Titel: Zwei sind ein Rudel
Team: Dickinson
Challenge: Fantasy/Mystery – Die erste Verwandlung (fürs Team)
Fandom: Original
Kommentar: Besser spät als nie: Plüschige Werwölfe! :D
Zwei sind ein Rudel
Als Tyler Hunt über das Tor zum Schulhof kletterte, wurde es gerade dunkel. Er war einige Zeit in seinem Zimmer auf und ab gegangen, bevor er sich dazu entschlossen hatte, zu kommen, und jetzt war er spät dran. Zum Glück hatten seine Eltern schon am Vortag die Ausrede akzeptiert, dass er bei einem Freund übernachten würde. Die Tasche, die er über der Schulter trug, als er das Haus verließ, war leer.
Er schwang sich über das metallene Tor und sprang auf der anderen Seite hinunter auf die Pflastersteine. Auf der Straße gingen gerade die Straßenlaternen an, aber der Schulhof selbst lag im Halbdunkel. Es war unheimlich, ihn so zu sehen, wenn man ihn sonst nur bei Tageslicht und voller Schüler kannte. Selbst die Gebäude mit ihren schwarzen, leeren Fenstern wirkten geisterhaft.
Er überquerte den Hof mit großen Schritten und schlug einen Bogen um das Hauptgebäude. Hier hinten sollten sie sich treffen, hatte auf dem Zettel gestanden, den er gestern Mittag in seiner Tasche gefunden hatte. Er hatte nicht den blassesten Schimmer, wie sie den dort hinein bekommen hatte, aber er hatte schon so etwas erwartet. Schon seit Wochen war der Tag, der auf dem Kalender mit einem runden, hellen Kreis markiert war, bedrohlich näher gerückt.
Unsicher blieb er stehen. Er sah sich um, konnte aber niemanden entdecken. War er womöglich an der falschen Stelle?
„Du bist spät dran.“ Er fuhr herum. Aus dem Schatten des Gebäudes löste sich die Gestalt von Jessica Evans.
Er stieß den Atem aus, den er unwillkürlich angehalten hatte. „Du hast mich erschreckt“, sagte er vorwurfsvoll.
„Ich hab dich schon gehört, als du über das Tor geklettert bist.“ Sie lächelte, und er fühlte sich verspottet. Sie musste es an seinem Gesichtsausdruck erkannt haben (dass sie diesen selbst bei diesen Lichtverhältnissen lesen konnte, sandte ihm ein unangenehmes Kribbeln über die Haut), denn sie fügte hinzu: „Mach dir keine Sorgen. Nach heute Nacht wirst du nur noch auf leisen Pfoten unterwegs sein.“ Sie lachte wie nach einem besonders guten Witz. Er verbiss sich die Bemerkung, dass das nicht exakt das war, worüber er sich Sorgen machte.
Sie gingen los, über den Hof bis zu dem gepflasterten Weg, der in den Wald hinter der Schule führte und dem sie folgten. Er hatte keine Ahnung, wohin sie gingen, aber er wollte auch nicht fragen. Die Absätze ihrer Sandalen klackerten ganz leise auf den Pflastersteinen. Es kam ihm merkwürdig vor, dass sie, zumindest von dem, was er im dämmrigen Licht erkennen konnte, genauso aussah wie an einem Schultag: Sie war wie stets modisch gekleidet, in einer dunkelblauen Jeans und einer hellen Bluse, nur dass sie diesmal ihre blonden Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte. Sie trug sogar den üblichen Schmuck, die silbernen Ohrringe und den Ring an ihrem Zeigefinger.
Es passte einfach so gar nicht zusammen mit dem, was sie war – was er wusste, das sie war. Jessica Evans, gute Schülerin, immer ordentlich und sauber, mit manikürten Fingernägeln. Und dann dieses Ding, wild und gefährlich. Mein Gott, sie hatte ihm fast die Hand abgebissen! Es war, als würde man zwei Bilder auf einem Projektor übereinanderlegen und beim besten Willen keine Übereinstimmungen sehen.
Sie musste gemerkt haben, dass er sie anstarrte.„Wieso warst du zu spät?“, fragte sie unvermittelt, und riss ihn auf ihre irritierende Art aus seinen Gedanken.
