[identity profile] http://users.livejournal.com/leni_/ posting in [community profile] 120_minuten
Challenges: Emotionallly Compromised
Fandom: Original
Wörter: 1521
Anmerkung: Postapokalyptiche Bandenkriege, oder so - ich weiß auch nicht.



Es war eine Stunde nach Mitternacht, als Marie die Nachricht hörte. Scheppernde Stimmen durch heimlich verlötete Drähte. Es war ein Uhr und zeunundzwanzig Minuten, als sie den Hauptbahnhof erreichte, die alte Lagerhalle, das Dach, die lehren Rahmen, rostige Zahnlücken in vermoostem Mauerwerk – so ein Klischee. Noch während sie an ihrem Zielfenrohr herum zu drehen begann musste sie schmunzeln. Dann verschwand jeder Ausdruck aus ihrem Gesicht.

Die beiden Gestalten bewegten sich geschickt durch die Schatten der still vor sich in rostenden Züge, Anhänger, Kontainer, deren Fracht schon vor Jahren geplündert worden waren. Als ob sie jede noch intakte Lampe hier beim Vornamen kennen würden. Vielleicht taten sie das – es waren ja nicht mehr all zu viele Lichter übrig. Ohne Nachtsichtgerät wären sie völlig unsichtbar, würden ganz und gar mit Schotter und Rost verschmelzen.

Sie erkannte Justus sofort, im selben Augenblick da sie ihn erfasst hatte. Nicht an seiner Kleidung, die war so nichtssagend wie die der anderen Gestalt. Sie erkannte ihn an seinem Gang, der auch nicht außergewöhnlich, aber ihr doch so vertraut war wie der Klang seiner Stimme, der Geruch seines Rasierwasser, die nervös trommelnden Finger, wenn ihm etwas nicht schnell geung ging. Jetzt steckten seine Hände tief in seinen Jackentaschen – vielleicht, kam es Marie in den Sinn. Aber, nein, er würde niemals selbst eine Waffe mit sich führen.

Ihr Zielfernrohr wanderte zu der anderen Gestalt, ebenso groß wie Justus aber schmaler, in einen verwaschenen Parker gehüllt, die Kapuze tief ins Gesicht geozgen. Maries Auge verweilte auch hier nicht lange, zog weiter, verließ die beiden Gestalten, suchte die Dächer des Bahnhofs ab, die offenen Fenster, sogar den Funkturm, ein paar vergessene Strommasten, deren Kabel nutzlos im Wind baumelten, an Eisenstangen klapperten. Wie Skelette, die auf den eigenen Rippen Xylophon spielen.

Marie schüttelte ihren Kopf. Weiter suchen! Es konnte ja nicht so schwer sein – sie kannte ihre Kollegen, hatte oft genug mit ihnen zusammen gearbeitet, um zu wissen, wo sie sie finden – wo sie sie nicht finden würde. Aber sie konnte niemanden entecken – den roten Punkt auf der Kapuze des Parkers bemerkte sie nur zufällig, aus dem Augenwinkel sozusagen. Sie hatte keine Zeit nachzudenken. Selbst ein Wagonfenster im Visir – es war das erste, das ihr einfiel – tätigte sie den Abzug. Hörte, keine viertel Sekunde später, scheppernd das Glas zu Bruch gehen. Die Gestalt im Parker sprang erschrocken zur Seite, auch Justus erschrak, ebenso der Schütze, der andere Schütze – Marie wußte nicht, wer es war – sein Schuss ging an der Kapuze vorbei, verfehlte den Parker ganz, streifte in Justus' Arm. Ein zweiter Schuss, der wenig durchdachte Versuch den Parker aufzuhalten, der in nichts als dem kläglichen Quietschen eines Querschlägers endet.

Natürlich wird es nicht so dargestellt, am nächsten Morgen, vier Stunden und keine Minute Schlaf später, in Justus Büro. Marie hört sich geduldig an was alles geschehen sein soll, vergangene Nacht – dass die Anderen sich eben nicht an ihre Abmachung gehalten haben.

