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Fandom: Arashi
Challenge: „Ich bin nicht sarkastisch, ich bin starr vor Angst“ + Tabuthema
Personen: Ninomiya Kazunari, Aiba Masaki
Genre: Gen bis leichter Slash?
Wörter: 1.780
Summary: Während des Drehs auf See bricht ein Sturm los. Vielleicht stirbt Nino bald. Vielleicht macht er sich umsonst Sorgen. Auf jeden Fall muss Aiba ihn aber retten.
Kommentar: Bin eigentlich für Fantasy nicht wirklich zu haben, aber Elementbeherrscher haben mich schon immer unglaublich fasziniert. (Es gibt eigentlich keinen plausiblen Grund, weshalb ich Avatar immer noch nicht vollständig gesehen habe, verdammt!). Eine FF, in der Aiba ein Airbender (in Ermangelung eines anderen „Fachausdrucks“ nenne ich es jetzt einfach mal so) ist, wollte ich schon länger mal schreiben, aber irgendwie ist da immer die Angst, ins Lächerliche abzurutschen. Sucht den Sinn nicht. Es hat keinen.
Achso, zur Erläuterung: „Arashi“ ist das japanische Wort für „Sturm“


„Ich bring euch alle um! Von meinem nassen Grab aus!“

Die Knöchel an Ninos Händen waren weiß wie der Tod selbst. Das Boot schwankte für den Bruchteil einer Sekunde weniger stark – nur um sich anschließend an der nächsten Welle aufzubäumen. Nino krallte sich noch fester an die Stange an der Reling (für dieses Teil gab es garantiert auch einen bescheuerten nautischen Begriff).
„Ninomiya ist wieder sarkastisch“, lachte der Kameramann nebenan und nippte an seinem Kaffee.

„Ich bin nicht sarkastisch, ich bin starr vor Angst!“, keifte Nino ihn an.

Auf hoher See drehen. In einem historisch korrekt nachgebauten japanischen Schiff. Boot. Nusschale. Inklusive dieser riesigen klaffenden Öffnung am Heck, welche damals beim Bau stets angeordnet worden war, weil man nicht gewollt hatte, dass die Schiffe zu seetüchtig sein und Menschen damit ausreißen würden. Historisch höchst interessant – weniger aber auf hoher See in einem herannahenden Sturm, wenn man seekrank war.

Er hätte diesem Dreh niemals zustimmen sollen.

In einem Moment, in dem es sich nicht anfühlte, als wollten seine gesamten Gedärme durch den Mund ans Licht dieser Welt, suchte Nino das Boot mit den Augen nach Aiba ab. Er fand ihn am Bug, der See entgegenlachend. Jede Welle schwappte ihm einen Schwall Wasser ins Gesicht. Der Idiot war hellauf begeistert.

„In fünf Minuten ist Drehbeginn“, rief irgendwer aus dem Getöse des Windes.
„Die Tontechnik hat noch einige Schwierigkeiten.“
Nino drehte sich den beiden Männern von Fuji TV zu. In ihren silbernen und grauen Windjacken sahen sie aus wie gelandete, unbeholfene Haie. Sie fummelten an ihren Mikros herum, deren Windschutzpuschel (wie nannte man das wirklich?) im Sturm flatterten wie eigenständige Lebewesen.

Okay. Er war ein Profi. Er hatte schon ganz andere Dinge getan. Das hier würde er auch noch überstehen.

Das war der Moment, in dem Nino dem Zwang seines Körpers nachgab und über die Reling zu kotzen begann als gäbe es kein Morgen.




Vielleicht gestaltete sich das alles doch weniger einfach als er gedacht hatte. Dass dieses Abenteuer hier eine ganz andere Qualität hatte als andere Drehs für die Show, begann Nino zu ahnen als er spürte, dass sein Bewusstsein für einige Augenblicke verschwommen war. Oder Minuten? Oder womöglich eine halbe Stunde?
An seinem Gesicht rann das Meerwasser in Strömen herunter als er wieder wirklich zu sich kam. Auf seinem Rücken rieb eine beruhigende Hand. Aiba.

„Mach dir keine Sorgen, dir wird nichts passieren. Okay?“

Klugscheißer. Nino wollte ihm eine Sekunde lang ernsthaft irgendetwas brechen.

Als er hochsah, waren da die schwarzen Wolken.
Brüllend lärmten ihm die Wellen entgegen. Das Boot stieg und fiel, schlingerte in der See, drehte sich um sich selbst.
Nino hatte keine Ahnung von der Seefahrerei und war nun wirklich kein von Wasser begeisterter Mensch, doch seine rationale Seite schrie ihm entgegen, dass dieser Anblick nicht gut war.

