[identity profile] mondwolf.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Titel: From Death with Love
Challenge: "Draußen ist es spiegelglatt. Sei froh, dass ich noch lebe."
Fandom: Original
Rating: ab 12
Wordcount: ~ 3500
Zusammenfassung: Der ehemalige Gott und jetzt TODs Praktikant Taran muss kurz vor Weihnachten eine Aufgabe erfüllen, die er als Strafe empfindet. Als Nicky bei Schnee und Eis von der Straße abkommt, muss auch sie das Schlimmste annehmen.

From Death with Love

Als Nicky losgefahren war, waren es nur einige wenige, vereinzelte Schneeflocken gewesen, die vom Himmel zur Erde gefallen waren. Jetzt – knapp eine Stunde später – war aus den wenigen Schneeflocken ein veritabler Wintersturm geworden. Genau das, was Nicky am heutigen Tag noch gefehlt hatte. Die Scheibenwischer ihres altersschwachen Autos kamen gegen die weiße Pracht nicht mehr an, und Nickys Nasenspitze berührte beinahe die Windschutzscheibe, so weit hatte sie sich schon über das Lenkrad gebeugt. In den schwachen Lichtkegeln der Scheinwerfer sah sie auf der unbeleuchteten Landstraße kaum einen Meter weit. Jeder vernünftige Mensch hätte seine Geschwindigkeit den widrigen Witterungsverhältnissen angepasst. Nicky war aber nicht vernünftig. Wollte es nicht sein. Nicht heute. Es hatte ja ohnehin alles keinen Sinn mehr.

Ausgerechnet heute!, fluchte sie stumm. Es war offensichtlich eine dumme Idee gewesen, ihren 'Verlobten' zum Advent zu überraschen, wenn sie sich doch erst für Heiligabend angekündigt hatte. Im Nachhinein war Nicky sogar davon überzeugt, dass es eine ebenso dumme Idee gewesen war, sich überhaupt auf Karls Vorschlag einzulassen, dass sie sich erst an Weihnachten wiedersehen sollten. Angeblich hatte er nur Nickys Wohlergehen im Sinn gehabt. Was wäre, wenn ihr etwas auf den nicht gerade gut ausgebauten Straßen passierte? Es würde eine Ewigkeit dauern, bis man sie irgendwo im Nirgendwo fand.

Von wegen, er kann besser schlafen, wenn er weiß, dass es mir gut geht! Ha, dass ich nicht lache! Nicky schlug mit vor Kälte klammen Fingern gegen das Lenkrad. Tränen der Wut und vielleicht auch ein klein wenig der Trauer verschlechterten ihre Sicht für einige Moment noch weiter. Das schneidend schmerzhafte Gefühl, das die Ereignisse des Tages in ihr auslösten, machte sie benommen und hochsensibel zugleich. Noch war sie nicht an dem Punkt angekommen, an dem sie genügend Abstand hatte, um wieder klar denken zu können. Sie sah nur immer und immer wieder dieselben Bilder vor ihrem inneren Auge, die ihr mit furchtbarer Deutlichkeit zeigten, wie dumm sie doch gewesen war. Wieder einmal.

Das Licht ihrer Scheinwerfer traf plötzlich auf etwas völlig unerwartetes: eine Gestalt – ein Mensch – mitten auf der Straße!

Im selben Augenblick fühlte Nicky, wie die Vorderreifen ihres Wagens festen, griffigen Boden unter sich verloren. Und noch ehe sie beides miteinander in Verbindung bringen konnte, riss sie mit einem entsetzten Aufschrei panisch das Lenkrad herum.

Was dann geschah, bekam Nicky nicht mehr mit. Ein Baum bremste ihren Weg abrupt und die Folgen des heftigen Aufpralls raubten ihr die Sinne.