„Ich hatte Schwierigkeiten, aus dem Haus zu kommen“, sagte er.
Sie rollte mit den Augen, als sei das eine Lappalie. „Dann gib dir mehr Mühe.“
„Ich muss mir eine Ausrede einfallen lassen“, verteidigte er sich. „Vor allem kann ich nicht jedes Mal sagen, dass ich bei jemandem übernachte, das wird auffällig.“
„Dann denk dir eben was besseres aus.“
„Du meinst, einen überzeugenden Grund, weswegen ich einmal im Monat bei Vollmond aus dem Haus verschwinde?“, fragte er ironisch.
Sie sah ihn an, als hätte er etwas besonders Dummes gesagt. „Wem fällt so etwas schon auf! Es ist ja nicht so, als würden die Leute nach diesen Zusammenhängen suchen.“
Er konnte sich die Frage nicht verkneifen: „Was ist mit deinen Eltern?“
Ihre Schultern strafften sich beinahe unmerklich unter ihrer Bluse. „Denen fällt so etwas nicht auf“, sagte sie. Es klang vollkommen neutral, aber da war ein beißender Unterton oder vielleicht etwas in ihrem Gesichtsausdruck und er traute sich nicht, weiter nachzuhaken.
Völlig abrupt bog sie vom Weg ab in den Wald. „Hier lang?“, fragte er etwas ungläubig, als sie über herausragende Baumwurzeln kletterte. Wenn da ein Pfad war, konnte er ihn zumindest nicht sehen.
Sie warf einen Blick über ihre Schulter. „Was hast du denn gedacht?“
Es war irgendwie beschämend, dass sie in ihren Sandalen deutlich besser vorankam als er in seinen Turnschuhen. Zwischen den Bäumen war es beinahe stockfinster und er folgte hauptsächlich dem Leuchten ihrer Bluse und ihrer Haare. Zweimal stolperte er und landete beinahe mit der Nase voran auf dem Waldboden. Dann schnellte ein Zweig zurück, den sie weggebogen hatte, und schlug ihm ins Gesicht. Er fluchte laut.
„Sei still, du bewegst dich ja wie ein Trampeltier!“, zischte sie, ohne stehenzubleiben.
„Bitte vielmals um Verzeihung!“, gab er giftig zurück und hatte Mühe, mit ihr Schritt zu halten. Wenn das nach der Verwandlung nicht besser wurde, schwor er sich, würde er das hier nie wieder machen. Nicht dass ihm spontan eine Alternative einfiel.
Er wusste nicht, wie lange er so hinter ihr herging. Die Minuten zogen sich hin, während er durch den Wald stapfte und sich hin und wieder die schmerzende Wange rieb. Der Himmel färbte sich dunkelblau und dann schwarz, als die Sonne endgültig unterging und die ersten Sterne zu sehen waren. Er legte den Kopf in den Nacken, und blickte nach oben, er verspürte ein merkwürdiges Ziehen in seiner Brust, als würde ihn etwas in den Nachthimmel heben wollen. Die ganze Welt schien ihr Gleichgewicht nach oben verlagert zu haben. Über den Baumwipfeln war noch kein Mond zu sehen, aber er wusste instinktiv, dass es bald soweit war.
Als er beinahe über eine Baumwurzel fiel, richtete er den Blick hastig wieder nach vorne. Er sparte sich die 'Sind wir bald da?'-Frage, die ihm auf der Zunge lag – nicht, weil er ein bisschen Angst vor ihrer Reaktion hatte, sondern weil sich in diesem Moment vor ihnen eine kleine Lichtung auftat. Sie blieben am Rand der Bäume stehen.
„Ist es das?“, fragte er leise.
Sie nickte. Für einen Moment schwiegen sie beide.
„Du glaubst es noch immer nicht wirklich, oder?“
„Nein“, gestand er.
„Das verstehe ich.“ Sie hielt inne und schüttelte den Kopf. „Nein, eigentlich verstehe ich es nicht. Ich habe es gar nicht wirklich gewusst, bis es passiert ist. Nach meiner Verwandlung...da musste ich es einfach glauben.“
Er nickte.
