Heldinnen-Challenge
Apr. 29th, 2013 01:53 pmFandom: Original
Charaktere: Johanna*, Maria und Anton (das Weichei)
Titel: Johannas Heldin
Challenge: Heldinnen
Anmerkung: Hat mich die ganze Nacht wachgehalten, dieses doofe Plotbunny und ich weiß nicht mal genau, was ich damit sagen wollte, außer, dass ich in letzter Zeit viele Diskussionen mitbekommen habe, die sich darum drehten, dass nur schwertschwingende Xena-Weibsen richtige Heldinnen sind und irgendwie hatte ich darauf keinen Bock mehr. xD
Warnung: Uhm… ein paar Schimpfwörter und etwas Blut und die wahrscheinlich nicht ganz fachgerechte Versorgung von Wunden.
Johannas Heldin
„Oh nein, kommt nicht in Frage, ihr beschissenen selbstgerechten Arschlöcher! Nicht schon wieder!“
Sie stand in der Tür und sah genauso aus, wie ich es mir auf dem fürchterlich langen Weg hierher vorgestellt hatte: übernächtigt, mit fettigen Haaren und Pickeln im Gesicht. Sie trug ein dünnes, ärmelloses Nachthemd aus blassgelbem Stoff, das ihr bis knapp über den Arsch reichte und voller Kaffee- und Nudelsuppenflecken war.
„Baby, du hast noch nie geiler ausgesehen“, sagte ich und beobachtete, wie sie puterrot wurde.
Ich wusste, dass es unfair von mir war, aber der Pfeil, der in meiner Schulter steckte, war auch ziemlich unfair und schmerzhaft und deshalb schaltete ich meine Gewissensbisse mühelos aus.
„Maria, bitte“, sagte nun Anton, der mich hierher geschleppt hatte und mittlerweile ordentlich keuchte. „Sie braucht wirklich dringend Hilfe.“
„Wirklich“, fügte ich, wie ich fand, hilfreich hinzu. „Ich kotze dir sonst vor die Tür.“
„Ich hab’s euch tausend Mal gesagt, dass ihr mich mit eurem blöden Weltretterscheiß in Ruhe lassen sollt“, fluchte Maria, doch dann trat sie einen Schritt zurück und ließ uns ein. Ich versuchte mich an einem charmanten Lächeln, doch als ich merkte, wie mir der Sabber übers Kinn lief, ließ ich es bleiben.
„Leg sie aufs Sofa. Das ist eh saudreckig“, befahl Maria, während Anton und ich gemeinsam durch den winzigen Flur stolperten. Meine Beine fühlten sich mittlerweile bleischwer an. Kurz bevor wir das Wohnzimmer erreichten, verfingen sich meine Füße in einem Korb voller alten Gummigaloschen, ich ging halb zu Boden und streifte mit meiner blutigen Jacke die Raufasertapete.
Anton fluchte, packte mich fester um die Taille und zerrte mich vorwärts – ich konnte es ihm nicht übel nehmen, dass er mich endlich loswerden wollte, ich musste eine Tonne wiegen in meinen klatschnassen Sachen. Endlich erreichten wir das Sofa. Eine Katze – war das immer noch Adelheid? – fauchte, als Maria plötzlich das Licht anmachte und ich nasser Klops mich auf die durchgesessenen Polster fallen ließ. Meine Schulter pochte wie verrückt.
Anton blieb schwankend stehen und tropfte eine Weile auf den weißen Teppich, bis er wieder zu Atem kam. Er schaute mich an, doch ich war zu fertig, um mehr als ein halbherziges Grinsen zustande zu bringen.
„Kaspar ist immer noch im Turm“, sagte er dann und räusperte sich umständlich, als ihm klar wurde, dass ich meinen Hintern heute Nacht nirgends mehr hinschaffen würde. „Soll ich zu ihm? Oder brauchen Esther und Lenka meine Hilfe?“, fragte er mich dann erwartungsvoll, während ich weiterhin auf Marias hässliche Paisleymuster-Couch blutete.
Mein Team bestand nur aus Idioten, schoss es mir in diesem Moment durch den Kopf. Das war natürlich ein reichlich bösartiger Gedanke, doch meine Feinfühligkeit sickerte gerade in die Daunenpolster unter mir.