Das Surren der Scheibenwischer war das erste, was sie wahrnahm, als sie wieder zu sich kam. Das zweite war der Umstand, dass sie keinerlei Schmerzen verspürte, als sie sich vorsichtig bewegte, ihre Hand an die Stirn hob und sich dann einige Haarsträhnen aus dem Gesicht strich.

Wow, dachte Nicky benommen und wusste nicht recht, was genau sie damit kommentierte. Blinzelnd sah sie durch die Windschutzscheibe, die von unzähligen Sprüngen und Rissen durchzogen war. Sieht eigentlich ganz hübsch aus. Dieser Gedanke ließ sie kichern. Erst allmählich ging ihr auf, was passiert war. Sie hatte einen Unfall gehabt. Sie war von der Straße abgekommen und gegen einen Baum geprallt. Und sie hatte keine Schmerzen. Das muss der Schock sein, beschloss sie. Mir kann unmöglich nichts passiert sein.

Ihre Gedanken wurden jäh unterbrochen, als die Fahrertür aufgerissen wurde.

„Wie lange willst du hier noch rumtrödeln?“, fragte ein sicht- und hörbar schlecht gelaunter Mann.

„Was?“, machte Nicky und vergaß für einen Moment, in was für einer prekären Situation sie sich befand.

Der Mann schaute sie kurz prüfend von Kopf bis Fuß an, schien dann zu einem Entschluss zu gelangen und sagte: „Komm jetzt endlich! Ich hab nicht ewig Zeit.“

Als er nach Nickys Arm greifen wollte, zuckte sie zurück. „Was wollen Sie von mir?“, verlangte sie zu wissen. Es schien ihr eine berechtigte Frage in Anbetracht der Tatsache, dass sie gerade einen Unfall gehabt hatte. Das konnte ihm doch unmöglich entgangen sein. Sollte er sie nicht eher nach ihrem Befinden fragen?

Mit Nickys Weigerung schien der Mann nicht gerechnet zu haben. Er schaute ein wenig irritiert – ein Ausdruck, der ihm überraschend gut zu Gesicht stand, fand Nicky. Als seine grünen Augen dann jedoch förmlich vor Ärger aufblitzten, war sie sich nicht mehr ganz so sicher, ob sie überhaupt irgendein Interesse an ihm zeigen sollte – und wenn es nur das wäre, sich von ihm helfen zu lassen.

„Wenn du jetzt nicht sofort aus dem Wagen aussteigst, dann – “

„Was dann? Willst du mich zwingen?“

„Führe mich nicht in Versuchung“, warnte er.

Und dann erkannte Nicky ihn. „Hey, du bist doch der Kerl, der wie aus dem Nichts auf der Straße aufgetaucht ist! Wegen dir habe ich das Lenkrad verrissen! So ein Ausweichmanöver hätte bei der Glätte schief gehen können.“ Sie lachte angestrengt auf. „Verdammt! Es ist schief gegangen. Aber ich hätte auch drauf gehen könnten. Ich hätte tot sein können!“ Erst ihre eigenen Worte brachten ihr den Ernst der Situation wirklich zu Bewusstsein. Nicky begann am ganzen Körper zu zittern. DAS musste der Schock sein.

Und was tat der Mann? Er seufzte entnervt auf und murmelte etwas, das nach Immer das gleiche klang, ehe er sich in den Wagen und über Nicky beugte. Schnell löste er den Sicherheitsgurt und brachte Nicky schließlich recht unsanft dazu, aus ihrem völlig zerstörten Auto auszusteigen. Nicky leistete für den Augenblick keine Gegenwehr, weil sie ihre liebe Mühe damit hatte, die Ereignisse einzuordnen.

„Pass mal gut auf!“, sagte der Mann und Nicky konnte nicht anders, als ihn beinahe gehorsam anzuschauen. „Ich sage dir jetzt, wie das hier weiterläuft und du hörst zu. Dann bringen wir die Sache hinter uns und können beide wieder unserer Wege gehen.“

„Was?“, machte Nicky verständnislos.