„Ich wollte nicht, dass dir das passiert“, fügte sie hinzu.
„Danke.“
Für einen Moment war da etwas wie Verständnis zwischen ihnen. Beinahe so, als wären sie Freunde, oder könnten es zumindest werden.
Das Gefühl löste sich abrupt in Luft auf, als sie sagte: „Zieh dich aus.“
„Was?“
„Du hast mich schon richtig gehört.“
Er spürte, wie ihm die Röte ins Gesicht schoss, und betete, dass sie zumindest das in der Dunkelheit nicht sehen konnte. „Was – wieso?“, stammelte er.
Sie verdrehte die Augen. „Bei der Verwandlung zerreißen sie. Herrgott, jetzt stell dich nicht so an. Deswegen hab ich doch gesagt, nimm die Tasche mit.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Kannst deine Shorts anlassen, aber den Rest würde ich an deiner Stelle besser ausziehen. Wäre schade drum.“
Er hatte sich nicht mehr so geschämt, seit ihn seine Mutter in der Grundschule bei einer Übernachtungsparty seinen Teddy nachgebracht hatte. „Das kann nicht dein Ernst sein.“
„Das ist mein voller Ernst“, sagte sie, ohne mit der Wimper zu zucken.
Er öffnete den Mund, um weiter zu diskutieren, und schloss ihn dann doch wieder. „Dann dreh dich wenigstens um“, grummelte er.
Sie grinste, aber machte dann eine halbe Pirouette auf der Stelle, sodass sie ihm den Rücken zuwandte. Er drehte sich ebenfalls weg und zog sich nach kurzem Zögern sein T-Shirt über den Kopf. Hinter sich hörte er das Rascheln ihrer Kleidung. Zieht sie sich wirklich ganz aus, fragte er sich, und spürte, wie ihm bei dem Gedanken die Röte ins Gesicht schoss. Was würden einige Jungen in der Schule dafür geben, einmal eine solche Gelegenheit zu bekommen. Dafür ist der Preis aber verdammt hoch, dachte er bei sich und schlüpfte aus seiner Jeans.
Die laue Sommerluft wehte über seine Haut. Es war ein berauschendes Gefühl, mit nackten Füßen auf dem Waldboden zu stehen. Er hängte seine Kleidung über einen niedrigen Ast am Rande der Lichtung. Zögernd riskierte er einen Blick über seine Schulter und schnappte empört nach Luft. „Das ist Betrug!“
Jessica grinste nur. Sie hatte sich ein glänzendes Tuch über der Schulter zusammengebunden, das alles Wesentliche bedeckte.
„Warum hast du mir nicht gesagt, dass ich mir eine Decke mitnehmen soll?“
„Ich dachte nicht, dass du dich so anstellen würdest“, sagte sie mit einem Augenrollen. Er konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass sie sich amüsierte.
„Du stellst dich auch an“, grummelte er.
„Ich bin eine Frau und meine BHs sind zu wertvoll, um sie einmal im Monat zu ersetzen“, stellte sie klar, und damit war die Diskussion beendet.
Das Gras raschelte unter ihren nackten Füßen, als sie auf die Lichtung hinaustraten. Silbernes Mondlicht sickerte bereits zwischen den Bäumen hindurch und ließ die Umgebung klarer hervortreten. „Jetzt ist es bald soweit“, sagte Jessica.
Er hätte den Hinweis nicht gebraucht, er konnte es spüren. Das Ziehen in seiner Brust war stärker geworden, als wollte es ihn in den Himmel ziehen. Sein Herz schlug schneller und unbewusst ballte er die Hände zu Fäusten.
„Entspann dich“, sagte sie mit einem Seitenblick auf ihn.
Er schnaubte. „Das sagst du so leicht. Ich bin kurz davor, mich in ein Monster zu verwandeln!“
„In einen Wolf. Nicht in ein Monster.“
Als ob das so einen Unterschied macht, dachte er.
„Von hier aus gehen wir nach der Verwandlung weiter nach Norden, weg von den Wohnsiedlungen“, fügte sie wie beiläufig hinzu.
