17. Türchen
Dec. 17th, 2012 10:40 amTitel: Sie hatte nicht mal einen Namen.
Fandom: Original
Challenges:
#1 Kerzenwachs #2 Improvisation
Wörter: 1118
Anmerkung: Eine zufällige Begegnung, bei seiner Heimkehr für die Winternachtsfeier.
Sie war siebzehn Jahre alt. Sie sang in einem Chor, den zweiten Sopran. Am Vorabend der Winternacht sang sie mit ihrem Chor am Blenstetter Bahnhof. Sie hielt eine Kerze in ihren Händen, genau wie die anderen Mädchen, nur Fräulein Steglich, die streng und grau vor ihnen stand, trug eine Blechdose, falls der ein oder andere gütige Mensch den ein oder anderen Pfennig übrig hatte, um armen und verlorenen Seelen zu helfen den Weg aus dem Dunkel hinaus zu finden.
Sie sang brav ihre Lieder, über Licht das kommt und Licht das gebracht wird und Licht, das uns erlöst. Eine zweite Sopranstimme von vielen, in der letzten Reihe, und sie fragte sich, ob es irgend jemandem auffallen würde, wenn sie einfach aufhören würde zu singen, und hinunter zum Wintermarkt laufen, wo es weit mehr Lichter als hier gab, aber vor allen Dingen Frohsinn und Glühwein. Natürlich war sie Fräulein Steglich zu dankbar für deren Güte, für deren Großherzigkeit, der alleine sie ihre jetzige Wohnung und Anstellung zu verdanken hatte.
Darüber dachte sie nach, währen ihre Lippen fromme Worte formten, als jemand mit ihr zusammenstieß, ein Ellbogen in ihrem Rücken landete, für einen Augenblick ihre Stimme verschluckte, und der Wachs ihrer Kerze sich heiß und flüssig über das Leder ihrer Handschuhe ergoss. Niemand schenkte ihr irgendeine Beachtung.
Das war alles, was sie brauchte. Sie drehte sie sich um, blickte sich um und in das verschreckte Gesicht eines vierzehnjährigen Jungen.
„Es tut mir Leid“, stammelte er, und sah sie dabei so ehrlich reuevoll, mit graublauen Augen hinter runden Brillengläsern, an, dass sie alle Mühe hatte, nicht laut zu lachen.
„Braucht es nicht“, flüsterte sie zurück. Und dann, bevor das Lied zu seinem Ende kam und die entstehende Pause besondere Aufmerksamkeit auf ihre Abwesenheit lenken konnte, packte sie den fremden Jungen am Arm und zog ihn die Bahnhofshalle hinunter und durch das Portal hinaus auf den nassverschneiten Bahnhofsplatz.
„Du hast mich gerettet“, erklärte sie dem Jungen, dessen Miene sich inzwischen in reinste Verwirrunge verwandelt hatte.
„Noch ein Wort über lichte Herrlichkeit, und ich hätte den Bahnhof angezündet.“
Die Augen des Jungen wurden größer. Erst jetzt kam es ihr in den Sinn, dass es vermutlich ganz und gar nicht seine Absicht gewesen war, sie aus den Reihen ihres Chores zu befreien, als er sie angerempelt hatte.
Sein Mantel sah nach Zugfahrt aus. Zu dünn, um lange Zeit durch kalte Straßen zu wandern, und in seinen Händen hielt er einen Koffer.
„Bist du auf dem Weg nach Hause?“, fragte sie ihn. Der Junge zuckte mit den Schultern, sein Blick wanderte von ihren Schultern auf ihre Füße und zu ihren Schultern zurück. Sehr bemüht nicht all zu lange irgendwo dazwischen zu verweilen und auch zu schüchtern, um in ihr Gesicht zu blicken.
„Zu meinen Eltern“, antwortete er. Sehr leise, und nicht so als ob es das selbe wie „nach Hause“ sei.
Vielleicht war es diese Antwort. Vielleicht der herzzerreißende Anblick, wie er so da stand, mit dem Koffer in den Händen. Ein wenig verloren, im matschigen Schnee. Vielleicht war es auch Dankbarkeit – weil er sie daran erinnert hatte, dass sie freiwillig mit Fräulein Steglich und den anderen Mädchen hier gewesen war, und darum auch freiwillig wieder gehen konnte.
