Das Mädchen
Jul. 22nd, 2007 05:25 pmFandom: Tokyo Babylon & X/1999
Challenge: #3
Achtung!: creepy, und sicher auch ein wenig OOC...
A/N: Heute ist wieder so ein Tag wo ich denke „Oh, verflucht. Ich kann einfach nicht schreiben. Ich sollte mich selbst einbuddeln und mit den Radieschen über das Wetter reden.“
Das Mädchen
Seishirou starrte auf die türkisfarbene Kaugummiverpackung, die ihm sein Klassenkamerad, der sich seit ihrem ersten Treffen vor zwei Wochen nur mit einem „Ey, Mann!“ vorgestellt hatte, unter die Nase hielt. Ebendiese rümpfte er. Er wich allerdings nicht zurück. Der Pfefferminzgeruch brannte an seinem Gaumen, als er den Mund öffnete, um ausgiebig zu seufzen. Er lächelte freundlich – vielleicht etwas zu freundlich, da sein Klassenkamerad beide Brauen hob – und schob die kaugummihaltende Hand aus seinem Gesicht. „Danke, aber ich verzichte.“
Der andere Junge starrte ihn einen Moment lang, zog sich dann selbst einen Kaugummi aus der Packung, steckte diese wieder in seine Hosentasche, zuckte die Achseln und ging seines Weges. Seishirou verdrehte die Augen und öffnete die Tür zu seinem Klassenraum. Wenn er den Plan richtig im Kopf hatte, war nun Biologie dran. Langweilig. Er hatte schon genug Kleintiere seziert, und Frösche waren ohnehin nie seine Favoriten bei dieser Angelegenheit gewesen. Er zog den glitschigen Amphibien Vögel vor, auch Hasen waren ganz nett, nur machten die immer eine fürchterliche Sauerei.
Er ließ sich geräuschlos auf seinen Platz sinken. In der Mitte, außen, ein guter Blick auf den Hof wo die Kirschbäume blühten. Was sie mitten im Winter eigentlich nicht tun dürften, und auch nicht taten, sobald er das Gelände verließ. Bisher war es noch keinem aufgefallen. Er achtete darauf, immer in einer Gruppe durch das Tor zu gehen. Auch drehte er sich immer brav verwundert um, wenn die Blüten sich plötzlich in Luft auflösten.
Der Kaugummikamerad kam schlurfend in den Raum, direkt gefolgt von ihrem Lehrer. Was für ein Pech aber auch, dachte Seishirou, von dem gehässigsten Lehrer der Schule dabei erwischt zu werden, wie man versuchte, seine Stunde zu schwänzen. Den Namen des Lehrer hatte er sich nie gemerkt, weswegen er bei der allmorgendlichen Begrüßung nur die Lippen bewegte, aber keinen Ton hervorbrachte. Der Kaugummikamerad tat nicht einmal das und blieb mit vorgestülpter Unterlippe und verschränkten Armen sitzen.
