Schwebezustand
Nov. 3rd, 2012 12:53 amFandom: Digimon 02
Challenge: Feindseligkeiten
Wörter: 857
Pairing: TaiTo
Kommentar: Wer kann sich noch an "A World Beyond Windows" erinnern? Ich wurde erst neulich wieder danach gefragt und hatte Lust auf ein kleines Remake. (Wenn Hollywood das kann, dann ich auch). Bin mir noch nicht sicher, ob ich daran weiterschreibe. Die Geschichte hätte es eigentlich verdient. Ach, was ich daran alles falsch gemacht habe damals. :V
„Bist du auch schon wieder da? Das wurde aber auch Zeit!“
Er stand im Flur, den Knauf der Wohnungstür noch zwischen den Fingern. Einige Sekunden überlegte er, ob er nicht einfach wieder gehen sollte.
Es wäre so einfach. Sich einfach umdrehen, Tür wieder auf, hinaus in die frische Novemberluft und weg, weg, weg.
„Ich kann auch wieder geh'n!“, brüllte er und kickte seine Schuhe gegen die neue Tapete. Mit dem Hintern stieß er gegen einen übriggebliebenen Umzugskarton.
Am Tisch saßen Hikari und seine Mutter, beide mit dem größtmöglichen Gegenteil von guter Laune in den Gesichtern.
„Wo ist Papa?“
„Na, was denkst du denn? Überstunden natürlich.“
Taichi hielt den Riemen seines Rucksacks etwas fester. Mama sah dünn und blass aus.
Er stand schweigend neben dem Tisch, zog schniefend Rest kalter Herbstluft die Nase hoch und fasste nach seiner Reisschüssel.
„Und was soll das werden?“
„Ich ess' in meinem Zimmer.“
„Du setzt dich gefälligst hin. Wir sind ja wohl noch Familie, selbst wenn Papa nicht da ist, und Familie isst gemeinsam.“
„Wieso, ihr habt doch schon angefangen. Und ich muss mein neues Zimmer einwohnen.“
Hikari hob eine Augenbraue, sagte jedoch nichts.
Sie schoss Mama einen stummen Seitenblick zu. Mama, die sich mit den Händen erschöpft über das Gesicht fuhr und theatralisch seufzte.
„Macht doch alle, was ihr wollt.“
Taichi stand am Fenster – seinem neuen Fenster – und schaute hinaus gegen die neue Nachbarsfensterfront. Fetzen von Abendsonnenlicht wurden zwischen den Häusern hin- und hergeworfen, benetzte Scheiben und Wände mit orangenen und goldenen Lichtflecken. Zwischen seinem und dem Fenster gegenüber spannte sich eine Luftlinie von womöglich fünfzig Metern auf. Er dachte daran, dass die Anschaffung von Vorhängen wahrscheinlich dringlich war. Mama und Papa vergaßen es aber immer wieder. Hikari hatte ihre gleich am ersten Tag bekommen. Rosa Herzen und kleine Regenbögen. Zum Kotzen.
Was sollte man erwarten von solchen Eltern? Einem Vater, der nie zu Hause war. Einer Mutter, die seit Wochen nicht mehr aß und immer dünner wurde.
Neue Wohnung, neuer Anfang – das war so ein typischer Erwachsenen-Slogan. Es würde niemanden retten. Nicht die Ehe. Nicht Mamas Gedanken an diesen fremden Kerl, mit dem er sie vor Monaten im Einkaufszentrum erwischt hatte.
Die Lichtsplitter fielen zwischen die unausgepackten Kartons zwischen seinem Bett und Schreibtisch. Er stand in einem Mosaik aus Schatten und Licht, wie eine mühsam zusammengehaltene Welt, die jeden Moment zu zerbrechen drohte zwischen Mamas Feindseligkeiten, Hikaris Hilflosigkeit und Papas Verschwundensein. Er konnte sich nicht entscheiden, was ihn am meisten von all dem störte.
Die Feindseligkeiten? Er hatte Mama doch nicht mit Absicht beim Vorbeigehen an diesem Café belagert.
