[identity profile] tsutsumi.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Fandom: Original
Challenge: Ausgesperrt; Kalte Nasenspitzen
Wörter: 1.305
Genre: Fluff?
Summary: Weihnachten ohne Internet verbringen - das könnte Amy nicht gleichgültiger sein. Dumm nur, dass sie für einen Internet Provider arbeitet und da Kunden sind, die das anders sehen als sie. Und ihr Freund hat sich ausgesperrt und friert.


Amy hatte Rudolph the red nosed reindeer als Klingelton eingestellt, weil sie gehofft hatte, dass es sie weihnachtlicher stimmen würde. Ganz wider besseren Wissens und trotz der Tatsache, dass sie dieses Lied eigentlich nie hatte sonderlich leiden können.
Denn, so stellte sie zum wiederholten Male fest, man konnte sich noch so weihnachtlich einstimmen; es brachte nichts, wenn die Umwelt nicht mitspielte.

Am Tresen neben ihr stand Ferris, stellte sich auf die Zehenspitzen und überblickte mit kurzem Blinzeln die Kundenschlange, welche sich gebildet hatte. Amy erhaschte seinen Kill me now-Blick aus den Augenwinkeln und wandte sich seufzend wieder der Kundin vor sich zu, eine Frau mit zerzausten Haaren, wahrscheinlich Ende zwanzig.
„Also, seit wann ist Ihr Internet ausgefallen?“, spulte Amy ihren Text herunter. An ihrem Bein vibrierte ihr Handy.
„Es ist seit zwei Tagen weg“, erwiderte die Kundin. Amy sah, dass die Frau ihre Fingernägeln blutig gebissen hatte. Oha, ein Fall von akuter Sucht.
„Ich habe ihre Hotline angerufen, aber alles, was man da macht, ist, mich in die Warteschleife zu stecken. Und bei Gott, ich ertrage diesen Rentier-Song nicht noch einmal. Nicht in diesem Leben.“

Passend wurde Amys Klingelton lauter. Sie wusste nicht, ob es Wahnsinn war, was da in den Augen ihrer Kundin aufstieg.
„Verzeihen Sie bitte“, sagte Amy bevor die Frau irgendetwas sagen oder tun konnte.
Es war Jamie. Über seinem aufblinkenden Namen standen zehn verpasste Anrufe im Display. Das war doch sonst nicht seine Art. Ein Notfall?
„Gehen Sie ruhig ran“, knurrte die Kundin. „Es ist ja nicht so, dass Sie hier einen Notfall vor sich hätten.“
„Danke.“
Ein bisschen hasste Amy sich ja schon selbst.

„Jamie, ich arbeite!“, herrschte sie ihren Freund an.
„Warum zum Teufel rufst du mich zehn Mal an?!“
„Ich bin ausgesperrt“, jammerte er kläglich am anderen Ende.
„Heute früh hab ich meinen Schlüssel vergessen.“
„Dann komm in den Laden und hol dir meinen!“
„Bist du wahnsinnig? Da ist es doch wahrscheinlich proppevoll und eng!“
Amy holte tief Luft;
„Hör mal, es tut mir leid, aber ich bin gerade wirklich beschäftigt. Entweder du kommst her oder du wartest bis ich fertig bin. In vier Stunden.“
„Aber“, wimmerte er.
„Ich habe schon eine ganz kalte Nasenspitze.“
„Ach, armes Hascherl.“
„Das war ein Euphemismus. Ich spüre meine Nase gar nicht mehr. Von meinen Zehen ganz zu schweigen.“
„Dann frier schön weiter, Blödmann!“
Amy legte auf und ertappte ihre Kundin, wie diese auf Amys Namensschildchen starrte.

„Amy und Jamie?“, sagte sie tonlos.
„Ernsthaft?“
„Wir waren bei Ihrem Internet“, wiegelte Amy ab.
„Also, haben Sie schon einmal den Router aus- und wieder eingeschaltet und oder das Telefonkabel gezogen und wieder angesteckt?“
„Natürlich.“ Die Frau tappte mit ihren Fingern nervös auf dem Tresen herum.
„Dann müssen wir Ihnen einen Techniker vorbeischicken.“ Amy schmierte auf dem Auftragspapier herum.
„Das könnte allerdings erst nach den Feiertagen was werden.“
„Nein.“
Sie sah verwirrt auf;
„Wie, nein?“
„Nein. Ich brauche das Internet jetzt.“
„Das kann ich schon verstehen“, seufzte Amy. Oh ja, ein schlimmer Fall von Sucht.
„Aber es ist der 23. Dezember und wir bekommen täglich viele Aufträge von Kunden, die die gleichen Probleme haben wie Sie und-“
„Das ist mir egal. Ich brauch meine Internet.“
Amy blinzelte ihre Kundin an und fand plötzlich nicht mehr, dass sie wahnsinnig aussah. Eher müde und einsam. Verdammt einsam.
Sie knabberte kurz auf ihrer Unterlippe herum und beugte sich vor.
„Sagen Sie...müssen Sie arbeiten, dass sie es so dringend brauchen?“
„Nein.“
In Amys Hosentasche wies das Handy schon wieder auf Rudolphs rotglänzende Nase hin.
„Aber es ist Weihnachten“, fuhr die Frau fort;
„Meine Familie wohnt zehntausend Kilometer entfernt und ich kann es mir nicht leisten, zu ihr zu fliegen. Es wäre also schön, wenn ich wenigstens mit ihr skypen könnte.“

Amy seufzte. In ihrer Hosentasche klingelte es wütend.
Höchstwahrscheinlich Jamie, der ihr jetzt erklärte, wie er all seinen Mut zusammennahm und zum Laden kommen würde.
Und da war diese Frau, die auf den ersten Blick aussah wie eine Verrückte, die auf Tumblr einen Tom Hiddleston-Fanclub leitete, aber eigentlich nur an Weihnachten mit ihrer Familie zusammen sein wollte. Ihr Blick schweifte über die rot-kitschige Beleuchtung am Fenster und über die Menschenschlange.