Der Lehrer fing an, unwichtige Dinge über Insekten an die Tafel zu schreiben. Gelangweilt ließ Seishirou den Finger über das raue Papier seines Schulbuches gleiten. Die Färbung der Rinde zeigte sich ihm. Er brauchte einen Moment, ehe er merkte, dass es an der Zeit war, alles von der Tafel abzuschreiben. Auch wenn es schon längst in ihren Biobüchern stand. Wissen sooft kopieren zu lassen, bis es sich jedem ins Gehirn gebrannt hatte, war der Sinn und Zweck des Schulsystems. Er grinste ... nun ja, einige Dinge konnte man auch nur schwerlich praktisch beigebracht bekommen. Zumindest in einer gewöhnlichen Schule, auf die gewöhnliche Kinder gingen. Abgesehen davon, dass es eine Schule für reiche Kinder war oder solche, die sich nicht zu schade waren, mit diversen Sponsoren ins Bett zu steigen. Auch wenn die unschuldigen, dummen Unwissenden zunächst versuchten zu erklären, sie hätten ein Stipendium bekommen – jeder wusste, dass das nicht der Fall sein konnte. So lief es an dieser Schule nicht. Was einer der Gründe war, weswegen er sich überhaupt angemeldet hatte. Die irritierend düstere Atmosphäre die über dem ganzen Gebäude lag und die amüsierten Kirschbäume auf dem Pausenhof hatten ihn fasziniert. Es war nicht schwer gewesen, sich einen Platz zu beschaffen. Zwar war meist alles vergeben, wenn man sich nicht rechtzeitig anmeldete, aber dank einer hohen Selbstmordrate wunderte es niemanden, dass ein Schüler fehlte und ein anderer seinen Platz einnahm. Dass dieser Schüler ermordet auf dem Schuldach lag, auf dem kleinen Häuschen, in dem einmal Tauben gehaust hatten, erfuhr niemand. Auf das Schuldach ging man nur, wenn man vorhatte, in den Tod zu springen, und wenn man das vorhatte, war einem Verwesungsgestank in der Regel egal. Seishirou hatte das Geschehen aus sicherer Entfernung mehrfach beobachtet. Ein paar hatten sich das T-Shirt über die Nase gezogen, die meisten aber schienen den süßen Geruch nicht einmal wahrzunehmen, schon lagen sie vor dem Haupteingang der Schule, die Glieder in alle Himmelsrichtungen gedreht, nur nicht in die, die noch erträglich sind, wenn man am Leben ist.
„Sakurazuka!“ Sein Name traf ihn wie ein Schlag auf den Kopf. Was auch der Fall war. Die Hand des Lehrers lag noch immer dort, die Finger in die Haare gekrallt. Obwohl sein Herz anfing lichterloh zu brennen, blieb er ruhig und lächelte zu seinem Lehrer hinauf. Das irritierte diesen gut genug, dass er aufhörte, ihm an den Haaren zu ziehen.
„Starrst wieder aus dem Fenster!“, sagte der Lehrer, als hätte er ihm damit eine wichtige Information gegeben. Eine, die viele Millionen Menschenleben retten konnte. Zu dumm nur, dass ihm das egal gewesen wäre.
„Ja“, antwortete er.
Das Gesicht des Lehrers lief rot an, die Falten schienen noch tiefer zu werden, als würde jemand die Haut mit einem Stück Karton eindrücken, nur dass weit und breit nichts dergleichen zu sehen war. „Du sollst dem Unterricht folgen! Wie so was wie du überhaupt hier reinkommen konnte.“
Seishirou biss sich auf die Zunge. Das half. Beinahe hätte er den Kauz angegrinst. Niemand wagte es, ihn zu duzen.
„Es tut mir außerordentlich Leid. Meine Mutter ist vor wenigen Tagen verstorben... ich muss in Gedanken gewesen sein.“
Er konnte spüren, wie seine Klassenkameraden die Luft anhielten, wie sich ihre Lungen dagegen wehrten.
„Oh.“ Die Anspannung war aus dem Gesicht des Lehrers geflohen. Stattdessen sah er nun aus wie eine Trauerweide. Er klopfte Seishirou auf den Rücken. „Na dann. Trotzdem möchte ich gerne mit... mit Ihnen sprechen.“
Erst als alle Augenpaare wieder von ihm abgewandt waren – wie gut, dass jemand die Schulglocke erfunden hatte – ließ Seishirou ein Lächeln zu.
Ein junges Mädchen trat an seinen Tisch. Er sah verwundert auf und blickte in ein lachendes Gesicht. Oh, das war genau das, was jemand wollte, wenn er gerade den Tod seiner Mutter verkündet hatte. Ging man von normalen Menschen aus.
Halbwegs interessiert musterte er ihr Gesicht. Schmal und klein, die Wangen eingefallen, die Augen glanzlos und so dunkel, dass er den Unterschied zwischen Pupille und Iris erst nicht ausmachen konnte. Dennoch war sie keine Untote. Er verzichtete darauf, ihr zu sagen, dass sie für eine Lebendige ziemlich tot war und wartete ab.
