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[personal profile] luinaldawen posting in [community profile] 120_minuten
Team: Kaléko
Challenge: h/c, angst – Narben (für mich)
Fandom: Original
Charaktere: Cira, ein taubes Mädchen. Henry, ein Soldat der zufällig in der Nähe war (und noch nen anderen Namen braucht)
Wörter: 1136
Anmerkung: Ich glaube, das ist nichts für schwache Nerven. Wenigstens hoffe ich, dass ich es so rüberbringen konnte, wie ich wollte. Es spielt nur ein paar Stunden nach dieser Geschichte und hat irgendwie eine Wendung genommen, die Stoff für einen längeren Plot bietet.
Verdammt. Dabei wollte ich dieses Jahr nicht bei NaNo mitmachen. ._.
Und es ist das erste Mal, dass ich aus der Sicht einer Gehörlosen schreibe... Bestimmt sind mir dabei Fehler unterlaufen. x_X


Es war dunkel geworden, bis Cira sich aus dem Keller heraustraute, in den ihre Mutter sie geschickt hatten, als das Chaos begann. Man hatte ihr eingeschärft, erst wieder hochzukommen, wenn jemand sie holte.
Niemand war gekommen.
Nicht ihre Mutter, nicht ihr Vater. Ihre große Schwester war schon seit zwei Tagen tot. Cira hatte das immer noch nicht begriffen.
Keine Bombe hatte sie erwischt. Kein Soldat der Gegenseite, wer auch immer das war.
Eine Frau aus ihrer Straße.
Um Wasser war es gegangen, hatte ihr Vater ihr mit beherrschten Gesten erklärt. Teresa hätte nach Meinung der Nachbarin mehr Wasser von den Versorgungswagen geholt, als ihr zugestanden hätte. Dabei waren sie doch eine Person mehr als die Nachbarn. Da brauchten sie mehr Wasser, hatte Cira eingewandt, aber ihr Vater hatte nur ratlos den Kopf geschüttelt.
Danach hatte sie nicht mehr gewagt, Fragen zu stellen. Auch nicht, als ihre Mutter sie am Arm gepackt und in den Keller geschoben hatte. Ihre Hände hatten gezittert, als sie ihr die Anweisungen gegeben hatte.
Warum war sie nicht mitgekommen? Wo war ihr Vater?
Sie hatte nicht gefragt. Ihre Mutter hatte sowieso nicht mehr hingeschaut.
Zitternd hatte Cira seitdem in dem winzigen Kellerraum ihrer Familie gesessen. Was geschah dort oben? Warum kamen ihre Eltern nicht? Waren die Nachbarn auch hier unten?
Es gab nichts, was irgendwelche Anhaltspunkte geben könnte. Die Tür war massiv, man konnte nicht hindurchsehen und Teresa hatte mal erklärt, dass sie schalldicht war.
Schalldicht... Cira verstand zwar die Bedeutung dieses Wortes, aber auch nicht mehr. Schall war für sie ein abstrakter Begriff, der in ihrer Welt keinen Platz hatte.
In dem Moment, als sie den Schlüssel im Schloss herumdrehte wünschte sie aber, es wäre anders. Sie hatte so oft gesehen, wie ihre Schwester und ihre Eltern ohne sichtbaren Grund auf etwas reagiert hatten. Sie hatten es gehört, das hatte Cira begriffen, als sie alt genug dafür gewesen war. Würden sie zu den reicheren Familien gehören, könnte sie selbst auch... hören. Hätten die Operation bezahlen können, die die fehlerhafte Verbindung zwischen ihren Ohren und dem Gehirn reparierte.
Ihre Schritte waren vorsichtig. Sie hatte gelernt, dass sie für andere hörbar war, wenn sie nicht aufpasste. Und nicht jeder wollte mit der Anwesenheit des tauben Mädchens belästigt werden.
Der Flur war dämmrig. Als sie heruntergekommen waren, hatten die grellen Neonleuchten noch ihren Dienst getan, jetzt waren sie auf Notlicht gegangen. Kein Strom mehr.
Treppe nach oben.
Mitten drauf lag etwas. Cira konnte nicht genau sehen, was es war, aber die Form erinnerte an einen Menschen. Eine Sekunde lang erstarrte sie. Was wenn... Ihre Eltern hätten sie geholt, wenn sie gekonnt hätten. Ganz sicher. Sie waren nicht tot.
Ganz sicher.
Bestimmt versteckten sie sich.
Sie presste sich an die Wand und schlich an der Leiche vorbei ohne sie anzusehen.
Oben lagen mehr Körper. Der Mond schien beinahe voll durch die offen stehende Haustür und Cira konnte nicht schnell genug wegsehen um die roten Flecken zu übersehen die dort waren, wo sich vorher die Augen befunden hatten.
Zögernd sah sie wieder hin. Sie kannte den Mann. Er war immer nett zu ihr gewesen, auf eine mitleidige und ein wenig herablassende Art. Das hatte sie nicht gestört. Einmal hatte er sogar versucht, ihre Zeichensprache zu lernen und dabei sehr gelacht. Sie hatte nie erfahren, ob er über sie oder seine eigenen ungeschickten Versuche gelacht hatte.
Jetzt würde sie ihn nicht mehr fragen können.
Er sah aus, als wäre ihm das Gehirn geplatzt.
Sie erschauderte.
Nachdem sie sich in die nächste Ecke übergeben hatte, lief sie nach draußen.
Ihre erste Reaktion auf der Straße war Erleichterung. Dort waren Menschen. Lebende Menschen. Ein Feuer tauchte die Straße zwar in ein unheimliches Licht, aber es gab Überlebende! Bestimmt waren ihre Eltern auch darunter! Sie musste sie nur finden.
Keiner nahm Notiz von ihr, als sie zwischen die Elektroautos hindurchlief, die teilweise gegen Hauswände gefahren waren. Einer hatte sich an einer Straßenlaterne beinahe halbiert. Warum hatte er nicht gebremst? Andere waren so ineinander verknäult, dass sie nicht einmal mehr sagen konnte, wie viele es einmal gewesen waren.
Jemand packte sie an der Schulter und sie drehte sich erleichtert um. Bestimmt war das ihre Mutter oder ihr Vater. Aber das Gesicht war fremd. Der Blick leer. Sekundenlang starrten sie einander an, dann öffnete die Frau den Mund und sagte irgendetwas. Cira hatte ein wenig gelernt, von den Lippen zu lesen, aber das gerade ergab nicht den geringsten Sinn.
Ratlos hob sie die Schultern, aber die Frau reagierte da gar nicht drauf. Begann sie zu schütteln. Redete weiter auf sie ein.
Cira begann zu schreien. Es spielte keine Rolle, was. Sie hatte nie gelernt, Laute zu Worten zu formen. Aber ihre Eltern würden sie hören und ihr helfen. Ganz sicher. Ganz sicher...
Die Frau ließ sie nicht los, sondern schüttelte sie stärker. Ihr Griff war so hart geworden, dass Cira das Gefühl hatte, ihre Schulter würde jeden Moment brechen.
Und dann erschlaffte die Frau. Ließ sie einfach los und brach auf ihr zusammen.
Zitternd versuchte Cira sie wegzuschieben. Sie wusste nicht, ob sie noch immer schrie. Ihr Gesicht war feucht. Ihre Hände auch. Sie sah sie an. Rot. Ganz rot. Unheimlich schimmernd im Widerschein der Brände.
Mit einem Mal wurde die Frau von ihr heruntergeschoben und jemand stand über ihr. Sie sah ihn nur verschwommen und machte eine bebende Handbewegung. „Papa?“
Der Mann ging vor ihr in die Knie und sie erkannte, dass es nicht ihr Vater war. Zu jung. Zu dunkle Haut. Nicht so schwarz wie der pingelige Hausmeister, aber dunkel. Aber er war lebendig. Sein Blick war lebendig. Nicht so tot.
Er fragte sie etwas. Das Licht war schlecht, aber sie glaubte zu erkennen, dass er sie nach ihrem Namen fragte. Oder? Verständnislos sah sie ihn an und hob beide Hände an ihre Ohren, während sie den Kopf schüttelte. So verstand jeder, dass sie taub war.
Der Mann zögerte. Sagte noch etwas.
Als sie in Tränen ausbrach, nahm er sie auf seine Arme und trug sie weg. Fort von dem Grauen der Straßen.

