2. Türchen [Ghosts that we knew]
Dec. 2nd, 2012 06:46 pmFandom: Original, die Sache mit den Werwölfen (mehr findet ihr unter dem entsprechenden tag)
Charaktere/Pairings: Tristan, Reese, Katie/Jake
Challenge: #1 Vorfreude ist die schönste Freude #2 Raum/Platz/Weite von
de_bingo
Warnungen: Angst
Vorwort: Tristan ist eigentlich einer der Antagonisten meiner Original. Eine viel zu lange Innenansicht.
"Ich will dass ihr doppelt besetzt Patrouille lauft", befahl Daniel. "Morgen ist Vollmond."
"Morgen ist Weihnachten", sagte Tristan, und er wusste selbst nicht warum. Er war sicher ganz sicher, dass nichts seinen ältesten Bruder noch weniger interessieren würde als das.
"Ja. Und Vollmond", erwiderte Daniel knapp. "Doppelte Patrouille. Keine Ausrede. Schleif die anderen an den Eiern nach draußen, wenn sie was von wegen 'Essen bei Großmutter' erzählen. Ich will sowas nicht hören."
"Okay."
"Sag nicht, dass du wieder mit allem überfordert bist." Es klang ungnädig, sogar durch die verrauschte Telefonverbindung hindurch, und Tristan spürte wie er unwillkürlich zusammenzuckte.
"Nein."
"Denkst du, ich oder Sidney hatten nicht auch immer irgendeine Ausrede, wieso es grade nicht passend war?" fuhr Daniel gnadenlos fort. "Schularbeiten, Geburtstag, alle anderen gehen auf eine Party, es ist Weihnachten, der Truthahn wird kalt - fang nicht an zu heulen. Das Leben ist hart."
"Ich heule nicht."
Tristan hatte nicht mehr geheult seit er dreizehn Jahre alt gewesen war. Direkt nachdem seine Mutter, ohne ein Wort zu sagen, eines nachts mit ihm in den Wald gefahren war, den Wagen angehalten hatte und ihn gezwungen hatte auszusteigen. Sie war mit durchdrehenden Reifen davon gefahren und hatte ihn dort stehen lassen. Im Schlafanzug.
Seitdem war sie nicht mehr 'Mum'. Seitdem war sie 'Aileen".
Aber seit dieser Nacht war sowieso alles anders.
Er hielt es nicht für sinnvoll, das zu erwähnen. Er war sicher, dass Daniel in seinem ganzen Leben noch nie geheult hatte. Vermutlich war er schon mit drei Jahren einsam durch den Wald gestreunt, hatte sich in einen riesigen Wolf verwandelt und allem, was ihm in die Quere kam die Kehle durchgebissen.
"Reese…", sagte er zögernd, aber Daniel unterbrach ihn sofort. Tristan war nicht sicher, wieso er je etwas anderes erwartet hatte.
"Es ist mir egal, wenn er schmollt", sagte Daniel kühl. "Von mir aus kann die kleine Prinzessin auf seiner Erbse liegen und vor sich hin weinen. Ich will nur wissen, dass er die Klappe hält. Hält er die Klappe?"
"Ja."
"Gut. Das ist das letzte was wir gebrauchen können, dass er jetzt herumrennt und Terror macht. Halt ihn unter Kontrolle."
"Ja."
"Ich will, dass nur einmal was richtig läuft, ohne dass Sid und ich dabei sind und euch auf die Finger schauen." Daniel klang gereizt.
"Es wird alles gut laufen." Er überlegte, wen er morgen von seiner Familienfeier schleifen und zur Patrouille einteilen konnte. Und er überlegte, ob Daniel es mitbekommen würde, wenn er die Grenze doch ganz alleine ablaufen würde.
Es war ja nicht so, als ob er hier auftauchen würde, nur weil Weihnachten war.
Vorfreude, dachte er spöttisch, war nicht nur die schönste Freude, sondern auch die einzige.
~
Reese saß auf der Fensterbank. Seit zwei Stunden.
Die Fensterscheibe war beschlagen von seinem Atem und bedeckt von seinen verschmierten Fingerabdrücken; Aileen hatte ihn schon dreimal gerufen, damit er den Tisch deckte und Tristan… Tristan versuchte seine gesamte Anwesenheit oder Existenz auf diesem Planeten einfach zu ignorieren.
Es war leichter jemanden zu ignorieren, wenn derjenige einen umgekehrt nicht auch ignorierte, das hatte er schon vor Wochen festgestellt. Das machte das ganze irgendwie deutlich weniger befriedigend.
Das, und Reese hatte die Angewohnheit mit einer lautstarken Nachdrücklichkeit zu schweigen, die zwischen den Wänden widerhallte wie ein wummernder Bass, der einem durch die Knochen und in der Magendecke vibrierte.
Die Stille war wie ein Phantomschmerz, der ihn permanent daran erinnerte, dass etwas fehlte.
Reese seufzte. Es war ein leises Geräusch, beinah unabsichtlich. Er presste seine Schläfe an die kalte Fensterscheibe und sein Atem hinterließ einen kleinen weißen Fleck.
Es war nicht so, als ob Tristan ihn beobachtete. Aber das Fenster im oberen Flur lag nun einmal genau zwischen Tristans Zimmer und dem Bad. Er musste an ihm vorbeilaufen.
"Himmelherrgott nochmal!" fauchte Aileen, nachdem Reese sie jetzt zehn Minuten lang ignoriert hatte. Ihre Stimme klang gedämpft durch das Treppenhaus nach oben. "Tristan! Tris~TAN!"
Sie hatte eine Angewohnheit seinen Namen zu sagen, wie es nur Mütter konnten, mit einer Betonung auf Silben wo keine Betonung hingehörte und der Ausdehnung aller Silben, bis der Name sich doppelt so lang anhörte als er eigentlich war.
Er hielt inne, das Handtuch um seine Finger geschlungen. "Ja?"
"Sag deinem Bruder, wenn er seinen Hintern nicht sofort nach unten bewegt, dann versohl ich ihn! Er ist nicht zu alt, dass ich ihn nicht übers Knie legen kann."
Tristan lehnte am Treppengeländer und schwieg. Er starrte die dunkle Wendeltreppe hinab und fragte sich, ob er so lange stillhalten und die Luft anhalten und keinen Mucks machen konnte, bis sie vergessen hatte, dass ihr drittältester Sohn überhaupt existierte.
"Tristan!" bellte sie. Er hörte wie sie erneut Luft holte und kniff die Augen zusammen.
"Ja", sagte er schnell, bevor sie seinen Namen erneut brüllen konnte. "Ja, okay."
Sie schnaufte ungehalten. Dann hörte ihre Schritte auf den Dielen, als sie zurück in die Küche stakste.
Tristan drehte sich um und verschränkte die Arme. Seine Haare war noch nass von der Dusche und Wassertropfen perlten kühl seinen Nacken hinab und versickerten unangenehm feucht in dem Stoff seines Hemdes.
"Du hast sie doch gehört", sagte er kühl.
Reese schwieg. Dass er den Kopf senkte, so dass ein paar seiner dunkelblonden Locken nach vorne kippten war die einzige Reaktion.
"Was? Ignorierst du Aileen jetzt auch?"
Ein unmerkliches Schulterzucken unter dem viel zu weiten, viel zu dicken Hoodie war die Antwort.
"Oh wow!" sagte er sarkastisch. "Wieso gibst du dich nicht einfach selbst zu Adoption frei, wenn wir alle so schrecklich sind?"
"Wütend? WÜTEND? Du hast mich belogen! IHR habt mich belogen! Die ganze Zeit! Und du WUNDERST dich, dass ich so wütend bin?!"
