[identity profile] http://users.livejournal.com/leni_/ posting in [community profile] 120_minuten
Team: Novalis
Challenge: Romantik/Intimintät - Unerwideterte Gefühle (für mich)
Fandom: Original
Wörter: ~500
Anmerkung: Manchmal denke ich, ich müsste mal etwas ohne jede Magie im Realismus schreiben. Und dann denke ich, dass es ja auch keinen Sinn hat Geschichten zu schreiben, die mir keinen Spaß machen.


Als ich dich das erste Mal sehe hast du deine Freunde dabei. Es ist Nacht und ihr sitzt auf einer Steinstufe, unter einem weinenden Engel. Ihr habt schwarze Kerzen aufgestellt und trinkt billigen Vodka aus einer Flasche. Ich hatte deine Freunde und Ihresgleichen so oft gesehen, dass ich sie nicht länger zählte. Früher hatten sie Hemden und Stoffhosen getragen, die jungen Männer, wenn sie hier herkamen und von Vergänglichkeit umringt ihr Leben feiern wollten. Irgendwann trugen sie Jeans und T-Shirts und brachten ihre Freundinnen mit, dann färbten sie sich die Haare und schlüpften in schwarze Rüschen. Aber es waren doch immer die gleichen die kamen, waren die gleichen Gespräche und die gleichen Gedanken, die sie mitbrachten.
Du bist eine von ihnen. Nicht anders, nicht neu, nicht besonders. Kein bisschen bemerkenswert.
Und doch – bist du so viel greifbarer, als all die Anderen, bist du eine von denen, die wissen wo sie sind. Die meisten von euch wissen das nicht, nicht wirklich, nicht mit all den Schichten über Schichten aus Bedeutung und Vergangenheit, und die, die es erahnen, haben Angst. Du nicht.
Du sitzt ein wenig Abseits von deinen Freunden, die Augen geschlossen und lässt den Ort auf dich wirken. Fast könnte ich berühren, fast könnte ich mit dir sprechen – dann rufen deine Freunde dich zurück zu ihren Spielen.

Als es dämmert macht ihr euch auf den Heimweg, berauscht und übermüdet. Du schwankst im Gleichschritt mit dem Jungen an deinem Arm. Ein langweiliges Geschöpf, dass die Unsinnigkeit seiner Existenz mit Schmuck und Schminke zu verstecken sucht.
Bis zum Tor folge ich euch. Weiter kann ich nicht gehen, aber meine Augen bleiben bei dir, hängen an dir.

Es ist so lange her, seit ich zuletzt auf etwas gewartet habe. Die ersten Tage halte ich es kaum aus. Ich würde meiner Fingernägel zerbeißen, würde Kette rauchen oder anfangen zu trinken.
Nach fünf langen Tagen kommt ihr wieder.
"Geh spazieren", flüstere ich in dein Ohr, "damit wir alleine sein können!" Aber du hörst mich nicht. Du steckst deine Zunge tief in den Hals des mit Schminke und Schmuck behangenen Jungen, du lachst über seine Witze. Deine Schneidezähne sind ein wenig schief, und deine Augenbrauen hast du nicht nach-gezupft, seit du das letzte mal hier warst. Als du deinen Kopf in den Nacken legst, fallen deine Locken in mein Gesicht, deine Schulter streift meinen Körper.
Du suchst meine Nähe, weil du den Pfingstochsen durchschaut hast. Denke ich und lege meine Arme um dich, stelle mir vor, wie du dich anfühlst unter meinen Händen, warm und zart, stelle mir vor, wie sich der Flaum an deinem Hals, hinter deinem Ohr, an meinen Lippen anfühlt.

Da springst du plötzlich auf, gleitest durch meine Arme wie durch Luft, schreist, schlägst um dich, stößt eine eurer schwarzen Kerzen um. Dein Pfingstochse ist gleich bei dir, legt beschützend seine schwarznägligen Hände auf deine Schultern.
Du hättest Angst, lachen eure Freunde dich aus, und sie haben recht. Du zitterst und wirst ganz klein seinen Armen. Er soll dich nachhause bringen, bittest du ihn. Ihr geht. Eure Freunde bleiben zurück, trinken und feiern ihrer Leben, umringt von Vergänglichkeit, so wie sie es immer getan haben und immer tun werden.

Nur du traust dich nie wieder hier her.

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