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[personal profile] servena posting in [community profile] 120_minuten
Titel: Jolene
Team: Dickinson
Challenge: Romantik/Intimität - Wortlos (für mich)
Fandom: Original
Kommentar: Inspiriert von dem gleichnamigen Song von Dolly Parton, der im Radio lief.

Ein Alien saß in ihrer Küche.


Jolene

Sie warf einen Blick aus dem Augenwinkel hinüber zu der Frau am Küchentisch, während sie das Kaffeepulver in die Maschine schüttete. Sie sah aus wie etwas Unwirkliches, Außerirdisches mit ihren leuchtend roten Haaren und der hellen, beinahe durchscheinenden Haut. Der silberne Schmuck und das schwarze Trägerkleid gaben ihr den Anschein zeitloser Eleganz, als sei sie soeben einem Katalog von Calvin Klein entstiegen. Die langen Beine, elegant überschlagen, mündeten in schwarze Stiefeletten. Ein Alien, das in ihrer beengten Küche saß.
Ihre Hände zitterten, sie verschüttete das Kaffeepulver über die Anrichte. „Scheiße“, fluchte sie und biss sich im selben Moment auf die Zunge. „Kann ich Ihnen behilflich sein?“, kam es von hinter ihr. „Nein, danke“, sagte sie hastig.Mit dem Lappen wischte sie das braune Pulver auf. Dann kippte sie rasch den restlichen Kaffee in die Maschine und schaltete sie an. Ihr lautes Blubbern erfüllte die Küche, während sie klappernd die Tassen auf den kleinen Tisch stellte. Sie drehte zögernd die angeschlagene Zuckerdose in den Händen, bevor sie sie dazustellte. Die Kaffeemaschine zischte noch. Sie lehnte sich mit dem Rücken gegen die Anrichte.
Die Rothaarige - „Nennen Sie mich Jolene“ hatte ihre Kaffeetasse in der Hand. Die sind von Stevens Mutter, dachte sie, und: Oh Gott, ist dieses Muster hässlich.
Sie wusste, sie würde mit ihr reden müssen. Sie hatte dieses Gespräch mit einer Mischung aus Furcht und Sehnsucht erwartet, als würde es ihr die Antwort auf all ihre Fragen liefern. War sie jünger? War sie hübscher? Wie lange ging das schon? Wo hatten sie sich kennen gelernt? Wie oft hatte er sie gesehen? Hatte er seinen Ehering abgenommen? Hatte sie von ihr gewusst? Von den Kindern? Was erwartete sie sich?
Sie hatte gehofft, die Wahrheiten eher bei der Frau zu finden, die ja nun keinen Grund mehr hatte, sie zu belügen. Aber plötzlich wurde ihr bewusst, dass all die Details und schmutzigen Einzelheiten ihr gar nichts mehr bedeuteten. Ja, sie war jünger. Natürlich war sie hübscher. Aber das verriet ihr nicht die Antwort auf die Frage, die sie nicht mehr schlafen ließ, seitdem sie es herausgefunden hatte: Wie ging es jetzt weiter? Was sollte sie tun?
Das Klirren, als Jolene die Kaffeetasse auf der Untertasse absetzte, ließ sie aus ihren Gedanken aufschrecken. „Ich glaube, der Kaffee ist fertig“, sagte sie. Tatsächlich gab die Kaffeemaschine nur noch ein leises Zischeln von sich. Sie schaltete sie ab und trug die Kanne die wenigen Schritte hinüber zum Tisch. Als sie einschenken wollte, kippte sie sich beinahe die heiße Flüssigkeit über die Finger.
„Lassen Sie mich mal“, sagte Jolene und nahm ihr die Kanne ab, bevor sie reagieren konnte. Sie starrte auf die sauber manikürten Fingernägel, während die andere einschenkte.
Sie kippte großzügig Zucker und Milch in ihren Kaffee, bis es mehr nach Milch mit Kaffee als nach Kaffee mit Milch aussah, dann rührte sie darin herum. Als sie sich schließlich traute, aufzusehen, blickte sie Jolene über den Tisch hinweg unverwandt an. Ihre Augen sind grün, wie hübsch, dachte sie. Sie wartete auf den giftigen Schwall Eifersucht, der immer in ihr aufgestiegen war, wenn sie an die andere Frau gedacht hatte, aber jetzt, als sie ihr tatsächlich gegenübersaß, spürte sie nicht mehr als Resignation. Sie wusste, dass sie irgendetwas sagen sollte, aber ihr Mund fühlte sich an wie zugeklebt. Sie spürte einen Kloß in ihrem Hals aufsteigen. Oh Gott, bloß nicht heulen. Sie nahm rasch einen Schluck Kaffee und verbrannte sich die Zunge.