"Ich habe nie gelogen!"
"Verschweigen ist genauso schlimm!"
"Es war ganz anders!"
"Wie seid ihr je auf die Idee gekommen, dass es KEINE relevante Information für mich ist, dass ihr euch in VERDAMMTE WERWÖLFE verwandelt?!"
Tristan spürte wie seine Fingernägel sich in seine Handflächen bohrten und registrierte vage überrascht, dass er die Hände zu Fäusten geballt hatte. Vergeblich versuchte er seine Finger zu entkrampfen.
Er hasste dass Aileen ihn dazu brachte, die Regeln ihres kalten Krieges als Erster zu brechen.
Er hasste, dass Reese ihn dazu brachte, sich so zu fühlen.
"Wieso starrst du überhaupt so mondsüchtig nach draußen?" platzte es aus ihm heraus. "Sie kommen sowieso nicht."
'Sie' waren Daniel und Sidney.
Nummer eins und Nummer zwei von Aileen Osmonds Söhnen und genauso verachtenswert, verlogen und schrecklich wie Tristan - wenigstens wenn es nach Reese ging.
Aber sie waren natürlich nicht da. Sie waren weit weg, in Sicherheit vor Aileens heiligem Zorn und vor Reese' düsterem Schweigen. In Sicherheit vor Patrouillen, die gelaufen werden mussten und dem einsamen, endlosen, eiskalten Wald von Fenton.
Reese verzog das Gesicht. "Ich warte nicht", sagte er vehement. "Auf niemanden."
Tristan runzelte die Stirn.
Das war so offensichtlich gelogen und gleichzeitig konnte er sich nicht vorstellen, dass Reese wirklich auf…
Aber vielleicht wartete er gar nicht auf Daniel und Sid.
(Vermutlich war Tristan der einzige, der vergeblich auf sie wartete.)
Eigentlich gab es inzwischen überhaupt nur noch einen Menschen, nach dem Reese so sehnsüchtig Ausschau halten würde.
Und das war nicht mehr Tristan.
Vielleicht, dachte er bitter, vielleicht war er es auch nie gewesen.
"Und das ist nicht mal das Schlimmste an der ganzen Sache! Wir haben die völlig irrelevante Tatsache 'vergessen', dass ihr als Wölfe herumrennt, die andere Menschen umbringen!"
"Es sind keine Menschen."
"Es SIND Menschen! Und ihr tötet sie! Erzähl mir nicht… sag nicht, dass es irgendetwas gibt, was das rechtfertigt! IRGENDWAS! Es gibt nichts…" Reese' Stimme stolperte und brach ab, flatternd und zittrig wie der fliegende Puls an seiner Kehle. "Es gibt nichts, womit du das rechtfertigen kannst. Nichts!"
Aber nein, das stimmte nicht. Es hatte einmal eine Zeit gegeben, als Reese vier gewesen war und Tristan acht, und Reese jeden Tag sein kleines Babygesicht am Fenster platt gedrückt hatte, bis Tristan von der Schule zurückgekommen war. Daniel und Sidney hatten sich ewig darüber lustig gemacht und Tristan gnadenlos damit aufgezogen, aber tief drin… es war immer irgendwie schön gewesen, dass Reese von all seinen Brüdern immer nur auf ihn so gewartet hatte.
Tristan stellte sich vor, dass der Abdruck seines kleinen, sehnsüchtigen Gesichts auf alle Ewigkeit in das Glas eingebrannt war, wie in Stein gemeißelt.
Die eine Sache, die blieb, wenn alles andere und jedes Gefühl, was Reese je für seinen großen Bruder gehabt hatte nun Vergangenheit war.
Er wandte sich ab. Behutsam zog er das feuchte Handtuch von seiner Schulter und warf es in den Wäschekorb.
Auf der ersten Treppenstufe blieb er stehen.
"Ich weiß, du hältst mich für Hitler", sagte er, ohne sich umzudrehen. Sofort biss er sich auf die Unterlippe, wütend auf sich selbst, weil er angefangen hatte zu reden, ohne das Ende zu kennen.
Er betrachtete seine Finger auf dem Treppengeländer, seltsam losgelöst, als gehörten sie nicht zu ihm. Sie waren hell und kalt wie Marmor auf dem schwarzen Holz.
Aber wir haben nur getan, was wir getan werden musste.
Irgendjemand musste es tun.
Es war für Fenton.
Es war für dich.
Kannst du dir überhaupt vorstellen, dass es immer auch für dich war?
Aber er brachte nichts von alle dem über die Lippen.
~
Der Schnee knirschte unter seinen Schuhsohlen.
Einzelne Flocken landete auf seinem Kopf und verwandelten seine nassen Haare zu Eis. Er hätte sich verwandeln können, aber er fühlte sich so durch und durch menschlich grade. Haut und Blut und Knochen, und sein viel zu schnell pochendes Herz. Er fühlte sich so unendlich distanziert von dem Wolf in ihm, dass er nicht einmal sicher war, ob er es gekonnt hätte.
Der Mond schwebte voll und riesig und bedrohlich nah am Himmel, zerteilt vom Schatten schwarzen, kahler Äste.
Er hätte sich verwandeln sollen. Daniel hätte ihn zusammengefaltet, wenn er gewusst hätte, dass er alleine die Grenze ablief, und dazu noch in menschlicher Gestalt.
Aber es war ohnehin keine Patrouille. Tristan war ehrlich genug mit sich selbst, um wenigstens das zu zugeben.
Es war eine Flucht.
Er fragte sich, ob seine Mutter bereits angefangen den Truthahn in den Ofen zu schieben, und ob sie angefangen hatte den Baum alleine zu schmücken, nachdem es nicht so aussah, als ob Reese das dieses Jahr übernehmen würde. Und wieso sie sich die ganze Mühe überhaupt machte, nur damit sie zu dritt und in eisigem Schweigen um den Tisch herum saßen. Er fragte sich, ob Aileen jemals registriert hatte, dass Reese sowieso kein Fleisch mehr essen wollte und ob es irgendeine Rolle spielte, was ihr jüngster Sohn essen wollte und was nicht.
Es war Heiligabend, also gab es Truthahn.
Und wenn sie den beschissenen Truthahn reinzwängen mussten, bis er oben wieder rauskam.
Es war Vollmond, also lief er Patrouille.
Es war ein Netz aus Pflichten und Regeln. Es war ein Zwang und eine Sicherheit zugleich, das zu tun, was getan werden musste, was andere von ihm erwarteten. Es war das einzige, was Tristan jemals gelernt hatte.
Er wusste nicht, wie lang er lief. Es war schon lange dunkel geworden, still und tiefe Nacht, als er den Wald endlich wieder verließ, immer noch nur ein Mensch, nichts als ein armseliger Mensch, und wieder zurück zu ihrem Haus kam.
Er war schon in Sichtweite, als seine Schritte sich verlangsamten.
Ein Wagen stand ungefähr hundert Meter von ihrem Haus entfernt unter einem Baum. Es war Katies Wagen und etwas in Tristan entspannte sich wieder.
Zwei Paar Fußspuren führten durch den Schnee und führten direkt auf ihr Haus zu. Das eine Paar war klein und stammte vermutlich von Katies braunen Lederstiefeln. Das andere…
Tristan spürte wie seine Nackenhaare sich unwillkürlich aufrichteten, als er den Kopf hob.
Es dauerte einen Herzschlag, bis er Jake überhaupt entdeckte.
Jake. Natürlich. Fucking Jake.