Der Mann gab einen Laut von sich, der fast wie ein Knurren klang. „Zuhören, hab ich gesagt!“

„Aber – “

Er ignorierte sie. „Erstens: du hättest nicht nur tot sein können – du bist tot. Zweitens – “

„Was?!“

„Tot. Hinüber. Geschichte“, ratterte der Mann monoton herunter. „Das bringt mich zu Punkt zwei. Ich –“

Wieder unterbrach Nicky ihn. „Bist du Tod?“

„Wie? Nein, Schätzchen. Du bist tot. Und jetzt konzentrier dich gefälligst, sonst stehen wir hier morgen früh noch. Und glaub mir, das wird unschön.“

„Ich träume“, behauptete Nicky sehr leise und sehr unsicher. Tatsächlich schien ihr der Mann, der sie bei ihrer eigenen Größe von eins siebzig um eine Kopflänge überragte, wie aus einem Traum. Im fahlen Licht der seltsamerweise noch immer funktionierenden Autoscheinwerfer konnte sie jetzt gut weitere Einzelheiten erkennen – von den kurzen, schwarzen Haaren über die grünen Augen bis hin zu der eigentümlichen Kleidung, die er trug. Der lange schwarze Mantel schien sich jeglichen physikalischen Gesetzen zu widersetzen und der Stab, den der Mann in einer Hand hielt, sah verdächtig nach dem Stiel einer Sense aus, auch wenn Nicky dafür nicht die Hand ins Feuer gelegt hätte, denn eine Schneide sah sie nicht.

„Hey, ist es zu viel verlangt, dass du mir mal zwei Sekunden am Stück deine volle Aufmerksamkeit schenkst?“, fragte er und schnippte mit den Fingern seiner freien Hand vor ihrem Gesicht. Sie schlug nicht minder gereizt seine Hand beiseite.

„Du bist Tod“, sagte sie noch einmal, diesmal war es jedoch keine Frage. Irgendwie fühlte sie sich bei diesem Gedanken sofort ruhiger. Wenn er Tod war – und sie tot – dann war alles vorbei. Nicht so, wie sie es sich gewünscht hätte, alles andere als das, aber es war zu Ende. Sie hoffte nur, dass sich jemand fand, der sich um Lucy, ihre Katze, kümmerte. Und –

„Ich sagte doch schon: ich bin nicht tot!“, rief der Mann. Dann schien ihm ein Licht aufzugehen. „Oh, du glaubst, ich sei ER?“ Und dann lachte er lauthals. „Oh, Junge. Nein, bin ich nicht. So wichtig bist du nicht. Ich frage mich ohnehin, warum ich dich persönlich holen sollte. Normalerweise ist das nämlich nur ganz bestimmten Personen vorbehalten. Und du passt ganz sicher nicht dazu. Selbstmörderinnen – “

„Ich wollte mich doch nicht umbringen!“, rief Nicky empört. Nicht wegen Karl. Soviel Ehre hatte der Mistkerl nicht verdient.

„Entschuldige, wenn ich dir da widerspreche. Nur jemand mit deutlichen suizidalen Absichten fährt in so halsbrecherischem Tempo eine so unberechenbare Strecke bei so desaströsen Witterungsverhältnissen.“ Plötzlich schien ihm etwas einzufallen. Er stöhnte auf. „Na prima. Jetzt hast du mich völlig aus dem Konzept gebracht. Können wir jetzt bitte wieder zum Wesentlichen zurückkommen? Ich habe einen ziemlichen straffen Zeitplan. Und – “ Er schaute auf etwas, das einer ziemlich großen Armbanduhr ähnelte, aber doch gänzlich verschieden von allen Modellen war, die Nicky je gesehen hatte.

„Was ist?“, fragte sie.