„Mein lieber Anton“, erwiderte ich dann so liebenswürdig, wie es nur ging. „Ich weiß nicht, ob du es mitbekommen hast, aber mir steckt ein Pfeil in der Schulter, du Arschloch. Mir ist es scheißegal, wo du heute Nacht hingehst, Hauptsache, du verwischst deine Spuren und bringst die Henker nicht auf die Fährte der Anderen.“
Anton klappte der Mund auf und er starrte mich an. Einen Moment lang sah es so aus, als würde er mir eine ebenso gepfefferte Antwort hinknallen wollen, doch dann drehte er sich auf dem Absatz um und marschierte wortlos aus dem Zimmer, vorbei an Maria, die sich auf die Unterlippe biss, wahrscheinlich, um nicht zu lachen.
Die Haustür fiel ins Schloss.
„Er war schon immer ein ziemliches Weichei“, sagte Maria nach ein paar Sekunden der Stille.
„Auch nicht schlimmer als du“, erwiderte ich, was mir einen giftigen Blick eintrug.
„Ersauf das nächste Mal doch einfach“, sagte sie mürrisch, dann kam sie näher und setzte sich neben mich aufs Sofa. Erst jetzt entdeckte ich die Verbände und Pflaster in ihren Händen.
„Kannst du deine Jacke ausziehen?“, fragte sie.
„Nein“, erklärte ich wahrheitsgemäß.
Maria stöhnte entnervt. Ihr war jetzt schon alles zu viel und ich nahm es ihr nicht übel. Ich war selbst schuld, wenn ich mich verwunden ließ und Maria hatte mehr als einmal klargemacht, dass sie mit uns nichts zu tun haben wollte.
Trotzdem kniete sie sich nun hinter mich, packte eine Wundschere und begann meine klatschnasse Jacke am Rücken aufzuschneiden und meinen schwarzen Pulli gleich dazu. Erst jetzt bemerkte ich, wie kalt mir war.
„Pass auf, dass du nicht meinen BH erwischst“, murmelte ich. „Wie soll ich mich denn sonst auf die Straße trauen?“
„Dann bekommst du eben einen von meinen“, sagte sie.
„Als ob ich in deine Melonenschwenker passen würde.“
Das war eine recht dreiste Antwort, doch als ich über meine Schulter nach hinten lugte, sah ich, dass sie lächelte.
Ich musste nun ebenfalls grinsen. Wir hatten seit über einem Jahr nicht mehr miteinander gesprochen, doch wir verstanden uns immer noch.
„Wenn du nicht so eine lahme Ente wärst, dann müsste ich dir jetzt keinen Pfeil aus der Schulter klauben“, sagte Maria, als sie endlich meine Schulter freigelegt hatte und nun damit begann, Schlamm und Flusswasser wegzuwaschen. „Ich hab dir tausend Mal gesagt, dass du zu fett für den Job bist.“
Das hatte sie tatsächlich. Sie hatte auch gesagt, ich sei zu klein, zu lahm, zu groß, zu doof, zu klug, zu phlegmatisch, zu fatalistisch und zu faul, um mein Leben für das Wohl der Allgemeinheit zu riskieren.
Ich hatte nicht auf sie gehört und Maria hatte das akzeptiert. Zumindest insofern, als dass sie mich nicht mehr umzustimmen versuchte, doch helfen wollte sie uns auch nicht.
„Du kannst zu mir kommen, wann immer du willst, aber nur, wenn du dich entschieden hast, diesen ganzen Scheiß sein zu lassen und hundert Kinder kriegen willst“, hatte sie am letzten Abend zu mir gesagt, verzweifelt und ängstlich, aber hundertprozentig von ihrem Tun überzeugt.
Mir blieb nichts anderes übrig, als ihre Meinung zu akzeptieren, doch weil es für mich nichts anderes mehr gab als „diesen ganzen Scheiß“ (und schon gar keine hundert Kinder), hatte ich mich seit über einem Jahr nicht mehr bei ihr gemeldet.
Und natürlich, weil ich verdammt sauer auf sie und enttäuscht war, aber das war vorbei.
Selbstverständlich hatte sich Maria damit nicht sonderlich beliebt gemacht, einige aus der Gruppe hielten sie sogar für eine Verräterin, doch nachdem ich meine kindische Schmollerei endlich überwunden hatte, hatte ich ein ernstes Wörtchen mit allen gesprochen (und Lenka eine saftige Ohrfeige verpasst) und seitdem wurde das Thema Maria nie mehr erwähnt.
