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Titel: Allein ist nicht gleich einsam
Team: Dickinson
Challenge: Hurt/Comfort/Angst – Falsche Zeit, falscher Ort (für mich)
Fandom: Original | Fortsetzung von dem hier
Warnings: Gewalt
Kommentar: Habe ewig am Ende gehangen und bin nicht ganz glücklich, aber egal. ^^ Punktee!~


Allein ist nicht gleich einsam

Sie weiß nicht mehr, wie sie es schafft, sich zu trennen. Als sie es das erste Mal ausspricht – mehr, um es sich selbst klar zu machen als ihm – schaut er Fußball und hört ihr gar nicht richtig zu. Beim zweiten Mal lacht er. Und als sie ihre Sachen in die große Reisetasche packt, den Hund anleint und es zum dritten Mal ausspricht, sieht sie nur noch seinen ungläubigen Blick, als sie die Wohnungstür hinter sich zuzieht.
Als sie geht, hat sie bereits den Arbeitsvertrag in der Tasche, der ihr finanzielle Unabhängigkeit sichert, und eine kleine Wohnung. Zu groß ist ihre Angst vor dem Nichts, als dass sie auf diese Vorkehrungen hätte verzichten können. Die Wohnung liegt nicht gerade in einer schönen Gegend, aber sie gewöhnt sich daran. Die Kinder trampeln durchs Treppenhaus und spielen im Hof Fußball und auf der Straße stehen die Jugendlichen zusammen und rauchen.
Mithilfe eines Anwalts setzt sie eine Scheidungsvereinbarung auf und verzichtet auf sämtliche Unterstützung. Es dauert lange, bis sie die Antwort erhält, zusammen mit seiner Unterschrift unter dem Dokument. Sie weiß, was er denkt: Die kommt ohnehin zurück. Umso größer ist ihre Entschlossenheit, es allein zu schaffen.
Es ist eine harte Umstellung. Ihre Arbeit als Sekretärin, die sie nach der Heirat aufgegeben hatte, hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Sie kämpft mit den Computern, für die sie privat auch nicht viel übrig hat. Nach zwei Wochen kennt sie den jungen Systemadministrator persönlich und kocht Kaffee, während er herausfindet, warum das Betriebssystem mal wieder abgestürzt ist. Aber auch der Haushalt ist schwierig, hatte sie sonst den ganzen Tag dafür Zeit, muss sie nun nach der Arbeit noch Wäsche waschen und staubsaugen. Langsam schraubt sie ihre Ansprüche hinunter. Der Hund hinterlässt überall Haare, auch auf dem Sofa, und irgendwann fällt es ihr gar nicht mehr auf.
Besonders tut es ihr Leid, dass sie Carlo so oft allein lässt. Doch auch dieses Problem lässt sich lösen, als sie die Kunststudentin im Erdgeschoss kennenlernt, die Carlo sofort innig liebt. Sie sieht ein bisschen verrückt aus mit ihren roten Haaren und diesen Piercings, aber ab sofort lässt sie Carlo bei ihr, wenn sie arbeiten geht.
Ihr Leben ist ein bisschen einsam, denkt sie, wenn sie abends auf dem Sofa vor dem Fernseher sitzt, aber trotzdem fühlt sie sich oft nicht so einsam wie in ihrer Ehe. Selbst der schnarchende Hund vor ihren Füßen ist mehr Gesellschaft, als es ihr Ehemann die vergangenen 26 Jahre war. Und wenn sie mit Carlo vor die Tür geht, stellt sie immer wieder fest, wie schnell man Leute kennenlernt, wenn man einen Hund dabeihat. Bald kennt sie andere Hundebesitzer, die wie sie am Wochenende in den Park gehen.
Unter der Woche geht sie nur morgens und abends mit dem Hund durch die Nachbarschaft. Am Anfang fürchtet sie sich im Dunkeln, doch der massige Hund neben ihr verschafft ihr Sicherheit. Auch wenn sich in ihm eine  treue Seele verbirgt, sieht er bedrohlich aus mit seinem breiten Körper und dem kurzen dunklen Fell.
Als sie an diesem Abend die lauten Stimmen hört, weiß sie gleich, dass es dort Ärger gibt. Von ihrem Standpunkt an der Straßenecke kann sie nicht viel mehr sehen als sich bewegende Schatten, aber die aggressiven Rufe und das Klirren einer zerbrechenden Flasche auf dem Asphalt dringen zu ihr herüber. Sie hält sich im Dunkeln, aus Angst, dass sie sie sehen könnten, ihr Herzschlag beschleunigt sich in ihrer Brust. Mit zitternden Händen durchsucht sie ihre Jackentaschen und stellt fest, dass das Handy auf dem Schreibtisch liegt. Dann wendet sie sich ab, um den Umweg über die Parallelstraße zu nehmen. Von ihrer Wohnung aus kann sie die Polizei rufen – soll sie sie überhaupt rufen? Vielleicht ist das Ganze nur ein harmloser Streit.