Er stand schweigend am Fenster und schaufelte trockenen Reis in sich hinein.
Auf der anderen Seite blitzte eine Scheibe auf.
Er blinzelte.
Dann erschien der blonde Schopf eines womöglich gleichaltrigen Jungen. Er schüttelte etwas aus – die Überdecke eines Futons? - und sah mit einem Mal hoch.
Taichi konnte trotz der Entfernung die hellen Augen erkennen. Grün? Blau? Er hielt in der Bewegung inne, die Stäbchen mit einem Klumpen Reis mitten in der Luft.
Etwas sehr Seltsames geschah.
Für die Dauer eines Wimpernschlages blieb etwas in ihm stehen. Es war nicht sein Herz, denn das hätte er bemerkt. Doch irgendetwas, etwas Winzigkleines jenseits der Brust und des Bauches, irgendwo tief in den zahnrädchenartigen Bewegungen seiner Innereien hielt an, ruckelte, zischte und wurde hilflos. Es lag wahrscheinlich an der Abendsonne und den unnatürlichen Farben. Oder an den blonden Haaren seines Gegenüber. Oder an seinem Blick.
Der Junge stand am offenen Fenster. Passenderweise trug er kein T-Shirt. Hatte er etwa geschlafen? (Wer schlief um diese Uhrzeit?) Nein, das konnte nicht sein. Kein Mensch, der gerade erst aufgewacht war, hatte so einen durchdringenden Blick.
Taichi spürte, wie ihm etwas entglitt. Erst einen Augenblick später bemerkte er, dass der Reis auf den Boden gefallen war. Er stellte die Schüssel ab. Seine Hände zitterten. Nur minimal. Er hätte es fast nicht bemerkt. Er sah wieder hoch. Der fremde Junge lächelte.
Mit drei stoßenden Atemzügen hechtete Taichi hinter sein Bett, zerrte seinen Rucksack hinter sich her, riss den Reißverschluss aus und öffnete zischend die Dose Pflaumenwein, die er vorhin im Convenience Store erstanden hatte (der picklige Verkäufer hatte ihn schweigend angesehen, gezögert, zur Seite gesehen und ihn schließlich doch abkassiert).
Von draußen drang Mamas jammernde Stimme.
„Taichi, wenn du dich herablassen würdest, den Abwasch zu erledigen, wäre ich dir sehr verbunden!“ Eine Tür knallte. Taichis Herz raste.
Im neuen Zimmer stand sein Bett mit dem Kopfende nicht direkt an der Wand. Er konnte sich nicht mehr erinnern, warum er diesen Spalt gelassen hatte, war nun aber dankbar darum. Auf seiner Zunge prickelte süßsauerbitter der Alkohol und verklebte seine Lippen.
Er wollte nicht mehr länger warten. Entweder die Dinge kamen wieder in Ordnung oder alles sollte auseinanderbrechen. Es war der Schwebezustand, der ihn wahnsinnig machte.
Er saß in der Ecke bis die Dämmerung einsetzte. Bis der Alkohol ihm den Kopf schwindlig machte. Bis er sich endlich eingestand, dass er seit vorhin an die Form der Lippen des fremden Jungen dachte. Bis die Erektion wieder weg war.
Vom Badezimmer her drangen hässliche Geräusche. Mama übergab sich.
Challenge: Feindseligkeiten
Wörter: 857
Pairing: TaiTo
Kommentar: Wer kann sich noch an "A World Beyond Windows" erinnern? Ich wurde erst neulich wieder danach gefragt und hatte Lust auf ein kleines Remake. (Wenn Hollywood das kann, dann ich auch). Bin mir noch nicht sicher, ob ich daran weiterschreibe. Die Geschichte hätte es eigentlich verdient. Ach, was ich daran alles falsch gemacht habe damals. :V
„Bist du auch schon wieder da? Das wurde aber auch Zeit!“
Er stand im Flur, den Knauf der Wohnungstür noch zwischen den Fingern. Einige Sekunden überlegte er, ob er nicht einfach wieder gehen sollte.
