[identity profile] les-lenne.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Fandom: Digimon
Charaktere: Taichi; seine Familie findet ebenfalls Erwähnung
Challenge: #1+#2
Warnungen: angst
A/N: Eine etwas andere Sicht auf den Charakter Taichi Yagami. Wer also nur an die Clown-Fics gewöhnt ist und diese einseitige Charakterisierung so mag, der sollte das hier nicht lesen. Und nein, ich schäme mich nicht hierfür. Selten aber wahr, ich mag diese kleine Fic sogar ziemlich gerne und überlege jetzt, mehr dazu zu schreiben! :P Btw., obwohl die Digimon nicht explizit erwähnt werden, ist dies keine AU!



Risse im Boden





Nicht dass er besseres zu tun gehabt hätte, als auf seine kleine Schwester zu warten. Nichtsdestotrotz fluchte Taichi Yagami, was der Straßenlaterne, die vor wenigen Sekunden angesprungen war und ein milchiges Licht verströmte, überhaupt nichts auszumachen schien. Wenn man paranoid war, konnte man sich einbilden, dass das Flackern etwas mit seinem Wutausbruch und besonders schlimmen Schimpfwörtern zu tun hatte. Aber er war nicht paranoid. Nachdem eine verschreckte Kleinfamilie schnell an ihm vorbeigezockelt war, lehnte er sich seufzend an den Laternenpfahl. Früher war Hikari die Pünktlichkeit in Person gewesen. Immer war er es gewesen, der sich hatte rechtfertigen müssen, weil er zwanzig Minuten zu spät gekommen war. Nun, über die Jahre hatte sich das Blatt gewendet. Sie hatte immer mehr zu tun, beschäftigte sich lieber mit ihren Freunden als mit ihm.
Schnell schüttelte er den Kopf. Vor lauter Wut im Bauch hatte er sich auf die Zunge gebissen. Ein Kloß steckte ihm im Hals, den er nicht schaffte, hinunterzuschlucken. Sie war ihm nichts schuldig. Er hatte sie einst beinahe umgebracht. Wenn schon, dann hatte er es doch verdient, auf sie warten zu müssen. Oh ja, und wie er es verdient hatte. Dennoch fühlte er sich jeden Tag blinder. Wie sie kichernd mit ihren Freundinnen telefonierte oder spätabends erschöpft vom Balletttraining heimkam. Ihr ging es gut. Sie hatte ein schönes Leben.
Er jedoch war, wie es das Arschloch von neuem Trainer ausgedrückt hatte, wegen „Zwergwuchs“ aus der Fußballmannschaft geschmissen worden. Seitdem war ihm bei jedem Essen schlecht. Vorher auch und nachher, ob er etwas runtergebracht hatte oder nicht, auch. Es war nicht leicht gewesen, sich anzutrainieren, nicht auf die ganzen Beleidigungen einzugehen, die er seit dem Kindergarten an den Kopf geworfen bekam. Ein Idiot war er, für die Lehrer einfach nur ein Pausenclown, ein dummer Junge, der faul und unnütz in der Ecke rumhing, den man höchstens beim Sport gebrauchen konnte, um die Durchschnittsnote der Klasse in dem Fach etwas zu heben.
Mit den neueren Beleidigungen kam er nicht so gut klar. Wann immer er ein Klassenzimmer betrat, begrüßten ihn seine Kameraden mit „Na, da ist ja unser Zwerg“ oder auch „Hey, Troll, versteckst du unter dem Büschel auffem Kopf noch mehr Winterspeck?“
In weniger als drei Wochen war er von einer sportlichen Junghoffnung zum fetten Märchenwesen degradiert worden. Wenn wenigstens die Bezeichnung Idiot damit weggefallen wäre. Aber das war nicht der Fall gewesen. Jetzt war er eben dumm, fett und klein.
Sein Japanischlehrer, der einmal die Szene miterlebt hatte, als Taichi den Klassenraum betrat, hatte ihn nach der Stunde darauf angesprochen.
Der Lehrer saß über die Klassenarbeiten gebeugt, als er ihn zu sich rief. Erst nachdem er etwas rot unterstrichen hatte und eine Weile auf dem Stift herumgekaut hatte, blickte er auf. „Möchtest du mir vielleicht etwas erzählen?“
Taichi, der einige Meter vom Pult entfernt stehen geblieben war, zog die Augenbrauen zusammen.
„Yagami, so kann das nicht weitergehen! Du sinkst in dir zusammen wie ein Sack alter Kartoffeln.“
Das fehlte ihm gerade noch. Jemand, der ihm „helfen“ wollte. Er war nicht Hikari. Weder brauchte er es, noch verdiente er Beistand. Seine Mutter beobachtete ihn schon bei jedem Abendbrot argwöhnisch, einen Lehrer im Nacken, das war nun wirklich nicht auch noch nötig.
Der Lehrer seufzte, stand auf und zog einen Stuhl heran. Er klopfte auf die Lehne. Taichi setzte sich und faltete die Hände im Schoß. Das würde, so hoffte er, ironisch genug wirken, um den Lehrer von seinem Vorhaben abzubringen. Unglücklicherweise war dem nicht so.
„Du bist morgens aschfahl, hast Augenringe und deine Aggressivität hast du ebenfalls abgelegt.“
Seine Augen fühlten sich an wie eine Herdplatte. Er gähnte und verschränkte die Arme hinterm Kopf. „Ich dacht immer Sie mögen das, wenn Problemschüler ruhig werden?“
Der Lehrer legte die Brille ab und rieb sich das Nasenbein auf dem große rote Flecken zu sehen waren. Er seufzte. „Ich mache mir Sorgen um dich, Yagami.“
Taichi atmete durch den Mund.
„Du bist schon ganz mager und unkonzentriert. In der Arbeit hast du sogar vergessen, deine üblichen Fehler einzubauen.“
Er stutzte. Das konnte keinem aufgefallen sein. Das war noch nie irgendwem aufgefallen. Um sicherzugehen, dass es keine Falle war, sagte er zunächst nichts.
„Ich wusste schon immer, dass du ein kluges Kerlchen bist. Du hast wache Augen.“
Momentan sicher nicht, dachte Taichi. Zwar machte er sich nicht viel aus seinem Äußeren – das hatte er aufgegeben, als seine Schwester zur Welt gekommen war ... gegen ein Mädchen kam man ohnehin nicht an – aber die dunklen Augenringe, die bis auf seine Wangen auflagen, waren ihm beim Zähneputzen nicht entgangen.
„Erklär mir doch mal, wieso du das alles machst. Ich habe um Akteneinsicht bei den vorigen Schulen gebeten, die du besucht hast. Es ist immer das gleiche Schema: Der Lösungsweg ist richtig, die Essays beginnen interessant. Plötzlich machst du einen Schlenker und deine Arbeiten sind unverwertbar schlecht. Ich kenn das Verhalten, Yagami. Ich habe an einer Schule für Kranke gearbeitet.“
Er verschränkte die Arme nicht mehr, sondern krallte die Fingernägel in die Sitzfläche.
Mit der Zunge schnalzend griff der Lehrer nach einer angespannten Hand. Taichi zog beide ein Stück zurück und rutschte mit dem Stuhl nach hinten.
„Ich möchte dir nur meine Hilfe anbieten. Ich weiß, wie schwer es ist, und deine Schwester ...“
„Kann ich jetzt gehen?“, sagte er, den Kopf gesenkt. Der körnige Holzboden strotzte nur so vor Bremsstreifen. „Komm zu spät zum Mittagessen.“
Der Lehrer presste die Lippen aufeinander und lehnte sich zurück. „Wir wissen beide, dass du nichts essen wirst, oder nicht viel. Und wenn doch, spuckst du es wieder aus.“
Taichi hob den Kopf. Er blinzelte.
„Mir ist schon klar, warum du dich so verhältst, Yagami. Und im Moment, ohne den Fußball, siehst du keine andere Möglichkeit, die Anspannung loszuwerden. Da wäre uns allen zum Kotzen.“