Sie weiß nicht sonderlich viel über diesen Hund, den sie vor einem halben Jahr adoptiert hat, ohne sich viel Gedanken zu machen. Sie weiß, dass sie nie gedacht hätte, dass ein Hund so viel frisst, oder dass sie ihn auf dem Sofa schlafen lassen würde, oder dass ein Hund schnarcht. Und jetzt findet sie heraus, dass dieser Hund, im Gegensatz zu ihr, gar nicht dafür ist, Ärger den Rücken zu kehren.
Sie zieht an der Leine, aber es wäre leichter, ein Maultier von der Stelle zu bewegen. Carlo steht da, die kleinen Ohren aufmerksam nach vorn gerichtet, und rührt sich nicht. „Jetzt komm schon, bei Fuß“, wispert sie. Er knurrt und sie zuckt bei dem ungewohnten Geräusch zusammen. Dann schlägt er den Weg die Straße hinunter ein und zerrt sie einfach hinter sich her.
Sie fühlt sich wie eine Puppe, die hinterher geschleift wird. All ihre Kommandos stoßen auf taube Ohren. Carlo fängt an zu bellen und weckt damit die halbe Nachbarschaft auf, und sie hat die kleine Hoffnung, dass irgendjemand auf die Idee kommt, die Polizei zu rufen. Andererseits, in dieser Nachbarschaft vielleicht auch nicht. Sie überlegt, den Hund einfach loszulassen, aber sie hat Angst, dass einer der Männer ein Messer dabeihat. Was soll sie machen, wenn dem Hund etwas passiert?
Die Männer sind nicht mehr als Halbwüchsige, in Kapuzenpullovern und mit Bierflaschen in der Hand. Eine davon liegt zerschmettert auf dem Pflaster. Es dauert einen Moment, bis sie die vierte Person sieht, zusammengekauert an der Mauer, mit etwas im Gesicht, das Blut sein könnte.
„Ey Alte, pfeif gefälligst deinen Köter zurück!“, brüllt einer von ihnen und macht eine wüste Geste. Sie würde gern, aber da alle Versuche vergeblich waren, bleibt ihr nur die Flucht nach vorn. „Verschwindet, oder ich rufe die Polizei!“ Ihre Stimme klingt unsicher und nicht so laut, wie sie es gerne hätte. Aber zusammen mit dem braunen Ungetüm an der Leine, das knurrt und die Zähne fletscht, macht sie trotzdem Eindruck.
„Jetzt komm doch, der hat eh genug“, sagt einer der anderen und nickt mit dem Kopf rüber zu dem jungen Mann, der jetzt an der Mauer lehnt. Der dritte Typ steht breitbeinig neben ihm und verhindert eine mögliche Flucht.
„Schiss oder was?!“ Der Typ macht einen großen Schritt auf sie zu, seine Miene sieht im Halbdunkel sehr bedrohlich aus. „Du verpisst dich jetzt hier, oder -“
Sie erfährt nie, was er als Alternative für sie vorgesehen hat. Carlo macht einen Satz nach vorn und entreißt die Leine ihrer verkrampften Hand. In einer einzigen fließenden Bewegung stürzt er sich auf den Mann und reißt ihn zu Boden, mit seinem kräftigen Kiefer verbeißt er sich in dessen Arm. Er schreit, man hört es die ganze Straße hinunter. „Holt das Viech von mir runter!“ Aber seine Kameraden türmen schon um die nächste Häuserecke.
„Carlo, aus. AUS!“, schreit sie. In Panik packt sie den Hund am Halsband und versucht ihn wegzuzerren, endlich lässt er los und lässt sich mitziehen. Der Typ schreit immer noch, sie kann das Blut als dunkle Flecken auf dem Kapuzenpullover sehen und an Carlos Schnauze. Dann rappelt er sich auf. „Dafür bring ich dich um!“, brüllt er. „Dich und deinen Köter!“ Carlos lautes Bellen verfolgt ihn bis zur nächsten Straßenecke, hinter der er verschwindet.
Sie hebt die Leine von der Straße auf. Erst jetzt bemerkt sie, dass sie am ganzen Körper zittert. Etwas hilflos tätschelt sie Carlo den Kopf. Dann fällt er ihr wieder ein. Er lehnt immer noch an der Mauer, und aus einer Verletzung an seiner Stirn läuft Blut über sein Gesicht, das er mit dem Ärmel wegwischt. „Soll ich einen Krankenwagen rufen?“, fragt sie.
„Nein, geht schon.“ Er beäugt Carlo misstrauisch, der jetzt lammfromm wirkt. „Schätz mal, ich sollte mich bedanken. Sie haben mir den Arsch gerettet.“
„Nicht ich“, sagt sie mit einem schmalen Lächeln. Der Schreck sitzt ihr immer noch in den Gliedern.