„Das wird jetzt wehtun“, hörte ich sie plötzlich sagen. „Der Pfeil hat den Knochen nicht verletzt, aber ich bin mir nicht ganz sicher. Raus muss er trotzdem.“
Erst jetzt fiel mir eine ziemlich offensichtliche Sache auf.
„Woher weißt du, wie das geht?“, fragte ich und biss die Zähne zusammen, als Maria den Schaft des Pfeils umfasste.
„Weiß ich nicht“, antwortete sie, dann zog sie und mir wurde kurzzeitig schwarz vor Augen. Ich fiel nach vorne und krachte mit dem Kiefer auf die unbequeme Armlehne des winzigen Sofas.
Was für ein beschissener Tag.
Ich blinzelte ein paar Mal, während Maria laut fluchte und den Pfeil zur Seite warf, der klackernd auf dem Wohnzimmertisch landete.
Statt ihr zuzuhören konzentrierte ich mich darauf, die weißen Pünktchen vor meinen Augen zu vertreiben und nicht in Ohnmacht zu fallen, während meine Schulter sich anfühlte, als würde sie jeden Moment abfallen wollen, wofür ich mehr als dankbar gewesen wäre.
Langsam wurde mein Blickfeld wieder schärfer, doch weil Maria damit begonnen hatte, meinen Arm mit Verbandszeug zu umwickeln, blieb ich weiterhin auf der Kante liegen und betrachtete das deckenhohe, weinrote Regal an der gegenüberliegenden Wand, das ich noch von früher kannte.
Es enthielt Marias ganzen Stolz, nämlich ihre Buch- und DVD-Sammlung, eine völlig irre Mischung aus Kitschromanen und CSI-Staffeln sowie Dokumentationen über Rehe und Picasso, dazwischen Bücher von Dan Brown und die Narnia-Bände, die ich ihr zum Geburtstag geschenkt hatte, und eine Sammelbox von Battlestar Galactica und tausend weitere, total blöde, alltägliche Dinge, die alle zu Marias doofem, kleinen Leben gehörten, und bei Gott, ich vermisste es so, so sehr.
„So, fertig“, murmelte Maria plötzlich und ich zuckte zusammen, was meiner Schulter nicht gut tat, doch ich wollte nicht darüber nachdenken.
Vorsichtig richtete ich mich auf und war froh, das blöde Regal nicht mehr anschauen zu müssen.
„Danke“, sagte ich dann lahm und merkte plötzlich, wie wahnsinnig müde ich war.
Maria nickte. „Kein Problem.“ Sie stand auf und sammelte die Gaze-Streifen, die Schere und den blutgetränkten Pfeil ein, doch dann legte sie sie bloß auf den Boden, setzte sich wieder und warf die Beine auf ihren Couchtisch.
„Ich helfe dir gleich beim Waschen, du stinkst nämlich zum Gotterbarmen, doch meine Beine zittern im Moment zu sehr und ich will nicht auf die Fresse fallen“, sagte sie dann hastig.
Überrascht sah ich sie an und tatsächlich, sie schien zu bibbern und ihre Zähne klapperten, sobald sie den Mund schloss.
Ich kam mir vor wie ein Idiot.
„Tut mir Leid“, sagte ich zerknirscht und tätschelte ihren Arm.
Maria grinste – ein wenig manisch, wie ich fand.
„Was genau?“, fragte sie
Ich wollte die Schultern zucken, verlegte mich dann jedoch nur auf ein vages Kopfschütteln.
„Nun ja… da meldet sich die ehemals beste Freundin ein Jahr lang nicht, aus weiß Gott was für Gründen und dann steht sie blutend und stinkend wieder vor der Tür und du musst ihr auch noch einen Pfeil aus dem Fleisch ziehen. Ich muss sagen, dafür hältst du dich ganz gut“, erklärte ich und die Anerkennung, die in meiner Stimme mitschwang, war völlig ernst gemeint.
Maria starrte mich einen Moment lang gedankenverloren an, ehe sie anfing zu lächeln. Sie zitterte schon bedeutend weniger.
„Was heißt hier ehemals, du doofe Kuh?“, erwiderte sie und wenn meine verdammte Schulter nicht wie Feuer gebrannt hätte, dann hätte ich Maria in die am längsten dauernde Umarmung seit Menschengedenken geschlossen.
Stattdessen fing ich an zu heulen, woraufhin Maria mich auslachte und erst nach einer ganzen Weile konnte ich mich wieder beruhigen.