Er stand vollkommen still. Jake war beinah eins mit der Dunkelheit, verschmolzen mit den Schatten, mit seinen schwarzen Haaren und dem dunklen Teint.
Ein Geschöpf der Nacht, wenn es je eins gegeben hatte. Dieselbe Nacht, in der sich Tristan mit seiner hellen Haut und seinen weißblonden Haaren immer wie ein leuchtender Fremdkörper fühlte, war Jakes bester Freund.
Tristan fühlte sich gleichermaßen verraten und betäubt vor Neid.
Der Wind kam aus der anderen Richtung und das war vermutlich der einzige Grund wieso Jake seine Anwesenheit noch nicht bemerkt hatte.
Im Schatten der Bäume pirschte Tristan sich näher ans Haus heran, die Augen starr auf Jakes regungslose Gestalt gerichtet.
Plötzlich bewegte Jake sich und Tristan blieb ruckartig stehen. Sekundenlang war er sicher, dass Jake ihn entdeckt haben musste.
Aber dann drang ein Geräusch an seine Ohren und er folgte Jakes Blick, der den Kopf in den Nacken gelegt hatte und aufmerksam nach oben sah.
Katie.
Unwillkürlich machte Tristan einen Schritt nach vorne. Sekundenlang zweifelte er an seinen Augen. Aber nein, es war wirklich Katie.
Sie balancierte waghalsig auf dem Vordach des Haus, Meterhoch über dem Boden. Eine Brise Schnee rieselte glitzernd wie Feenstaub auf den Boden, als sie sich bewegte und vor seinem geistigen Auge sah er sie bereits ausrutschen und, fallen, fallen …
Aber da war Jake schon nach vorne getreten.
Natürlich, dachte Tristan, und versuchte seinen hämmernden Puls zu beruhigen, natürlich hatte es nur Katie sein können, auf die Reese so sehnsüchtig gewartet hatte. Ohne Zweifel hatten sie Geschenke ausgetauscht oder selbstgemalte Weihnachtskarten, oder irgendetwas ähnlich Gefühlsduseliges, Nutzloses, was es absolut nicht wert war, dass Katie Kopf und Kragen riskierte und auf ihrem Dach herumturnte.
Behutsam ging Katie auf dem Dach in die Knie.
Der Schnee rieselte und Tristan machte erneut einen Schritt nach vorne.
Katie beugte sich nach vorne an den Rand des Daches und begann ihre Beine, eins nach dem anderen, über den Rand zu schieben. Sekundenlang baumelten sie in der Luft. Sie schien etwas zu sagen. Tristan verstand die Worte nicht, aber ihr leises, atemloses Lachen hallte sacht durch die kalte Luft zu ihm hinüber. Jake erwiderte etwas und nickte ermutigend. Er streckte ihr die Arme entgegen.
Katies Haare flatterten, als sie die letzten Meter hinuntersprang. Ihr langer Mantel war offen und blähte sich um sie herum wie ein Segel und Tristans Herz stolperte in seiner Brust.
Jake fing sie auf, so mühelos, als habe er das schon tausend Mal gemacht.
Behutsam setzte er sie auf dem schneebedeckten Boden ab, die Arme immer noch um ihre Taille. Sie blickte zu ihm hoch, schon immer so viel kleiner gewesen als er, und sie lachte erneut und Tristan konnte sich, auch ohne es zu sehen, ihren breiten, lachenden Mund vorstellen und die winzige Lücke zwischen ihren Schneidezähnen.
Er hatte sie einmal geküsst, vor gefühlten hundert Jahren, als Teenager, hinter der Schule, direkt nach dem Sportunterricht. Einfach nur so, oder möglicherweise auch nur weil die Sonne auf ihren Haaren geglitzert hatte und weil sie so hemmungslos gelacht hatte. Er hatte sie immer auf den Mund küssen wollen, wenn sie lachte.
Tristan hätte ihr niemals gestattet, so etwas gefährliches zu tun.
Aber das war vielleicht genau der Grund, wieso sie nicht mehr zusammen waren und wieso sie in erster Linie sowieso nie zusammen gepasst hatten.
Katie wollte keinen Mann, der ihr etwas untersagte, egal aus welchen Motiven. Sie hatte nie jemanden gewollt, der sie davon abhielt zu klettern.
Katie hatte immer nur jemanden haben wollen, der unten stand und sie auffing, wenn sie fiel.
Aber das hatte Tristan ja noch nie gekonnt.
Nicht bei Katie und nicht bei Reese.
Er hatte sie alle immer nur hinter Glasscheiben sehen wollen, in sicherer Distanz, in warmen Häusern, abgeschirmt und unberührt von allem Bösen und allem Schlechten, sanft gebettet in schöne Lügen, und sicher vor jeder Gefahr, sicher vielleicht sogar vor ihm selbst.
Es war die einzige Art, auf die er jemanden lieben konnte.
Aus sicherer Entfernung.
Langsam ging er die letzten Meter auf das Haus zu.
Er gab sich keine Mühe leise zu sein. Seine Schritte knirschten im Schnee und er sah wie Katie Jakes Arm los ließ, und wie Jake herumfuhr und sich anspannte.
"Tristan." Es war Katie, die seinen Namen sagte. Sie trat hinter Jake hervor, auf ihn zu. "Hallo."
Tristan nickte. Beinah unwillkürlich flackerten seine Augen hinüber zu Jake.
Jake nickte ihm zu, unmerklich und zögernd, als sei er nicht sicher wie willkommen er hier war. Er war es nicht. Nicht heute und nicht jemals.
"Wir haben auch eine Eingangstür", sagte Tristan schließlich und nur an Katie gerichtet. "Du hättest sie benutzen können."
Katie knöpfte mit einer Hand ihren Mantel zu, während sie mit der anderen ihre Haare aus dem Kragen hob und nach hinten warf. "Ich weiß. Entschuldige. Ich wollte keinen Ärger machen. Ich dachte, deine Mutter ist vielleicht nicht unbedingt scharf darauf, mich ausgerechnet an Heiligabend im Haus zu haben." Sie klang entschuldigend, als ob es ihre Schuld war, dass Aileen Osmond sie verabscheute.
Es war nicht ihre Schuld. Nicht wirklich.
Aileen hatte einfach noch nie gut mit Menschen gekonnt, die nicht nach ihrer Pfeife tanzten. Und absolut gar nicht konnte sie mit Menschen, die das Geheimnis ihrer ältesten Söhne kannten und eine potentielle Gefahrenquelle für sie darstellten.
"Hast du… war Reese…?" Er brach ab. Er wusste nicht einmal was er hatte sagen wollte.
"Warst du auf Patrouille?" fragte sie gleichzeitig und machte noch einen Schritt auf ihn zu. "Tristan…?" Sie runzelte die Stirn. "Was hast du gemacht? Deine Haare sind voller Eis."
Er schüttelte den Kopf. "Es ist Winter", sagte er kühl.
Es war das einzige, was ihm einfiel.
"Es ist Weihnachten", sagte sie, im selben Tonfall, in dem er es einen Tag zuvor zu Daniel gesagt hatte. Als ob es irgendetwas zu bedeuten hätte.
"Ist mir aufgefallen."
Sie legte den Kopf schief und er wich ihrem Blick aus. "Was ist los?" fragte sie.
"Nichts."
Er sah, ohne es sehen zu wollen, Jakes Hand an ihrem Ellbogen, so schrecklich vertraut und so beiläufig, und er sah wie Jakes Augen unablässig die Gegend absuchten, die Anspannung in seinen Schultern, die Art wie er alles im Auge behielt.