Bei der Erinnerung an dieses Gespräch schüttelte es ihn unvermittelt. Nach der kleinen Brechansprache war er einfach gegangen. Seitdem hatte der Lehrer ihn noch mehrmals versucht anzusprechen, aber er hatte Wege gefunden, sich davonzuschleichen, ehe es dazu kommen konnte. Briefe an seine Eltern abzufangen war ihm ein Leichtes, und ans Telefon zu gehen, während seine Mutter einkaufen war oder das Geschirr machte, verhinderte auch die Kommunikation mit seinen Eltern.
Er tappte mit dem Fuß auf den zerrissenen Bordstein. Die weißen, breiten Flächen waren etwa so alt wie er und doch an einigen Stellen schon aufgebrochen. Wurzeln hatten sich trotz Innenstadt durch den Boden gefressen und sorgten dafür, dass sich mehr als nur ein nuttiges Mädchen mit ihren viel zu hohen Absätzen beide Beine brach.
Wenn man vom Teufel sprach. Auf schlanken Storchenbeinen kam Hikari angerannt. „Es tut mir so Leid!“, rief sie von weitem. „Unsere Trainerin wollte uns einfach nicht gehen lassen und dann ...“
„Schon gut“, warf er ein, „ich bin auch gerade erst gekommen.“
Hikari runzelte ihre glatte Stirn und verlangsamte ihr Tempo. Sie schlängelte sich durch ein paar andere Passanten durch und drückte ihn dann überschwänglich an sich. „Du musst mich doch nicht anlügen.“
Taichi kaute auf seiner Backentasche herum. Das erinnerte ihn daran, dass er mal wieder zum Zahnarzt müsste. Aber sein Mund sah grauenvoll aus. Die Magensäure hatte vor allem die hinteren Zähne angeätzt, obwohl er immer kräftig gurgelte.
„Lass uns jetzt gehen, ja? Mama und Papa warten bestimmt schon.“
„Kein Problem. Ich hab angerufen, dass ich mich verspäte. Da sie ja nicht wollen, dass du alleine durch die Gegend tigerst, bist du aus dem Schneider.“
Das hatte die erwartete Wirkung. Hikari strahlte ihn an wie ein Honigkuchenpferd. „Ich hab dich soooo lieb!“
Taichi fuhr sich mit der Zunge über die obere Zahnreihe und meinte im Umdrehen: „Ich dich auch.“