„Willst du denn gar nicht wissen, was passiert ist?“, fragte ich schließlich und wischte mir das Gesicht an einem Sofakissen ab.
Maria lächelte. „In hundert Jahren nicht“, sagte sie und ich musste zugeben, dass mich ihre Antwort härter traf als erwartet. Maria musste das bemerkt haben, denn sie fügte rasch hinzu: „Aber das heißt nicht, dass ich nicht froh bin, dass du noch am Leben bist.“
Ich schwieg und wandte meinen Kopf, um erneut einen Blick auf das Regal an der Wand zu werfen.
„Und du willst wirklich nicht?“, fragte ich, obwohl ich ihr und mir geschworen hatte, das nie wieder zu tun. Ich sah sie an.
Maria zögerte, doch ich kannte ihre Antwort.
„Nein“, sagte sie schließlich, doch ihre Augen flackerten ganz kurz zu dem Pfeil auf dem Teppich und ich wusste plötzlich, dass sie die gleiche Sehnsucht spürte, wie ich sie ein paar Minuten zuvor beim Anblick ihres Regals gefühlt hatte.
Sie vermisste mich. Mich, und all den blöden Weltretterscheiß, mit dem ich meine Zeit verbrachte. Ich grinste, auch wenn das wahrscheinlich sehr unpassend war, doch mir war mit einem Mal so viel leichter ums Herz, als hätte ich endlich ein schweres Gewicht abgelegt.
Es war schön, vermisst zu werden. Zu wissen, dass da jemand war, in einer kleinen vollgestopften Wohnung, der sich Sorgen um einen machte.
„Ich hab dich lieb“, sagte ich schließlich leise, woraufhin Maria mir einen verblüfften Blick zuwarf.
„Du hast doch mehr Blut verloren, als ich dachte“, sagte sie, doch ihre Wangen waren rot und in ihren Augen schimmerte es verdächtig.
Ein Jahr war viel zu lang gewesen.
Mit einem Satz sprang Maria auf und streckte mir die Hand hin. „Komm schon. Wir gehen dich jetzt waschen, so stinkend kommst du nicht in mein Bett.“
Ich lachte. „Ich komme immer in dein Bett.“
„Ach, halt doch die Klappe, du große Kämpferin für alles Gute und Lichte oder wie auch immer das heißt.“
Wie sie so vor mir stand, mit blutverkrusteten Fingerkuppen und einem breiten, liebevollen Grinsen auf dem Gesicht wurde mir plötzlich klar, warum ich mich seit einem Jahr gegen alle Monster dieser Welt stellte und sie an ihrem Treiben hinderte, so gut ich konnte.
Auch wenn sie es nie zu schätzen wissen würde, so war sie doch der einzige Grund und mein Antrieb für alles, was ich tat.
Meine Heldin im Schlafanzug.
--------
* Johanna ist die Wiedergeburt der Jungfrau von Orléans und kämpft gegen einen geheimen Bund von Verschwörern, die die Welt ins Chaos stürzen will, um eine neue Ordnung nach ihren Vorstellungen zu erschaffen. Johannas Gehilfen, Kaspar, Anton, Lenka und Esther sind halbseidene Unterwelttypen, die viel stärker an die Sache mit der Wiedergeburt glauben, als Johanna und ihr ständig mit einer Prophezeiung auf die Nerven gehen, von der sie nichts hören will, hauptsächlich, weil darin ihr grausamer Feuertod beschrieben wird, den sie unbedingt vermeiden möchte.
Charaktere: Johanna*, Maria und Anton (das Weichei)
Titel: Johannas Heldin
Challenge: Heldinnen
Anmerkung: Hat mich die ganze Nacht wachgehalten, dieses doofe Plotbunny und ich weiß nicht mal genau, was ich damit sagen wollte, außer, dass ich in letzter Zeit viele Diskussionen mitbekommen habe, die sich darum drehten, dass nur schwertschwingende Xena-Weibsen richtige Heldinnen sind und irgendwie hatte ich darauf keinen Bock mehr. xD
Warnung: Uhm… ein paar Schimpfwörter und etwas Blut und die wahrscheinlich nicht ganz fachgerechte Versorgung von Wunden.
Johannas Heldin
„Oh nein, kommt nicht in Frage, ihr beschissenen selbstgerechten Arschlöcher! Nicht schon wieder!“
Sie stand in der Tür und sah genauso aus, wie ich es mir auf dem fürchterlich langen Weg hierher vorgestellt hatte: übernächtigt, mit fettigen Haaren und Pickeln im Gesicht. Sie trug ein dünnes, ärmelloses Nachthemd aus blassgelbem Stoff, das ihr bis knapp über den Arsch reichte und voller Kaffee- und Nudelsuppenflecken war.