Tristan wusste, nach was er Ausschau hielt. Es war ein kleiner, hässlicher Impuls, es zu auszusprechen, die Lüge wahrmachen zu wollen.
"Die anderen werden bald hier sein." Er sagte es zu Katie, aber er sah Jake dabei an. "Ihr solltet von hier verschwinden."
Etwas in ihrem Gesicht zerfiel, so als hätte er sie körperlich zurückgestoßen. Sekundenlang sah sie traurig aus und beinah hasste er sich dafür, dass er dafür verantwortlich war. Schließlich nickte sie. Sie ließ die Hand sinken, von der er nicht einmal bemerkt hatte, dass sie sie nach ihm ausgestreckt hatte. "Okay."
Sie zog den Mantel enger um die Schultern und wandte den Kopf zu Jake. Sie tauschten Blicke aus und Tristan starrte angestrengt auf seine Schuhspitzen.
"Frohe Weihnachten, Tristan", sagte Katie schließlich sacht. Zu seiner Überraschung war sie die erste, die an ihm vorbeilief, Jake folgte mit einigen Metern Abstand.
Er ging so dicht an Tristan vorbei, dass ihre Schultern sich streiften. Es hätte eine Provokation sein können, aber seltsamerweise fühlte es sich nicht so an. Auf gleicher Höhe mit ihm blieb Jake stehen.
"Du bist der einzige, der heute Nacht unterwegs ist", sagte er, gerade noch hörbar.
Tristan versteifte sich.
Jake nickte als wäre das eine Bestätigung gewesen.
"Du weißt ja, wo wir uns rumtreiben", fuhr er fort. Aus den Augenwinkeln sah Tristan wie er die Schultern hob und die Hände in den Hosentaschen seiner Jeans vergrub. "Falls du einen fortgesetzten Waffenstillstand über die Feiertage aufrechterhalten kannst, bist du herzlich eingeladen."
Tristan ballte die Fäuste.
Er fuhr er herum, aber Jake war schon einige Schritte weitergelaufen und er hatte Katie beinah eingeholt.
Schweigend starrte er ihrem Wagen hinterher, als sie zurück in die Dunkelheit fuhren, aus der sie gekommen waren. Er holte tief Luft und hatte das Gefühl nichts als Eiskristalle einzuatmen.
Ruckartig wandte er sich von seinem Haus ab. Er machte eine zweite Runde. Und schließlich eine dritte.
~
Als er endlich zurück nach Hause kam, war es weit nach Mitternacht. Alles war still.
Die Lichter waren erloschen, die Kerzen waren aus, und der Baum war ein dumpfer, schwarzer Schatten im Wohnzimmer. Ein schwacher Geruch nach Truthahn und nach verbranntem Wachs lag noch in der Luft, vereinzelte blaugraue Rauchschwaden schwebten durch die Zimmer.
Es roch beinah wie Weihnachten, aber nur fast. Wie mumifizierte, konservierte Reste von Weihnachten, etwas das einmal gelebt hatte, aber jetzt tot war und leise vor sich hin vermoderte.
Leise stieg er die hölzerne Wendeltreppe in das obere Stockwerk, zog er seinen schneebedeckten, durchgeschwitzten Klamotten aus und stieg unter die Dusche. Als er zurück in sein Zimmer kam, vorbei an den leer stehenden Zimmern seiner Brüder (mumifizierte Zimmer, in denen noch der schwache Geruch nach verschwitzten Sportsocken, vergilbten Comicheften und nassem Fell in der Luft hing, wie eine stetige Erinnerung daran, wie leer das Haus geworden war), saß Reese auf seinem Bett.
Tristan blieb im Türrahmen stehen. Reese blickte auf. Er sah müde aus, und so als ob er zu lange gewartet hatte.
Er saß im Schneidersitz auf der Bettkannte und hatte die Decke über sich gezogen. Er war barfuß und trug einen lächerlichen Kinderpyjama, aus dem er schon seit Jahren herausgewachsen war. Seine bleichen, mageren Knöchel ragten unten aus dem Stoff hervor und der ausgefranste Stoff seiner Ärmel bedeckten seine Handgelenke nicht mehr. Er sah aus wie sechs, anstatt sechzehn.
Ihr Schweigen hing in der Luft wie Reste einer mumifizierten Geschwisterliebe, von der nichts mehr übrig war außer Staub und kalter Asche.
Tristan senkte den Kopf und lief an seinem Bett vorbei zu seinem Kleiderschrank. Ohne hinzusehen angelte er nach einem T-Shirt und einer Sporthose, die er unter dem Handtuch über die noch feuchte Haut zerrte.
"Ich habe kein Geschenk für dich", sagte Reese hinter ihm leise. Tristan pausierte mitten in der Bewegung, das T-Shirt bereits zur Hälfte übergezogen und ein Arm in dem kratzigen Stoff verheddert.
Er konnte nicht sagen, dass er überrascht war.
Aber es war das erste Mal seit zwölf Jahren, dass Reese ihm nachts kein Geschenk ins Zimmer gelegt hatte.
"Ist egal." Seine Stimme klang rau von der Kälte und er fühlte sich fiebrig und unwirklich, als ob sein Körper sich nicht entscheiden konnte, ob er fror oder nicht.
Langsam ließ er das T-Shirt über seinen bloßen Rücken gleiten und schloss die Türen seines Kleiderschrankes. Wenn er sich umdrehte, das wusste er, würde Reese immer noch da sitzen, auf seinem Bett, in seinem albernen Schlafanzug und mit seinen knochigen Handgelenkten und den bloßen Knöcheln und dem stummen, abwartenden Blick.
Aber ein Teil von ihm rechnete damit, dass sein Bett leer sein würde, wenn er erneut hinsah. Als ob nichts von Reese übriggeblieben war als ein schwacher Hauch seiner Anwesenheit in der Luft.
"Ich hätte es dir sonst hier gelassen", flüsterte Reese. Seine Stimme klang feucht.
Tristan starrte auf die Tür seines Schrankes und zwang sich, sich nicht umzudrehen. Das Holz war rau unter seinen Fingerspitzen. "Ich weiß."
Er wartete. Die Stille schwebte zwischen ihnen wie ein schwarzer, unüberbrückbarer Fluss. Es gab nichts, was Reese hören wollte und Tristan hätte ohnehin nicht gewusst, was er hätte sagen sollen.
Nach Minuten, die sich wie Stunden anfühlten, hörte er endlich wie die Bettdecke raschelte und die Holzdielen des Bodens knarzten als Reese von seinem Bett aufstand.
"Frohe Weihnachten", sagte er leise.
Tristan nickte wortlos. Er lauschte den leisen Schritten auf dem Holzboden und wartete mit angehaltenem Atem bis die Tür mit einem leisen Klicken ins Schloss fiel. Erst dann drehte er sich um.
Sein Zimmer war leer. Leer und kühl, und nur erfüllt von Schatten und Leere und mattem Licht, mit nichts in der Luft als einer Ahnung, dass mit einem Mal etwas fehlte.
Nichts im Zimmer verriet, dass Reese wirklich eben noch hier gewesen war.
Er hätte nichts als eine Ausgeburt seiner Phantasie sein können, aber als Tristan sich ins Bett legte, war die Decke noch warm, da wo Reese sich eingewickelt hatte. Wärmer, dachte er, als der ganze Rest des Zimmers.
'Ich hätte es dir sonst hier gelassen…'
Tristan presste sein Gesicht in das Kissen und schloss die Augen, während er sich in die Decke einwickelte.
Reese hatte ja doch etwas zurück gelassen… und wenn es nur der warme Fingerabdruck seiner Anwesenheit war.