„Wie es scheint, haben wir eine ganze Stunde, ehe sich das Tor zur Unterwelt wieder öffnet.“ Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, stand diese Erkenntnis auf einer Stufe mit der Nachricht, dass man gerade sein Hündchen überfahren hatte.

„Tor zur Unterwelt?“, echote Nicky perplex. „Du meinst, ich komme in die Hölle? Das ist nicht fair!“, protestierte sie.

„Ähm, nicht Hölle – Unterwelt“, verbesserte er. „Totenreich. Erst dort wird entschieden, wie es weitergeht.“

„Aha“, machte Nicky.

„Kann ich jetzt mein Sprüchlein aufsagen, damit wir endlich voran kommen?“

„Wie heißt du?“, wollte Nicky wissen.

Der Mann verzog das Gesicht. „Warum bestehst du darauf, es mir so schwierig wie möglich zu machen?“

„Weil ich nichts mehr zu verlieren habe?“, antwortete Nicky mit einem Schulterzucken.

„Oh, da irrst du dich. Aber – “

„Wie? Ich dachte, mit dem Tod endet alles?“

Er lachte. „Träum weiter. Außerdem sollte dir unsere Unterhaltung Beweis genug sein, dass eben nicht alles mit dem Ende des Lebens nun ja, endet.“

„Fein. Trotzdem will ich deinen Namen wissen.“

„Wenn es denn unbedingt sein muss“, meinte er und verdrehte leicht die Augen. „Nenn mich Taran.“

Nicky stutzte. „Taran wie in Taran und der Zauberkessel?“

„Nein, Taran wie in Taranis der Donnergott.“ Er konnte es sich nur schwer verkneifen, sich nicht bei der Vorstellung in Pose zu werfen. Lang, lang ist’s her, dachte er ein wenig wehmütig.

„Oh?“, machte Nicky. „Heißt der nicht Thor?“, fragte sie dann neugierig. Für einige Momente dachte sie nicht daran, dass sie ja eigentlich ganz andere Sorgen haben sollte, als sich um die Götterwelt Gedanken zu machen.

„Thor ist – war – mein Kollege“, gestand Taran. „Aber im Zuge diverser Umstrukturierungsmaßnahmen bin ich einer anderen Abteilung zugeteilt worden.“

„Du bist Tods Gehilfe?“, hakte Nicky nach.

„Nein, eher sein Praktikant. Und nicht mal sein einziger. Aber das würde jetzt zu weit führen, wenn ich dir alles erklären würde. Du musst nicht wissen, wie das mittlere Management seine Abteilungen koordiniert.“

Taran runzelte die Stirn. Warum erzählte er ihr nicht gleich, dass Gott und der Teufel sich jeden dritten Sonntag im Monat zum Tennisspielen trafen? Oder dass Taran selbst in diesem Jahrhundert die Aufgabe zufiel, sich um Zerberus zu kümmern? Viel überraschender und verstörender war jedoch die Versuchung, der Frau alles über ihn selbst zu erzählen – seine Vorlieben und Abneigungen und alles dazwischen. Verrückt. Absolut verrückt! Das war ihm noch nie passiert! Dann konnte er ihr ja gleich erzählen, was an dieser Frau so besonderes war, dass er persönlich ihr Geleit ins Totenreich übernehmen musste – auch wenn das der schwerste Gang war, den er jemals unternehmen würde.

Nicky holte ihn aus seinen Gedanken. „Wer passt jetzt nicht auf, hm?“, fragte sie herausfordernd.

„Bist du sicher, dass du einen ehemaligen Gott ärgern solltest?“, entgegnete Taran drohend, konnte aber nicht verhindern, dass seine Mundwinkel leicht zuckten. Es konnte doch unmöglich sein, dass er das Gespräch amüsant fand. Ihm war eher nach Heulen zumute.