Vermutlich war es nichts weiter als eine Laune, die sie dazu bewegte, den Jungen zu fragen, ob er sie begleiten würde.
„Wohin?“, fragte er zurück, aber lief ihr doch schon hinterher.
„Ufer“, gab sie zurück. Südstrand und Wintermarkt und der Junge hatte nichts dagegen einzuwenden, und wenn doch behielt er es für sich. Er hatte auch nichts dagegen einzuwenden, als sie ihm ihre Kerze in die Jackentasche steckte und Geld für ihren Glühwein von ihm verlangte.
„Deine Handschuhe ...“, stellte er nur fest, während er – in den eigenen Handschuhen etwas ungelenk – ein Einmarkstück aus seinem Geldbeutel fischte.
Sie betrachtete kurz die feste Kruste, in die sich der Wachs auf ihren Händen verwandelt hatte. Dann winkte sie ab, kaufte Glühwein – für sich und den Jungen. Sie tranken etwas abseits des Trubels. Erst schweigend. Dann begann sie ihm fragen zu stellen. Ob er auf einem Internat wäre – so in der Art – und ob es nicht gut wäre, wieder in der Stadt zu sein – vielleicht – und ob seine Eltern sich keine Sorgen machen würden, wo er denn bleibe.
„Die haben andere Probleme.“
Danach fragte sie für eine Weile keine Fragen mehr. Er sah so ordentlich aus, nicht außergewöhnlich reich oder so, aber doch ordentlich. Zu ordentlich, als dass er aus einem Haushalt kommen könnte, in dem die Eltern andere Probleme haben.
Sie tranken mehr Glühwein und irgendwann begann er selbst Fragen zu stellen. Was das für ein Chor gewesen wäre – so ein Chor halt – und ob sie gerne singen würde – hab' ich nie drüber nachgedacht, aber, ja, ich glaube schon – und ob sie einen Liebsten habe. Da lachte sie, er sei doch eben noch so schüchtern gewesen. Und sofort kehrte die Schüchternheit zurück, seine Augen fanden die abgewetzten Spitzen ihrer Schuhe wieder und das Rot auf seinen Wangen wurde dunkler, als es die Kälte und der Glühwein gemalt hatten.
Später erzählte er ihr, dass er am liebsten überhaupt nicht zurück gekommen wäre, am liebsten nie wieder hier her kommen würde, auf jeden Fall nicht mehr zu seinen Eltern, dabei würde er doch – er hörte überhaupt nicht mehr auf zu reden – würde er sie doch lieben, ganz ehrlich, so schlimm es auch – es wären ja doch seine Eltern, und es gäbe andere Eltern, weit schlimmere – Eltern, die man wirklich hassen könnte, und überhaupt sei es doch nicht ihre Schuld, hätten sie das ja nicht so gewollt, sich nicht ausgesucht, man könne ja niemanden hassen, nur weil –
inzwischen hatten sie den Südstrand und den Markt und den Glühwein lange hinter sich gelassen. Sie trug seinen Koffer, und hatte ihren freien Arm bei ihm untergehakt und so führte sie ihn, über den Tracksberg und bis in die Weststadt. Vor ihrer Haustür ermahnte sie ihn, leise zu sein.
Dann waren sie in ihrer Wohnung, ihrem Zimmer, wenn man es genau nehmen will. Ein Herd, und ein Waschbecken in einer Ecke, mit einem kleinen Tisch und einem Stuhl waren die Küche, ein Bett und eine hochkant gestellte Seekiste als Kleiderschrank das Schlafzimmer.
Er schien erst zu begreifen, wo sie ihn hingebracht hatte, als sie ihn bat seine Schuhe auszuziehen. Aber er zog die Schuhe aus, stand zitternd in ihrem Zimmer, sah ihr – die längst Schuhe und Mantel abgeworfen hatte – zu, wie sie ein Feuer in ihrem Herd anzündete und wartete, ohne dass es ihm selbst so ganz und wirklich und bewusst war, was als nächstes passieren würde.