Charaktere/Pairings: Tristan, Reese, Katie/Jake
Challenge: #1 Vorfreude ist die schönste Freude #2 Raum/Platz/Weite von
Warnungen: Angst
Vorwort: Tristan ist eigentlich einer der Antagonisten meiner Original. Eine viel zu lange Innenansicht.
"Ich will dass ihr doppelt besetzt Patrouille lauft", befahl Daniel. "Morgen ist Vollmond."
"Morgen ist Weihnachten", sagte Tristan, und er wusste selbst nicht warum. Er war sicher ganz sicher, dass nichts seinen ältesten Bruder noch weniger interessieren würde als das.
"Ja. Und Vollmond", erwiderte Daniel knapp. "Doppelte Patrouille. Keine Ausrede. Schleif die anderen an den Eiern nach draußen, wenn sie was von wegen 'Essen bei Großmutter' erzählen. Ich will sowas nicht hören."
"Okay."
"Sag nicht, dass du wieder mit allem überfordert bist." Es klang ungnädig, sogar durch die verrauschte Telefonverbindung hindurch, und Tristan spürte wie er unwillkürlich zusammenzuckte.
"Nein."
"Denkst du, ich oder Sidney hatten nicht auch immer irgendeine Ausrede, wieso es grade nicht passend war?" fuhr Daniel gnadenlos fort. "Schularbeiten, Geburtstag, alle anderen gehen auf eine Party, es ist Weihnachten, der Truthahn wird kalt - fang nicht an zu heulen. Das Leben ist hart."
"Ich heule nicht."
Tristan hatte nicht mehr geheult seit er dreizehn Jahre alt gewesen war. Direkt nachdem seine Mutter, ohne ein Wort zu sagen, eines nachts mit ihm in den Wald gefahren war, den Wagen angehalten hatte und ihn gezwungen hatte auszusteigen. Sie war mit durchdrehenden Reifen davon gefahren und hatte ihn dort stehen lassen. Im Schlafanzug.
Seitdem war sie nicht mehr 'Mum'. Seitdem war sie 'Aileen".
Aber seit dieser Nacht war sowieso alles anders.
Er hielt es nicht für sinnvoll, das zu erwähnen. Er war sicher, dass Daniel in seinem ganzen Leben noch nie geheult hatte. Vermutlich war er schon mit drei Jahren einsam durch den Wald gestreunt, hatte sich in einen riesigen Wolf verwandelt und allem, was ihm in die Quere kam die Kehle durchgebissen.
"Reese…", sagte er zögernd, aber Daniel unterbrach ihn sofort. Tristan war nicht sicher, wieso er je etwas anderes erwartet hatte.
"Es ist mir egal, wenn er schmollt", sagte Daniel kühl. "Von mir aus kann die kleine Prinzessin auf seiner Erbse liegen und vor sich hin weinen. Ich will nur wissen, dass er die Klappe hält. Hält er die Klappe?"
"Ja."
"Gut. Das ist das letzte was wir gebrauchen können, dass er jetzt herumrennt und Terror macht. Halt ihn unter Kontrolle."
"Ja."
"Ich will, dass nur einmal was richtig läuft, ohne dass Sid und ich dabei sind und euch auf die Finger schauen." Daniel klang gereizt.
"Es wird alles gut laufen." Er überlegte, wen er morgen von seiner Familienfeier schleifen und zur Patrouille einteilen konnte. Und er überlegte, ob Daniel es mitbekommen würde, wenn er die Grenze doch ganz alleine ablaufen würde.
Es war ja nicht so, als ob er hier auftauchen würde, nur weil Weihnachten war.
Vorfreude, dachte er spöttisch, war nicht nur die schönste Freude, sondern auch die einzige.
~
Reese saß auf der Fensterbank. Seit zwei Stunden.
Die Fensterscheibe war beschlagen von seinem Atem und bedeckt von seinen verschmierten Fingerabdrücken; Aileen hatte ihn schon dreimal gerufen, damit er den Tisch deckte und Tristan… Tristan versuchte seine gesamte Anwesenheit oder Existenz auf diesem Planeten einfach zu ignorieren.
Es war leichter jemanden zu ignorieren, wenn derjenige einen umgekehrt nicht auch ignorierte, das hatte er schon vor Wochen festgestellt. Das machte das ganze irgendwie deutlich weniger befriedigend.
Das, und Reese hatte die Angewohnheit mit einer lautstarken Nachdrücklichkeit zu schweigen, die zwischen den Wänden widerhallte wie ein wummernder Bass, der einem durch die Knochen und in der Magendecke vibrierte.
Die Stille war wie ein Phantomschmerz, der ihn permanent daran erinnerte, dass etwas fehlte.
Reese seufzte. Es war ein leises Geräusch, beinah unabsichtlich. Er presste seine Schläfe an die kalte Fensterscheibe und sein Atem hinterließ einen kleinen weißen Fleck.
Es war nicht so, als ob Tristan ihn beobachtete. Aber das Fenster im oberen Flur lag nun einmal genau zwischen Tristans Zimmer und dem Bad. Er musste an ihm vorbeilaufen.
"Himmelherrgott nochmal!" fauchte Aileen, nachdem Reese sie jetzt zehn Minuten lang ignoriert hatte. Ihre Stimme klang gedämpft durch das Treppenhaus nach oben. "Tristan! Tris~TAN!"
Sie hatte eine Angewohnheit seinen Namen zu sagen, wie es nur Mütter konnten, mit einer Betonung auf Silben wo keine Betonung hingehörte und der Ausdehnung aller Silben, bis der Name sich doppelt so lang anhörte als er eigentlich war.
Er hielt inne, das Handtuch um seine Finger geschlungen. "Ja?"
"Sag deinem Bruder, wenn er seinen Hintern nicht sofort nach unten bewegt, dann versohl ich ihn! Er ist nicht zu alt, dass ich ihn nicht übers Knie legen kann."
Tristan lehnte am Treppengeländer und schwieg. Er starrte die dunkle Wendeltreppe hinab und fragte sich, ob er so lange stillhalten und die Luft anhalten und keinen Mucks machen konnte, bis sie vergessen hatte, dass ihr drittältester Sohn überhaupt existierte.
"Tristan!" bellte sie. Er hörte wie sie erneut Luft holte und kniff die Augen zusammen.
"Ja", sagte er schnell, bevor sie seinen Namen erneut brüllen konnte. "Ja, okay."
Sie schnaufte ungehalten. Dann hörte ihre Schritte auf den Dielen, als sie zurück in die Küche stakste.
Tristan drehte sich um und verschränkte die Arme. Seine Haare war noch nass von der Dusche und Wassertropfen perlten kühl seinen Nacken hinab und versickerten unangenehm feucht in dem Stoff seines Hemdes.
"Du hast sie doch gehört", sagte er kühl.
Reese schwieg. Dass er den Kopf senkte, so dass ein paar seiner dunkelblonden Locken nach vorne kippten war die einzige Reaktion.
"Was? Ignorierst du Aileen jetzt auch?"
Ein unmerkliches Schulterzucken unter dem viel zu weiten, viel zu dicken Hoodie war die Antwort.
"Oh wow!" sagte er sarkastisch. "Wieso gibst du dich nicht einfach selbst zu Adoption frei, wenn wir alle so schrecklich sind?"
"Wütend? WÜTEND? Du hast mich belogen! IHR habt mich belogen! Die ganze Zeit! Und du WUNDERST dich, dass ich so wütend bin?!"
"Ich habe nie gelogen!"
"Verschweigen ist genauso schlimm!"
"Es war ganz anders!"