„Gegenfrage: warum sollte ich es einem ehemaligen Gott einfach machen?“

„Weil er dir vielleicht helfen könnte.“

„Kannst du mich wieder – lebendig machen?“, fragte Nicky sofort und hasste sich ein wenig dafür, dass sie so wahnsinnig hoffnungsvoll klang.

Taran musste es auch gehört habe, denn er schüttelte den Kopf und schaute sie zu gleichen Teilen zerknirscht und verärgert an.

„Dann gibt es für mich keinen Grund, dir deine Aufgabe leicht zu machen“, sagte Nicky und bemühte sich wirklich, sich ihre Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. „Außerdem musst du mich ja nicht mehr lange ertragen, richtig? Sobald du mich los bist, kannst du ja wieder zu deinem langweiligen, mürrischen Selbst zurückkehren.“

„Wie kommst du denn bitte darauf, dass ich langweilig und mürrisch sei?“, empörte Taran sich prompt. „Ich kann dir versichern, dass ich weder das eine noch das andere bin!“

Nicky lachte auf. „Wenn du das sagst.“

Darauf wusste Taran nichts zu sagen. Er wusste, er konnte nur verlieren, wenn er es trotzdem tat. Stattdessen schlug er mit einem Blick in die Runde vor: „Ich kenne eine recht ordentliche Kneipe im Limbus. Dort können wir etwas bequemer darauf warten, dass sich unsere Wege wieder trennen.“ Er sah förmlich, wie sich Fragen in Nickys Kopf formten, während er sprach. Um zu verhindern, dass sie durch eben diese Fragen noch länger im Schneegestöber neben einem Autowrack und einer eingeklemmten Leiche herumstanden, nahm er die Sache in die Hand – und Nicky bei der Hand – und brachte sie in Die Wartehalle.

„Oh“, machte Nicky und schaute sich in der ziemlich düsteren Kneipe um, in der eine seltsam ruhige, ja fast besinnliche Atmosphäre herrschte. Sie bekam kaum mit, wie Taran sie an einen Tisch setzte und kurz darauf zwei Becher mit ominös dampfendem Inhalt vor sie beide hinstellte. Nicky beäugte ihren Becher skeptisch.

„Das ist nur Tee“, erklärte Taran. „Und außerdem: es ist ja nicht so, als könntest du sterben.“

Bei seinen wenig feinfühligen Worten wurde Nicky erst richtig bewusst, weshalb sie hier war. Und mit wem sie hier war. Zum ersten Mal, seit sie nach dem Unfall aufgewacht war, hatte sie keinen Zweifel mehr daran, dass es kein Zurück mehr gab. Aus die Maus. Ende.

Taran bemerkte sehr wohl, dass sich etwas veränderte. Das tat es immer. Allerdings hatte Nicky deutlich länger gebraucht, als andere, die er begleitet hatte. Und zum ersten Mal blieb Taran nicht unbeeindruckt von dem, was mit den Toten vor sich ging, die er auf ihrem letzten Weg leitete.

„Warum hattest du es so eilig auf der Straße?“, fragte er schließlich, um Nicky nicht ihren eigenen, offensichtlich wenig angenehmen Gedanken zu überlassen.

Nicky lachte leise. „Sag bloß, du hast das Dossier nicht gelesen.“

„Dossier?“, gab Taran verständnislos zurück.

„Naja, gibt man euch denn keine Informationen über die Personen, die ihr holt?“

„Das schon, aber diese Informationen sind eher allgemeiner Natur“, antwortete Taran langsam. „Außer Ort und Zeitpunkt des Todes erfahren wir so gut wie nichts zusätzlich.“ Dass das nicht die ganze Wahrheit war, konnte er ihr ja schlecht sagen.

„Also weißt du nichts von meinem Glück mit Männern?“ Nicky verzog das Gesicht und nahm sich vor, tapfer zu bleiben. Nein, sie würde jetzt ganz sicher nicht zu weinen anfangen. Sie hatte schließlich auch nicht geweint, als sie Karl zusammen mit seiner vermeintlichen Ex-Frau im Bett erwischt hatte.

