Hurt/Comfort: Narben (für mich)
Aug. 12th, 2012 08:35 pmFandom: Original
Genre: Werwölfe
Charaktere: Andrew, Cassidy (und noch mehr bonding)
Challenge: Hurt/Comfort: "Narben"
Team: Novalis
Warnungen: Andrew hat Issues. Cassidy hat Gefühle. Ganz viele.
Vorwort: Und das ist der wahre Grund wieso ich diese Geschichte schreibe - nicht damit ständig nackte Leute aneinanderkuscheln, sondern damit Jungs über ihre Gefühle reden! *gasp* :D
Direkte Fortsetzung zu diesem Teil.
Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis er die leisen Schritte auf dem Waldboden nicht mehr hören konnte. Cassidy schaffte es erst sich zu entspannen als er hörte wie der Motor ansprang und das Auto sich erneut auf den Weg machte. Das Dröhnen des Motors klang wie eine dunkle Drohung, auch dann noch, als sie bereits so weit verschwunden waren, dass er nur noch die Vibrationen im Boden spüren konnte.
Er ließ den Kopf zurücksinken, bis er mit den Haaren im Laub versank und atmete tief durch. Sein Hals fühlte sich trocken an, als ob er seit Ewigkeiten nicht mehr geschluckt hatte.
Andrew, der immer noch über ihm lag, rührte sich nicht.
"Sie sind weg", stellte Cassidy überflüssigerweise fest, weil er irgendetwas sagen wollte.
Andrew hatte die Augen geschlossen. Er hatte die Hände links und rechts von Cassidy abgestützt in einer selten beschützenden Geste. Sein ganzer Körper war angespannt wie eine Bogensehne, die kurz davor war zu zerreißen. Winzige Schauer liefen durch seinen Körper, wie Mikrobeben, so als befände er sich in einem permanenten Spannungszustand kurz vor der Verwandlung.
"Hey", sagte Cassidy leise. "Sie sind wirklich weg."
Er sah wie Andrews Adams Apfel hüpfte als er schluckte. Einmal, zweimal. Anschließen nickte er ruckartig.
Mit einer steifen, ruckartigen Bewegung, die nichts mit seiner sonstigen Eleganz zu tun hatte, riss Andrew sich von ihm los und ließ sich mit dem Rücken gegen den nächstbesten Baumstamm sinken. Blätter klebten in seinem Haar.
Verwirrt richtete Cassidy sich ebenfalls auf. "Andi…?"
Andrew hatte die Beine angezogen und den Kopf gesenkt und vergrub eine Hand in seinen Haaren. Die dunklen Fransen zwischen seinen Fingern waren schweißgetränkt. Seine ganze Haltung sah so elend und geschlagen aus, dass es einem die Kehle zuschnürte.
Als er etwas sagte, war es so leise, dass sogar Cassidy mit seinem übernatürlich guten Gehör Schwierigkeiten hatte, es zu verstehen. "Was?"
"Es tut mir leid", wiederholte Andrew.
Cassidy hob die Augenbrauen. "Welcher Teil? Der wo du meinen Arsch gerettet hast oder der, wo du wie Rambo!Tarzan über mir gelegen hast, um mich vor den bösen Jägern zu beschützen?"
Andrew gab ein ersticktes Geräusch von sich, das nur beinah klang wie ein Lachen. Cassidy beschloss das ermutigend zu finden und rutschte näher zu ihm.
Er wusste, dass sie eigentlich aufbrechen sollten. Und nach Jake und Emma suchen. Und Jägern aus dem Weg gehen. Und Katie wiederfinden. Aber es war so schwer andere Prioritäten zu haben, wenn dein bester Freund neben dir saß wie ein Häufchen Elend und so klang als ob er kurz davor war, einen Nervenzusammenbruch zu kriegen.
Hilflos sah er dabei zu wie Andrew sich noch mehr in sich zusammenrollte und nicht aufhörte zu zittern.
"Uhm… willst du darüber reden?"
Die Antwort war kurz und nachdrücklich. "Nein."
Cassidy konnte das nachvollziehen. Ehrlich.