Es hätte eine friedliche Aussprache geben sollen, seinetwegen wären sie gerne zu einer Vereinbarung gekommen, er sei sogar bereit gewesen Zusprüche zu machen, erklärt Justus – aber nicht so. Seine Finger streichen über den Verband an seinem Arm. Wäre Fabian nicht da gewesen, um ihm Deckung zu geben, wer weiß, was sie mit ihm angestellt hätten. Marie sagt nichts. Bleibt die ganze weitere Verhandlung still, nickt nur hin und wieder, als würde sie es auch für die richtige, die einzig richtige Option halten, die Anderen – um es mit Justus' Worten zu sagen – auszuräuchern.

Im Treppenhaus, irgendwo zwischen einer aus den Angeln gehobenen Klotür und einem notdürftig mit Gaffa geflickten Treppengeländert, holt Fabian sie ein, hält sie fest. Er habe sie gesehen, gestern, am Bahnhof, flüstert er. Als sie ihre Sachen wieder zusammen gepackt habe.

„Hast du es ihm gesagt?“, flüstert sie zurück. Natürlich ist die Frage überflüssig, natürlich hat er das nicht – wenn doch, Marie würde ganz gewiss nicht mehr hier stehen. Trotzdem antwortet Fabian. Natürlich habe er Justus nichts gesagt – selbst wenn er gewollt hätte, und das habe er nicht, selbst wenn er gewollt hätte, hätte Justus ihm keine Gelegenheit dazu geboten.

„Du hättest ihn hören sollen.“

Inzwischen sind sie auf der Straße, grauer Morgen, Tag – inzwischen ist es Tag – ist es zehn oder elf Uhr, aber der Himmel bleibt düster, gräulich, grau, immer. Marie kann sich nicht erinnern ihn jemals anders gesehen zu haben. Sie läuft, ohne so richtig darauf zu achten, wo ihre Füße sie hin tragen – sie hatte das Schlimmste verhindern wollen, und nicht –

Dass Fabian ihr immer noch hinterher läuft merkt sie erst, als sie die eigene Wohnungstür aufschließt, sein Schatten das fragile Flackern der Wandleuchte verdeckt.

„Woher hast du gewusst, wo sie sich treffen?“, fragt er – kaum dass sie die Tür hinter ihm und sich selbst geschlossen, mit dem öffnen ihrer endlos hoch geschnürten Stiefel begonnen hat.

„Justus hat selbst mir den Ort nicht verraten, bis wir los sind.“

„Dafür war es aber kein sonderlich ausgefallener Ort“, erwidert sie, zeigt mit spitzen Fingern auf sein schlammverschmierten Schuhwerk und begibt sich, darauf hoffend, dass er diese Anweisung versteht, in die Küche. Sie setzt Wasser auf, betrachtet den kläglichen Rest Kaffeepulver auf dem Grund der Dose. Es gibt keinen traurigeren Anblick auf der Welt, als Kaffeebraun auf Messing. Egal was passiert – es gibt grausamere und schrecklichere, zerstörendere Anblicke. Aber es gibt nichts traurigeres als diese braunen Punkte auf diesem Messing, denkt Marie, und denkt, dass sie sich besser an diesem Gedanken festhalten sollte.

Einzig ihr Stolz und seine Höflichkeit verbieten es ihnen beiden, verbieten es ihr und Fabian, das Gesicht zu verziehen ob des faden Geschmacks. Zwei Schlücke kann er sich abverlangen – dann stellt er die Tasse zurück auf den Tisch, mustert Marie eingehend.

„Vertraust du mir nicht?“, fragt er schließlich.

„Warst du deshalb da?“

„Ich habe überhaupt nicht gewusst, dass er dich mitnehmen wird.“

Fabian zuckt mit den Schultern. Einerlei. Ob sie ihm, oder irgend einem andern von ihnen nicht vertrauen würde, sei doch Jacke wie Hose. Sie seien so etwas wie Familie – wenn sie da einander nicht vertrauen könnten, na wem denn dann?