Es wäre so einfach. Sich einfach umdrehen, Tür wieder auf, hinaus in die frische Novemberluft und weg, weg, weg.
„Ich kann auch wieder geh'n!“, brüllte er und kickte seine Schuhe gegen die neue Tapete. Mit dem Hintern stieß er gegen einen übriggebliebenen Umzugskarton.
Am Tisch saßen Hikari und seine Mutter, beide mit dem größtmöglichen Gegenteil von guter Laune in den Gesichtern.
„Wo ist Papa?“
„Na, was denkst du denn? Überstunden natürlich.“
Taichi hielt den Riemen seines Rucksacks etwas fester. Mama sah dünn und blass aus.
Er stand schweigend neben dem Tisch, zog schniefend Rest kalter Herbstluft die Nase hoch und fasste nach seiner Reisschüssel.
„Und was soll das werden?“
„Ich ess' in meinem Zimmer.“
„Du setzt dich gefälligst hin. Wir sind ja wohl noch Familie, selbst wenn Papa nicht da ist, und Familie isst gemeinsam.“
„Wieso, ihr habt doch schon angefangen. Und ich muss mein neues Zimmer einwohnen.“
Hikari hob eine Augenbraue, sagte jedoch nichts.
Sie schoss Mama einen stummen Seitenblick zu. Mama, die sich mit den Händen erschöpft über das Gesicht fuhr und theatralisch seufzte.
„Macht doch alle, was ihr wollt.“
Taichi stand am Fenster – seinem neuen Fenster – und schaute hinaus gegen die neue Nachbarsfensterfront. Fetzen von Abendsonnenlicht wurden zwischen den Häusern hin- und hergeworfen, benetzte Scheiben und Wände mit orangenen und goldenen Lichtflecken. Zwischen seinem und dem Fenster gegenüber spannte sich eine Luftlinie von womöglich fünfzig Metern auf. Er dachte daran, dass die Anschaffung von Vorhängen wahrscheinlich dringlich war. Mama und Papa vergaßen es aber immer wieder. Hikari hatte ihre gleich am ersten Tag bekommen. Rosa Herzen und kleine Regenbögen. Zum Kotzen.
Was sollte man erwarten von solchen Eltern? Einem Vater, der nie zu Hause war. Einer Mutter, die seit Wochen nicht mehr aß und immer dünner wurde.
Neue Wohnung, neuer Anfang – das war so ein typischer Erwachsenen-Slogan. Es würde niemanden retten. Nicht die Ehe. Nicht Mamas Gedanken an diesen fremden Kerl, mit dem er sie vor Monaten im Einkaufszentrum erwischt hatte.
Die Lichtsplitter fielen zwischen die unausgepackten Kartons zwischen seinem Bett und Schreibtisch. Er stand in einem Mosaik aus Schatten und Licht, wie eine mühsam zusammengehaltene Welt, die jeden Moment zu zerbrechen drohte zwischen Mamas Feindseligkeiten, Hikaris Hilflosigkeit und Papas Verschwundensein. Er konnte sich nicht entscheiden, was ihn am meisten von all dem störte.
Die Feindseligkeiten? Er hatte Mama doch nicht mit Absicht beim Vorbeigehen an diesem Café belagert.
Er stand schweigend am Fenster und schaufelte trockenen Reis in sich hinein.
Auf der anderen Seite blitzte eine Scheibe auf.
Er blinzelte.
Dann erschien der blonde Schopf eines womöglich gleichaltrigen Jungen. Er schüttelte etwas aus – die Überdecke eines Futons? - und sah mit einem Mal hoch.
Taichi konnte trotz der Entfernung die hellen Augen erkennen. Grün? Blau? Er hielt in der Bewegung inne, die Stäbchen mit einem Klumpen Reis mitten in der Luft.
Etwas sehr Seltsames geschah.