Darüber reden war schrecklich und anstrengend. Worte waren daneben und falsch und mehrdeutig und sagten nie auch nur ansatzweise das aus, was man sagen wollte.
Aber manchmal waren sie die kürzeste Verbindung zwischen zwei Menschen, und in diesem Fall waren sie grade das einzige was ihm einfiel, um Andrew zu helfen.
"Du könntest aber", schlug er zaghaft vor. "Wenn du willst? Wir machen das ja nicht so häufig."
Andrew atmete tief durch und sekundenlang rang er sichtbar um Fassung. Als er redete, klang er tonlos und beinah schicksalsergeben. "Eines Tages werde ich euch alle in Gefahr bringen, nur weil ich zu viel Angst habe."
Cassidy zuckte mit den Schultern. "Abgesehen davon, dass ich grade der Idiot war - es ist okay, Angst zu haben", sagte er. "Auch der große, böse Wolf darf Angst haben."
Andrew schnaubte. "Nicht Jake. Und nicht du."
Als er den Kopf hob, waren seine Augen trocken, aber er sah aus, als ob er gerne geweint hätte. Es zog Stellen in Cassidys Magen zusammen, von denen er nicht einmal wusste, dass er sie hatte.
Er konnte Leute nicht weinen sehen. Er wusste dann einfach nie was er machen sollte. Es war dann alles immer ganz schrecklich und ausweglos und er fühlte sich dann permanent lahm gelegt vor lauter Hilflosigkeit.
"Hey Mann, das täuscht!" sagte er eilig. "Ich habe permanent Angst, okay?"
Andrew warf ihm einen ungläubigen Blick zu.
"Was denkst du denn? Ich habe Angst, dass ich durchdrehe und jemandem den Hals durchbeiße oder dass mich die Jäger fangen oder dass das Rudel mich zwischen die Kauleisten kriegt", zählte er auf. "Ich hab Angst, dass ich irgendwann so lange Wolf bin, dass ich mich nicht mehr daran erinnern kann ein Mensch zu sein. Ich hab Angst, dass Jake was passiert oder dass dir was passiert oder dass Katie was passiert, weil sie wahnsinnig ist und ich ihr nie widersprechen und sie nie von irgendwas abhalten kann. Ich hab Angst davor jemanden zu töten und ich habe Angst vorm Sterben und manchmal habe ich sogar Angst vorm Leben. Bei mir merkt es nur keiner, weil ich einfach so viel rede, dass ich nicht zum hyperventilieren komme."
Wie um das zu untermauern musste er nach Luft schnappen, bevor er weiterredete. "Und Jake… Jake hat auch Angst, okay? Er kann es nur besser verstecken als jeder andere. 'Augen zu und durch', 'was dich nicht umbringt, macht dich nur stärker', 'fake it, til you make it' oder wie auch immer sie das im Show Business sagen. Es ist nur…es ist das einzige, was wir machen können."
Andrew hatte das Kinn auf die Arme gestützt und warf ihm einen langen Blick unter gesenkten Wimpern hervor. "Wow", sagte er langsam. "Wir reden wirklich zu selten über unsere Gefühle."
Es klang tatsächlich nur ein bisschen spöttisch.
Cassidy stieß ihn mit der Schulter an. "Das müssen wir ja auch nicht", sagte er leise.
In der Regel mussten sie das wirklich nicht.
Wölfe mussten nicht reden.
Es waren vielleicht nicht direkt coole telepathische Fähigkeiten wie Professor X sie hatte; es war mehr wie…wie eine straff gespannte Schnur zwischen ihnen allen und man spürte immer wie sehr die anderen daran zogen. Und jetzt grade zog Andrew so stark an dieser Schnur, dass es Cassidy beinah körperlich wehtat.
Aus den Augenwinkeln warf er einen Seitenblick auf Andrews bloße Schulter.
Die Narbe darauf war ein hässlicher Fleck unebenen Gewebes, von der Größe einer Handfläche. Auch ohne hinzusehen wusste Cassidy, dass sich quer über seinen Rippen und auf seinem Rücken ähnliche Narben befanden. Sie waren weiß, beinah silbrig und die Haut uneben und aufgeraut.