„Bloß keine Unfälle“, murmelte er.
Sie sah ihn scharf an und er senkte den Blick.
„Tut das sehr weh?“, fragte er einen Moment später nervös. Er konnte bereits spüren, wie es begann – etwas wie ein Kribbeln lief über seine kühle Haut, als würden Ameisen über ihn krabbeln. Er verzog das Gesicht und verscheuchte das Bild aus seinem Bewusstsein. Der Druck in seiner Brust wuchs, als wollte etwas daraus hervorbrechen. Er spürte, wie sie ihm ihre Hände auf die Schultern legte und sah sie an. Im Mondschein und nur von dem Tuch verhüllt, sah sie unwirklich aus. Ohne Absätze war sie fast einen halben Kopf kleiner als er.
„Entspann dich“, wiederholte sie sanft. Ihm wurde bewusst, dass sie die Frage nicht beantwortet hatte. Im selben Augenblick verlor er den Boden unter den Füßen – die Welt kippte irgendwie weg und plötzlich kniete er auf Händen und Knien im Gras. Er keuchte, seine Lunge schien irgendwie nicht genug Luft zu fassen. Seine Haut fühlte sich an, als würde jemand Nadeln hineinstoßen und ihm brach der Schweiß aus, seine Hände verkrampften sich und bohrten sich in den weichen Untergrund. Irgendwo weit entfernt hörte er Jessicas Stimme, die beruhigende Worte sprach. und dann brach etwas aus seiner Brust hervor und er schrie.
Es war, als würde sein gesamter Körper in Flammen stehen. Seine Gliedmaßen streckten sich, er krümmte den Rücken. Nichts schien mehr am richtigen Platz zu sein, die Welt verschwand in einem Wirbel aus schwarzen Punkten - und plötzlich war es vorbei.
Er kniete nicht länger im Gras, sondern stand auf vier Pfoten. Sein Atem ging immer noch schnell, und eine lange Zunge hing zwischen seinen Fangzähnen hervor, als er hechelte.
Die Welt sah vollkommen anders aus. War ihm der Wald zuvor dunkel vorgekommen, so konnte er jetzt alles mit erstaunlicher Deutlichkeit erkennen. Die Farben hingegen hatten an Intensität abgenommen und alles wirkte anders als zuvor. Die Bewegungen der Blätter im Luftzug traten gegen den unbewegten Hintergrund hervor wie bei einem Scherenschnitt. Irgendwo im Unterholz raschelte etwas, und er spürte, wie seine Ohren zuckten.
Der Geruch des Waldes erfüllte seine Nase, nach Feuchtigkeit und Moos und Rinde, aber auch nach Tieren wie Mäusen und Eichhörnchen. Seine Kiefer schnappten zusammen in dem Verlangen, etwas zu jagen. Aber dann roch er etwas anderes, etwas, das ihm seltsam vertraut schien, nach Fell und Wärme und...Apfelshampoo?
Als er sich unsicher umdrehte, sah er gerade noch, wie das schimmernde Tuch von Jessicas pelzigem Rücken glitt. Wieso ging das bei ihr so viel schneller als bei ihm, fragte er sich vage. Seine Gedanken waren wirr, als würde er in einer fremden Sprache denken.
Jessica trat auf ihn zu und stupste ihn vorsichtig mit der Schnauze an. Auch jetzt war sie ein bisschen kleiner als er selbst, mit falbfarbenem Fell und dunkleren Bereichen auf dem Rücken und zwischen den Ohren. Ihre Augen schimmerten wie Bernsteine. Sie sah vollkommen anders aus, aber trotzdem hätte er sie sofort erkannt.
Als er den Kopf in den Nacken legte, stieg über den Baumwipfeln die helle Mondscheibe auf. Er reckte die Schnauze gen Nachthimmel und stieß ein langgezogenes Heulen aus.