„Du hättest auf sie geschossen“, erwidert Marie ruhig.

„Ich habe auf sie gezielt“, korrigiert Fabian. Das sei ein großer Unterschied. Geschossen habe sie. Auf eine Fensterscheibe – ob das gezielt gewesen wäre, das wolle er überhaupt nicht wissen. Außerdem habe er Befehle gehabt.

„Achso“, stellt Marie fest, zwingt sich noch einen Schluck von dem, was Kaffee sein sollte, zu nehmen.

„Dass er dir befohlen hat, jemanden grundlos zu erschießen, macht es irgendwie besser?“

Fabian schüttelt den Kopf, seufzt, fährt sich mit den Fingern durch die Locken, sieht für einen Augenblick so jung, so fürchterlich kindlich aus, dass Marie das dringende Verlangen nach einem Themenwechsel überkommt. Vollommener Unsinn, natürlich –

„Du vertraust mir nicht“, stellt er fest, klingt nahezu enttäuscht dabei.

„Glaubst du ehrlich, ich hätte geschossen?“

Darauf weiß Marie keine Antwort. Sie sieht ihn nur an, die Hände fest um ihre Tasse geschlossen. Ihre eigenen Sympathien für die anderen sind ihr genauso wie ihren Kollegen bekannt, dass sie besonders Vorsichtig, besonders Umsichtig, besonders genau war, wenn es daran ging zu prüfen ob eine Verfolgung rechtmäßig wäre. Man hatte ihr nie Ärger darum beschert, sie höchstens belächet. Aber dieses Lächeln, dieses Belächeln hatte sie glauben gemacht, hatte sie ehrlich und aufrichtig glauben gemacht, dass sie die einzige war, die mit kritischem Auge beobachtete, in welche Richtung Justus sich langsam aber sicher entwickelte.

„Hat er es dir nicht befohlen?“, fragt sie schließlich.

„Doch. Doch, natürlich hat er es mir befohlen“, erwidert Fabian, Eine leise Ungeduld schleicht sich in seine Stimme.

„Aber glaubst du wirklich --“, er hält inne, muss aufstehen, zwei Schritte hin und her gehen um sich zu beruhigen.

„Ich gebe zu“, sagt er „Ich mag die Andern nicht halb so gerne wie du. Um ehrlich zu sein mag ich sie überhaupt nicht.“

An ihrem Fenster bleibt er stehen, wirft einen flüchtigen, nichts sehenden Blick durch den Perlenvorhang hinaus, ehe er sich wieder Marie zuwendet.

„Aber das ändert nichts daran, dass es in letzter Zeit so ruhig in der Stadt war wie lange nicht mehr. So friedlich. Dass man fast hätte meinen können, sie würden anfangen unsere Gesetze zu verstehen.“

Marie nickt in ihre Tasse hinein, traut sich nicht mehr den Blick zu heben und noch so viel weniger, als er sie direkt anspircht, beim Namen nennt.

„Marie“, sagt er, „hälst du dich wirklich für so einzigart, so heilig – dass du mir, dass du uns – nicht zutraust, selbst zu sehen, was passiert? Dass Justus auf dem besten Weg ist den Verstand zu verlieren. Wenn er ihn nicht längst verloren hat. Seit sie seine Tochter --“, er stockt, stolpert über die Worte, weil er merkt, dass er sie noch nie gesagt, noch nie ausgesprochen hat, was vor einem halben Jahr passiert war. Dass er es auch jetzt nicht aussrepchen kann.

„Seit der Sache mit seiner Tochter... wartet er doch nur auf einen Grund, einen Startschuss -“

„- für seinen Krieg“, beendet Marie seinen Satz. Sie wollte doch nur das Schlimmste verhindern.

„Und den hab ich ihm gegeben.“


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