Was tat sie hier eigentlich?

„Sie wohnen hier in der Nähe?“, fragte sie. Die Frau nickte zögernd.
Amy sah auf das Formular vor sich und merkte, dass sie die Adresse schon längst eingetragen hatte.
Ihre Hand griff nach dem Handy.
„Amy, wirklich tut mir so leid, dass ich-“
„Klappe“, fuhr sie ihm dazwischen.
„Ich gebe dir jetzt eine Adresse durch und du schnappst dir deine Tasche und begibst dich dorthin. Ich schick dir jemanden hin, der dir meinen Schlüssel mitbringen wird.“

Die Frau starrte sie während des Telefonats ungläubig an.
„Sie haben recht“, sagte Amy zu ihr als sie fertig war.
„Es ist Weihnachten. Weihnachten erfordert spezielle Behandlung.“
Amy zog den Wohnungsschlüssel aus ihrer Hosentasche und schob ihn über den Tresen, zusammen mit dem Auftragspapier der Kundin.
„Mein Freund hat sich ausgeschlossen und weil er unter Klaustrophobie leidet, würde er lieber sterben als herzukommen. Wie der Zufall aber so will, arbeitet er als Techniker in unserem Unternehmen und Sie wohnen gleich bei uns um die Ecke. Also tun wir uns alle drei etwas Gutes, indem Sie ihm unseren Schlüssel geben, als Belohnung repariert er Ihnen Ihr Internet und ich bin euch beide los.“

Die Frau schaute langsam von dem Schlüssel auf.
„Sie vertrauen mir Ihren Wohnungsschlüssel an? Einer völlig Fremden?“
Amy zuckte mit den Schultern.
„Sie vertrauen mir ja auch Ihr Internet an. Ist das nicht irgendwo das gleiche? Außerdem ist ja schließlich Weihnachten und so. Sie wissen schon- Selbstlosigkeit, Vertrauen, Liebe, Frieden auf Erden und all der Quatsch?“

Sie hatte nicht damit gerechnet, dass die Frau um den Tresen herumspringen und sie in eine Umarmung ziehen würde.
„Vielen Dank!“, hauchte sie ihr entgegen.

***

Als Amy fünf Stunden später schlüssellos vor der Wohnungstür stand und klingelte, öffnete ihr ein strahlender Jamie. Aus dem Apartment quoll der Duft von heißem Punsch. Und das Gebimmel von Rudolph the red nosed reindeer.
Sie seufzte.

Auf dem Couchtisch lagen Weihnachtskarten. Von ihrer Cousine von der Westküste, einigen entfernten Freunden aus Frankreich und eine von Solveigh, die zugleich einen Christstollen mitgeschickt hatte. Sie ließ sich auf dem Sofa nieder und las den Brief, der am Stollen geklebt hatte.
„Das war eine echt clevere Lösung von dir“, sagte Jamie zwischen die Worte und stellte Punsch neben den Karten ab.
„Innerhalb von zehn Minuten war ich fertig, ich hatte den Schlüssel und die Lady hatte ihr Internet wieder. Defektes Kabel. Ich hab sogar Kekse von ihr bekommen.“ Er grinste schelmisch.
„Das freut mich.“ Amy zog den rechten Mundwinkel hoch.
„Trotzdem solltest du dich wirklich mal behandeln lassen wegen deiner Platzangst.“
„Ja, ach, später. Nächstes Jahr.“ Er winkte ab.
„Was hat sie eigentlich gemacht? Die Frau meine ich. Du bist doch sonst nicht so gönnerhaft. Oder hast du das alles nur für mich getan?“
„Bild dir nicht zuviel auf dich ein.“ Amy kuschelte sich ins Sofa und gähnte wohlig.
„Dich hätte ich stehenlassen, keine Frage. Aber die Arme scheint Verwandtschaft in Europa oder so zu haben. Es wär schon scheiße gewesen, wenn sie am Weihnachtsabend nicht mit ihrer Familie hätte skypen können.“
„Aww. Das ist meine Amy.“ Er umarmte sie von hinten und pustete ihr sein warmes Lachen in den Nacken.
„Den Postern ihrer Wohnung nach zu urteilen sah es zwar eher so aus als sei die Vorsitzende des internationalen Marvel-Loki-Fanzirkels, aber hey, glücklich ist glücklich.“

Naja, dachte Amy später punschtrinkend, wahrscheinlich würde jetzt irgendwo im Internet ein Post über sie verfasst. Hoffentlich ohne Rentiere.

Date: 2012-12-18 02:27 pm (UTC)
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Awwww, das ist ja eine wirklich schöne Geschichte *-* So schön weihnachtlich ohne übermäßigen Weihnachtskitsch. Toll <3 Genauso muss ein Türchen sein.
Ich kann Amy sooo gut verstehen... ihre Menschenkenntnis ist übrigens beeindruckend. *hust*

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