„Du“, sagte sie unvermittelt, nachdem sie ihn, wie es schien, eine Ewigkeit gemustert hatte. Die Pause war in wenigen Minuten vorbei.
Er zog die Brauen zusammen. „Ja?“
„Deine Mutter“, ihr Lächeln wurde noch breiter und zeigte erstaunlich weiße Zähne, „die ist nicht gestorben, oder?“
„Bitte?“ Er blinzelte. „Doch, natürlich ist sie tot.“
„Ja, tot schon. Aber nicht gestorben. Nicht so richtig. Nicht?“ Sie legte den Kopf zur Seite. Ihre kurzen schwarzen Haare schienen an den Spitzen verbrannt zu sein, allerdings nur auf der linken Seite.
„Ich glaube, ich kann nicht ganz folgen...“
Das Mädchen stützte sich mit den Armen auf seinem Tisch ab. Ihre Brüste hingen ihr in obszöner Weise halb aus der Uniformbluse. „Doch, klar kannst du. Du bist schon echt gut, aber das mit dem Lügen, das müssen wir noch mal üben.“
„Bitte?“
Sie riss ein Stück des Buches ab. Er hatte noch immer die Hand auf der Seite – das Papier wuchs sofort nach. „Ein Profi hört das raus.“
„Aha“, sagte er. Ein bisschen Amüsement konnte er tatsächlich nicht verstecken, selbst er konnte den Ansatz eines Lachens in seiner Stimme hören. „Und du bist ein Profi? Bei was, wenn ich fragen darf? Lügen? Bist du so in diese Schule gekommen?“
Selbst wenn sie ihn anlog, er hatte Mittel und Wege die Wahrheit herauszubekommen. Falls sie ihn nicht vorher genug auf die Palme brachte, dass er sie kurzerhand auch auf das Ex-Taubenheim verfrachtete.
„Menschen umbringen. Das bringt Geld, aber das weißt du ja sicherlich, Sakurazuka Seishirou.“
Ihre selbstgefällige Art gefiel ihm nicht. Sie jedoch wirkte gut unterhalten. Er schob den Stuhl zurück, als er aufstand, und setzte sich auf den Tisch hinter ihm. Die Glocke hatte längst zur nächsten Stunde geklingelt.
„Du wirst mit meinem Namen nicht so viel anfangen können wie ich mit deinem“, kam sie seiner Frage zuvor. „Natürlich, keiner außer den Sakurazukamori ist so bekannt. Zumindest nicht in Japan.“ Sie sah aus dem Fenster und Seishirou beschlich das Gefühl, dass sie trotz ihres asiatischen Aussehens von weit her kam.
Er brachte seine Beherrschung an einen Punkt, an dem er wieder höflich lächeln konnte, statt sie mit gekrauster Stirn anzustarren. „Und nun? Weshalb hast du mich angesprochen?“
„Die Frage sollte lauten: Warum habe ich dich bis jetzt noch nicht angesprochen?“
Seishirou zuckte die Achseln. „Auch gut.“
„Da warst du noch nicht der Sakurazukamori.“
„Ah.“ Die Kirschbäume auf dem Hof färbten sich dunkler. Aus dem Augenwinkel sah er, wie sie in der windstillen Umgebung hin- und herschwangen.
„Ich hätte da einen Wunsch.“
Obwohl er die wütenden Bäume vor den Fenstern interessant fand, wandte er sich unvermittelt zu ihr um. „Einen Wunsch, an mich?“ Er war sich sicher, dass er noch nie von der geheimen Verbindung der Sakurazukamoris und dem Weihnachtsmann gehört hatte.
