weiten Welt umherschwirrte. Er machte sich wohl Sorgen um den Freund, aber noch größer war die Trauer um all die Abenteuer, die sie nicht gemeinsam erleben konnten.

Als endlich die Blätter von den Bäumen zu fallen begannen und sein Clan schon die Vorräte für den Winter zusammen suchten, hielt Dachs es nicht mehr aus. Ohne ein Wort des Abschieds schlich er sich eines Morgens, die anderen waren eben schlafen gegangen, davon.

Er wusste nicht, wo er zu suchen beginnen sollte. Nächte um Nächte irrte er umher, schlief auf harter Erde und trockenem Moos und musste den Regen im Freien ertragen.

„Wäre ich nur daheim geblieben!“, dachte er einmal und ein zweites mal und so oft, dass er fast bereit war umzukehren.

Da sah er einen schwarzen Punkt in der Ferne, auf einem Grenzpfeiler hocken.

„Sieh an!“, sagte Rabe, als Dachs ihn erreicht hatte.

Dachs war sehr außer Atem.

„Wie weit sind wir von Zuhause entfernt?“, fragte er, als er wieder sprechen konnte.

Da lachte Rabe.

„Siehst du die Bäume dort hinten am Horizont?“, fragte er.

„Das ist unser Wald. Du bist drei Wochen im Kreis gelaufen.“

Dachs runzelte seine Stirn.

„Du hast mich beobachtet?“, fragte er schließlich.

„Sonst wäre dir noch was passiert! So grau wie du bist“, erwiderte Rabe.

Zu Dachs' großem Bedauern wollte ihm keine schlagfertige Antwort hierauf einfallen.

„Aber du wolltest doch weg? Wieso bist du dann hier?“

Rabe blinzelte ein paar mal. Er zupfte die Federn in seinem Kleid zurecht.

„Naja... es war. Es war irgendwie langweilig, ohne dich“, gab er zu, und verlagerte sein Gewicht von einer auf die andere Kralle.

„Aber du warst drei Monde fort!", entgegnete Dachs.

„Du hättest mich ja ausgelacht, wenn ich einfach so wieder gekommen wäre", gab Rabe hierauf zu.

Für eine Weile waren sie beide sehr still.

„Und jetzt?“, brach Rabe das Schweigen dann.

„Willst du zurück in den Wald?“

„Ich weiß nicht...“, Dachs scharrte ein wenig im Gras.

„Willst du immer noch fort?“

Rabe schüttelte sein Gefieder.

„Ich weiß nicht“, sagte er.

„Kommst du mit?“

„Gern.“

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