„Ich kann keine Gedanken lesen“, gestand Taran.

Nicky lachte nervös. „Da sind wir schon zwei. Ich kann nämlich auch keine Gedanken lesen, aber irgendwie scheint das, eine unabdingbare Eigenschaft im Umgang mit Männern zu sein.“

Taran verschluckte sich an seinem Tee. „Umgekehrt wird ein Schuh draus. Im Umgang mit euch Frauen müssen wir Männer praktisch magische – um nicht zu sagen: übernatürliche – Fähigkeiten besitzen. So viele Fettnäpfchen!“, beschwerte er sich.

Nicky beobachtete Taran aufmerksam, und er hielt ihrem forschenden Blick scheinbar mühelos stand. „Welche Frau hat dir wehgetan?“, fragte sie schließlich leise.

„Wer sagt denn, dass es bloß eine war?“ Tarans breites Grinsen wirkte aufgesetzt und strafte seine nonchalant vorgebrachten Worte Lügen.

Das Schweigen zwischen ihnen wog bleischwer.

„Themenwechsel?“, sagten sie schließlich beide gleichzeitig und konnten dann nicht anders, als zu lachen.

„Wie lange noch?“, fragte Nicky dann und wich Tarans Blick aus. Verdammt! Warum fühlte sie sich mit einem Mal fast ängstlich bei dem Gedanken, dass es in absehbarer Zeit wirklich vorbei wäre? Und ihre größte Sorge war in diesem Augenblick auch nicht einmal das Ende ihres Lebens, sondern das Ende ihrer Zeit mit Taran.

Taran schien genauso irritiert von ihrer Frage, wie Nicky selbst. Natürlich zog er den Schluss, dass Nicky es nicht erwarten konnte, endlich von ihm befreit zu sein. Dieser Gedanke traf ihn unerwartet heftig und ließ Ärger in ihm hochkochen. „Du wirst mich schon noch früh genug los“, sagte er grob. Ein Blick auf seinen Ebenen-Chronometer zeigte ihm, dass sie tatsächlich nur noch Minuten hatten, bis sie das Tor zur Unterwelt für sie öffnen würde. Es waren nur noch Minuten, bis sich ihre Wege trennen würden. Und Taran hatte keine Möglichkeit, zu sagen, wie lange es diesmal dauern würde, bis sie sich wiedersahen.

Ehe Nicky das Missverständnis aufklären konnte, erschien ein Mann neben ihr, tippte ihr auf die Schulter – und ließ sie – mir nichts, dir nichts – verschwinden.

Taran sprang so schnell und heftig von seinem Platz auf, dass der Stuhl, auf dem er gesessen hatte, hinter ihm mit lautem Poltern zu Boden fiel. „Was soll das, Ozzy?“, rief er und packte den Neuankömmling am Revers seines sündhaft teuer aussehenden mitternachtsblauen Anzugs.

„ER schickt mich“, antwortete Ozzy – besser bekannt unter seinem alten Namen: Osiris – leise. „Und ER hat entschieden, dass es genug ist.“ Seine Finger schlossen sich wie Schraubstöcke um Tarans Hände und brachten den rangniederen Totenbegleiter schnell dazu, den Anzugstoff freizugeben.

„Aber es war noch nicht an der Zeit!“, protestierte Taran, obwohl er wusste, dass es keinen Sinn hatte. „ER hat kein Recht dazu, sie mir wieder zu nehmen!“ Taran merkte zu spät, dass er die Worte laut ausgesprochen hatte.

„Es obliegt nicht dir, das zu entscheiden“, wies Ozzy seinen Kollegen zurecht. „ER hat entschieden, dass du sein Geschenk nicht zu würdigen weißt, also hat er es dir wieder weggenommen. So einfach ist das.“

„Geschenk? Was für ein Geschenk?“, verlangte Taran zu wissen und wurde von einem Moment auf den nächsten sehr ruhig.