Er hatte nie gefragt und Andrew hatte es nie erzählt. Aber auch ohne, dass er es jemals hätte aussprechen müssen, ahnte Cassidy wodurch sie entstanden waren.
Jäger. Silber.
Aber Gefühle und gespannte Schnüre verrieten einem eben nur so viel über das, was wirklich passiert war.
"Wie haben sie dich gefangen?" fragte er leise und ohne Andrew anzusehen.
"Sie haben mich nicht…" Andrew brach ab. Er war lange still, bevor er antwortete. "Ich habe mich freiwillig ergeben."
Scharf atmete Cassidy ein. "Wieso…?"
"Weil ich jemanden getötet hatte!"
Die Worte klirrten wie Glassplitter durch die Stille und zerschnitten den Nebel. Unwillkürlich zuckte Cassidy zusammen. Andrew biss sich so fest auf die Unterlippe, dass es schon beim Hinsehen wehtat. "Das weißt du doch", fügte er sacht hinzu.
Cassidy nickte stumm.
"Ich dachte, es wäre besser für alle Beteiligten, mich aus dem Weg zu räumen." Andrew schloss die Augen und ließ die Stirn auf seine Arme sinken. Als er weitersprach, klang er beinah träumerisch. "Ich dachte, sie würden mich töten."
Er sagte es auf eine schrecklich sachliche, nüchterne Art und Weise, als ob das alles völlig okay wäre. Sich auszuliefern mit dem Wissen…mit der Hoffnung, dass sie ihn hinrichten würden wie einen tollwütigen Hund.
Cassidy hatte die Fingernägel so tief in seiner Handfläche vergraben, dass er sicher war blutige Abdrücke zu hinterlassen. "Gott…" Er presste seine Handballen gegen die Augen und versuchte mit aller Gewalt sich davon abzuhalten, aufzustehen und davon zu rennen. Das oder Andrew anzubrüllen und ihm eine reinzuhauen.
Seine nächsten Worte machten das Ganze beinah noch schlimmer. "Aber das haben sie nicht."
Natürlich nicht.
Es war wie ein Flashback, nur unschärfer und ohne Ton, und dass es nicht sein eigener war. Was er sah, waren keine Worte, sondern lediglich Bilder. Gefühle.
Schmerz. Silber. Feuer. Und Blut. So viel Blut.
Wölfe starben nicht so schnell, egal was man ihnen antat. Also wieso sollte man einen Wolf gleich töten, wenn man so viel mehr Spaß mit ihm haben konnte?
"Wie lange …?" brachte Cassidy hervor.
"Fast zwei Wochen."
"Wie bist du…?"
"Jake."
Cassidy nickte. Das machte sogar Sinn. Sonst machte allerdings nichts mehr besonders viel Sinn.
Ihm war schlecht. Als er anfing Sterne zu sehen, ließ er langsam die Hände sinken und blinzelte.
Zuerst war alles verschwommen und unscharf und es dauerte einen Augenblick, bis die Welt langsam um ihn herum in ihre richtige Position zurück schaukelte. Und selbst dann sah sie noch verkehrt aus. Verdreht, verzerrt, nicht in Ordnung. Grau in grau in grau.
"Du hast nie…"
"Was hätte ich denn sagen sollen?" Andrew klang erschöpft.
"Hör auf meine Fragen zu beantworten, bevor ich sie gestellt habe!"
"Es tut mir leid."
"Und hör auf dich zu entschuldigen!"
"Okay."
Cassidy schluckte.
Das war es also.
Es erklärte so vieles und doch so wenig. Und es bewirkte leider überhaupt nicht, dass es ihm in irgendeiner Weise besser ging.
Wer hatte jemals behauptet, dass es eine gute Idee war, über Dinge zu reden?
Er war so wütend, und überwiegend nicht mal auf Andrew. Aber er wollte losziehen und Leute verprügeln, und zwar am allermeisten die, die ihm das angetan hatten.
Er wollte nach Hause und sich vor dem Feuer zusammenrollen. Und er wollte aufhören ein Mensch zu sein, weil Menschen so schrecklich komplizierte Dinge fühlten.