„Ja.“ Als ob das nicht gereicht hätte, nickte sie heftig mit dem Kopf. „Ich möchte, dass du den Direktor tötest. Könntest du das für mich tun? Das wäre wundervoll.“
Seishirou lachte. Das tat er nicht oft, und es hörte sich merkwürdig an. Sie hatte Recht. Er musste in der Tat viel mehr üben, wenn er ein richtiger Profi werden wollte, wie sie. Denn entweder war sie geistig verwirrt, oder tatsächlich eine so gute Schauspielerin, dass sie es ernsthaft schaffte, ihn durcheinander zu bringen. „Den Direktor?“
„Aber ja! Wieso denn nicht? Ich kann ihn nicht leiden.“
„Das ist wohl kaum die ganze Wahrheit.“
„Nein.“ Sie trat von seinem Tisch zurück und glättete ein paar Falten ihrer Bluse. „Aber ich bin mir recht sicher, dass sie dich ohnehin nicht interessiert, und selbst dann wärst du von der Erklärung enttäuscht.“
Er kramte in seiner Erinnerung nach dem Aussehen des Direktors. Er hatte ihn nur ein einziges Mal getroffen, als er sich der Schule vorgestellt hatte. Ein stämmiger Mann mittleren Altes, grimmige Stirnfalten und viel zu enge Klamotten. Die Knöpfe der weinroten Weste waren bis zum Platzen über dem blaukarierten Hemd gespannt gewesen, dass es Seishirou schwer gefallen war, Augenkontakt zu halten. „Na schön, aber...“
„Ich kenne deine Kontonummer. Du wirst dein Geld schon kriegen.“
Sie zwinkerte ihm zu – sie hatte tatsächlich den Nerv dazu, ihm zuzuzwinkern. Das Mädchen seufzte, rollte den Kopf in den Nacken, dass es knackte als bräche sie ganze Äste entzwei und ging dann summend zur Tür. „Oh je, wir kommen zu spät zur nächsten Stunde.“
Er sah ihr nach, wie sie in den Flur lief und ihre Schritte verhallten. Inzwischen überlegte er, ob er von ihr schon gehört hatte. Er selbst war erst seit wenigen Stunden Sakurazukamori und sie schien ihn schon erkannt zu haben. Wieso hatte er dann keine Ahnung, wer sie war?
Challenge: #3
Achtung!: creepy, und sicher auch ein wenig OOC...
A/N: Heute ist wieder so ein Tag wo ich denke „Oh, verflucht. Ich kann einfach nicht schreiben. Ich sollte mich selbst einbuddeln und mit den Radieschen über das Wetter reden.“
Seishirou starrte auf die türkisfarbene Kaugummiverpackung, die ihm sein Klassenkamerad, der sich seit ihrem ersten Treffen vor zwei Wochen nur mit einem „Ey, Mann!“ vorgestellt hatte, unter die Nase hielt. Ebendiese rümpfte er. Er wich allerdings nicht zurück. Der Pfefferminzgeruch brannte an seinem Gaumen, als er den Mund öffnete, um ausgiebig zu seufzen. Er lächelte freundlich – vielleicht etwas zu freundlich, da sein Klassenkamerad beide Brauen hob – und schob die kaugummihaltende Hand aus seinem Gesicht. „Danke, aber ich verzichte.“
Der andere Junge starrte ihn einen Moment lang, zog sich dann selbst einen Kaugummi aus der Packung, steckte diese wieder in seine Hosentasche, zuckte die Achseln und ging seines Weges. Seishirou verdrehte die Augen und öffnete die Tür zu seinem Klassenraum. Wenn er den Plan richtig im Kopf hatte, war nun Biologie dran. Langweilig. Er hatte schon genug Kleintiere seziert, und Frösche waren ohnehin nie seine Favoriten bei dieser Angelegenheit gewesen. Er zog den glitschigen Amphibien Vögel vor, auch Hasen waren ganz nett, nur machten die immer eine fürchterliche Sauerei.
Er ließ sich geräuschlos auf seinen Platz sinken. In der Mitte, außen, ein guter Blick auf den Hof wo die Kirschbäume blühten. Was sie mitten im Winter eigentlich nicht tun dürften, und auch nicht taten, sobald er das Gelände verließ. Bisher war es noch keinem aufgefallen. Er achtete darauf, immer in einer Gruppe durch das Tor zu gehen. Auch drehte er sich immer brav verwundert um, wenn die Blüten sich plötzlich in Luft auflösten.