„Wir müssen zurück!“, schrie er in den Wind hinein.
„Die Küstenwache ist schon alarmiert“, rief der Kameramann. Er war der einzige, den Nino noch an Deck entdecken konnte. Die anderen hatten sich wahrscheinlich in der Kajüte verkrochen. Nannte man das so? Nino drückte sich mit dem Rücken gegen die Reling um nicht über Bord zu rutschen.
„Die sollten jeden Moment kommen!“

Die Tür zum Holzhäuschen fiel auf und zu. Mit jedem Schwanken schluckte das offene Heck des Bootes mehr Wasser.
Wo waren die nur alle hin? Wieso war der Kameramann so weiß im Gesicht?
„Wie lange war ich weg?“, schrie Nino Aiba ins Ohr.
„Weiß nicht. Vielleicht zwanzig Minuten?“
Nino zog die Augenbrauen zusammen.
„Masaki!“
„Nein, wirklich, so viel länger kann es nicht gewesen sein.“
„Masaki, was ist passiert? Was ist hier los?“
Aiba sah besorgt aus. Nicht panisch. Nino kannte Aibas panischen Gesichtsausdruck, selbst dann, wenn dieser versuchte, ruhig zu wirken.
„Okay. Aber bleib ganz ruhig.“
Oh. Es war also ziemlich schlimm.
„Wir wären eben fast gekentert.“
Nino riss die Augen auf und fuhr herum, über die Reling blickend. Im schäumenden Wellenmund war jedoch außer schwarzblauem Wasser und Schaum nichts zu sehen.
Er riss den Kopf in den Nacken und suchte den verdunkelten Himmel nach einem Punkt ab, an dem Sonnenschein durch den Wolkenbrei brach. Nichts.

Er war in Arashi und er würde in einem Sturm sterben. Das Schicksal hatte einen verdammt schlechten Humor.

Nino hatte sich in schlaflosen Nächten aus Langeweile ausgemalt, wie man am besten sterben konnte. Wenn man ohnehin irgendwann einmal den Löffel abgeben musste, wäre die angenehmste Methode natürlich wünschenswert. Ertrinken, hatte Nino irgendwann in seinen späten Teenagerjahren beschlossen, war eine der wenigen Arten zu sterben, die er am allerwenigsten wollte.
Er spürte wie ihm alles Blut aus Wangen und Lippen wich, als er sich vorstellte, wie Wasser seine Lungen füllte.
Seine nasse kalte Hand zitterte, als er sich in Aibas Windjacke verkrallte und panisch den Kopf schüttelte.

„Nein, hab keine Angst!“, rief Aiba und legte beide Hände auf Ninos Schultern.
„Gleich wird die Küstenwache da sein. Okay? Komm, lass uns zu den anderen reingehen. Verlier nicht den Kopf, Nino!“
„Ich verliere jeden Augenblick mein Leben, du Vollidiot!“, schrie Nino ihn an.
Es war einfach, Aiba anzuschreien (war es schon immer gewesen). Jetzt und hier hatte der einfach Pech, weil er der einzige war, den man anschreien konnte. So war es mit Aiba doch schon immer gewesen. Er war immer der nächstbeste gewesen. Ein Gedanke flackerte in Ninos Kopf auf – mit Aiba sterben war millionenfach besser als ganz allein zu sein – und erlosch zwischen Panik und Furcht wieder.
„Guck dir den Sturm an, den Himmel! Hier kommt keine Küstenwache! Wir sind geliefert!“

Im nächsten Augenblick wurde das Boot von zwei aneinandergeschobenen Wellen ergriffen; die erste brach frontal gegen den Bug, die zweite rammte das Schiff Backbord, direkt gegen die Reling, an der Nino sich festklammerte. Das Donnern des Meeres betäubte Ohren und Augen. Für den Bruchteil einer Sekunde waren das Salz des Wasser und die Kälte das einzige, was Nino wahrnahm. Er war blind, taub und stumm als die Wucht der Wellen ihn und Aiba ergriff und quer über Deck schleuderte. Sie krachten gegen die gegenüberliegende Reling. Neben ihnen lag der Kameramann, offensichtlich bewusstlos. An seiner Schläfe sickerte es rot in seine nassen Haare.

Nino versuchte, sich an irgendetwas festzuhalten. Seine zitternden Finger rutschten an allem ab. Er hyperventilierte – besser soviel Sauerstoff wie möglich in diese Blutbahnen pumpen bevor es zu spät war – und die Luft in seinen Lungen machte die Welt wattig und weiß umrandet. Das Boot bäumte sich wieder auf, stieg, stieg, stieg; durch die Öffnung am Heck strömte ohne Unterlass Wasser.

Alles, was dann geschah, erschien Nino so, als ob es sich in Zeitlupe abspielte.