Und vielleicht verstand er, zum ersten Mal, wieso Andrew so schrecklich ungerne ein Wolf war und wieso er sich darin niemals so wohl fühlte wie Cassidy das tat.
"Hat wenigstens Jake dich davon überzeugen können, dass es eine bescheuerte Idee war und du das nie wieder tun solltest?" stieß er hervor. Er fühlte sich als ob er erstickte. "Und dass Märtyrer spielen NIE eine gute Idee ist und NIE die einzige Option? Und dass du bescheuert bist und ein Idiot und dass du das nie wieder machen sollst?"
Andrew nickte.
"Sicher, dass du das kapiert hast? Weil manchmal stehst du in diesem Punkt ziemlich auf dem Schlauch! Und du kannst das nicht machen, okay? Du darfst sowas nicht machen."
Weil…Cassidy hatte doch sonst niemanden mehr.
Nur noch Jake und Andrew. Und vielleicht auch noch Katie und Reese, die aus unerfindlichen Gründen immer wieder ankamen.
Aber Jake und Andrew waren die einzigen, die schnell genug waren, um ultimatives Frisbee zu spielen, und die wussten, wie es sich anfühlte wenn der Vollmond an dir zerrte, als ob er dich auseinanderreißen wollte, Atom für Atom, und die sich nachts neben ihm zusammenrollen würden. Sie waren FamiliesicherPackzusammenSchnurnieallein und tausend andere Dinge, für die es keine richtigen Worte gab.
Andrew seufzte und er legte eine Hand in Cassidys Nacken. "Keine Sorge, du bist nicht der Erste, der mir das sagt. Jake hat eine Art an sich, einem so etwas sehr nachdrücklich einzuhämmern."
Cassidy nickte. Das stimmte allerdings.
"Es tut mir leid", sagte Andrew erneut.
"Das sollte es auch." Cassidy boxte ihm in die Rippen. "Und hör auf dich zu entschuldigen."
"Okay. Lass uns weitersuchen, ja?"
"Ja."
Vielleicht waren Worte doch nicht unbedingt die kürzeste Verbindung zwischen zwei Menschen. Aber Andrews Finger auf seinem Nacken waren warm und tröstlich und der Nebel hüllte sie wieder ein wie eine Decke. Und Jake war irgendwo da draußen und sie mussten ihn nur noch finden.
Es war nicht toll, aber es hätte schlimmer sein können.
"Du bist ein Idiot", sagte Cassidy trotzdem.
Andrew lächelte. "Ich dich auch."
Es klang ernst gemeint.
Tbc und soweiter
Nachwort: Vermutlich werden sie Jake tatsächlich irgendwann finden. Aber definitiv nicht mehr heute. *völlig k.o* XD
Genre: Werwölfe
Charaktere: Andrew, Cassidy (und noch mehr bonding)
Challenge: Hurt/Comfort: "Narben"
Team: Novalis
Warnungen: Andrew hat Issues. Cassidy hat Gefühle. Ganz viele.
Vorwort: Und das ist der wahre Grund wieso ich diese Geschichte schreibe - nicht damit ständig nackte Leute aneinanderkuscheln, sondern damit Jungs über ihre Gefühle reden! *gasp* :D
Direkte Fortsetzung zu diesem Teil.
Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis er die leisen Schritte auf dem Waldboden nicht mehr hören konnte. Cassidy schaffte es erst sich zu entspannen als er hörte wie der Motor ansprang und das Auto sich erneut auf den Weg machte. Das Dröhnen des Motors klang wie eine dunkle Drohung, auch dann noch, als sie bereits so weit verschwunden waren, dass er nur noch die Vibrationen im Boden spüren konnte.
Er ließ den Kopf zurücksinken, bis er mit den Haaren im Laub versank und atmete tief durch. Sein Hals fühlte sich trocken an, als ob er seit Ewigkeiten nicht mehr geschluckt hatte.
Andrew, der immer noch über ihm lag, rührte sich nicht.