Date: 2007-07-02 10:01 am (UTC)
From: [identity profile] darkcloe.livejournal.com
Also zu klischeemäßig fand ich es nicht, Ess-Störungen sind ja eigentlich eher Frauen-/Mädchensache. Im Gegenteil, hat mir sehr gut gefallen, weil es wirklich nachvollziehbar war, sowohl die Tatsache, dass Tai sich verändert, als auch wie er sich verändert. Ich konnte mir an jedem Punkt vorstellen, wie er sich dabei fühlt und wieso er so denkt.

Wie du Kari eingebracht hast, fand ich auch sehr schön, sehr IC, genauso wie das Verhältnis der beiden Geschwister zueinander. Dass der Rest seiner Familie nur sehr am Rande erwähnt wurde, hat mich nicht gestört, dafür mochte ich den Lehrer.

Hoffentlich schreibst du bald noch mehr in der Richtung, das ist nämlich wirklich gut! Ich mag deinen Tai <3

Date: 2007-07-02 10:15 am (UTC)
From: [identity profile] tsutsumi.livejournal.com

Schön, dass dir die Fic gefällt, ich finde sie auch hübsch. Was mir daran gefallen hat war der Gedanke, dass Taichi mal zu den Jungen gehören könnte, die nicht allzu groß werden. In der Serie sieht man das ja ein bisschen, auch wenn sie noch vor dem Alter aufhört, in dem Jungs meistens richtig zu schießen beginnen. XD Ziemlich fies von den anderen, ihn Zwerg zu nennen. ._.
Die Bulimie-Sache...ich weiß nicht, man kann sich darüber streiten, ob Taichi da ein Typ für wäre, wo er doch normalerweise eher zu denen gehört, die ihren Schmerz mit Witzen und Albereien überspielen. Der Rausschmiss aus der Fußballmannschaft, die Hänseleien der anderen und das GEfühl, immer in Hikaris Schatten zu stehen allerdings wiegen schwer. Ich bin mir da nicht ganz sicher.
Auf jeden Fall mochte ich aber den Lehrer, der immerhin auf längere Zeit versucht, ihm zu helfen. Solche sollte es wirklich öfter geben. ;_;

~Tsu

Date: 2007-07-02 06:24 pm (UTC)
From: [identity profile] tsutsumi.livejournal.com

Freu dir nicht die Haare vom Kopf- Haare sind wichtig! XD
Ja, naja, jeder interpretiert ja die Charaktere etwas anders. Ich habe heute Nachmittag mal darüber nachgedacht, was Taichi bei mir wohl anstellen würde, wenn er diese miesen Erlebnisse hätte. Wahrscheinlich würde er versuchen, sich eine andere Fußballmannschaft zu suchen, in der er spielen kann, und wenn es dann trotzdem noch so frustrierend wäre, würde er wahrscheinlich ziemlich aggro werden, sich kloppen und so. XD Er ist ja nun so ein Kind von Traurigkeit. XD~ Aber das alles ist einigermaßen schwierig zu sagen, man hat ihn ja zum Glück nicht so down erlebt in der Serie. Hm. Überlassen wir das der Spekulation. ._.

Nichtsestotrotz ist es toll, mich mal wieder mit ihm auseinander zu setzen, nach so langer Zeit. Hach *__*

~Tsu

Profile

120_minuten: (Default)
Die Uhr läuft ... jetzt!

Most Popular Tags

January 2026

M T W T F S S
   1 234
567891011
12131415 161718
19202122232425
262728293031 

Style Credit

Powered by Dreamwidth Studios