„Baby, du hast noch nie geiler ausgesehen“, sagte ich und beobachtete, wie sie puterrot wurde.
Ich wusste, dass es unfair von mir war, aber der Pfeil, der in meiner Schulter steckte, war auch ziemlich unfair und schmerzhaft und deshalb schaltete ich meine Gewissensbisse mühelos aus.
„Maria, bitte“, sagte nun Anton, der mich hierher geschleppt hatte und mittlerweile ordentlich keuchte. „Sie braucht wirklich dringend Hilfe.“
„Wirklich“, fügte ich, wie ich fand, hilfreich hinzu. „Ich kotze dir sonst vor die Tür.“
„Ich hab’s euch tausend Mal gesagt, dass ihr mich mit eurem blöden Weltretterscheiß in Ruhe lassen sollt“, fluchte Maria, doch dann trat sie einen Schritt zurück und ließ uns ein. Ich versuchte mich an einem charmanten Lächeln, doch als ich merkte, wie mir der Sabber übers Kinn lief, ließ ich es bleiben.
„Leg sie aufs Sofa. Das ist eh saudreckig“, befahl Maria, während Anton und ich gemeinsam durch den winzigen Flur stolperten. Meine Beine fühlten sich mittlerweile bleischwer an. Kurz bevor wir das Wohnzimmer erreichten, verfingen sich meine Füße in einem Korb voller alten Gummigaloschen, ich ging halb zu Boden und streifte mit meiner blutigen Jacke die Raufasertapete.
Anton fluchte, packte mich fester um die Taille und zerrte mich vorwärts – ich konnte es ihm nicht übel nehmen, dass er mich endlich loswerden wollte, ich musste eine Tonne wiegen in meinen klatschnassen Sachen. Endlich erreichten wir das Sofa. Eine Katze – war das immer noch Adelheid? – fauchte, als Maria plötzlich das Licht anmachte und ich nasser Klops mich auf die durchgesessenen Polster fallen ließ. Meine Schulter pochte wie verrückt.
Anton blieb schwankend stehen und tropfte eine Weile auf den weißen Teppich, bis er wieder zu Atem kam. Er schaute mich an, doch ich war zu fertig, um mehr als ein halbherziges Grinsen zustande zu bringen.
„Kaspar ist immer noch im Turm“, sagte er dann und räusperte sich umständlich, als ihm klar wurde, dass ich meinen Hintern heute Nacht nirgends mehr hinschaffen würde. „Soll ich zu ihm? Oder brauchen Esther und Lenka meine Hilfe?“, fragte er mich dann erwartungsvoll, während ich weiterhin auf Marias hässliche Paisleymuster-Couch blutete.
Mein Team bestand nur aus Idioten, schoss es mir in diesem Moment durch den Kopf. Das war natürlich ein reichlich bösartiger Gedanke, doch meine Feinfühligkeit sickerte gerade in die Daunenpolster unter mir.
„Mein lieber Anton“, erwiderte ich dann so liebenswürdig, wie es nur ging. „Ich weiß nicht, ob du es mitbekommen hast, aber mir steckt ein Pfeil in der Schulter, du Arschloch. Mir ist es scheißegal, wo du heute Nacht hingehst, Hauptsache, du verwischst deine Spuren und bringst die Henker nicht auf die Fährte der Anderen.“
Anton klappte der Mund auf und er starrte mich an. Einen Moment lang sah es so aus, als würde er mir eine ebenso gepfefferte Antwort hinknallen wollen, doch dann drehte er sich auf dem Absatz um und marschierte wortlos aus dem Zimmer, vorbei an Maria, die sich auf die Unterlippe biss, wahrscheinlich, um nicht zu lachen.
Die Haustür fiel ins Schloss.
„Er war schon immer ein ziemliches Weichei“, sagte Maria nach ein paar Sekunden der Stille.
„Auch nicht schlimmer als du“, erwiderte ich, was mir einen giftigen Blick eintrug.
„Ersauf das nächste Mal doch einfach“, sagte sie mürrisch, dann kam sie näher und setzte sich neben mich aufs Sofa. Erst jetzt entdeckte ich die Verbände und Pflaster in ihren Händen.