Team: Dickinson
Challenge: Fantasy/Mystery – Die erste Verwandlung (fürs Team)
Fandom: Original
Kommentar: Besser spät als nie: Plüschige Werwölfe! :D
Zwei sind ein Rudel
Als Tyler Hunt über das Tor zum Schulhof kletterte, wurde es gerade dunkel. Er war einige Zeit in seinem Zimmer auf und ab gegangen, bevor er sich dazu entschlossen hatte, zu kommen, und jetzt war er spät dran. Zum Glück hatten seine Eltern schon am Vortag die Ausrede akzeptiert, dass er bei einem Freund übernachten würde. Die Tasche, die er über der Schulter trug, als er das Haus verließ, war leer.
Er schwang sich über das metallene Tor und sprang auf der anderen Seite hinunter auf die Pflastersteine. Auf der Straße gingen gerade die Straßenlaternen an, aber der Schulhof selbst lag im Halbdunkel. Es war unheimlich, ihn so zu sehen, wenn man ihn sonst nur bei Tageslicht und voller Schüler kannte. Selbst die Gebäude mit ihren schwarzen, leeren Fenstern wirkten geisterhaft.
Er überquerte den Hof mit großen Schritten und schlug einen Bogen um das Hauptgebäude. Hier hinten sollten sie sich treffen, hatte auf dem Zettel gestanden, den er gestern Mittag in seiner Tasche gefunden hatte. Er hatte nicht den blassesten Schimmer, wie sie den dort hinein bekommen hatte, aber er hatte schon so etwas erwartet. Schon seit Wochen war der Tag, der auf dem Kalender mit einem runden, hellen Kreis markiert war, bedrohlich näher gerückt.
Unsicher blieb er stehen. Er sah sich um, konnte aber niemanden entdecken. War er womöglich an der falschen Stelle?
„Du bist spät dran.“ Er fuhr herum. Aus dem Schatten des Gebäudes löste sich die Gestalt von Jessica Evans.
Er stieß den Atem aus, den er unwillkürlich angehalten hatte. „Du hast mich erschreckt“, sagte er vorwurfsvoll.
„Ich hab dich schon gehört, als du über das Tor geklettert bist.“ Sie lächelte, und er fühlte sich verspottet. Sie musste es an seinem Gesichtsausdruck erkannt haben (dass sie diesen selbst bei diesen Lichtverhältnissen lesen konnte, sandte ihm ein unangenehmes Kribbeln über die Haut), denn sie fügte hinzu: „Mach dir keine Sorgen. Nach heute Nacht wirst du nur noch auf leisen Pfoten unterwegs sein.“ Sie lachte wie nach einem besonders guten Witz. Er verbiss sich die Bemerkung, dass das nicht exakt das war, worüber er sich Sorgen machte.
Sie gingen los, über den Hof bis zu dem gepflasterten Weg, der in den Wald hinter der Schule führte und dem sie folgten. Er hatte keine Ahnung, wohin sie gingen, aber er wollte auch nicht fragen. Die Absätze ihrer Sandalen klackerten ganz leise auf den Pflastersteinen. Es kam ihm merkwürdig vor, dass sie, zumindest von dem, was er im dämmrigen Licht erkennen konnte, genauso aussah wie an einem Schultag: Sie war wie stets modisch gekleidet, in einer dunkelblauen Jeans und einer hellen Bluse, nur dass sie diesmal ihre blonden Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte. Sie trug sogar den üblichen Schmuck, die silbernen Ohrringe und den Ring an ihrem Zeigefinger.
Es passte einfach so gar nicht zusammen mit dem, was sie war – was er wusste, das sie war. Jessica Evans, gute Schülerin, immer ordentlich und sauber, mit manikürten Fingernägeln. Und dann dieses Ding, wild und gefährlich. Mein Gott, sie hatte ihm fast die Hand abgebissen! Es war, als würde man zwei Bilder auf einem Projektor übereinanderlegen und beim besten Willen keine Übereinstimmungen sehen.
Sie musste gemerkt haben, dass er sie anstarrte.„Wieso warst du zu spät?“, fragte sie unvermittelt, und riss ihn auf ihre irritierende Art aus seinen Gedanken.
„Ich hatte Schwierigkeiten, aus dem Haus zu kommen“, sagte er.