"Wie seid ihr je auf die Idee gekommen, dass es KEINE relevante Information für mich ist, dass ihr euch in VERDAMMTE WERWÖLFE verwandelt?!"
Tristan spürte wie seine Fingernägel sich in seine Handflächen bohrten und registrierte vage überrascht, dass er die Hände zu Fäusten geballt hatte. Vergeblich versuchte er seine Finger zu entkrampfen.
Er hasste dass Aileen ihn dazu brachte, die Regeln ihres kalten Krieges als Erster zu brechen.
Er hasste, dass Reese ihn dazu brachte, sich so zu fühlen.
"Wieso starrst du überhaupt so mondsüchtig nach draußen?" platzte es aus ihm heraus. "Sie kommen sowieso nicht."
'Sie' waren Daniel und Sidney.
Nummer eins und Nummer zwei von Aileen Osmonds Söhnen und genauso verachtenswert, verlogen und schrecklich wie Tristan - wenigstens wenn es nach Reese ging.
Aber sie waren natürlich nicht da. Sie waren weit weg, in Sicherheit vor Aileens heiligem Zorn und vor Reese' düsterem Schweigen. In Sicherheit vor Patrouillen, die gelaufen werden mussten und dem einsamen, endlosen, eiskalten Wald von Fenton.
Reese verzog das Gesicht. "Ich warte nicht", sagte er vehement. "Auf niemanden."
Tristan runzelte die Stirn.
Das war so offensichtlich gelogen und gleichzeitig konnte er sich nicht vorstellen, dass Reese wirklich auf…
Aber vielleicht wartete er gar nicht auf Daniel und Sid.
(Vermutlich war Tristan der einzige, der vergeblich auf sie wartete.)
Eigentlich gab es inzwischen überhaupt nur noch einen Menschen, nach dem Reese so sehnsüchtig Ausschau halten würde.
Und das war nicht mehr Tristan.
Vielleicht, dachte er bitter, vielleicht war er es auch nie gewesen.
"Und das ist nicht mal das Schlimmste an der ganzen Sache! Wir haben die völlig irrelevante Tatsache 'vergessen', dass ihr als Wölfe herumrennt, die andere Menschen umbringen!"
"Es sind keine Menschen."
"Es SIND Menschen! Und ihr tötet sie! Erzähl mir nicht… sag nicht, dass es irgendetwas gibt, was das rechtfertigt! IRGENDWAS! Es gibt nichts…" Reese' Stimme stolperte und brach ab, flatternd und zittrig wie der fliegende Puls an seiner Kehle. "Es gibt nichts, womit du das rechtfertigen kannst. Nichts!"
Aber nein, das stimmte nicht. Es hatte einmal eine Zeit gegeben, als Reese vier gewesen war und Tristan acht, und Reese jeden Tag sein kleines Babygesicht am Fenster platt gedrückt hatte, bis Tristan von der Schule zurückgekommen war. Daniel und Sidney hatten sich ewig darüber lustig gemacht und Tristan gnadenlos damit aufgezogen, aber tief drin… es war immer irgendwie schön gewesen, dass Reese von all seinen Brüdern immer nur auf ihn so gewartet hatte.
Tristan stellte sich vor, dass der Abdruck seines kleinen, sehnsüchtigen Gesichts auf alle Ewigkeit in das Glas eingebrannt war, wie in Stein gemeißelt.
Die eine Sache, die blieb, wenn alles andere und jedes Gefühl, was Reese je für seinen großen Bruder gehabt hatte nun Vergangenheit war.
Er wandte sich ab. Behutsam zog er das feuchte Handtuch von seiner Schulter und warf es in den Wäschekorb.
Auf der ersten Treppenstufe blieb er stehen.
"Ich weiß, du hältst mich für Hitler", sagte er, ohne sich umzudrehen. Sofort biss er sich auf die Unterlippe, wütend auf sich selbst, weil er angefangen hatte zu reden, ohne das Ende zu kennen.
Er betrachtete seine Finger auf dem Treppengeländer, seltsam losgelöst, als gehörten sie nicht zu ihm. Sie waren hell und kalt wie Marmor auf dem schwarzen Holz.
Aber wir haben nur getan, was wir getan werden musste.
Irgendjemand musste es tun.
Es war für Fenton.
Es war für dich.
Kannst du dir überhaupt vorstellen, dass es immer auch für dich war?
Aber er brachte nichts von alle dem über die Lippen.
~
Der Schnee knirschte unter seinen Schuhsohlen.
Einzelne Flocken landete auf seinem Kopf und verwandelten seine nassen Haare zu Eis. Er hätte sich verwandeln können, aber er fühlte sich so durch und durch menschlich grade. Haut und Blut und Knochen, und sein viel zu schnell pochendes Herz. Er fühlte sich so unendlich distanziert von dem Wolf in ihm, dass er nicht einmal sicher war, ob er es gekonnt hätte.
Der Mond schwebte voll und riesig und bedrohlich nah am Himmel, zerteilt vom Schatten schwarzen, kahler Äste.
Er hätte sich verwandeln sollen. Daniel hätte ihn zusammengefaltet, wenn er gewusst hätte, dass er alleine die Grenze ablief, und dazu noch in menschlicher Gestalt.
Aber es war ohnehin keine Patrouille. Tristan war ehrlich genug mit sich selbst, um wenigstens das zu zugeben.
Es war eine Flucht.
Er fragte sich, ob seine Mutter bereits angefangen den Truthahn in den Ofen zu schieben, und ob sie angefangen hatte den Baum alleine zu schmücken, nachdem es nicht so aussah, als ob Reese das dieses Jahr übernehmen würde. Und wieso sie sich die ganze Mühe überhaupt machte, nur damit sie zu dritt und in eisigem Schweigen um den Tisch herum saßen. Er fragte sich, ob Aileen jemals registriert hatte, dass Reese sowieso kein Fleisch mehr essen wollte und ob es irgendeine Rolle spielte, was ihr jüngster Sohn essen wollte und was nicht.
Es war Heiligabend, also gab es Truthahn.
Und wenn sie den beschissenen Truthahn reinzwängen mussten, bis er oben wieder rauskam.
Es war Vollmond, also lief er Patrouille.
Es war ein Netz aus Pflichten und Regeln. Es war ein Zwang und eine Sicherheit zugleich, das zu tun, was getan werden musste, was andere von ihm erwarteten. Es war das einzige, was Tristan jemals gelernt hatte.
Er wusste nicht, wie lang er lief. Es war schon lange dunkel geworden, still und tiefe Nacht, als er den Wald endlich wieder verließ, immer noch nur ein Mensch, nichts als ein armseliger Mensch, und wieder zurück zu ihrem Haus kam.
Er war schon in Sichtweite, als seine Schritte sich verlangsamten.
Ein Wagen stand ungefähr hundert Meter von ihrem Haus entfernt unter einem Baum. Es war Katies Wagen und etwas in Tristan entspannte sich wieder.
Zwei Paar Fußspuren führten durch den Schnee und führten direkt auf ihr Haus zu. Das eine Paar war klein und stammte vermutlich von Katies braunen Lederstiefeln. Das andere…
Tristan spürte wie seine Nackenhaare sich unwillkürlich aufrichteten, als er den Kopf hob.
Es dauerte einen Herzschlag, bis er Jake überhaupt entdeckte.
Jake. Natürlich. Fucking Jake.
Er stand vollkommen still. Jake war beinah eins mit der Dunkelheit, verschmolzen mit den Schatten, mit seinen schwarzen Haaren und dem dunklen Teint.
