[identity profile] http://users.livejournal.com/leni_/ posting in [community profile] 120_minuten
Team: Novalis
Challenge: Reguläre Challenge - Flügelschlag
Fandom: Original (Der Blaue Salon)
Wörter: ~500
Charaktere: Niél, Maron, Ian, Keremi
Anmerkung: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15
Randbemerkung: Ich habe Maron und Ireana gezeichnet! (Und Maron alleine)


Vielleicht hatte sie ihnen unrecht getan, dachte Niél als sie am Hafen ihrer Pirateninsel einliefen. Mit feierlicher Miene trugen sie die Überreste ihrer verstorbenen Kameraden von Bord. In manchen Augen glaubte sie unterdrückte Tränen sehen zu können als sie zum Tempel liefen.
Ian lief mit ihnen, an den Händen von Sayn und Keremi. Es hatte Niél verwundert, auch ein wenig verletzt, dass er kein bisschen Angst vor diesen Fremden zu haben schien, sich ihren Anweisungen fügte, wie er es sonst weder bei ihr noch bei Maron tat.
Auf dem Vorplatz des Tempels breiteten sie die Knochen aus, ihr Priester (den sie selbst Meister nannten), schlug auf einer Trommel und sang dazu, dass Niél die Kälte in die Glieder stieg.
Niél durfte an der Zeremonie nicht Teil haben. Man hatte sie, zusammen mit Maron, in ein kleines Haus am Rande des Dorfs gebracht. Aus der Ferne beobachtete sie, wie große, rabenartige Vögel aus dem Nachtdunklen Himmel hinab stiegen und begannen die Knochen zu verschlingen.
Ihr Herz wollte stehen bleiben, als die Tiere ihre Schnäbel in Ians Richtung hoben, ihre Flügel weit spannten. Aber dann neigten sie ihre Köpfe vor ihm, und Ian – als habe er sein Leben lang auf diesen Moment gewartet – legte seine kleinen Kinderhände auf den Federbusch über ihrer Stirn und während der Meister noch seine schauerlichen Gebete zum Neumond schickte zerstoben die beiden Vögel, mit einem letzten, großen Flügelschlag, in dunklen Nebel.
Niél konnte nicht weiter zusehen. Sie kehrte in die Hütte zurück, zurück zu Maron, der still und reglos auf dem Lager liegt, auf das die Piraten ihn gelegt hatten.
„Wenn wir fertig sind, kriegst du deinen Menschen zurück“, hatte Keremi ihr versprochen. Aber er könne nicht erlauben, dass er vor Ians Initiation irgendetwas durcheinander brächte.
Sie haben Angst vor ihm, hatte Niél realisiert. Ein weiter Stich in ihre Brust.

Sie haben Angst vor ihm, aber nicht vor mir.
Wieso sollten sie auch?

Mit jedem Tag an Bord ihres Schiffes, mit jedem Tag den sie dem Neumond näher kamen, war ihre Macht geschwunden. Für die nächsten paar Tage wäre sie so hilflos, so machtlos, wie ein ganz normaler Mensch. Vielleicht noch hilfloser, weil sie weiß, was sie alles nicht kann in dieser Zeit.
Draußen singen sie noch, oder beten, oder schreien, oder kreischen – Niél weiß es nicht.
Und jetzt nehmen sie mir auch noch meinen Sohn weg, denkt sie und dann erst fällt ihr ein, dass niemand ihr einen Sohn wegnehmen kann, weil sie nie einen Sohn gehabt hat. Dass ihr überhaupt niemand mehr irgend etwas wegnehmen kann, weil es nichts mehr gibt, das man ihr wegnehmen könnte. Sie hatte es geglaubt, vielleicht, aber es war nicht so.
„Nicht wahr?“, sagt sie zu Maron, der natürlich nichts antwortet.
Mit unnötiger Vorsicht, es ist ja nicht so als könnte sie ihn wecken, legt sie sich neben ihn, legt ihren Kopf auf seine Brust und lauscht seinem Herzschlag, der der leise und weit weg klingt.
Ob sie es lieber hätte, wäre es anders, fragt sie sich. Wenn das dort draußen wirklich ihr Sohn wäre, der gerade zu all dem gemacht wird, das sie zu verachten geschworen hat. Wenn Maron tatsächlich ihr Mensch wäre. Sie weiß es nicht. Aber sie hat keine andere Wahl weiterhin so zu tun, als wäre es so.

Profile

120_minuten: (Default)
Die Uhr läuft ... jetzt!

Most Popular Tags

January 2026

M T W T F S S
   1 234
567891011
12131415 161718
19202122232425
262728293031 

Style Credit

Powered by Dreamwidth Studios