"Sie sind weg", stellte Cassidy überflüssigerweise fest, weil er irgendetwas sagen wollte.
Andrew hatte die Augen geschlossen. Er hatte die Hände links und rechts von Cassidy abgestützt in einer selten beschützenden Geste. Sein ganzer Körper war angespannt wie eine Bogensehne, die kurz davor war zu zerreißen. Winzige Schauer liefen durch seinen Körper, wie Mikrobeben, so als befände er sich in einem permanenten Spannungszustand kurz vor der Verwandlung.
"Hey", sagte Cassidy leise. "Sie sind wirklich weg."
Er sah wie Andrews Adams Apfel hüpfte als er schluckte. Einmal, zweimal. Anschließen nickte er ruckartig.
Mit einer steifen, ruckartigen Bewegung, die nichts mit seiner sonstigen Eleganz zu tun hatte, riss Andrew sich von ihm los und ließ sich mit dem Rücken gegen den nächstbesten Baumstamm sinken. Blätter klebten in seinem Haar.
Verwirrt richtete Cassidy sich ebenfalls auf. "Andi…?"
Andrew hatte die Beine angezogen und den Kopf gesenkt und vergrub eine Hand in seinen Haaren. Die dunklen Fransen zwischen seinen Fingern waren schweißgetränkt. Seine ganze Haltung sah so elend und geschlagen aus, dass es einem die Kehle zuschnürte.
Als er etwas sagte, war es so leise, dass sogar Cassidy mit seinem übernatürlich guten Gehör Schwierigkeiten hatte, es zu verstehen. "Was?"
"Es tut mir leid", wiederholte Andrew.
Cassidy hob die Augenbrauen. "Welcher Teil? Der wo du meinen Arsch gerettet hast oder der, wo du wie Rambo!Tarzan über mir gelegen hast, um mich vor den bösen Jägern zu beschützen?"
Andrew gab ein ersticktes Geräusch von sich, das nur beinah klang wie ein Lachen. Cassidy beschloss das ermutigend zu finden und rutschte näher zu ihm.
Er wusste, dass sie eigentlich aufbrechen sollten. Und nach Jake und Emma suchen. Und Jägern aus dem Weg gehen. Und Katie wiederfinden. Aber es war so schwer andere Prioritäten zu haben, wenn dein bester Freund neben dir saß wie ein Häufchen Elend und so klang als ob er kurz davor war, einen Nervenzusammenbruch zu kriegen.
Hilflos sah er dabei zu wie Andrew sich noch mehr in sich zusammenrollte und nicht aufhörte zu zittern.
"Uhm… willst du darüber reden?"
Die Antwort war kurz und nachdrücklich. "Nein."
Cassidy konnte das nachvollziehen. Ehrlich.
Darüber reden war schrecklich und anstrengend. Worte waren daneben und falsch und mehrdeutig und sagten nie auch nur ansatzweise das aus, was man sagen wollte.
Aber manchmal waren sie die kürzeste Verbindung zwischen zwei Menschen, und in diesem Fall waren sie grade das einzige was ihm einfiel, um Andrew zu helfen.
"Du könntest aber", schlug er zaghaft vor. "Wenn du willst? Wir machen das ja nicht so häufig."
Andrew atmete tief durch und sekundenlang rang er sichtbar um Fassung. Als er redete, klang er tonlos und beinah schicksalsergeben. "Eines Tages werde ich euch alle in Gefahr bringen, nur weil ich zu viel Angst habe."
Cassidy zuckte mit den Schultern. "Abgesehen davon, dass ich grade der Idiot war - es ist okay, Angst zu haben", sagte er. "Auch der große, böse Wolf darf Angst haben."
Andrew schnaubte. "Nicht Jake. Und nicht du."
Als er den Kopf hob, waren seine Augen trocken, aber er sah aus, als ob er gerne geweint hätte. Es zog Stellen in Cassidys Magen zusammen, von denen er nicht einmal wusste, dass er sie hatte.
Er konnte Leute nicht weinen sehen. Er wusste dann einfach nie was er machen sollte. Es war dann alles immer ganz schrecklich und ausweglos und er fühlte sich dann permanent lahm gelegt vor lauter Hilflosigkeit.