Fandom: Original
Challenges:
#1 Kerzenwachs #2 Improvisation
Wörter: 1118
Anmerkung: Eine zufällige Begegnung, bei seiner Heimkehr für die Winternachtsfeier.
Sie war siebzehn Jahre alt. Sie sang in einem Chor, den zweiten Sopran. Am Vorabend der Winternacht sang sie mit ihrem Chor am Blenstetter Bahnhof. Sie hielt eine Kerze in ihren Händen, genau wie die anderen Mädchen, nur Fräulein Steglich, die streng und grau vor ihnen stand, trug eine Blechdose, falls der ein oder andere gütige Mensch den ein oder anderen Pfennig übrig hatte, um armen und verlorenen Seelen zu helfen den Weg aus dem Dunkel hinaus zu finden.
Sie sang brav ihre Lieder, über Licht das kommt und Licht das gebracht wird und Licht, das uns erlöst. Eine zweite Sopranstimme von vielen, in der letzten Reihe, und sie fragte sich, ob es irgend jemandem auffallen würde, wenn sie einfach aufhören würde zu singen, und hinunter zum Wintermarkt laufen, wo es weit mehr Lichter als hier gab, aber vor allen Dingen Frohsinn und Glühwein. Natürlich war sie Fräulein Steglich zu dankbar für deren Güte, für deren Großherzigkeit, der alleine sie ihre jetzige Wohnung und Anstellung zu verdanken hatte.
Darüber dachte sie nach, währen ihre Lippen fromme Worte formten, als jemand mit ihr zusammenstieß, ein Ellbogen in ihrem Rücken landete, für einen Augenblick ihre Stimme verschluckte, und der Wachs ihrer Kerze sich heiß und flüssig über das Leder ihrer Handschuhe ergoss. Niemand schenkte ihr irgendeine Beachtung.
Das war alles, was sie brauchte. Sie drehte sie sich um, blickte sich um und in das verschreckte Gesicht eines vierzehnjährigen Jungen.
„Es tut mir Leid“, stammelte er, und sah sie dabei so ehrlich reuevoll, mit graublauen Augen hinter runden Brillengläsern, an, dass sie alle Mühe hatte, nicht laut zu lachen.
„Braucht es nicht“, flüsterte sie zurück. Und dann, bevor das Lied zu seinem Ende kam und die entstehende Pause besondere Aufmerksamkeit auf ihre Abwesenheit lenken konnte, packte sie den fremden Jungen am Arm und zog ihn die Bahnhofshalle hinunter und durch das Portal hinaus auf den nassverschneiten Bahnhofsplatz.
„Du hast mich gerettet“, erklärte sie dem Jungen, dessen Miene sich inzwischen in reinste Verwirrunge verwandelt hatte.
„Noch ein Wort über lichte Herrlichkeit, und ich hätte den Bahnhof angezündet.“
Die Augen des Jungen wurden größer. Erst jetzt kam es ihr in den Sinn, dass es vermutlich ganz und gar nicht seine Absicht gewesen war, sie aus den Reihen ihres Chores zu befreien, als er sie angerempelt hatte.
Sein Mantel sah nach Zugfahrt aus. Zu dünn, um lange Zeit durch kalte Straßen zu wandern, und in seinen Händen hielt er einen Koffer.
„Bist du auf dem Weg nach Hause?“, fragte sie ihn. Der Junge zuckte mit den Schultern, sein Blick wanderte von ihren Schultern auf ihre Füße und zu ihren Schultern zurück. Sehr bemüht nicht all zu lange irgendwo dazwischen zu verweilen und auch zu schüchtern, um in ihr Gesicht zu blicken.
„Zu meinen Eltern“, antwortete er. Sehr leise, und nicht so als ob es das selbe wie „nach Hause“ sei.
Vielleicht war es diese Antwort. Vielleicht der herzzerreißende Anblick, wie er so da stand, mit dem Koffer in den Händen. Ein wenig verloren, im matschigen Schnee. Vielleicht war es auch Dankbarkeit – weil er sie daran erinnert hatte, dass sie freiwillig mit Fräulein Steglich und den anderen Mädchen hier gewesen war, und darum auch freiwillig wieder gehen konnte.
