[identity profile] http://users.livejournal.com/leni_/ posting in [community profile] 120_minuten

Team: Novalis
Challenges: Romantik - Blicke (Team)
Fandom: Original (Echte Helden hätten so was nicht nötig)
Charaktere: Zoe (eine Werwöflin), Paul (ein auserwählter Held, der irgendwann die Welt retten soll)
Wörter: ~800
Anmerkung: Nicht gegengelesen.
Paul und Konsorten kamen schon hier, hier, hier und hier vor. Ohne feste Chronologie.




Zoe lag auf ihrem Bett, eine Wärmflasche im Arm, eine Tasse Kakao auf dem Nachttisch und ein Buch auf dem Kopfkissen. Sie verfluchte ihren Körper, der entschieden hatte, dass jene kurze Zeit im Monat, in der ihre inneren Wölfin sie vollkommen in Frieden ließ, die beste Zeit wäre um sie daran zu erinnern, dass sie nicht nur ein Werwolf sondern außerdem eine zeugungsfähige Frau war.
Sie hörte das Öffnen und Zuschlagen der Wohnungstür, hörte Stimmen (Paul und Elin), die lautstark miteinander stritten und zog sich die Bettdecke über den Kopf. Nichts in der Welt würde sie dazu bringen, sich heute in die Streitigkeiten ihrer Mitbewohner zerren zu lassen. Egal von welch epischer Proportion sie auch sein mochten.
Der Streit dauerte nicht lange und ende mit weiterem Türenschlagen. Zoe atmete auf.
Dann ertönte lautes Scheppern und Klirren.
Widerwillig schälte Zoe sich aus dem Nest, das sie gebaut hatte, stieg mit ihren dicken Wollsocken an den Füßen in ihre Hausschuhe und angelte den flauschigen Strickmantel (den Paul irgendwann Schafspelz getauft hatte), von ihrem Schreibttischstuhl. So gerüstet, ihre Wärmflasche immer noch im Arm, machte sie sich auf den weiten Weg Richtung Küche um heraus zu finden, was in aller Welt jetzt passiert war. Sie hoffte inständig, dass es weder Monster noch Kobolde wären. Sie war ganz und gar nicht bereit, sich jetzt einem Monster oder einem Kobold oder sonst irgend einer Kreatur gegenüber zu stellen.

Ob sie das müsste oder nicht konnte sie nicht direkt feststellen. Als sie die Küchentür öffnete begrüßte sie ein heilloses Chaos, das seinen Ursprung in dem halb umgestürzten Küchenbuffet fand. Es wäre ganz umgestoßen, hätte die Enge der Küche es nicht frühzeitig mit dem Kühlschrank bekannt bemacht.
„Hallo?“
Ihre Stimme klang heiser. So wie Stimmen klingen, wenn man den ganzen Tag im Bett verbracht hatte. Wenn es ein Monster oder ein Kobold oder sonst eine Kreatur in der Küche war, dann wusste es spätestens jetzt, dass Zoe keine Herausforderung für es darstellen würde.
Aber sie bekam weder ein Knurren, noch ein Fauchen oder Brummen zur Antwort, auch keinen Schrei. Nichts. Nur ein leises Schluchzen konnte sie hören. Versteckt hinter dem umgestürzten Buffet.
„Elin?“
Keine Antwort.
„Paul...?“
Keine Antwort.
Zoe drückte ihre Wärmflasche fester an sich. Wenn es Elin war, die da hinten kauerte – Zoe würde den Teufel tun durch die Scherben zu ihr zu kriechen um ihr irgendeinen Trost anzubieten. Aber, wenn nicht...

„Paul? Bist du das?“
Keine Antwort. Dann, ein Schniefen. Ein kaum verständlich gemurmeltes „Hm“

Zoe krabbelte, zerbrochene Tassen und Gläser schob mit der einen Hand beiseite, während die andere sich weiterhin an ihre Wärmflasche klammerte.
Paul saß auf dem Boden, das Gesicht hinter Knien und Händen versteckt.
„Hey“, teilte Zoe ihm ihre Anwesenheit mit. Durch die Lücken zwischen seinen Fingern sah er sie an. Er ließ seine Hände erst sinken, als sie sich neben ihn gesetzt hatte.
„Ich wusste nicht, dass du das Ding so scheußlich findest...“
„Hm.“
„Worüber habt ihr gestritten?“
„Das Übliche...“
Zoe gab sich stets die größte Mühe nichts von den regelmäßigen Auseinandersetzungen zwischen ihm und Elin mit zu bekommen. Trotzdem wusste sie, dass weder Paul mit seiner Mentorin, noch seine Mentorin mit ihm als zukünftigem Retter der Welt, besonders zufrieden war.
„Für sie ist das so leicht“, fuhr er leiser fort.
„Ich meine, sie war immer schon so – oder selbst wenn nicht. Sie hatte – keine Ahnung – zweihundert Jahre sich dran zu gewöhnen...“, mit dem Ärmel seines Sweatshirts wischte er sich Rotz und Tränen aus dem Gesicht.
„Ich weiß noch, wie das war! Ein normales Leben haben. Ich kann nicht einfach so tun, als wäre das nie... als wäre das nie...“
Zoe starrte ihn an. Sie war sich sicher, dass sie starrte.
Paul war immer der Erste, der Witze über ihren nicht sehr alltäglichen Alltag machen würde, dem zu jeder Höllenkreatur der passender Film, das passende Buch, der passende Comic einfiel. Paul war immer derjenige, der dieses Leben als fantastisch, sich und seine Sidekicks (denn manchmal nannte er seine Mitbewohnerinnen so) als unglaublich, unwahrscheinlich oder atemberaubend darstellen konnte.
Solange sie sich kannten, solange sie von der Andersartigkeit, dem Schicksal des jeweils anderen gewusst hatten – Zoe hätte nie im Traum gedacht, dass Paul auch nur einen Funken Verständnis für ihr Verhältnis zu diesem Leben haben könnte.
Aber jetzt, in diesem Augenblick, als er sie ansah, das Blau seiner Augen rot-verwaschen, erkannte sie die gleiche wütende Verzweiflung, die sie selbst viel zu oft runter schluckte.
Sie wollte etwas sagen, sie wusste, dass Paul – wäre die Situation umgekehrt – genau wüsste, was zu sagen wäre. Und dann, ihr war gerade die richtige Antwort eingefallen, war Paul ihr schon zuvor gekommen, hatte mit seiner warmen, tränen-nassen Nase die ihre berührt, und mit seinen Lippen alle Worte, die sie hätte sagen können überflüssig gemacht.



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