"Hey Mann, das täuscht!" sagte er eilig. "Ich habe permanent Angst, okay?"
Andrew warf ihm einen ungläubigen Blick zu.
"Was denkst du denn? Ich habe Angst, dass ich durchdrehe und jemandem den Hals durchbeiße oder dass mich die Jäger fangen oder dass das Rudel mich zwischen die Kauleisten kriegt", zählte er auf. "Ich hab Angst, dass ich irgendwann so lange Wolf bin, dass ich mich nicht mehr daran erinnern kann ein Mensch zu sein. Ich hab Angst, dass Jake was passiert oder dass dir was passiert oder dass Katie was passiert, weil sie wahnsinnig ist und ich ihr nie widersprechen und sie nie von irgendwas abhalten kann. Ich hab Angst davor jemanden zu töten und ich habe Angst vorm Sterben und manchmal habe ich sogar Angst vorm Leben. Bei mir merkt es nur keiner, weil ich einfach so viel rede, dass ich nicht zum hyperventilieren komme."
Wie um das zu untermauern musste er nach Luft schnappen, bevor er weiterredete. "Und Jake… Jake hat auch Angst, okay? Er kann es nur besser verstecken als jeder andere. 'Augen zu und durch', 'was dich nicht umbringt, macht dich nur stärker', 'fake it, til you make it' oder wie auch immer sie das im Show Business sagen. Es ist nur…es ist das einzige, was wir machen können."
Andrew hatte das Kinn auf die Arme gestützt und warf ihm einen langen Blick unter gesenkten Wimpern hervor. "Wow", sagte er langsam. "Wir reden wirklich zu selten über unsere Gefühle."
Es klang tatsächlich nur ein bisschen spöttisch.
Cassidy stieß ihn mit der Schulter an. "Das müssen wir ja auch nicht", sagte er leise.
In der Regel mussten sie das wirklich nicht.
Wölfe mussten nicht reden.
Es waren vielleicht nicht direkt coole telepathische Fähigkeiten wie Professor X sie hatte; es war mehr wie…wie eine straff gespannte Schnur zwischen ihnen allen und man spürte immer wie sehr die anderen daran zogen. Und jetzt grade zog Andrew so stark an dieser Schnur, dass es Cassidy beinah körperlich wehtat.
Aus den Augenwinkeln warf er einen Seitenblick auf Andrews bloße Schulter.
Die Narbe darauf war ein hässlicher Fleck unebenen Gewebes, von der Größe einer Handfläche. Auch ohne hinzusehen wusste Cassidy, dass sich quer über seinen Rippen und auf seinem Rücken ähnliche Narben befanden. Sie waren weiß, beinah silbrig und die Haut uneben und aufgeraut.
Er hatte nie gefragt und Andrew hatte es nie erzählt. Aber auch ohne, dass er es jemals hätte aussprechen müssen, ahnte Cassidy wodurch sie entstanden waren.
Jäger. Silber.
Aber Gefühle und gespannte Schnüre verrieten einem eben nur so viel über das, was wirklich passiert war.
"Wie haben sie dich gefangen?" fragte er leise und ohne Andrew anzusehen.
"Sie haben mich nicht…" Andrew brach ab. Er war lange still, bevor er antwortete. "Ich habe mich freiwillig ergeben."
Scharf atmete Cassidy ein. "Wieso…?"
"Weil ich jemanden getötet hatte!"
Die Worte klirrten wie Glassplitter durch die Stille und zerschnitten den Nebel. Unwillkürlich zuckte Cassidy zusammen. Andrew biss sich so fest auf die Unterlippe, dass es schon beim Hinsehen wehtat. "Das weißt du doch", fügte er sacht hinzu.
Cassidy nickte stumm.
"Ich dachte, es wäre besser für alle Beteiligten, mich aus dem Weg zu räumen." Andrew schloss die Augen und ließ die Stirn auf seine Arme sinken. Als er weitersprach, klang er beinah träumerisch. "Ich dachte, sie würden mich töten."