Der Kaugummikamerad kam schlurfend in den Raum, direkt gefolgt von ihrem Lehrer. Was für ein Pech aber auch, dachte Seishirou, von dem gehässigsten Lehrer der Schule dabei erwischt zu werden, wie man versuchte, seine Stunde zu schwänzen. Den Namen des Lehrer hatte er sich nie gemerkt, weswegen er bei der allmorgendlichen Begrüßung nur die Lippen bewegte, aber keinen Ton hervorbrachte. Der Kaugummikamerad tat nicht einmal das und blieb mit vorgestülpter Unterlippe und verschränkten Armen sitzen.
Der Lehrer fing an, unwichtige Dinge über Insekten an die Tafel zu schreiben. Gelangweilt ließ Seishirou den Finger über das raue Papier seines Schulbuches gleiten. Die Färbung der Rinde zeigte sich ihm. Er brauchte einen Moment, ehe er merkte, dass es an der Zeit war, alles von der Tafel abzuschreiben. Auch wenn es schon längst in ihren Biobüchern stand. Wissen sooft kopieren zu lassen, bis es sich jedem ins Gehirn gebrannt hatte, war der Sinn und Zweck des Schulsystems. Er grinste ... nun ja, einige Dinge konnte man auch nur schwerlich praktisch beigebracht bekommen. Zumindest in einer gewöhnlichen Schule, auf die gewöhnliche Kinder gingen. Abgesehen davon, dass es eine Schule für reiche Kinder war oder solche, die sich nicht zu schade waren, mit diversen Sponsoren ins Bett zu steigen. Auch wenn die unschuldigen, dummen Unwissenden zunächst versuchten zu erklären, sie hätten ein Stipendium bekommen – jeder wusste, dass das nicht der Fall sein konnte. So lief es an dieser Schule nicht. Was einer der Gründe war, weswegen er sich überhaupt angemeldet hatte. Die irritierend düstere Atmosphäre die über dem ganzen Gebäude lag und die amüsierten Kirschbäume auf dem Pausenhof hatten ihn fasziniert. Es war nicht schwer gewesen, sich einen Platz zu beschaffen. Zwar war meist alles vergeben, wenn man sich nicht rechtzeitig anmeldete, aber dank einer hohen Selbstmordrate wunderte es niemanden, dass ein Schüler fehlte und ein anderer seinen Platz einnahm. Dass dieser Schüler ermordet auf dem Schuldach lag, auf dem kleinen Häuschen, in dem einmal Tauben gehaust hatten, erfuhr niemand. Auf das Schuldach ging man nur, wenn man vorhatte, in den Tod zu springen, und wenn man das vorhatte, war einem Verwesungsgestank in der Regel egal. Seishirou hatte das Geschehen aus sicherer Entfernung mehrfach beobachtet. Ein paar hatten sich das T-Shirt über die Nase gezogen, die meisten aber schienen den süßen Geruch nicht einmal wahrzunehmen, schon lagen sie vor dem Haupteingang der Schule, die Glieder in alle Himmelsrichtungen gedreht, nur nicht in die, die noch erträglich sind, wenn man am Leben ist.
„Sakurazuka!“ Sein Name traf ihn wie ein Schlag auf den Kopf. Was auch der Fall war. Die Hand des Lehrers lag noch immer dort, die Finger in die Haare gekrallt. Obwohl sein Herz anfing lichterloh zu brennen, blieb er ruhig und lächelte zu seinem Lehrer hinauf. Das irritierte diesen gut genug, dass er aufhörte, ihm an den Haaren zu ziehen.
„Starrst wieder aus dem Fenster!“, sagte der Lehrer, als hätte er ihm damit eine wichtige Information gegeben. Eine, die viele Millionen Menschenleben retten konnte. Zu dumm nur, dass ihm das egal gewesen wäre.
„Ja“, antwortete er.
Das Gesicht des Lehrers lief rot an, die Falten schienen noch tiefer zu werden, als würde jemand die Haut mit einem Stück Karton eindrücken, nur dass weit und breit nichts dergleichen zu sehen war. „Du sollst dem Unterricht folgen! Wie so was wie du überhaupt hier reinkommen konnte.“
Seishirou biss sich auf die Zunge. Das half. Beinahe hätte er den Kauz angegrinst. Niemand wagte es, ihn zu duzen.