Sie rollte mit den Augen, als sei das eine Lappalie. „Dann gib dir mehr Mühe.“
„Ich muss mir eine Ausrede einfallen lassen“, verteidigte er sich. „Vor allem kann ich nicht jedes Mal sagen, dass ich bei jemandem übernachte, das wird auffällig.“
„Dann denk dir eben was besseres aus.“
„Du meinst, einen überzeugenden Grund, weswegen ich einmal im Monat bei Vollmond aus dem Haus verschwinde?“, fragte er ironisch.
Sie sah ihn an, als hätte er etwas besonders Dummes gesagt. „Wem fällt so etwas schon auf! Es ist ja nicht so, als würden die Leute nach diesen Zusammenhängen suchen.“
Er konnte sich die Frage nicht verkneifen: „Was ist mit deinen Eltern?“
Ihre Schultern strafften sich beinahe unmerklich unter ihrer Bluse. „Denen fällt so etwas nicht auf“, sagte sie. Es klang vollkommen neutral, aber da war ein beißender Unterton oder vielleicht etwas in ihrem Gesichtsausdruck und er traute sich nicht, weiter nachzuhaken.
Völlig abrupt bog sie vom Weg ab in den Wald. „Hier lang?“, fragte er etwas ungläubig, als sie über herausragende Baumwurzeln kletterte. Wenn da ein Pfad war, konnte er ihn zumindest nicht sehen.
Sie warf einen Blick über ihre Schulter. „Was hast du denn gedacht?“
Es war irgendwie beschämend, dass sie in ihren Sandalen deutlich besser vorankam als er in seinen Turnschuhen. Zwischen den Bäumen war es beinahe stockfinster und er folgte hauptsächlich dem Leuchten ihrer Bluse und ihrer Haare. Zweimal stolperte er und landete beinahe mit der Nase voran auf dem Waldboden. Dann schnellte ein Zweig zurück, den sie weggebogen hatte, und schlug ihm ins Gesicht. Er fluchte laut.
„Sei still, du bewegst dich ja wie ein Trampeltier!“, zischte sie, ohne stehenzubleiben.
„Bitte vielmals um Verzeihung!“, gab er giftig zurück und hatte Mühe, mit ihr Schritt zu halten. Wenn das nach der Verwandlung nicht besser wurde, schwor er sich, würde er das hier nie wieder machen. Nicht dass ihm spontan eine Alternative einfiel.
Er wusste nicht, wie lange er so hinter ihr herging. Die Minuten zogen sich hin, während er durch den Wald stapfte und sich hin und wieder die schmerzende Wange rieb. Der Himmel färbte sich dunkelblau und dann schwarz, als die Sonne endgültig unterging und die ersten Sterne zu sehen waren. Er legte den Kopf in den Nacken, und blickte nach oben, er verspürte ein merkwürdiges Ziehen in seiner Brust, als würde ihn etwas in den Nachthimmel heben wollen. Die ganze Welt schien ihr Gleichgewicht nach oben verlagert zu haben. Über den Baumwipfeln war noch kein Mond zu sehen, aber er wusste instinktiv, dass es bald soweit war.
Als er beinahe über eine Baumwurzel fiel, richtete er den Blick hastig wieder nach vorne. Er sparte sich die 'Sind wir bald da?'-Frage, die ihm auf der Zunge lag – nicht, weil er ein bisschen Angst vor ihrer Reaktion hatte, sondern weil sich in diesem Moment vor ihnen eine kleine Lichtung auftat. Sie blieben am Rand der Bäume stehen.
„Ist es das?“, fragte er leise.
Sie nickte. Für einen Moment schwiegen sie beide.
„Du glaubst es noch immer nicht wirklich, oder?“
„Nein“, gestand er.
„Das verstehe ich.“ Sie hielt inne und schüttelte den Kopf. „Nein, eigentlich verstehe ich es nicht. Ich habe es gar nicht wirklich gewusst, bis es passiert ist. Nach meiner Verwandlung...da musste ich es einfach glauben.“
Er nickte.
„Ich wollte nicht, dass dir das passiert“, fügte sie hinzu.
„Danke.“
Für einen Moment war da etwas wie Verständnis zwischen ihnen. Beinahe so, als wären sie Freunde, oder könnten es zumindest werden.