Er sagte es auf eine schrecklich sachliche, nüchterne Art und Weise, als ob das alles völlig okay wäre. Sich auszuliefern mit dem Wissen…mit der Hoffnung, dass sie ihn hinrichten würden wie einen tollwütigen Hund.
Cassidy hatte die Fingernägel so tief in seiner Handfläche vergraben, dass er sicher war blutige Abdrücke zu hinterlassen. "Gott…" Er presste seine Handballen gegen die Augen und versuchte mit aller Gewalt sich davon abzuhalten, aufzustehen und davon zu rennen. Das oder Andrew anzubrüllen und ihm eine reinzuhauen.
Seine nächsten Worte machten das Ganze beinah noch schlimmer. "Aber das haben sie nicht."
Natürlich nicht.
Es war wie ein Flashback, nur unschärfer und ohne Ton, und dass es nicht sein eigener war. Was er sah, waren keine Worte, sondern lediglich Bilder. Gefühle.
Schmerz. Silber. Feuer. Und Blut. So viel Blut.
Wölfe starben nicht so schnell, egal was man ihnen antat. Also wieso sollte man einen Wolf gleich töten, wenn man so viel mehr Spaß mit ihm haben konnte?
"Wie lange …?" brachte Cassidy hervor.
"Fast zwei Wochen."
"Wie bist du…?"
"Jake."
Cassidy nickte. Das machte sogar Sinn. Sonst machte allerdings nichts mehr besonders viel Sinn.
Ihm war schlecht. Als er anfing Sterne zu sehen, ließ er langsam die Hände sinken und blinzelte.
Zuerst war alles verschwommen und unscharf und es dauerte einen Augenblick, bis die Welt langsam um ihn herum in ihre richtige Position zurück schaukelte. Und selbst dann sah sie noch verkehrt aus. Verdreht, verzerrt, nicht in Ordnung. Grau in grau in grau.
"Du hast nie…"
"Was hätte ich denn sagen sollen?" Andrew klang erschöpft.
"Hör auf meine Fragen zu beantworten, bevor ich sie gestellt habe!"
"Es tut mir leid."
"Und hör auf dich zu entschuldigen!"
"Okay."
Cassidy schluckte.
Das war es also.
Es erklärte so vieles und doch so wenig. Und es bewirkte leider überhaupt nicht, dass es ihm in irgendeiner Weise besser ging.
Wer hatte jemals behauptet, dass es eine gute Idee war, über Dinge zu reden?
Er war so wütend, und überwiegend nicht mal auf Andrew. Aber er wollte losziehen und Leute verprügeln, und zwar am allermeisten die, die ihm das angetan hatten.
Er wollte nach Hause und sich vor dem Feuer zusammenrollen. Und er wollte aufhören ein Mensch zu sein, weil Menschen so schrecklich komplizierte Dinge fühlten.
Und vielleicht verstand er, zum ersten Mal, wieso Andrew so schrecklich ungerne ein Wolf war und wieso er sich darin niemals so wohl fühlte wie Cassidy das tat.
"Hat wenigstens Jake dich davon überzeugen können, dass es eine bescheuerte Idee war und du das nie wieder tun solltest?" stieß er hervor. Er fühlte sich als ob er erstickte. "Und dass Märtyrer spielen NIE eine gute Idee ist und NIE die einzige Option? Und dass du bescheuert bist und ein Idiot und dass du das nie wieder machen sollst?"
Andrew nickte.
"Sicher, dass du das kapiert hast? Weil manchmal stehst du in diesem Punkt ziemlich auf dem Schlauch! Und du kannst das nicht machen, okay? Du darfst sowas nicht machen."
Weil…Cassidy hatte doch sonst niemanden mehr.
Nur noch Jake und Andrew. Und vielleicht auch noch Katie und Reese, die aus unerfindlichen Gründen immer wieder ankamen.
Aber Jake und Andrew waren die einzigen, die schnell genug waren, um ultimatives Frisbee zu spielen, und die wussten, wie es sich anfühlte wenn der Vollmond an dir zerrte, als ob er dich auseinanderreißen wollte, Atom für Atom, und die sich nachts neben ihm zusammenrollen würden. Sie waren FamiliesicherPackzusammenSchnurnieallein und tausend andere Dinge, für die es keine richtigen Worte gab.