„Kannst du deine Jacke ausziehen?“, fragte sie.
„Nein“, erklärte ich wahrheitsgemäß.
Maria stöhnte entnervt. Ihr war jetzt schon alles zu viel und ich nahm es ihr nicht übel. Ich war selbst schuld, wenn ich mich verwunden ließ und Maria hatte mehr als einmal klargemacht, dass sie mit uns nichts zu tun haben wollte.
Trotzdem kniete sie sich nun hinter mich, packte eine Wundschere und begann meine klatschnasse Jacke am Rücken aufzuschneiden und meinen schwarzen Pulli gleich dazu. Erst jetzt bemerkte ich, wie kalt mir war.
„Pass auf, dass du nicht meinen BH erwischst“, murmelte ich. „Wie soll ich mich denn sonst auf die Straße trauen?“
„Dann bekommst du eben einen von meinen“, sagte sie.
„Als ob ich in deine Melonenschwenker passen würde.“
Das war eine recht dreiste Antwort, doch als ich über meine Schulter nach hinten lugte, sah ich, dass sie lächelte.
Ich musste nun ebenfalls grinsen. Wir hatten seit über einem Jahr nicht mehr miteinander gesprochen, doch wir verstanden uns immer noch.
„Wenn du nicht so eine lahme Ente wärst, dann müsste ich dir jetzt keinen Pfeil aus der Schulter klauben“, sagte Maria, als sie endlich meine Schulter freigelegt hatte und nun damit begann, Schlamm und Flusswasser wegzuwaschen. „Ich hab dir tausend Mal gesagt, dass du zu fett für den Job bist.“
Das hatte sie tatsächlich. Sie hatte auch gesagt, ich sei zu klein, zu lahm, zu groß, zu doof, zu klug, zu phlegmatisch, zu fatalistisch und zu faul, um mein Leben für das Wohl der Allgemeinheit zu riskieren.
Ich hatte nicht auf sie gehört und Maria hatte das akzeptiert. Zumindest insofern, als dass sie mich nicht mehr umzustimmen versuchte, doch helfen wollte sie uns auch nicht.
„Du kannst zu mir kommen, wann immer du willst, aber nur, wenn du dich entschieden hast, diesen ganzen Scheiß sein zu lassen und hundert Kinder kriegen willst“, hatte sie am letzten Abend zu mir gesagt, verzweifelt und ängstlich, aber hundertprozentig von ihrem Tun überzeugt.
Mir blieb nichts anderes übrig, als ihre Meinung zu akzeptieren, doch weil es für mich nichts anderes mehr gab als „diesen ganzen Scheiß“ (und schon gar keine hundert Kinder), hatte ich mich seit über einem Jahr nicht mehr bei ihr gemeldet.
Und natürlich, weil ich verdammt sauer auf sie und enttäuscht war, aber das war vorbei.
Selbstverständlich hatte sich Maria damit nicht sonderlich beliebt gemacht, einige aus der Gruppe hielten sie sogar für eine Verräterin, doch nachdem ich meine kindische Schmollerei endlich überwunden hatte, hatte ich ein ernstes Wörtchen mit allen gesprochen (und Lenka eine saftige Ohrfeige verpasst) und seitdem wurde das Thema Maria nie mehr erwähnt.
„Das wird jetzt wehtun“, hörte ich sie plötzlich sagen. „Der Pfeil hat den Knochen nicht verletzt, aber ich bin mir nicht ganz sicher. Raus muss er trotzdem.“
Erst jetzt fiel mir eine ziemlich offensichtliche Sache auf.
„Woher weißt du, wie das geht?“, fragte ich und biss die Zähne zusammen, als Maria den Schaft des Pfeils umfasste.
„Weiß ich nicht“, antwortete sie, dann zog sie und mir wurde kurzzeitig schwarz vor Augen. Ich fiel nach vorne und krachte mit dem Kiefer auf die unbequeme Armlehne des winzigen Sofas.
Was für ein beschissener Tag.
Ich blinzelte ein paar Mal, während Maria laut fluchte und den Pfeil zur Seite warf, der klackernd auf dem Wohnzimmertisch landete.
Statt ihr zuzuhören konzentrierte ich mich darauf, die weißen Pünktchen vor meinen Augen zu vertreiben und nicht in Ohnmacht zu fallen, während meine Schulter sich anfühlte, als würde sie jeden Moment abfallen wollen, wofür ich mehr als dankbar gewesen wäre.