Für die Dauer eines Wimpernschlages blieb etwas in ihm stehen. Es war nicht sein Herz, denn das hätte er bemerkt. Doch irgendetwas, etwas Winzigkleines jenseits der Brust und des Bauches, irgendwo tief in den zahnrädchenartigen Bewegungen seiner Innereien hielt an, ruckelte, zischte und wurde hilflos. Es lag wahrscheinlich an der Abendsonne und den unnatürlichen Farben. Oder an den blonden Haaren seines Gegenüber. Oder an seinem Blick.
Der Junge stand am offenen Fenster. Passenderweise trug er kein T-Shirt. Hatte er etwa geschlafen? (Wer schlief um diese Uhrzeit?) Nein, das konnte nicht sein. Kein Mensch, der gerade erst aufgewacht war, hatte so einen durchdringenden Blick.
Taichi spürte, wie ihm etwas entglitt. Erst einen Augenblick später bemerkte er, dass der Reis auf den Boden gefallen war. Er stellte die Schüssel ab. Seine Hände zitterten. Nur minimal. Er hätte es fast nicht bemerkt. Er sah wieder hoch. Der fremde Junge lächelte.
Mit drei stoßenden Atemzügen hechtete Taichi hinter sein Bett, zerrte seinen Rucksack hinter sich her, riss den Reißverschluss aus und öffnete zischend die Dose Pflaumenwein, die er vorhin im Convenience Store erstanden hatte (der picklige Verkäufer hatte ihn schweigend angesehen, gezögert, zur Seite gesehen und ihn schließlich doch abkassiert).
Von draußen drang Mamas jammernde Stimme.
„Taichi, wenn du dich herablassen würdest, den Abwasch zu erledigen, wäre ich dir sehr verbunden!“ Eine Tür knallte. Taichis Herz raste.
Im neuen Zimmer stand sein Bett mit dem Kopfende nicht direkt an der Wand. Er konnte sich nicht mehr erinnern, warum er diesen Spalt gelassen hatte, war nun aber dankbar darum. Auf seiner Zunge prickelte süßsauerbitter der Alkohol und verklebte seine Lippen.
Er wollte nicht mehr länger warten. Entweder die Dinge kamen wieder in Ordnung oder alles sollte auseinanderbrechen. Es war der Schwebezustand, der ihn wahnsinnig machte.
Er saß in der Ecke bis die Dämmerung einsetzte. Bis der Alkohol ihm den Kopf schwindlig machte. Bis er sich endlich eingestand, dass er seit vorhin an die Form der Lippen des fremden Jungen dachte. Bis die Erektion wieder weg war.
Vom Badezimmer her drangen hässliche Geräusche. Mama übergab sich.
no subject
Date: 2012-11-03 06:28 am (UTC)Ich kann mich noch gut daran erinnern - zumal du eine der Autoren warst, die mich überhaupt in die Welt der Fanfictions gezerrt hatte. Anno dazumal. Lang lang ists her.
Und man merkt den Unterschied. Ein grandioses Remake. Hoffentlich gibts vielleicht doch mehr aus diesem Universum! Da wird man ganz nostalgisch XD Gut gemacht!
no subject
Date: 2012-11-03 09:53 am (UTC)Danke, danke, danke =) Hach, das waren noch Zeiten damals, gutes altes Taito. Manchmal vermisse ich das direkt.
no subject
Date: 2012-11-03 08:56 am (UTC)Hach, Taichi... *puschelt ihn* ._. Keine schöne Situation für ihn, aber mein Mitleid hält sich da etwas in Grenzen, wenn er deswegen Yamato kennenlernt. *g*
Aber sich betrinken ist doch keine Lösung! ;_; Hach...
Wenn du den Nano-Frust so loswirst, unterstütze ich das total! (Dieser eklige Herbst-Winter-Übergang ist für mich sowieso die ultimative TaiTo-Zeit)
no subject
Date: 2012-11-03 09:55 am (UTC)Es ist schon ganz gut wenn du dich nicht erinnern kannst. *abwink* Und ach, Mitleid mit den Figuren haben, pff, wo kämen wir denn da hin? xD
Danke für den Kommentar <3
no subject
Date: 2012-11-03 04:54 pm (UTC)♥♥♥