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Titel: Wenn ich groß bin, werd ich Doktor!
Challenge: Arztbesuch
Fandom: Original



"Nun komm schon, Terry!"

Die Arzthelferin hatte Mrs. Fisher schon gehört, als sie die Praxis noch gar nicht betreten hatte. Immer wieder hatte sie de kleinen Terry lauthals ermahnt, nicht so rumzutrödeln und sich nicht von ihr über die Straße schleifen zu lassen. Denn genau das musste sie tun, wenn sie wollte, dass der junge Mann heute noch im Untersuchungszimmer landete.

Keuchend und schnaufend betrat Mrs. Fisher schließlich die Praxis von Dr. Anderson. Nachdem sie wohl keinen Erfolg damit gehabt hatte, Terry mitzuziehen, hatte sie ihn kurzerhand gepackt und ihn sich unter den Arm geklemmt. Mit einem 6jährigen konnte man das machen, zumindest eine Zeit lang. Mit diesem 6jährigen würde es höchstens zwei Minuten gut gehen, so wie er jetzt schon strampelte und um sich schlug.

"Lass das! Lass los, ich will runter!"

Eine kräftige Stimme, vielleicht sollte Mrs. Fisher ihren Sprößling Gesangsstunden nehmen lassen.

"Du bist also Terry Fisher.", flötete die Arzthelferin am Empfangstresen. Die meisten Kinder wurden ruhiger, wenn man lächelte und nett klang. Terry nicht. Terry versuchte, seine Mutter in den Magen zu boxen.

"Ja, ganz genau.", antwortete Mrs. Fisher und bemühte sich nach Leibeskräften, Terry Hände zu fassen zu kriegen und ihn dabei nicht fallen zu lassen. Fast schon eine amüsante Szene, fand die Arzthelferin.

"Na na, junger Mann, so schlimm ist es beim Onkel Doktor doch nicht.", zwitscherte sie dem blonden Jungen über den Tresen hinweg zu.

Der hielt darauf zum ersten Mal still, hörte auf nach seiner Mutter zu schlagen und zu treten und sah sie verdutzt an. Sie hoffte, ihn damit besänftigt zu haben, doch die säuerliche Miene der Mutter und der nun ziemlich böse Gesichtsausdruck Terrys belehrten sie eines besseren.

"Ich bin kein junger Mann, ich bin ein Mädchen!", kreischte es ihr sogleich entgegen.

Die Arzthelferin lief rot an und während Mrs. Fisher Terry ins Wartezimmer schleppte, stammelte sie diverse Entschuldigungsfloskeln. Sowas Peinliches war ihr schon lange nicht mehr passiert. Zum Glück klingelte im nächsten Moment das Telefon und sie hatte wieder etwas zu tun.
Die nächsten zehn Minuten versuchte sie, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren, was gar nicht so einfach war. Im Wartezimmer saßen nur Terry und ihre Mutter, doch es klang, als würde dort eine Elefantenherde wüten. Bauklötze knallten gegen die Wand, Buntstifte flogen durch die Gegend und diverse Bilderbücher wurden auf den Boden geschleudert. Terry war wohl viel, aber kein kleiner Sonnenschein.

"Mrs. Fisher? Gehen Sie doch schon mal in Behandlungszimmer Nr. 2, der Herr Doktor ist gleich so weit."

Sie musste sich das Lachen verkneifen, als Mrs. Fisher Terry an ihr vorbei und, wie angewiesen, in Behandlungszimmer Nr. 2 schleppte. Mrs. Fisher war schon ganz rot im Gesicht und atmete schwer. Es musste anstrengend sein, den ganzen Tag mit so einem Kind zu verbringen. Vielleicht war es noch anstrengender, den ganzen Tag mit so einer Mutter zuzubringen.

Terry starrte böse auf den PVC-Fußboden im Behandlungszimmer. Ihre Mutter hatte sie auf der Liege abgesetzt. Zu sagen, dass Terry nicht gern zum Arzt ging, wäre eine Untertreibung gewesen. Sie hasste es hier. Ihre Schuhe quietschten auf dem Boden, es roch ekelhaft und das Laken auf der Liege war kratzig. Die Frau vorne am Eingang hatte mit ihr wie mit einem Baby geredet, dabei war sie schon fast sieben Jahre alt. Die Spielsachen hier waren doof, weil es nicht die waren, die sie zu Hause hatte, und ihre Mutter war auch doof, einfach weil sie Terry hergeschleppt hatte.

Am liebsten hätte Terry jetzt irgendwas kaputt gemacht, runtergeworfen oder dagegen getreten. Aber dann schimpfte ihre Mutter nur wieder und erzählte es am Ende ihrem Vater. Dann durfte sie am Wochenende das Baseballspiel nicht sehen. Also blieb sie auf der Liege mit dem hässlichen, kratzigen Laken sitzen und schlenkerte mit den Beinen.

"Sitz doch endlich mal still!", ermahnte ihre Mutter sie nach einiger Zeit. Terry schlenkerte trotzdem mit den Beinen.

Es dauerte eine Ewigkeit, bis der Arzt kam. Terry kannte Dr. Anderson und hatte ihn noch nie gemocht. Es war eklig, wenn er mit seinen dicken Wurstfingern ihren Hals oder ihren Bauch abtastete, er roch wie Omas Hund, wenn er wieder pitschnass war, und er hörte nie zu, wenn Terry etwas sagte. Er lächelte immer nur und redete dann mit ihrer Mutter, obwohl Terry etwas ganz Wichtiges sagen wollte oder gesagt hatte.

"Terry, schön, dass du mal wieder hier bist."
"Find ich gar nicht."
"Dann wollen wir doch mal. Zieh bitte dein T-Shirt aus."

Entweder hatte er wieder nicht zugehört oder er war dumm. Wahrscheinlich beides, vermutete Terry und legte das T-Shirt auf die Liege. Wie üblich horchte Dr. Anderson erst ihre Brust, dann ihren Rücken ab. Danach sah er in ihre Ohren und ihren Hals. Natürlich war da nichts, das hätte sie ihm auch so sagen können. Was sollte es da auch zu hören und zu sehen geben?
Jetzt redete er wieder mit ihrer Mutter. Terry war langweilig. Sie wollte wieder nach Hause und ihre Lego-Burg weiterbauen. Warum mussten Erwachsenen auch ständig reden? Da kam man doch nie zum Spielen.

Schließlich meinte Dr. Anderson: "Du kannst dich wieder anziehen, Terry.". Zum Abschied schenkte er ihr einen Traubenzucker mit Orangengeschmack - Terry hasste Traubenzucker und sie hasste Orangen - und gab erst ihrer Mutter, dann Terry die Hand. Terry starrte ihn nur böse an und bedankte sich erst, als ihre Mutter sie in den Arm knuffte. Sie würde nie verstehen, warum man sich für etwas bedanken musste, das man gar nicht haben wollte.

Im Rausgehen warf sie den Traubenzucker unauffällig in den Mülleimer bei der Tür. Dann sagte sie: "Wenn ich groß bin, werde ich auch Doktor!"
"Ach ja?", meinte ihre Mutter nur.
"Ja. Dann kann ich auch gemein zu Kindern sein."

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