„Es tut mir außerordentlich Leid. Meine Mutter ist vor wenigen Tagen verstorben... ich muss in Gedanken gewesen sein.“
Er konnte spüren, wie seine Klassenkameraden die Luft anhielten, wie sich ihre Lungen dagegen wehrten.
„Oh.“ Die Anspannung war aus dem Gesicht des Lehrers geflohen. Stattdessen sah er nun aus wie eine Trauerweide. Er klopfte Seishirou auf den Rücken. „Na dann. Trotzdem möchte ich gerne mit... mit Ihnen sprechen.“
Erst als alle Augenpaare wieder von ihm abgewandt waren – wie gut, dass jemand die Schulglocke erfunden hatte – ließ Seishirou ein Lächeln zu.
Ein junges Mädchen trat an seinen Tisch. Er sah verwundert auf und blickte in ein lachendes Gesicht. Oh, das war genau das, was jemand wollte, wenn er gerade den Tod seiner Mutter verkündet hatte. Ging man von normalen Menschen aus.
Halbwegs interessiert musterte er ihr Gesicht. Schmal und klein, die Wangen eingefallen, die Augen glanzlos und so dunkel, dass er den Unterschied zwischen Pupille und Iris erst nicht ausmachen konnte. Dennoch war sie keine Untote. Er verzichtete darauf, ihr zu sagen, dass sie für eine Lebendige ziemlich tot war und wartete ab.
„Du“, sagte sie unvermittelt, nachdem sie ihn, wie es schien, eine Ewigkeit gemustert hatte. Die Pause war in wenigen Minuten vorbei.
Er zog die Brauen zusammen. „Ja?“
„Deine Mutter“, ihr Lächeln wurde noch breiter und zeigte erstaunlich weiße Zähne, „die ist nicht gestorben, oder?“
„Bitte?“ Er blinzelte. „Doch, natürlich ist sie tot.“
„Ja, tot schon. Aber nicht gestorben. Nicht so richtig. Nicht?“ Sie legte den Kopf zur Seite. Ihre kurzen schwarzen Haare schienen an den Spitzen verbrannt zu sein, allerdings nur auf der linken Seite.
„Ich glaube, ich kann nicht ganz folgen...“
Das Mädchen stützte sich mit den Armen auf seinem Tisch ab. Ihre Brüste hingen ihr in obszöner Weise halb aus der Uniformbluse. „Doch, klar kannst du. Du bist schon echt gut, aber das mit dem Lügen, das müssen wir noch mal üben.“
„Bitte?“
Sie riss ein Stück des Buches ab. Er hatte noch immer die Hand auf der Seite – das Papier wuchs sofort nach. „Ein Profi hört das raus.“
„Aha“, sagte er. Ein bisschen Amüsement konnte er tatsächlich nicht verstecken, selbst er konnte den Ansatz eines Lachens in seiner Stimme hören. „Und du bist ein Profi? Bei was, wenn ich fragen darf? Lügen? Bist du so in diese Schule gekommen?“
Selbst wenn sie ihn anlog, er hatte Mittel und Wege die Wahrheit herauszubekommen. Falls sie ihn nicht vorher genug auf die Palme brachte, dass er sie kurzerhand auch auf das Ex-Taubenheim verfrachtete.
„Menschen umbringen. Das bringt Geld, aber das weißt du ja sicherlich, Sakurazuka Seishirou.“
Ihre selbstgefällige Art gefiel ihm nicht. Sie jedoch wirkte gut unterhalten. Er schob den Stuhl zurück, als er aufstand, und setzte sich auf den Tisch hinter ihm. Die Glocke hatte längst zur nächsten Stunde geklingelt.
„Du wirst mit meinem Namen nicht so viel anfangen können wie ich mit deinem“, kam sie seiner Frage zuvor. „Natürlich, keiner außer den Sakurazukamori ist so bekannt. Zumindest nicht in Japan.“ Sie sah aus dem Fenster und Seishirou beschlich das Gefühl, dass sie trotz ihres asiatischen Aussehens von weit her kam.