Ein Geschöpf der Nacht, wenn es je eins gegeben hatte. Dieselbe Nacht, in der sich Tristan mit seiner hellen Haut und seinen weißblonden Haaren immer wie ein leuchtender Fremdkörper fühlte, war Jakes bester Freund.
Tristan fühlte sich gleichermaßen verraten und betäubt vor Neid.
Der Wind kam aus der anderen Richtung und das war vermutlich der einzige Grund wieso Jake seine Anwesenheit noch nicht bemerkt hatte.
Im Schatten der Bäume pirschte Tristan sich näher ans Haus heran, die Augen starr auf Jakes regungslose Gestalt gerichtet.
Plötzlich bewegte Jake sich und Tristan blieb ruckartig stehen. Sekundenlang war er sicher, dass Jake ihn entdeckt haben musste.
Aber dann drang ein Geräusch an seine Ohren und er folgte Jakes Blick, der den Kopf in den Nacken gelegt hatte und aufmerksam nach oben sah.
Katie.
Unwillkürlich machte Tristan einen Schritt nach vorne. Sekundenlang zweifelte er an seinen Augen. Aber nein, es war wirklich Katie.
Sie balancierte waghalsig auf dem Vordach des Haus, Meterhoch über dem Boden. Eine Brise Schnee rieselte glitzernd wie Feenstaub auf den Boden, als sie sich bewegte und vor seinem geistigen Auge sah er sie bereits ausrutschen und, fallen, fallen …
Aber da war Jake schon nach vorne getreten.
Natürlich, dachte Tristan, und versuchte seinen hämmernden Puls zu beruhigen, natürlich hatte es nur Katie sein können, auf die Reese so sehnsüchtig gewartet hatte. Ohne Zweifel hatten sie Geschenke ausgetauscht oder selbstgemalte Weihnachtskarten, oder irgendetwas ähnlich Gefühlsduseliges, Nutzloses, was es absolut nicht wert war, dass Katie Kopf und Kragen riskierte und auf ihrem Dach herumturnte.
Behutsam ging Katie auf dem Dach in die Knie.
Der Schnee rieselte und Tristan machte erneut einen Schritt nach vorne.
Katie beugte sich nach vorne an den Rand des Daches und begann ihre Beine, eins nach dem anderen, über den Rand zu schieben. Sekundenlang baumelten sie in der Luft. Sie schien etwas zu sagen. Tristan verstand die Worte nicht, aber ihr leises, atemloses Lachen hallte sacht durch die kalte Luft zu ihm hinüber. Jake erwiderte etwas und nickte ermutigend. Er streckte ihr die Arme entgegen.
Katies Haare flatterten, als sie die letzten Meter hinuntersprang. Ihr langer Mantel war offen und blähte sich um sie herum wie ein Segel und Tristans Herz stolperte in seiner Brust.
Jake fing sie auf, so mühelos, als habe er das schon tausend Mal gemacht.
Behutsam setzte er sie auf dem schneebedeckten Boden ab, die Arme immer noch um ihre Taille. Sie blickte zu ihm hoch, schon immer so viel kleiner gewesen als er, und sie lachte erneut und Tristan konnte sich, auch ohne es zu sehen, ihren breiten, lachenden Mund vorstellen und die winzige Lücke zwischen ihren Schneidezähnen.
Er hatte sie einmal geküsst, vor gefühlten hundert Jahren, als Teenager, hinter der Schule, direkt nach dem Sportunterricht. Einfach nur so, oder möglicherweise auch nur weil die Sonne auf ihren Haaren geglitzert hatte und weil sie so hemmungslos gelacht hatte. Er hatte sie immer auf den Mund küssen wollen, wenn sie lachte.
Tristan hätte ihr niemals gestattet, so etwas gefährliches zu tun.
Aber das war vielleicht genau der Grund, wieso sie nicht mehr zusammen waren und wieso sie in erster Linie sowieso nie zusammen gepasst hatten.
Katie wollte keinen Mann, der ihr etwas untersagte, egal aus welchen Motiven. Sie hatte nie jemanden gewollt, der sie davon abhielt zu klettern.
Katie hatte immer nur jemanden haben wollen, der unten stand und sie auffing, wenn sie fiel.
Aber das hatte Tristan ja noch nie gekonnt.
Nicht bei Katie und nicht bei Reese.
Er hatte sie alle immer nur hinter Glasscheiben sehen wollen, in sicherer Distanz, in warmen Häusern, abgeschirmt und unberührt von allem Bösen und allem Schlechten, sanft gebettet in schöne Lügen, und sicher vor jeder Gefahr, sicher vielleicht sogar vor ihm selbst.
Es war die einzige Art, auf die er jemanden lieben konnte.
Aus sicherer Entfernung.
Langsam ging er die letzten Meter auf das Haus zu.
Er gab sich keine Mühe leise zu sein. Seine Schritte knirschten im Schnee und er sah wie Katie Jakes Arm los ließ, und wie Jake herumfuhr und sich anspannte.
"Tristan." Es war Katie, die seinen Namen sagte. Sie trat hinter Jake hervor, auf ihn zu. "Hallo."
Tristan nickte. Beinah unwillkürlich flackerten seine Augen hinüber zu Jake.
Jake nickte ihm zu, unmerklich und zögernd, als sei er nicht sicher wie willkommen er hier war. Er war es nicht. Nicht heute und nicht jemals.
"Wir haben auch eine Eingangstür", sagte Tristan schließlich und nur an Katie gerichtet. "Du hättest sie benutzen können."
Katie knöpfte mit einer Hand ihren Mantel zu, während sie mit der anderen ihre Haare aus dem Kragen hob und nach hinten warf. "Ich weiß. Entschuldige. Ich wollte keinen Ärger machen. Ich dachte, deine Mutter ist vielleicht nicht unbedingt scharf darauf, mich ausgerechnet an Heiligabend im Haus zu haben." Sie klang entschuldigend, als ob es ihre Schuld war, dass Aileen Osmond sie verabscheute.
Es war nicht ihre Schuld. Nicht wirklich.
Aileen hatte einfach noch nie gut mit Menschen gekonnt, die nicht nach ihrer Pfeife tanzten. Und absolut gar nicht konnte sie mit Menschen, die das Geheimnis ihrer ältesten Söhne kannten und eine potentielle Gefahrenquelle für sie darstellten.
"Hast du… war Reese…?" Er brach ab. Er wusste nicht einmal was er hatte sagen wollte.
"Warst du auf Patrouille?" fragte sie gleichzeitig und machte noch einen Schritt auf ihn zu. "Tristan…?" Sie runzelte die Stirn. "Was hast du gemacht? Deine Haare sind voller Eis."
Er schüttelte den Kopf. "Es ist Winter", sagte er kühl.
Es war das einzige, was ihm einfiel.
"Es ist Weihnachten", sagte sie, im selben Tonfall, in dem er es einen Tag zuvor zu Daniel gesagt hatte. Als ob es irgendetwas zu bedeuten hätte.
"Ist mir aufgefallen."
Sie legte den Kopf schief und er wich ihrem Blick aus. "Was ist los?" fragte sie.
"Nichts."
Er sah, ohne es sehen zu wollen, Jakes Hand an ihrem Ellbogen, so schrecklich vertraut und so beiläufig, und er sah wie Jakes Augen unablässig die Gegend absuchten, die Anspannung in seinen Schultern, die Art wie er alles im Auge behielt.
Tristan wusste, nach was er Ausschau hielt. Es war ein kleiner, hässlicher Impuls, es zu auszusprechen, die Lüge wahrmachen zu wollen.
"Die anderen werden bald hier sein." Er sagte es zu Katie, aber er sah Jake dabei an. "Ihr solltet von hier verschwinden."
