Wunderkind

Aug. 10th, 2012 08:42 pm
[identity profile] http://users.livejournal.com/leni_/ posting in [community profile] 120_minuten
Team: Novalis
Challenge: Intimität/Romantik - Beschützerinstinkt (für mich)
Fandom: Original (Der Blaue Salon)
Wörter: 839
Charaktere: Niél, Maron, Ian und ein paar Piraten
Anmerkung: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15


Das Schiff der Piraten ist riesig. Ein dampfender Palast aus Metall der schwankend auf dem Wasser liegt. Niél zittert, unter ihren Fesseln. In ihrem ganzen Leben hat sie sich nie so hilflos, so machtlos gefühlt. Selbst als der Blaue Salon in Flammen stand, sie aus der Ferne beobachten musste wie ihre Schwester und Brüder, ihr ganzes Leben niedergetrampelt wurde, hatte sie noch einen Rest Hoffnung gehabt.
Nicht jetzt. Das Salz auf ihrer Stirn brennt, eine dumpfe Stille füllt ihren Kopf. Abgeschnitten von der Welt haben sie sie, ihr das einzige genommen was sie noch hatte. Selbst wenn ihr Körper nicht gefesselt wäre, sie würde – könnte – sich nicht mehr wehren.
Sie kniet auf dem Außendeck, eine kalte Wand im Rücken, der Kapitän mit seinen Männern vor ihr. Sie würde um Ians, um Marons Wohlergehen beten, aber sie hat Angst, dass die Anderen ihre Gedanken hören. Und dann bringen sie sie. Ein Kerl, zwei mal so groß wie ihr Kapitän, trägt Ian über seiner Schulter. Niél kann nicht sehen, ob er verletzt ist, ob er bei Bewusstsein ist, wie es ihm geht. Zwei Männer schleppen Maron zwischen sich. Immerhin, sie sehen nicht so aus als hätte er sich kampflos geschlagen gegeben. Niél findet Gefallen an dem Blut, das die Schulter des einen hinunter läuft, an dem Humpeln des zweiten. Das erschreckt sie. Egal wie die Umstände – sich über das Leid eines anderen zu freuen geht gegen alles, was sie gelernt, was sie gelebt, was sie geschworen hat.

Sie werfen Maron neben ihr auf den Boden.
„Bringt den Menschen um“, befielt der Kapitän.
„Die Priesterin gehört mir.“
Einer seiner Männer zieht Maron an seinen Haaren hoch, hält ihm sein Messer an die Kehle. Es gibt nichts, das Niél tun kann.
Nichts.
Nicht um Maron zu retten, nicht für sich selbst. Nicht einmal für Ian...
Ian.
„Hab keine Angst, Mama“, hört sie seine Stimme in ihrem Kopf. Klar und deutlich in der erdrückten Stille die dort herrscht. Sie muss es sich einbilden, denkt sie, weiß sie, und weiß doch, dass es keine Einbildung ist.
Sie blickt zu dem Riesen, der breit und blöd grinsend neben seinem Kapitän steht, sich freut auf das Blut, das gleich fließen wird. Und sie sieht, wie Ians kleine Füße sich bewegen, sich seine Zehen spreizen – so wie sie das immer tun, wenn er sich ganz besonders konzentriert.
„Worauf wartest du?“, bellt der Kapitän den Piraten, der Maron umbringen soll an. Aber der sieht was Niél sieht, sieht wahrscheinlich mehr, weil sie ihm nicht die Sinne verbunden haben. Die anderen Piraten sehen es auch. Spüren es auch. Selbst Niél kann einen Hauch der Mächte ausmachen, die sich da vor ihr entfalten.
Nur der Kapitän und er Riese merken nichts. Für sie ist es zu spät. Ein dunkler Schleier hat sich um sie gelegt, schwärzer als die schwärzeste Nacht, wabernd, wirbelnd, eine Säule in den Himmel, wo eine nach links gewölbte Sichel Tod und Vergänglichkeit besingt.

Als die Dunkelheit verschwindet, ist von dem Riesen und dem Kapitän nichts geblieben als ihre Kleidung und weiße Knochen und zwischen diesen Überresten steht Ian. Unversehrt, mit großen, runden Kinderaugen, sieht er die anderen Piraten an. Die starren ängstlich und ehrfürchtig zurück.
Selbst Niél hat Angst. Obwohl sie weiß, dass sie vor Ian nichts zu fürchten hat.
Da fällt der erste Pirat auf die Knie, murmelt in der Dunklen Sprache des Mondes. Treue, dem neuen Kapitän, schwört er und seine Kameraden tun es ihm gleich.
Niél fragt sich, ob Ian versteht was sie da sagen – woher sollte er die Dunkle Sprache des Mondes kennen? – kann sich nicht vorstellen, dass er überhaupt begreift, was er getan hat, wozu er fähig ist.
Er schwankt und Niél zappelt in ihren Fesseln. Sie muss zu ihm. Muss sich um ihn kümmern. Selbst ein Hoher Priester wäre nach einem solchen Aufwand seiner Macht ausgelaugt. Ein kleiner Junge … ein kleiner Junge, sollte so eine Macht überhaupt nicht besitzen, sagt eine Stimme in ihrem Kopf. Erst recht kein Halbblut, wie Ian es ist.
„Lasst meine Eltern frei!“, ruft er, mit all der Autorität, die ein Dreijähriger haben kann. Seine blinden Augen bohren sich schwarz wie Neumonde in die Piraten.
Sayn und Keremi gehorchen aufs Wort. Ihre Fesseln fallen mürbe von Niéls Körper.
Im nächsten Moment ist sie bei Ian, hält ihn fest als er erschöpft in sich zusammen sackt. Sie hebt ihn auf, ganz behutsam, streicht ihm durchs Haar.
„Bringt uns in das Zimmer des Kapitäns“, ruft sie den Piraten zu. Die knien noch immer da, blicken sich unschlüssig an, wissen wohl nicht damit umzugehen. Wer ihren Anführer umbringt, der nimmt seinen Platz ein. Diese Regel ist einfach genug. Aber diese Regel sagt ihnen nicht, wie sie sich Niél gegenüber zu verhalten haben.
Es ist Keremi der sich als erstes berappelt, sich langsam erhebt.
„Aye, Ma'am“, sagt er. Weil sie die Mutter ihres neuen Kapitäns ist.
„Und nehmt ihn auch mit“, sie deutet auf Maron, der noch bewusstlos da liegt, und nichts davon mitbekommen hat, wie sein Sohn ihm das Leben gerettet hat.

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