Held wider Willen
Jul. 4th, 2013 03:03 pmChallenge: Personen: Held wider Willen (für mich)
Fandom: Original
Anmerkung: Noch ein Nachruf. Man könnte meinen ich hätte das als Thema gewählt. Oder irgendwas zu verarbeiten. Ist beides nicht der Fall, es schreibt sich einfach irgendwie gut über verstorbene Figuren.
Wörter: 420
Sie haben wieder von ihr gesprochen. Es ist immer das Selbe, wenn ich den Raum betrete. Das selbe verhaltene Schweigen, die selben Blicke, mitleidig und schuldbewusst. Wenigstens das hat sich nicht geändert. Nur die Worte, die sie benutzen – die sie zu benutzen aufhören, sobald sie meiner Anwesenheit gewahr werden – die Worte sind andere, jetzt.
Wo früher gelästert und geschimpft wurde, in herablassendem Ton und mit viel Kopfschütteln und Zungenschnalzen und Augenverdrehen, ist jetzt Anerkennung, tiefe Bewunderung, Lobpreis.
Und genau so, wie es mich früher in Rage gebracht hat, wenn sie sich endlos an ihren Schwächen aufgehangen haben, treibt es mich jetzt zur Weißglut, wie sie sie zur Heldin stilisieren. Wenn sie alles, was sie in ihrem Leben getan hatte, all das über das sie sich früher aufgeregt haben, wenn sie es jetzt umdeuten, ummünzen, um ein einheitliches Bild zu schaffen.
Diese Schafe. Diese Idioten. Diese Schwarz-Weiß-Seher.
Wenn sie sie damals eine Egoistin genannt haben, hatten sie Recht. Wenn sie von ihr als Schlange und Opportunistin sprachen. Nur weil ich es nicht gerne ausgesprochen hören wollte, habe ich es ja doch gesehen. Wenn sie gesagt haben, dass sie ihre eigene Mutter verkaufen würde, um ihre Haut zu retten. Hätte sie. Vermutlich ohne einmal mit der Wimper zu zucken.
Abere es war dies nicht ihre einzige Eigenschaft. Auch – bei Weitem – nicht die einzig negative. Aber irgendwo, begraben unter tausend Charakterschwächen, hatte sie doch so etwas wie eine Moral. Nicht, dass diese Moral zuletzt der Grund gewesen wäre, dass sie so handelte wie sie handelte. Ich bin mir fast sicher, dass sie bis zuletzt nicht wusste, wessen Leben sie jetzt rettet – ihres oder die unseren. (Jedenfalls würde sie das mit eiskaltem Lächeln behaupten, wenn ich sie noch fragen könnte.)
Der entscheidende Punkt, der, den die Andern nicht akzeptieren wollen, ist doch, dass sie ein fürchterlicher Mensch war und trotzdem konnte man sie – konnte man mit ihr arbeiten, trotzdem stand sie für unsere Sache genauso ein wie all die vermeintlichen Gutmenschen um sie herum.
Sie war ein fürchterlicher Mensch und trotzdem ist sie diejenige, der wir zu verdanken haben noch am Leben zu sein.
Ich kann sie fast lachen hören, über mich. Wie ich früher nicht wollte, dass man schlecht von ihr spricht, weil ich dachte, wenn niemand mehr von ihr erwartet ein schlechter Mensch zu sein, erwartet sie es vielleicht irgendwann auch nicht mehr von sich. Und jetzt, wenn ich ihnen für ihre Elogen die Kehlen durchschneiden möchte, weil ich genau weiß, dass sie sich im Grab herum drehen würde, wenn nur genug von ihr übrig geblieben wäre, dass man ihr hätte ein Grab bescheren können.