Das Gefühl löste sich abrupt in Luft auf, als sie sagte: „Zieh dich aus.“
„Was?“
„Du hast mich schon richtig gehört.“
Er spürte, wie ihm die Röte ins Gesicht schoss, und betete, dass sie zumindest das in der Dunkelheit nicht sehen konnte. „Was – wieso?“, stammelte er.
Sie verdrehte die Augen. „Bei der Verwandlung zerreißen sie. Herrgott, jetzt stell dich nicht so an. Deswegen hab ich doch gesagt, nimm die Tasche mit.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Kannst deine Shorts anlassen, aber den Rest würde ich an deiner Stelle besser ausziehen. Wäre schade drum.“
Er hatte sich nicht mehr so geschämt, seit ihn seine Mutter in der Grundschule bei einer Übernachtungsparty seinen Teddy nachgebracht hatte. „Das kann nicht dein Ernst sein.“
„Das ist mein voller Ernst“, sagte sie, ohne mit der Wimper zu zucken.
Er öffnete den Mund, um weiter zu diskutieren, und schloss ihn dann doch wieder. „Dann dreh dich wenigstens um“, grummelte er.
Sie grinste, aber machte dann eine halbe Pirouette auf der Stelle, sodass sie ihm den Rücken zuwandte. Er drehte sich ebenfalls weg und zog sich nach kurzem Zögern sein T-Shirt über den Kopf. Hinter sich hörte er das Rascheln ihrer Kleidung. Zieht sie sich wirklich ganz aus, fragte er sich, und spürte, wie ihm bei dem Gedanken die Röte ins Gesicht schoss. Was würden einige Jungen in der Schule dafür geben, einmal eine solche Gelegenheit zu bekommen. Dafür ist der Preis aber verdammt hoch, dachte er bei sich und schlüpfte aus seiner Jeans.
Die laue Sommerluft wehte über seine Haut. Es war ein berauschendes Gefühl, mit nackten Füßen auf dem Waldboden zu stehen. Er hängte seine Kleidung über einen niedrigen Ast am Rande der Lichtung. Zögernd riskierte er einen Blick über seine Schulter und schnappte empört nach Luft. „Das ist Betrug!“
Jessica grinste nur. Sie hatte sich ein glänzendes Tuch über der Schulter zusammengebunden, das alles Wesentliche bedeckte.
„Warum hast du mir nicht gesagt, dass ich mir eine Decke mitnehmen soll?“
„Ich dachte nicht, dass du dich so anstellen würdest“, sagte sie mit einem Augenrollen. Er konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass sie sich amüsierte.
„Du stellst dich auch an“, grummelte er.
„Ich bin eine Frau und meine BHs sind zu wertvoll, um sie einmal im Monat zu ersetzen“, stellte sie klar, und damit war die Diskussion beendet.
Das Gras raschelte unter ihren nackten Füßen, als sie auf die Lichtung hinaustraten. Silbernes Mondlicht sickerte bereits zwischen den Bäumen hindurch und ließ die Umgebung klarer hervortreten. „Jetzt ist es bald soweit“, sagte Jessica.
Er hätte den Hinweis nicht gebraucht, er konnte es spüren. Das Ziehen in seiner Brust war stärker geworden, als wollte es ihn in den Himmel ziehen. Sein Herz schlug schneller und unbewusst ballte er die Hände zu Fäusten.
„Entspann dich“, sagte sie mit einem Seitenblick auf ihn.
Er schnaubte. „Das sagst du so leicht. Ich bin kurz davor, mich in ein Monster zu verwandeln!“
„In einen Wolf. Nicht in ein Monster.“
Als ob das so einen Unterschied macht, dachte er.
„Von hier aus gehen wir nach der Verwandlung weiter nach Norden, weg von den Wohnsiedlungen“, fügte sie wie beiläufig hinzu.
„Bloß keine Unfälle“, murmelte er.
Sie sah ihn scharf an und er senkte den Blick.