„Ich warte immer noch darauf, dass Sie mich anschreien“, sagte Jolene plötzlich. Es war völlig entwaffnend, und sie fühlte den letzten Rest Wut in sich verpuffen. Eher verspürte sie soetwas wie Bewunderung dafür, dass diese Frau allein durch ihr Auftreten dafür sorgen konnte, dass sie ihr nicht mehr die Augen auskratzen wollte. Kein Wunder, dass die Männer auf sie stehen, dachte sie.
„Ich glaube nicht, dass das noch passiert“, erwiderte sie. „Irgendwie habe ich den Moment verpasst.“
„Hätte nicht gedacht, dass man das kann.“ Sie rührte langsam in ihrem Kaffee, den Löffel elegant an der Spitze gefasst.
„Ich weiß nicht. Ich habe sowas noch nie gemacht.“
„Ich auch nicht“, sagte Jolene.
Sie ist kein Ehemänner jagendes Ungeheuer, sagte sie sich. Natürlich nicht. „Haben Sie gewusst, dass er verheiratet ist?“, brachte sie heraus.
„Nein.“ Ein kleiner Schluck von dem Kaffee und ein Blick unter gesenkten, zart getuschten Wimpern. „Aber ich habe es ein bisschen geahnt. So ein Mann muss einfach verheiratet sein, habe ich mir gesagt.“
Sie nickte und startete einen zweiten Versuch mit ihrer Milch-mit-Kaffee. Es war viel zu süß. Sie trank trotzdem.
„Sie haben Kinder, nicht wahr? Ich habe die Fotos im Flur gesehen.“
„Zwei Mädchen. Die Kleine ist im Kindergarten und die Größere in der Grundschule.“
„Oh Gott – ich meine, das ist schön.“ Sie fuhr sich mit der Hand durch die rotglänzenden Haare. „Ich wollte – ich will Ihnen das nicht kaputtmachen. Ich meine, mehr, als ich schon kaputtgemacht habe. Es ist nicht so, dass ich irgendwelche weiterführenden Pläne hatte.“
Es war merkwürdig, beinahe skurril, als würden sie die Ansprüche auf ein Haustier diskutieren, einen Hund vielleicht. Sie fühlte ein hysterisches Lachen ihre Kehle hochkriechen und nahm hastig noch einen Schluck von dem eklig süßen Kaffee, um es hinunterzuspülen. „Ich weiß nicht“, sagte sie dann. „Ich weiß gar nicht, wie es jetzt weitergehen soll.“
In dem Moment erklang von draußen das Geräusch eines Autos, das auf die Auffahrt fuhr. Sie sahen einander an. „Ich sollte besser gehen“, sagte Jolene, aber sie schüttelte den Kopf. „Nein, bitte bleiben Sie.“
Sie warteten und lauschten auf das Klirren des Schlüssels an der Haustür. Sie umklammerte die Kaffeetasse, als könnte die ihr Halt geben, als Schritte im Flur erklangen. Er rief ihren Namen, aber sie brachte keinen Ton heraus. „Hast du Besuch?“ Die Küchentür hinter ihr quietschte ein wenig. Sie konnte sehen, dass Jolene auf einen Punkt hinter ihr blickte, ohne etwas zu sagen. Als sie endlich den Mut aufbrachte sich umzudrehen, sah sie direkt in Stevens fassungsloses Gesicht in der Tür. Sein Blick ging zwischen ihr und Jolene und den Kaffeetassen zwischen ihnen hin und her.
Sie hatte stundenlang darüber nachgegrübelt, wie sie es ihm sagen würde. Doch jetzt, wo der Augenblick gekommen war, war jegliches Wort überflüssig. Nicht wirklich so, wie ich mir das vorgestellt habe, dachte sie bei sich. Ich hatte mehr Geschrei erwartet. Doch es stellte sich heraus, dass das Auseinanderbrechen ihrer Welt ein sehr stiller Prozess war.

Date: 2012-09-17 11:26 am (UTC)
der_jemand: (green)
From: [personal profile] der_jemand
Wow. Das ist unglaublich wow.
Nicht dass ich das beurteilen könnte, aber es erscheint mir realistisch und du hast diese seltsame Stimmung toll eingefangen.
Und dann dieser letzte Satz. DIESER LETZTE SATZ. Wow.

Date: 2012-09-18 06:24 am (UTC)
From: [identity profile] exiles-diary.livejournal.com
Ich schließ mich in der Meinung an: Wow!

Ich stelle mir die ganze Zeit die Frage, wie sie Jolene in die Küche gebracht hat.
Jedenfalls war sie in der Küche und wow... ich wäre wahrscheinlich an ihrer Stelle in Tränen ausgebrochen und hätte gar nichts sagen können.
Allein die Vorstellung >.<
Und dann auch noch zwei so junge Kinder.
So ein Arsch.

Das war wirklich ergreifend realistisch mit schönen Formulierungen ummantelt.

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