Vermutlich war es nichts weiter als eine Laune, die sie dazu bewegte, den Jungen zu fragen, ob er sie begleiten würde.
„Wohin?“, fragte er zurück, aber lief ihr doch schon hinterher.
„Ufer“, gab sie zurück. Südstrand und Wintermarkt und der Junge hatte nichts dagegen einzuwenden, und wenn doch behielt er es für sich. Er hatte auch nichts dagegen einzuwenden, als sie ihm ihre Kerze in die Jackentasche steckte und Geld für ihren Glühwein von ihm verlangte.
„Deine Handschuhe ...“, stellte er nur fest, während er – in den eigenen Handschuhen etwas ungelenk – ein Einmarkstück aus seinem Geldbeutel fischte.
Sie betrachtete kurz die feste Kruste, in die sich der Wachs auf ihren Händen verwandelt hatte. Dann winkte sie ab, kaufte Glühwein – für sich und den Jungen. Sie tranken etwas abseits des Trubels. Erst schweigend. Dann begann sie ihm fragen zu stellen. Ob er auf einem Internat wäre – so in der Art – und ob es nicht gut wäre, wieder in der Stadt zu sein – vielleicht – und ob seine Eltern sich keine Sorgen machen würden, wo er denn bleibe.
„Die haben andere Probleme.“
Danach fragte sie für eine Weile keine Fragen mehr. Er sah so ordentlich aus, nicht außergewöhnlich reich oder so, aber doch ordentlich. Zu ordentlich, als dass er aus einem Haushalt kommen könnte, in dem die Eltern andere Probleme haben.
Sie tranken mehr Glühwein und irgendwann begann er selbst Fragen zu stellen. Was das für ein Chor gewesen wäre – so ein Chor halt – und ob sie gerne singen würde – hab' ich nie drüber nachgedacht, aber, ja, ich glaube schon – und ob sie einen Liebsten habe. Da lachte sie, er sei doch eben noch so schüchtern gewesen. Und sofort kehrte die Schüchternheit zurück, seine Augen fanden die abgewetzten Spitzen ihrer Schuhe wieder und das Rot auf seinen Wangen wurde dunkler, als es die Kälte und der Glühwein gemalt hatten.
Später erzählte er ihr, dass er am liebsten überhaupt nicht zurück gekommen wäre, am liebsten nie wieder hier her kommen würde, auf jeden Fall nicht mehr zu seinen Eltern, dabei würde er doch – er hörte überhaupt nicht mehr auf zu reden – würde er sie doch lieben, ganz ehrlich, so schlimm es auch – es wären ja doch seine Eltern, und es gäbe andere Eltern, weit schlimmere – Eltern, die man wirklich hassen könnte, und überhaupt sei es doch nicht ihre Schuld, hätten sie das ja nicht so gewollt, sich nicht ausgesucht, man könne ja niemanden hassen, nur weil –
inzwischen hatten sie den Südstrand und den Markt und den Glühwein lange hinter sich gelassen. Sie trug seinen Koffer, und hatte ihren freien Arm bei ihm untergehakt und so führte sie ihn, über den Tracksberg und bis in die Weststadt. Vor ihrer Haustür ermahnte sie ihn, leise zu sein.
Dann waren sie in ihrer Wohnung, ihrem Zimmer, wenn man es genau nehmen will. Ein Herd, und ein Waschbecken in einer Ecke, mit einem kleinen Tisch und einem Stuhl waren die Küche, ein Bett und eine hochkant gestellte Seekiste als Kleiderschrank das Schlafzimmer.
Er schien erst zu begreifen, wo sie ihn hingebracht hatte, als sie ihn bat seine Schuhe auszuziehen. Aber er zog die Schuhe aus, stand zitternd in ihrem Zimmer, sah ihr – die längst Schuhe und Mantel abgeworfen hatte – zu, wie sie ein Feuer in ihrem Herd anzündete und wartete, ohne dass es ihm selbst so ganz und wirklich und bewusst war, was als nächstes passieren würde.