Er brachte seine Beherrschung an einen Punkt, an dem er wieder höflich lächeln konnte, statt sie mit gekrauster Stirn anzustarren. „Und nun? Weshalb hast du mich angesprochen?“
„Die Frage sollte lauten: Warum habe ich dich bis jetzt noch nicht angesprochen?“
Seishirou zuckte die Achseln. „Auch gut.“
„Da warst du noch nicht der Sakurazukamori.“
„Ah.“ Die Kirschbäume auf dem Hof färbten sich dunkler. Aus dem Augenwinkel sah er, wie sie in der windstillen Umgebung hin- und herschwangen.
„Ich hätte da einen Wunsch.“
Obwohl er die wütenden Bäume vor den Fenstern interessant fand, wandte er sich unvermittelt zu ihr um. „Einen Wunsch, an mich?“ Er war sich sicher, dass er noch nie von der geheimen Verbindung der Sakurazukamoris und dem Weihnachtsmann gehört hatte.
„Ja.“ Als ob das nicht gereicht hätte, nickte sie heftig mit dem Kopf. „Ich möchte, dass du den Direktor tötest. Könntest du das für mich tun? Das wäre wundervoll.“
Seishirou lachte. Das tat er nicht oft, und es hörte sich merkwürdig an. Sie hatte Recht. Er musste in der Tat viel mehr üben, wenn er ein richtiger Profi werden wollte, wie sie. Denn entweder war sie geistig verwirrt, oder tatsächlich eine so gute Schauspielerin, dass sie es ernsthaft schaffte, ihn durcheinander zu bringen. „Den Direktor?“
„Aber ja! Wieso denn nicht? Ich kann ihn nicht leiden.“
„Das ist wohl kaum die ganze Wahrheit.“
„Nein.“ Sie trat von seinem Tisch zurück und glättete ein paar Falten ihrer Bluse. „Aber ich bin mir recht sicher, dass sie dich ohnehin nicht interessiert, und selbst dann wärst du von der Erklärung enttäuscht.“
Er kramte in seiner Erinnerung nach dem Aussehen des Direktors. Er hatte ihn nur ein einziges Mal getroffen, als er sich der Schule vorgestellt hatte. Ein stämmiger Mann mittleren Altes, grimmige Stirnfalten und viel zu enge Klamotten. Die Knöpfe der weinroten Weste waren bis zum Platzen über dem blaukarierten Hemd gespannt gewesen, dass es Seishirou schwer gefallen war, Augenkontakt zu halten. „Na schön, aber...“
„Ich kenne deine Kontonummer. Du wirst dein Geld schon kriegen.“
Sie zwinkerte ihm zu – sie hatte tatsächlich den Nerv dazu, ihm zuzuzwinkern. Das Mädchen seufzte, rollte den Kopf in den Nacken, dass es knackte als bräche sie ganze Äste entzwei und ging dann summend zur Tür. „Oh je, wir kommen zu spät zur nächsten Stunde.“
Er sah ihr nach, wie sie in den Flur lief und ihre Schritte verhallten. Inzwischen überlegte er, ob er von ihr schon gehört hatte. Er selbst war erst seit wenigen Stunden Sakurazukamori und sie schien ihn schon erkannt zu haben. Wieso hatte er dann keine Ahnung, wer sie war?
no subject
Date: 2007-07-23 02:25 pm (UTC)Mir hat es wirklich sehr gut gefallen, dein Seishirou ist wirklich großartig (auch wenn ich ihm nicht im Dunkeln begegnen will. Genau genommen auch nicht im Hellen XD").
Bei solchen Prompts ärger ich mich noch mehr, dass ich Sonntags nicht mitschreiben kann...
no subject
Date: 2007-07-23 04:42 pm (UTC)Ich würde ihm schon gern begegnen, aber so, dass er mich nicht bemerkt. xDDD
Ich verpass die Prompts aber auch oft. xD" Kein Smäääh = Internet doof.