Aiba hatte ihn festgehalten und gegen die Reling gedrückt. Jetzt stand er auf, wie jemand, der sich zum ersten Mal im Leben in einer Welle auf ein Surfbrett stellte und wandte sich dem Sturm zu.
Nino konnte ihn von unten genau betrachten, zusammengekauert und nass.
Er hielt den Atem an als er sah, dass Aibas Augen grünlich zu schimmern begannen und er wie in einem computeranimierten Effekt begann, den Wind wegzuwischen.
Helle, grüne und unwirkliche Schlieren erschienen in der Luft, verwirbelten sichtbar die Luft.
Aiba, und Nino konnte es in seinen Gedanken nicht anders formulieren, schob den Sturm beiseite.

Ninos Atem kehrte schmerzend und stuckernd zurück. Die Wogen des Meeres glätteten sich langsam. Man konnte nicht direkt sagen, dass sie sich in einen ruhigen Wellengang änderten, aber das Boot schwankte weniger und langsamer. Aiba wandte sich der Hecköffnung des Bootes zu und mit glühenden Augen machte er langsame Armbewegungen. Als ob seine Hände gegen etwas Unsichtbares drückten, schob er den Wind vor sich her, drückte das Wasser aus dem Schiff und zurück in das Schwarz des Meeres.
Direkt über ihnen brach die Wolkendecke ein winziges Stück auf.

Das musste die Panik sein. Eine andere Erklärung gab es dafür nicht. Das Hyperventilieren hatte sein Gehirn benebelt, beschloss Nino. Sie mussten nun im Auge des Sturmes sein. Er hatte es einmal im Fernsehen gesehen: Im Zentrum eines Sturms war es stets windstill. Gleich würden die Wellen zurückkommen und ihn über Bord spülen. Gleich würde es ihn fortreißen auf den Grund des Meeres, wo seine Lungen sich mit Wasser füllen und schmerzen und nass verbrennen würden.
Jetzt, da der Wind weder brüllte noch flüsterte, konnte er sein eigenes ersticktes und unregelmäßiges Schluchzen hören.

Dann erschien Aiba wieder an seiner Seite und legte warme (warum warme?) Hände auf seine Wangen.
„Beruhige dich!“, sagte er eindringlich und Ninos Gedankenflackern war zurück, flüsterte ihm zu, dass Aibas Stimme genauso klang wie der jaulende Wind.
„Es ist alles in Ordnung. Dir passiert nichts mehr. Okay?“
„Es kommt zurück“, japste Nino und er spürte, wie die Panik in Wellen kam und ging, beinahe so regelmäßig wie sein Atem.
„Wir sind im Zentrum. Es wird gleich wieder losgehen!“
„Nein, wird es nicht.“
Er hatte Aiba selten so bestimmt gesehen.
„Ich ihn weggeschickt.“
Nino blinzelte und tatsächlich hatte er da Gefühl, sich unter Aibas warmen Händen ein wenig zur beruhigen.
„Weggeschickt...wen?“
„Den Wind. Du hast doch zugesehen.“
Nino fasste nach Aibas Oberarmen. Er musste sich einfach an irgendetwas festhalten.
„Blödsinn. Wir sind hier doch nicht im Kino! Du hast zuviele Animes gesehen!“
„Nino-chan, du hast es doch gesehen.“
„Ich hatte zuviel Sauerstoff im Blut! Ich hab gar nichts gesehen!“

Doch das Meer blieb zahm. Nein, nicht das Meer. Der Wind.

„Es ist natürlich deine Entscheidung“, sagte Aiba langsam und seine kugelrunden Augen blinzelten Meerwasser weg.
„Aber bitte erzähl niemandem davon.“

Es gab kein Protokoll für das richtige Verhalten, wenn man entdeckte, dass einer der besten Freunde übernatürliche...Fähigkeiten besaß. Nino fielen nur unzählige Filme und Serien ein. Und in der Regel waren dort die von den Helden Geretteten irgendwelche kreischenden Weiber. Ein Teil von Nino wartete immer noch darauf, dass irgendwo eine Kamera oder ein Scheinwerfer ausging, dass irgendjemand „Schnitt“ rief und sich eine lachende und feixende Filmcrew auf ihn stürzte, ihm auf die Schulter klopfte und ihm ein Handtuch auf den Kopf warf.

Er begnügte sich vorerst damit, Aiba in seine Arme zu ziehen und sich einen Augenblick lang an ihm festzuhalten. Unter dem Boot gurgelte das Meer als sei es die unschuldigste Kreatur des Universums.

„Ich betrete nur noch ein Boot, wenn du dabei bist“, murmelte er in Aibas Ohr.

Er hielt sich noch eine ganze Weile länger an ihm fest. Auch dann noch, als in der Ferne zwei Schiffe der Küstenwache auftauchten.

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