[identity profile] http://users.livejournal.com/leni_/ posting in [community profile] 120_minuten


Team: Sirius
Challenge: Personen: Wolf im Schafspelz (für mich)
Fandom: Original
Anmerkung: Dinge, die man nicht über geliebte Verwandte erfahren will. Ungebetat.
Wörter: 800


Es ist seltsam, wenn man einmal von der Familie weg gezogen ist, weit weg und sie nur noch sieht, wenn es irgend einen Anlass gibt. Jedes alltäglich, banale Verhältnis, das man hatte, das man verzweifelt über Telefonate, Briefe oder Emails aufrecht erhalten will geht doch verloren. Weil jedes Treffen, jedes reale Treffen in Fleisch und Blut mit irgendwelchen Umständen verknüpft ist. Guten oder schlechten, es spielt überhaupt keine Rolle. Es sind immer Umstände, außergewöhnliche, die das Treffen außergewöhnlich und eine normale Begegnung unmöglich machen.

Mir jedenfalls geht es so.

T. würde behaupten, dass ich mich anstelle, dass ich einfach nicht in der Lage sei normale Begegnungen zuzulassen.

Das ist für die Geschichte vollkommen unwichtig.

Ich sitze im Zug, auf dem Weg in den Heimatort in den ich – gäbe es dort keine Familie - niemals im Leben mehr einen Fuß setzen wollte. Nicht weil er so scheußlich wäre. Sondern weil es nichts gibt, was ich dort haben oder machen oder sehen wollte.

Der Grund, der Anlass, der Umstand ist mein Großvater. Besser gesagt dessen Ableben.

Ableben – wer erfindet so ein Wort? Ein Wort, das an „siehe Deckelfalte“ oder „siehe Aufdruck Boden“ denken lässt. Ein Wort, das eigentlich ganz passend ist. Etwas, das im ersten Viertel des zwanzigsten Jahrhunderts hergestellt wurde kann doch kaum anders als ein Verfallsdatum irgendwann um die zweitausend herum zu tragen.

Übrigens ging es schnell, sagte meine Mutter am Telefon. Plötzlich. Vor ein paar Tagen sei er noch Fahrrad gefahren. Ich kann ihn fast vor mir sehen. Ein graues Männlein, die Tränensäcke machen die Augen runder als sie sind, lassen sie ein wenig traurig blicken, die Haare – die waren ihm bis zum Schluss geblieben – schauen als weißer Flaum unter seiner Mütze hervor, flattern ein wenig um seine vom Alter übergroßen Ohren herum.

Er hat mir das Fahrradfahren beigebracht. Das hatte ich vollkommen vergessen. Meine Mutter hatte immer zu viel Angst, als dass sie mich los lassen würde, einmal hatte sie es versucht. Aber in ihrer Sorge, in ihrem Zögern, verpasste sie den Moment, den richtigen Augenblick, um die Hände von mir und meinem Kinderfahrrad zu nehmen – ein blaues Fahrrad, das rosa gewesen und nur nach vielen Schreien und Tränen meinerseits von Opa umgespritz worden war. Meine Mutter hatte die Hände zu spät von mir genommen, das Gleichgewicht, das ich vielleicht gefunden hatte, gleich mit und ich war mit dem Kinn auf dem Asphalt gelandet. Als ich neun Jahre alt war hatte er mir ein Baumhaus gebaut. (Es war ein Krieg gewesen, meiner Mutter das beizubringen.)


Als sie mich am Bahnhof trifft, guckt sie mich an als sei sie sich nicht sicher, ob ich wirklich die Richtige bin, ob sie sich nicht vielleicht vertan und ihre Arme gerade einer Fremden um den Hals geschlungen hat.

„Hast du geweint?“, fragt sie, fast als würde sie sich freuen, wenn dem so gewesen wäre.

Die Beerdingung ist eine trostlose Veranstaltung, weil der einzige Mensch den ich hier wirklich mochte sich auf der falschen Seite des Acheron befindet. Oder wäre es der Styx?

Auf jeden Fall ist die Beerdigung, vom Gottesdienst bis zum Leichenschmaus (wieder so ein unmögliches Wort) eine ganz und gar nicht erzählenswerte Angelegenheit.

Danach die unausweichliche Frage – Bleibst du noch, oder fährst du wieder? Das Haus wird verkauft – meine Mutter hängt vielleicht an ihrem Heimatort, aber nicht an ihrer Brutstätte.

Hilfst du uns beim entrümpeln? Natürlich. Eher nicht. Lieber, ich weiß nicht –

Ich helfe. Räume mit meiner Mutter Schnapsgläser und bemalte Untertassen aus rustikalen Wandschränken. Mit denen habe ich früher gespielt! Das Telefonschränkchen im Flur war mein Labor, wo auf den weißen Häkeldeckchen (Geschenke der Nachabrin) mit Wasserfarbe eingefärbtes Wasser von Schnapsglas zu Schnapsglas geschüttet wurde.

Ich finde Bücher, die er mir vorgelesen hat, deren bloße Existenz lange aus meinem Gedächtnis verschwunden war.

Und dann finden wir, auf dem Dachboden, die Schachtel, und meine Mutter will sie direkt weg werfen, und ich möchte nicht, dass sie sie einfach weg wirft, weil ich Angst habe vor den Erinnerungen die mir nicht mehr einfallen, die sie einfach wegwerfen könnte und zum ersten Mal seit – ich weiß nicht wie lange, seit zehn Jahren? – streiten wir, schreien uns an. Es kommt zu einer Rangelei und plötzlich haben wir beide die Schachtel in den Händen und plötzlich haben wir sie beide nicht mehr und es scheppert und sie springt auf.

„Da!“, schreit meine Mutter.

„Siehst du, warum ich sie gleich wegwerfen wollte?“

Und sie kniet sich hin, und sammelt die Abzeichen vom Boden auf, hektisch, schmeißt sie in die Schachtel zurück und die Schachtel in den großen blauen Plastiksack neben der Treppe.

Und ich stehe noch da und weiß gar nicht – ob ich wütender auf sie bin, weil sie mir nie etwas erzählt hat, oder auf mich, weil ich nie gefragt habe.

Date: 2013-07-02 10:09 am (UTC)
From: [identity profile] nessaniel.livejournal.com
Woah!
Die Stimmung, die Perspektive, die verschiedenen Sichtweisen von Mutter und Tochter, die beide zur Geltung kommen, obwohl nur aus ihrer Perspektive erzählt wird... woah!
Ganz großes Kino! <3

Ich frage mich, ob sich das "Ich" damit arrangieren kann und wenn ja, wie.

Date: 2013-07-03 05:12 pm (UTC)
From: [identity profile] keksdiebin.livejournal.com
Au.... Autsch... Das Ende hat mich total umgehauen. Plötzlich kriegt man eine komplett andere Sicht auf die Mutter...

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