„Glaubst du, ER hat nicht gemerkt, was du am Weihnachtstag vor vier Jahren gemacht hast?“

Nein, das hatte Taran nicht geglaubt. Natürlich konnte es IHM nicht verborgen bleiben, dass Taran die falsche Seele an diesem Tag ins Totenreich gebracht hatte. Er hatte sich in all der Zeit seitdem nicht der Illusion hingegeben, dass ER nicht ganz genau darüber Kenntnis hatte, dass Taran gegen alles verstoßen hatte, was gut, richtig und heilig war.

Und das nur, weil Taran in Nicky Reynard die Seele seiner einstigen menschlichen Geliebten Ceridwen erkannte hatte.

Vor vier Jahren hatte er es einfach nicht über sich gebracht, sie ein zweites Mal vom Leben zum Tode zu geleiten. Deshalb hatte er eine andere Seele ins Totenreich gebracht. Dass Taran heute erneut von IHM ausgesandt worden war, um die geliebte Seele zu holen, konnte nur bedeuten, dass ER Bescheid wusste und Taran bestrafen wollte. Besonders perfide fand Taran, dass es auch diesmal in der Weihnachtszeit war, dass er Nickys – Ceridwens – Seele zu IHM bringen sollte. Aber das hatte er sich wohl selbst zuzuschreiben.

Um sich vor dem Schmerz zu schützen, der sich mit Sicherheit einstellen würde, wenn er zuließ, dass ihn die Situation zu sehr vereinnahmte, hatte er sich Nicky gegenüber grob und abweisend verhalten. Jetzt musste er einsehen, dass seine Vorsichtsmaßnahme völlig umsonst gewesen war. Es tat höllisch weh, zu wissen, dass er seine Geliebte zum zweiten Mal verloren hatte. Und dass er, wenn er Ozzys Worten glaubte, selbst dafür verantworten musste, dass sie fort war. Zu spät erkannte Taran das Geschenk, das ER offensichtlich versucht hatte zu machen.

„Was geschieht jetzt mit ihr?“, wollte Taran wissen. Seine Stimme war kaum lauter als ein Flüstern.

„Du machst dir noch immer Sorgen um sie?“, fragte ausgerechnet der Gott, der seine fortgesetzte Existenz der grenzenlosen Liebe einer Frau verdankte. „Du solltest dir lieber Gedanken um dein eigenes Schicksal machen.“

Taran wollte schon den Kopf schütteln und beteuern, dass das einzige, was wirklich jemals für ihn gezählt hatte und zählen würde, die Seele seiner Geliebten war, aber Ozzy kam ihm zuvor.

„Da du Geschenke nicht erkennst, ist dir mit einer Strafe wohl besser gedient“, kündigte er an. „Kraft der mir von IHM verliehenen Fähigkeiten und Befugnisse, verfüge ich, dass du von jetzt an –“

Taran bekam nichts mehr mit. Alles um ihn herum, einschließlich seiner eigenen Gestalt, wurden von der durch Ozzy herbeigerufenen Macht erfüllt. Er wusste, er hatte eine Strafe verdient. Aber auch in diesem Moment größter Pein kannte er nur einen Gedanken: Lass es ihr gut gehen!

*

Nicky kam dadurch zu sich, dass ihr jemand nicht allzu sanft die Wangen tätschelte.

„Hey, können Sie mich hören?“, fragte eine seltsam vertraute Stimme, die Nicky jedoch für den Moment nicht einordnen konnte.

Blinzelnd öffnete sie die Augen. Sofort sah sie, dass sie noch immer in ihrem Auto saß. Ihrem Auto, das sie gegen einen Baum gefahren hatte. Allerdings schien der Schaden geringer zu sein als der, an den sie sich erinnerte.

Mooooment.

Wieso erinnerte?