Oberleutnant Henry DeLorian warf einen letzten Blick auf das Mädchen, das er in dem Wahnsinn, der einmal eine blühende Stadt gewesen war, aufgelesen hatte. Der Feldarzt hatte sie untersucht, wobei sie sich die ganze Zeit panisch an ihm festgehalten hatte.
„Sie muss von Geburt an taub sein. Vermutlich hat die Waffe deswegen keine Wirkung auf sie gehabt“, hatte der Arzt gesagt, nachdem er ihr ein Beruhigungsmittel gegeben hatte und sie eingeschlafen war. „Sie steht nur unter Schock, keine Verletzungen.“
Aber wenn er sie so ansah, hatte er Zweifel an dieser Aussage. Ihm hatten die Bilder der durchgedrehten Menschen schon genug zugesetzt und er wusste, dass es seinen Kameraden ebenso erging. Das Mädchen würde niemals vergessen können, was geschehen war.
Es gab einfach Verletzungen, die lagen zu tief unter der Oberfläche um gesehen zu werden.

Date: 2012-09-13 06:04 pm (UTC)
From: [identity profile] rei17.livejournal.com
Wow....
Das ist wirklich unglaublich intensiv und eindrücklich geschrieben ...
Und ich fand es ganz toll, wie du die Stille aus Ciras Perspektive geschildert hast. Man fühlte sich gleich doppelt so hilflos, weil sie ja nichtmal Leuten erzählen kann, was passiert ist. óò
Es ist wirklich wahnsinnig gruselig und stimmungsvoll und düster.
Henry fand ich aber gleich sehr nett und ich bin jetzt sehr gespannt auf ihn und seinen Freund. ;)

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