[identity profile] tsutsumi.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Team: Ovid
Fandom: Orginal
Challenge: Romantik/Intimität: Wortlos [Für mich]
Wörter: 529
Summary: Ein Leben wie aus dem Bilderbuch: Bürohengst, Hausfrau, Töchterchen, der Audi vor der Tür. Quasi eine klassischen Horrorstory.

„Das Frühstücksei ist zu hart.“
Die Löcher an den grauen Socken, direkt an den Fersen. Er hat die Löcher immer an den Fersen. Manchmal fragt sie sich, warum zur Hölle er die ausgerechnet da bekommt.
Er sitzt da, eineinhalb müde, verquollene Augen, nippt am Kaffee, krümelt mit dem Ei, dem Brötchen, kleckert Erdbeermarmelade auf die Tischdecke.
Das Büro frisst ihn jeden Tag von acht bis achtzehn Uhr, spuckt ihn wieder aus und lässt ihn noch graugewordener als sonst zurück zu ihr kriechen. (Seine Seele hat es womöglich schon verdaut.)

Sie sitzt auf der anderen Seite des Tisches, schmiert Stullen für Marie (noch immer, seit sieben Jahren). Marie wird gleich wie jeden Morgen missgelaunt aus ihrem Zimmer kommen, wortlos die Brotbüchse nehmen und zur Schule gehen. Pubertät. Was will man machen?

Sie wird ihrer Tochter nachsehen, sie wird ihm dabei zusehen wie er den Audi aus der Einfahrt bugsiert. Sie wird wie jeden Tag in den Garten gehen und Unkraut jäten, Rasen mähen und an den Kanten zu den Nachbarn mit der Schere nachbessern. Es muss ja alles seine Ordentlichkeit haben.

Wortlosigkeit schwebt jeden Morgen über ihnen allen, durch die Zimmer des so gewünschten Eigenheims, die Treppenstufen hinauf, bis in den Keller hinunter. Alles dumpf und grau und wortlos. Außer: Das Frühstücksei ist zu hart.

Wenn er fort ist, stellt sie sich vor, dass er zehn Minuten später wieder an der Tür erscheint, dass er sie auf den Mund küsst und sagt: „Ich hab's so satt, lass uns einfach abhauen und zwei Wochen nach Hawaii verschwinden.“

Natürlich tut er das nie.
Er wird nur jeden Tag noch glatzköpfiger, wütender, grauer, bierbäuchiger, grausockiger und spricht noch weniger mit ihr.
Vielleicht, so hofft sie jedenfalls, weil sie ihn an ein Leben erinnert, welches sie vor all dem hier hatten. Vor der Kleinstadt-junge-Eltern-Idylle. Vor dem Audi. Vor Brotbackautomaten. Vor Markenmöbeln.

Manchmal tun ihr all diese Klischees, die sie da lebt, unendlich weh. Dann denkt sie daran, dass sie etwas dagegen tun müsste. Wie in all den Filmen und Serien. Aber sie weiß nicht, wie man als Hausfrau mit Gras dealt. Oder wie man diskret und dabei gutaussehend den seine Ehefrau schlagenden Mistkerl von nebenan umbringt und im Garten vergräbt (und dann seinen Hund erschießt, weil der ihn wieder ausgräbt).

Aber dann fühlt sie sich so müde und denkt wieder an seine Löcher in den Socken.
Er bekommt doch kalte Füße.


Er kommt nach Hause und sitzt am Abendbrottisch. Immer wieder nickt er beinahe ein. Sie stellt Spaghetti vor ihm ab, er sagt nichts. Marie isst in ihrem Zimmer. Tomatensauce kleckert auf die Tischdecke. Schmatzen.


Dann fasst sie über den Tisch nach seiner Hand und schaut ihn lange an.

Plötzlich sprudeln Worte ihrer beider Haut. Sprießen aus ihren Poren, quellen hervor zwischen grauen Haaren und Falten.
Viel zuviele Worte mit zuviel Bedeutung, schwer und sauer und scharf; rinnen die Tischbeine herab wie Wasserfälle, kondensieren am Boden und zerstäuben sich im gesagten Esszimmer. Worte, die sie vor Jahren aussprachen, Worte, die sie noch nie aussprachen und solche, die sie nie aussprechen werden.


Er lässt den Kopf hängen und drückt schwach ihre Hand.

Hätte er noch eine Seele, er würde in seine Spaghetti weinen.

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