„Gott sei Dank“, sagte der Mann an ihrer Seite hörbar erleichtert. „Haben Sie Schmerzen? Können Sie sich bewegen?“

Versuchsweise hob Nicky ihre Arme und bewegte ihre Füße und Beine. „Mir – ist nichts passiert“, sagte sie dann verwundert. Dann schaute sie endlich den Mann an, der ihr bereits half, sich aus ihrem Sicherheitsgurt zu befreien.

„Taran?“, fragte sie unsicher.

„Kennen wir uns?“, fragte der Mann zurück und lächelte unsicher, während er einen Schritt zurück machte, damit Nicky aussteigen konnte.

„Ich – weiß nicht“, sagte Nicky perplex. Sie wusste wirklich nicht, warum sie ihn ausgerechnet mit diesem Namen bedacht hatte.

„Ich heiße tatsächlich Taran“, teilte ihr der Mann mit und hielt ihr eine Hand hin, damit sie sich abstützen konnte. „Nicht gerade ein alltäglicher Name“, plapperte er weiter.

„Mir gefällt er“, erklärte Nicky wahrheitsgemäß und bewegte sich vorsichtig, ganz so, als erwartete sie, dass es jeden Augenblick weh tun könnte. Aber zu ihrer großen Überraschung und noch größeren Dankbarkeit schien sie sich wirklich nichts getan zu haben. Warum kommt er mir nur so vertraut vor?

„Das ist – schön“, erwiderte Taran lächelnd. „Verraten Sie mir Ihren Namen?“

„Nicky. Nicky Reynard.“ Sie machte einen Schritt auf ihn zu und hätte um ein Haar den Halt verloren, aber Taran war sofort zur Stelle.

„Passen Sie auf, Nicky! Es ist spiegelglatt“, warnte er. „Kein Wunder, dass Sie mit ihrer – mit Verlaub – alten Karre Probleme hatten. Die Reifen haben ja kaum noch Profil. Wenigstens sind Sie wegen des Schneefalls wohl langsam gefahren. Sonst –“ Er ließ das Ende des Satzes unausgesprochen.

Nicky schauderte und sah kurz über ihre Schulter zu ihrem übel zugerichteten Wagen zurück. Sie konnte sich nicht daran erinnern, was ihrem Unfall vorausgegangen war. Warum war sie überhaupt auf dieser Straße unterwegs gewesen? In einem Schneesturm? Bei Nacht? Es grenzte an ein Wunder, dass alles glimpflich für sie abgelaufen war. Und ein fast noch größeres Wunder erschien ihr die Tatsache, dass Taran denselben Weg genommen und sie dann auch noch im Straßengraben gesehen hatte. Sie schluckte angestrengt, als ihr etwas klar wurde. „Ja, ich kann froh sein, dass ich noch lebe.“

„Und ich erst“, stimmte Taran ihr zu und grinste verlegen. „Ich kann Sie mitnehmen, wenn Sie wollen“, bot er dann an.

Natürlich wollte Nicky. Schließlich konnte sie solch ein Geschenk nicht einfach ausschlagen. Und wenn sie sich nicht sehr täuschte, dann dachte Taran neben ihr genau dasselbe.


Ende Gelände

Date: 2012-12-16 11:19 am (UTC)
From: [identity profile] tsutsumi.livejournal.com
Wow, das war fantastisch!

So eine schöne, runde Geschichte und dann noch mit einem glücklichen Ende (ich hatte irgendwann nicht mehr damit gerechnet, so verfahren, wie das alles war). Du schreibst wirklich fabelhaft - ich freue mich auf mehr von dir in der Comm =D Immer weiter so!

Profile

120_minuten: (Default)
Die Uhr läuft ... jetzt!

Most Popular Tags

January 2026

M T W T F S S
   1 234
567891011
12131415 161718
19202122232425
262728293031 

Style Credit

Powered by Dreamwidth Studios