„Tut das sehr weh?“, fragte er einen Moment später nervös. Er konnte bereits spüren, wie es begann – etwas wie ein Kribbeln lief über seine kühle Haut, als würden Ameisen über ihn krabbeln. Er verzog das Gesicht und verscheuchte das Bild aus seinem Bewusstsein. Der Druck in seiner Brust wuchs, als wollte etwas daraus hervorbrechen. Er spürte, wie sie ihm ihre Hände auf die Schultern legte und sah sie an. Im Mondschein und nur von dem Tuch verhüllt, sah sie unwirklich aus. Ohne Absätze war sie fast einen halben Kopf kleiner als er.
„Entspann dich“, wiederholte sie sanft. Ihm wurde bewusst, dass sie die Frage nicht beantwortet hatte. Im selben Augenblick verlor er den Boden unter den Füßen – die Welt kippte irgendwie weg und plötzlich kniete er auf Händen und Knien im Gras. Er keuchte, seine Lunge schien irgendwie nicht genug Luft zu fassen. Seine Haut fühlte sich an, als würde jemand Nadeln hineinstoßen und ihm brach der Schweiß aus, seine Hände verkrampften sich und bohrten sich in den weichen Untergrund. Irgendwo weit entfernt hörte er Jessicas Stimme, die beruhigende Worte sprach. und dann brach etwas aus seiner Brust hervor und er schrie.
Es war, als würde sein gesamter Körper in Flammen stehen. Seine Gliedmaßen streckten sich, er krümmte den Rücken. Nichts schien mehr am richtigen Platz zu sein, die Welt verschwand in einem Wirbel aus schwarzen Punkten - und plötzlich war es vorbei.
Er kniete nicht länger im Gras, sondern stand auf vier Pfoten. Sein Atem ging immer noch schnell, und eine lange Zunge hing zwischen seinen Fangzähnen hervor, als er hechelte.
Die Welt sah vollkommen anders aus. War ihm der Wald zuvor dunkel vorgekommen, so konnte er jetzt alles mit erstaunlicher Deutlichkeit erkennen. Die Farben hingegen hatten an Intensität abgenommen und alles wirkte anders als zuvor. Die Bewegungen der Blätter im Luftzug traten gegen den unbewegten Hintergrund hervor wie bei einem Scherenschnitt. Irgendwo im Unterholz raschelte etwas, und er spürte, wie seine Ohren zuckten.
Der Geruch des Waldes erfüllte seine Nase, nach Feuchtigkeit und Moos und Rinde, aber auch nach Tieren wie Mäusen und Eichhörnchen. Seine Kiefer schnappten zusammen in dem Verlangen, etwas zu jagen. Aber dann roch er etwas anderes, etwas, das ihm seltsam vertraut schien, nach Fell und Wärme und...Apfelshampoo?
Als er sich unsicher umdrehte, sah er gerade noch, wie das schimmernde Tuch von Jessicas pelzigem Rücken glitt. Wieso ging das bei ihr so viel schneller als bei ihm, fragte er sich vage. Seine Gedanken waren wirr, als würde er in einer fremden Sprache denken.
Jessica trat auf ihn zu und stupste ihn vorsichtig mit der Schnauze an. Auch jetzt war sie ein bisschen kleiner als er selbst, mit falbfarbenem Fell und dunkleren Bereichen auf dem Rücken und zwischen den Ohren. Ihre Augen schimmerten wie Bernsteine. Sie sah vollkommen anders aus, aber trotzdem hätte er sie sofort erkannt.
Als er den Kopf in den Nacken legte, stieg über den Baumwipfeln die helle Mondscheibe auf. Er reckte die Schnauze gen Nachthimmel und stieß ein langgezogenes Heulen aus.
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Date: 2012-08-28 03:42 pm (UTC)no subject
Date: 2012-08-28 03:44 pm (UTC)no subject
Date: 2012-08-28 05:46 pm (UTC)Oh, ich liebe es noch immer. *___*
no subject
Date: 2012-08-28 05:49 pm (UTC)no subject
Date: 2012-08-28 08:00 pm (UTC)no subject
Date: 2012-08-28 08:02 pm (UTC)Und Jessica klingt nach einer Figur, über die ich gerne mehr lernen würde!
no subject
Date: 2012-08-28 08:04 pm (UTC)Ich hatte gehofft, dass sie so rüberkommt. ^^ Okay, ich fühle mich dann mal genötigt...