Langsam wurde mein Blickfeld wieder schärfer, doch weil Maria damit begonnen hatte, meinen Arm mit Verbandszeug zu umwickeln, blieb ich weiterhin auf der Kante liegen und betrachtete das deckenhohe, weinrote Regal an der gegenüberliegenden Wand, das ich noch von früher kannte.
Es enthielt Marias ganzen Stolz, nämlich ihre Buch- und DVD-Sammlung, eine völlig irre Mischung aus Kitschromanen und CSI-Staffeln sowie Dokumentationen über Rehe und Picasso, dazwischen Bücher von Dan Brown und die Narnia-Bände, die ich ihr zum Geburtstag geschenkt hatte, und eine Sammelbox von Battlestar Galactica und tausend weitere, total blöde, alltägliche Dinge, die alle zu Marias doofem, kleinen Leben gehörten, und bei Gott, ich vermisste es so, so sehr.
„So, fertig“, murmelte Maria plötzlich und ich zuckte zusammen, was meiner Schulter nicht gut tat, doch ich wollte nicht darüber nachdenken.
Vorsichtig richtete ich mich auf und war froh, das blöde Regal nicht mehr anschauen zu müssen.
„Danke“, sagte ich dann lahm und merkte plötzlich, wie wahnsinnig müde ich war.
Maria nickte. „Kein Problem.“ Sie stand auf und sammelte die Gaze-Streifen, die Schere und den blutgetränkten Pfeil ein, doch dann legte sie sie bloß auf den Boden, setzte sich wieder und warf die Beine auf ihren Couchtisch.
„Ich helfe dir gleich beim Waschen, du stinkst nämlich zum Gotterbarmen, doch meine Beine zittern im Moment zu sehr und ich will nicht auf die Fresse fallen“, sagte sie dann hastig.
Überrascht sah ich sie an und tatsächlich, sie schien zu bibbern und ihre Zähne klapperten, sobald sie den Mund schloss.
Ich kam mir vor wie ein Idiot.
„Tut mir Leid“, sagte ich zerknirscht und tätschelte ihren Arm.
Maria grinste – ein wenig manisch, wie ich fand.
„Was genau?“, fragte sie
Ich wollte die Schultern zucken, verlegte mich dann jedoch nur auf ein vages Kopfschütteln.
„Nun ja… da meldet sich die ehemals beste Freundin ein Jahr lang nicht, aus weiß Gott was für Gründen und dann steht sie blutend und stinkend wieder vor der Tür und du musst ihr auch noch einen Pfeil aus dem Fleisch ziehen. Ich muss sagen, dafür hältst du dich ganz gut“, erklärte ich und die Anerkennung, die in meiner Stimme mitschwang, war völlig ernst gemeint.
Maria starrte mich einen Moment lang gedankenverloren an, ehe sie anfing zu lächeln. Sie zitterte schon bedeutend weniger.
„Was heißt hier ehemals, du doofe Kuh?“, erwiderte sie und wenn meine verdammte Schulter nicht wie Feuer gebrannt hätte, dann hätte ich Maria in die am längsten dauernde Umarmung seit Menschengedenken geschlossen.
Stattdessen fing ich an zu heulen, woraufhin Maria mich auslachte und erst nach einer ganzen Weile konnte ich mich wieder beruhigen.
„Willst du denn gar nicht wissen, was passiert ist?“, fragte ich schließlich und wischte mir das Gesicht an einem Sofakissen ab.
Maria lächelte. „In hundert Jahren nicht“, sagte sie und ich musste zugeben, dass mich ihre Antwort härter traf als erwartet. Maria musste das bemerkt haben, denn sie fügte rasch hinzu: „Aber das heißt nicht, dass ich nicht froh bin, dass du noch am Leben bist.“
Ich schwieg und wandte meinen Kopf, um erneut einen Blick auf das Regal an der Wand zu werfen.
„Und du willst wirklich nicht?“, fragte ich, obwohl ich ihr und mir geschworen hatte, das nie wieder zu tun. Ich sah sie an.
Maria zögerte, doch ich kannte ihre Antwort.
„Nein“, sagte sie schließlich, doch ihre Augen flackerten ganz kurz zu dem Pfeil auf dem Teppich und ich wusste plötzlich, dass sie die gleiche Sehnsucht spürte, wie ich sie ein paar Minuten zuvor beim Anblick ihres Regals gefühlt hatte.