Etwas in ihrem Gesicht zerfiel, so als hätte er sie körperlich zurückgestoßen. Sekundenlang sah sie traurig aus und beinah hasste er sich dafür, dass er dafür verantwortlich war. Schließlich nickte sie. Sie ließ die Hand sinken, von der er nicht einmal bemerkt hatte, dass sie sie nach ihm ausgestreckt hatte. "Okay."
Sie zog den Mantel enger um die Schultern und wandte den Kopf zu Jake. Sie tauschten Blicke aus und Tristan starrte angestrengt auf seine Schuhspitzen.
"Frohe Weihnachten, Tristan", sagte Katie schließlich sacht. Zu seiner Überraschung war sie die erste, die an ihm vorbeilief, Jake folgte mit einigen Metern Abstand.
Er ging so dicht an Tristan vorbei, dass ihre Schultern sich streiften. Es hätte eine Provokation sein können, aber seltsamerweise fühlte es sich nicht so an. Auf gleicher Höhe mit ihm blieb Jake stehen.
"Du bist der einzige, der heute Nacht unterwegs ist", sagte er, gerade noch hörbar.
Tristan versteifte sich.
Jake nickte als wäre das eine Bestätigung gewesen.
"Du weißt ja, wo wir uns rumtreiben", fuhr er fort. Aus den Augenwinkeln sah Tristan wie er die Schultern hob und die Hände in den Hosentaschen seiner Jeans vergrub. "Falls du einen fortgesetzten Waffenstillstand über die Feiertage aufrechterhalten kannst, bist du herzlich eingeladen."
Tristan ballte die Fäuste.
Er fuhr er herum, aber Jake war schon einige Schritte weitergelaufen und er hatte Katie beinah eingeholt.
Schweigend starrte er ihrem Wagen hinterher, als sie zurück in die Dunkelheit fuhren, aus der sie gekommen waren. Er holte tief Luft und hatte das Gefühl nichts als Eiskristalle einzuatmen.
Ruckartig wandte er sich von seinem Haus ab. Er machte eine zweite Runde. Und schließlich eine dritte.
~
Als er endlich zurück nach Hause kam, war es weit nach Mitternacht. Alles war still.
Die Lichter waren erloschen, die Kerzen waren aus, und der Baum war ein dumpfer, schwarzer Schatten im Wohnzimmer. Ein schwacher Geruch nach Truthahn und nach verbranntem Wachs lag noch in der Luft, vereinzelte blaugraue Rauchschwaden schwebten durch die Zimmer.
Es roch beinah wie Weihnachten, aber nur fast. Wie mumifizierte, konservierte Reste von Weihnachten, etwas das einmal gelebt hatte, aber jetzt tot war und leise vor sich hin vermoderte.
Leise stieg er die hölzerne Wendeltreppe in das obere Stockwerk, zog er seinen schneebedeckten, durchgeschwitzten Klamotten aus und stieg unter die Dusche. Als er zurück in sein Zimmer kam, vorbei an den leer stehenden Zimmern seiner Brüder (mumifizierte Zimmer, in denen noch der schwache Geruch nach verschwitzten Sportsocken, vergilbten Comicheften und nassem Fell in der Luft hing, wie eine stetige Erinnerung daran, wie leer das Haus geworden war), saß Reese auf seinem Bett.
Tristan blieb im Türrahmen stehen. Reese blickte auf. Er sah müde aus, und so als ob er zu lange gewartet hatte.
Er saß im Schneidersitz auf der Bettkannte und hatte die Decke über sich gezogen. Er war barfuß und trug einen lächerlichen Kinderpyjama, aus dem er schon seit Jahren herausgewachsen war. Seine bleichen, mageren Knöchel ragten unten aus dem Stoff hervor und der ausgefranste Stoff seiner Ärmel bedeckten seine Handgelenke nicht mehr. Er sah aus wie sechs, anstatt sechzehn.
Ihr Schweigen hing in der Luft wie Reste einer mumifizierten Geschwisterliebe, von der nichts mehr übrig war außer Staub und kalter Asche.
Tristan senkte den Kopf und lief an seinem Bett vorbei zu seinem Kleiderschrank. Ohne hinzusehen angelte er nach einem T-Shirt und einer Sporthose, die er unter dem Handtuch über die noch feuchte Haut zerrte.
"Ich habe kein Geschenk für dich", sagte Reese hinter ihm leise. Tristan pausierte mitten in der Bewegung, das T-Shirt bereits zur Hälfte übergezogen und ein Arm in dem kratzigen Stoff verheddert.
Er konnte nicht sagen, dass er überrascht war.
Aber es war das erste Mal seit zwölf Jahren, dass Reese ihm nachts kein Geschenk ins Zimmer gelegt hatte.
"Ist egal." Seine Stimme klang rau von der Kälte und er fühlte sich fiebrig und unwirklich, als ob sein Körper sich nicht entscheiden konnte, ob er fror oder nicht.
Langsam ließ er das T-Shirt über seinen bloßen Rücken gleiten und schloss die Türen seines Kleiderschrankes. Wenn er sich umdrehte, das wusste er, würde Reese immer noch da sitzen, auf seinem Bett, in seinem albernen Schlafanzug und mit seinen knochigen Handgelenkten und den bloßen Knöcheln und dem stummen, abwartenden Blick.
Aber ein Teil von ihm rechnete damit, dass sein Bett leer sein würde, wenn er erneut hinsah. Als ob nichts von Reese übriggeblieben war als ein schwacher Hauch seiner Anwesenheit in der Luft.
"Ich hätte es dir sonst hier gelassen", flüsterte Reese. Seine Stimme klang feucht.
Tristan starrte auf die Tür seines Schrankes und zwang sich, sich nicht umzudrehen. Das Holz war rau unter seinen Fingerspitzen. "Ich weiß."
Er wartete. Die Stille schwebte zwischen ihnen wie ein schwarzer, unüberbrückbarer Fluss. Es gab nichts, was Reese hören wollte und Tristan hätte ohnehin nicht gewusst, was er hätte sagen sollen.
Nach Minuten, die sich wie Stunden anfühlten, hörte er endlich wie die Bettdecke raschelte und die Holzdielen des Bodens knarzten als Reese von seinem Bett aufstand.
"Frohe Weihnachten", sagte er leise.
Tristan nickte wortlos. Er lauschte den leisen Schritten auf dem Holzboden und wartete mit angehaltenem Atem bis die Tür mit einem leisen Klicken ins Schloss fiel. Erst dann drehte er sich um.
Sein Zimmer war leer. Leer und kühl, und nur erfüllt von Schatten und Leere und mattem Licht, mit nichts in der Luft als einer Ahnung, dass mit einem Mal etwas fehlte.
Nichts im Zimmer verriet, dass Reese wirklich eben noch hier gewesen war.
Er hätte nichts als eine Ausgeburt seiner Phantasie sein können, aber als Tristan sich ins Bett legte, war die Decke noch warm, da wo Reese sich eingewickelt hatte. Wärmer, dachte er, als der ganze Rest des Zimmers.
'Ich hätte es dir sonst hier gelassen…'
Tristan presste sein Gesicht in das Kissen und schloss die Augen, während er sich in die Decke einwickelte.
Reese hatte ja doch etwas zurück gelassen… und wenn es nur der warme Fingerabdruck seiner Anwesenheit war.
no subject
Date: 2012-12-02 07:06 pm (UTC)Aber wenigstens ist Reese noch zu ihm gekommen. Ich sehe das als ein gutes Zeichen, einfach weil ich den Lichtblick da brauche!