Andrew seufzte und er legte eine Hand in Cassidys Nacken. "Keine Sorge, du bist nicht der Erste, der mir das sagt. Jake hat eine Art an sich, einem so etwas sehr nachdrücklich einzuhämmern."
Cassidy nickte. Das stimmte allerdings.
"Es tut mir leid", sagte Andrew erneut.
"Das sollte es auch." Cassidy boxte ihm in die Rippen. "Und hör auf dich zu entschuldigen."
"Okay. Lass uns weitersuchen, ja?"
"Ja."
Vielleicht waren Worte doch nicht unbedingt die kürzeste Verbindung zwischen zwei Menschen. Aber Andrews Finger auf seinem Nacken waren warm und tröstlich und der Nebel hüllte sie wieder ein wie eine Decke. Und Jake war irgendwo da draußen und sie mussten ihn nur noch finden.
Es war nicht toll, aber es hätte schlimmer sein können.
"Du bist ein Idiot", sagte Cassidy trotzdem.
Andrew lächelte. "Ich dich auch."
Es klang ernst gemeint.
Tbc und soweiter
Nachwort: Vermutlich werden sie Jake tatsächlich irgendwann finden. Aber definitiv nicht mehr heute. *völlig k.o* XD
no subject
Date: 2012-08-12 06:45 pm (UTC)Aber Jake und Andrew waren die einzigen, die schnell genug waren, um ultimatives Frisbee zu spielen
Ist es Absicht, dass in meinem Kopf jetzt ein Bild von gigantischen Werwölfen entstanden ist, die das machen? XD Hoffentlich ist der Frisbee stabil genug *hüstel*
Ich feuere dich absolut an!
no subject
Date: 2012-08-12 06:52 pm (UTC)Ultimatives Frisbee ist bestimmt der beste Sport der Welt! XD Wenn wir Werwölfe wären, würden wir den auch mehr zu würdigen wissen. *g*
no subject
Date: 2012-08-12 07:26 pm (UTC)Ich freu mich auf mehr.
no subject
Date: 2012-08-12 07:28 pm (UTC)Und - oh Gott ja, ich liebe diese Rudel-Sache. *hust*
Danke! ;)
Ich bemüh mich schnell was nachzuliefern.
no subject
Date: 2012-08-12 07:33 pm (UTC)Ich glaube, mir hat True Blood die Wölfe vermiest...
no subject
Date: 2012-08-12 07:38 pm (UTC)Ich meine die Vampire gehen ja mal gar nicht, aber die Werwölfe sind tatsächlich alle sehr putzig und haben ne richtig coole Storyline.
Ich mag True Blood generell sehr gerne, aber jap. Die Wölfe kommen da einfach nicht gut weg ... :-/ Zu schade.
no subject
Date: 2012-08-13 09:45 pm (UTC)Das mit Andrew ist echt furchtbar... gut, dass er mal darüber redet... >___< Und diese Narben konnte ich mir so gut vorstellen *schauder*
Ich finde es auch toll, wie Jake immer als unantastbarer, cooler Anführer dargestellt wird. Man merkt total, wie sie ihn alle anbeten und ich verstehe bei Andrew auch sehr gut, warum... Im nächsten Teil muss er auftauchen!
no subject
Date: 2012-08-14 07:03 am (UTC)Es hat auch Spaß gemacht!
Das mit Andrew hatte ich schon ganz lange im Kopf ... óò Es hat sich nur nie ergeben dass alles einzubauen. Aber deswgen war er auch schon in früheren Teilen immer wesentlich angespannter und zurückhaltender als Cassidy und Jake. Der arme Junge ist schon ziemlich traumatisiert.
(Wird auch alles nochmal aufgegriffen. *hust*)
Ich weiß inzwischen wo Jake ist! *gasp* XD Heute morgen als ich im Bett saß, fiels mir ein.
Das schreibe ich vllt tatsächlich heute abend.
Danke für die Kommentare! *_*