„Ja. Ich kauf ihm 'nen Hundeknochen, wenn Sie mir sagen, wo Sie wohnen.“
„Am besten kommen Sie gleich mal mit. Wenn Sie keinen Krankenwagen wollen, sollten Sie sich zumindest verarzten lassen.“ Er protestiert. „Dann ruf ich den Krankenwagen“, sagt sie. Mit dem Handy, das Zuhause auf dem Schreibtisch liegt, fügt sie in Gedanken hinzu.
„...Okay.“
Erst als sie mit ihm zusammen die Straße hinuntergeht, wobei er mehr hinkt als geht, kommt ihr der Gedanke, dass sie gerade einen Wildfremden in ihre Wohnung eingeladen hat. Wer weiß, bei ihrem Glück ist er sogar ein Krimineller. Ihr Mann (noch ist er ihr Mann) hätte so etwas leichtfertig genannt, oder dumm. Aber sie hat ja den Hund, sagt sie sich, und jetzt weiß sie, dass sie sich nicht fürchten muss, solange der da ist.
Sie braucht bis zur nächsten Straßenecke, um die Frage zu stellen, die ihr auf der Zunge liegt: „Wieso haben die Männer sie verprügelt?“
Er zieht die Schultern hoch und zuckt im selben Moment zusammen. „Nichts. War nur zur falschen Zeit am falschen Ort.“
„Achso.“ Nach einem Moment der Stille fügt sie hinzu: „Ich dachte nur. Die schienen Sie zu kennen.“
„Okay, ich hab ein bisschen Stress mit denen, ja?“
„Sie sollten zur Polizei gehen“, sagt sie. Er schnaubt nur abfällig.
Sie steigen die Treppen hoch und sie den Schlüssel aus ihrer Hosentasche fischt. Das Adrenalin schwindet langsam, aber ihre Hände zittern noch ein bisschen, als sie die Tür aufschließt.
Sie schaltet das Licht in der kleinen Küche an. „Setzen Sie sich“, sagt sie und deutet auf einen der Stühle. Carlo lässt sich mit einem Schnaufen auf den Fliesen nieder und behält den Fremden wachsam im Blick. Sie tätschelt seinen Kopf, als sie vorbeigeht. „Braver Hund.“
Sie findet den Verbandskasten unten im Badezimmerschrank. Ihr letzter Erste-Hilfe-Kurs ist Lichtjahre her, aber viel mehr als Blut abtupfen und Pflaster aufkleben kann sie ohnehin nicht tun. Die ganze Zeit starrt Carlo herüber und verfolgt jede Bewegung des Mannes.
„Den könnten Sie als Wachhund vermieten“, sagt der junge Mann, während sie ihm ein Pflaster auf die Stirn klebt. Sie lächelt. „Ich hab gar nicht gewusst, dass er so sein kann.“
„Was sind denn da für Rassen drin?“, fragt er. Sie hat keine Ahnung, genauso wenig wie der ehemalige Besitzer. Vermutlich weiß es niemand.
“Sie können auf dem Sofa schlafen, wenn sie wollen“, schlägt sie vor, als sie fertig ist.
„Sind Sie sicher?“
Sie packt den Erste-Hilfe-Koffer wieder zusammen. „Wenn die Sie draußen erwischen, könnte das übel ausgehen. Morgen gehen wir zur Polizei.“
„Quatsch, ich hab ja nur ein paar Schrammen abbekommen“, murmelt er. Sie zieht die Augenbrauen hoch. „Sie haben keine Wahl. Wie Sie gesehen haben, bin ich in Besitz eines Killerhundes.“
Da lacht er laut, und sie stimmt mit ein. Sie kann sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal so gelacht hat.
Sie gibt ihm eine Wolldecke, damit er es sich auf dem Sofa bequem machen kann. „Also dann, gute Nacht.“
„Gute Nacht.“
Sie nimmt den Hund mit ins Schlafzimmer, wie jeden Abend. Doch als er sich vor dem Bett zusammenrollen möchte, schnalzt sie mit der Zunge und klopft neben sich auf die Bettdecke. „Komm her, Carlo“, lockt sie. Der Hund schaut sie verwirrt an und es dauert eine ganze Weile, bis er begreift. Das braune Ungetüm rollt sich neben ihr auf der freien Bettseite zusammen.
„Das hast du dir verdient“, wispert sie und tätschelt seinen großen Kopf. Wenn ihr Mann das wüsste. Er weiß es aber nicht, denkt sie und lächelt. Sie streckt den Arm nach der Nachttischlampe aus und schaltet das Licht aus.

Date: 2012-08-28 05:10 pm (UTC)
der_jemand: (velo)
From: [personal profile] der_jemand
Wow.
Ja, mehr fällt mir nicht ein. Damn, ich mag die Stimmung und es ist toll geschrieben. Und ein gutes Ende. =)
Sehr, sehr cool. ...Wow halt.

Nur ein, und nur weil es ein persönlicher Petpeeve ist: Lichtjahr ist eine Längeneinheit...

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