Sie vermisste mich. Mich, und all den blöden Weltretterscheiß, mit dem ich meine Zeit verbrachte. Ich grinste, auch wenn das wahrscheinlich sehr unpassend war, doch mir war mit einem Mal so viel leichter ums Herz, als hätte ich endlich ein schweres Gewicht abgelegt.
Es war schön, vermisst zu werden. Zu wissen, dass da jemand war, in einer kleinen vollgestopften Wohnung, der sich Sorgen um einen machte.
„Ich hab dich lieb“, sagte ich schließlich leise, woraufhin Maria mir einen verblüfften Blick zuwarf.
„Du hast doch mehr Blut verloren, als ich dachte“, sagte sie, doch ihre Wangen waren rot und in ihren Augen schimmerte es verdächtig.
Ein Jahr war viel zu lang gewesen.
Mit einem Satz sprang Maria auf und streckte mir die Hand hin. „Komm schon. Wir gehen dich jetzt waschen, so stinkend kommst du nicht in mein Bett.“
Ich lachte. „Ich komme immer in dein Bett.“
„Ach, halt doch die Klappe, du große Kämpferin für alles Gute und Lichte oder wie auch immer das heißt.“
Wie sie so vor mir stand, mit blutverkrusteten Fingerkuppen und einem breiten, liebevollen Grinsen auf dem Gesicht wurde mir plötzlich klar, warum ich mich seit einem Jahr gegen alle Monster dieser Welt stellte und sie an ihrem Treiben hinderte, so gut ich konnte.
Auch wenn sie es nie zu schätzen wissen würde, so war sie doch der einzige Grund und mein Antrieb für alles, was ich tat.
Meine Heldin im Schlafanzug.
--------
* Johanna ist die Wiedergeburt der Jungfrau von Orléans und kämpft gegen einen geheimen Bund von Verschwörern, die die Welt ins Chaos stürzen will, um eine neue Ordnung nach ihren Vorstellungen zu erschaffen. Johannas Gehilfen, Kaspar, Anton, Lenka und Esther sind halbseidene Unterwelttypen, die viel stärker an die Sache mit der Wiedergeburt glauben, als Johanna und ihr ständig mit einer Prophezeiung auf die Nerven gehen, von der sie nichts hören will, hauptsächlich, weil darin ihr grausamer Feuertod beschrieben wird, den sie unbedingt vermeiden möchte.
no subject
Date: 2013-04-29 10:25 pm (UTC)So eine selbstgefällige, liebenswerte Kackbratze Nicht wahr! Schön, dass sie so rübergekommen ist, genau so wollte ich sie auch haben. Ich mag es, wenn die Helden sich nicht ganz so ernst nehmen. =333
WO IST DER GANZE ROMAN?!
AHH OMG DIESES KOMPLIMENT, DANKE Q_Q
Ich hoffe, sobald die nächste geeignete Challenge um die Ecke kommt, die Dame wieder verbraten zu können (no pun intended).
Anton hat auch noch ne Entschuldigung verdient. Oder zumindest einen Tritt vors Schienbein XD
no subject
Date: 2013-05-03 04:01 pm (UTC)no subject
Date: 2013-05-03 05:13 pm (UTC)Ich hoffe, dass ich Johanna und Maria noch ein bisschen weiter verfolgen kann (oder Esther und Lenka und Kaspar und Anton, den unausstehlichen Idioten <3), aber da vertrau ich ganz auf unsere tolle Community und ihre wundervollen Challenges ^^
no subject
Date: 2013-05-04 08:59 pm (UTC)Gott, sie sind so wundertoll miteinander und für aich genommen und ich liebe, dass sie sich irgendwie nach dem Leben der anderen sehnen obwohl sie genau wissen, dass sie für sich die rixhtige Entscheidung getroffwn haben.
...Ernhaft, diese Geschichte gefällt mir so gut, dass ich diesen Kommentar unter Einsatz meiner geistigen Gesundheit und der Unversehrtheit meiner Finger auf dem Handy schreibe. So guuuut!
no subject
Date: 2013-05-04 09:37 pm (UTC)Ach, die zwei. <3
no subject
Date: 2013-05-06 12:09 pm (UTC)no subject
Date: 2013-05-06 10:21 am (UTC)no subject
Date: 2013-05-06 12:22 pm (UTC)*wirft alle Sachen, die mit Uni und Zukunft und Geldverdienen zu tun haben, weit von sich und stürzt sich aufs Schreiben*
Ach, wenn es doch nur so ginge xD