Polizeiarbeit mit Apfelkuchen
Jul. 26th, 2012 07:21 pmPersonen: Kriminalhauptkommissarin Nathalie Franz, Protokollführer Lukas Schwerkamp, diverse Zeugen
Wörter: 1877
Geschrieben in: 113 Minuten
Kommentar: eigentlich ist das hier ein Kapitel für eine FF, die ich vor vier Jahren begonnen habe und die jetzt endlich überarbeitet und fertig gestellt worden soll (fehlen nur noch...2000 Wörter. Die schaff ich heute noch.(!)). Falls jemand etwas zu Nathalie und Lukas sagen möchte, möge er bitte kein Blatt vor den Mund nehmen. Als Nebendarstellerin und Nebendarsteller von der Nebendarstellerin sind sie manchmal schwierig zu schreiben. Und ich sollte noch davor warnen, dass das Ganze mit write or die runtergetippt wurde = komplett ohne jede Editierung.
Hinterher wusste sie nicht mehr so recht, ob alles nur ein Traum gewesen war. Oder ein Alptraum, je nachdem. Es war zum Heulen.
Herr Trümper winkte ab, als sie ihm einen Kaffee oder Tee anboten. Er sah aus, als hätte ihn jemand in den Stuhl gefaltet, auf dem er saß, und dabei sein Hemd zerknittert. Sein Bart war stoppelig und die Händ groß und schmutziger, als man es von einem Fischhändler erwarten sollte.
Nathalie stellte ihren Becher vorsichtug auf den Tisch, bevor sich setzte, stellte sich und Lukas vor und erklärte die Formalitäten. Herr Trümper nickte nur. Während Lukas die Angaben zu Person notierte - Gordon Schneider, geboren am 6. Februar 1971, Forellenzüchter mit Hofladen, wohnhaft Am Achdorfer Feld 3, 39326 Fischdorf, ledig - versuchte Nathalie herauszufinden, wie sehr Herr Trümper wohl trauerte. Vorgestern hatte sie noch eine Folge Lie to me auf DVD gesehen, da war es ganz einfach gewesen. Man musste darauf achten, wohin das Gegenüber sah, was er mit seinen Händen machte. Herr Trümper zerknetete seine Segeltuchkappe. Sein Blick bewegte sich zwischen der Kappe und Lukas hin und her. Nathalie war sich nicht sicher, inwiefern das ein Geständnis irgendeiner Art war.
"Herr Trümper", sagte sie, "was für ein Verhältnis hatten sie zu ihrem Stiefsohn?"
Herr Trümper löste sich von Lukas und Kappe und sah sie mit einem leeren Gesichtsdruck an. "Ähm", antwortete er und zuckte mit den Schultern. Nathalie wartete ein wenig, bevor sie ihm mit hochgezogenen Augenbrauen verdeutliche, dass ihr das nicht reichte."
"Naja, wie das halt so ist", versuchte Herr Trümper erneut. "Hat sehr an seinem Vater gehangen. Hat ihm nie gepasst, dass seine Mutter mit seiner Schwester und ihm zu mir gezogen."
"Sie hatten also kein gutes Verhältnis."
Jetzt kam Leben in seine schlaffen Züge. "Nein, auf keinen Fall! War eher, naja, kein Verhältnis, wenn Sie verstehen. Er hat sein Ding gemacht, ich hab ihm da nicht reingeredet."
"Das hier ist ein Routinegespräch", beruhigte ihn Lukas und Nathalie nickte. "Niemand verdächtigt Sie", fügte sie hinzu. "Wie haben Sie Tom Mutter denn kennen gelernt?"
Herr Trümper hatte wenig von Interesse zu erzählen. Beinahe alles, was er sagt, hatte Nathalie tags zuvor schon von seiner Freundin gehört, und die wenigen Abweichungen und Zusatzdetails waren mehr als banal. Zu Tom im Speziellen fiel ihm kaum etwas ein. Er schien davon überzeugt zu sein, dass Tom seine Mutter mit seinem Verhalten unglücklich gemacht hatte und dass er dem ganzen mit seiner Ermordung quasi die Krönung aufgesetzet hatte. Dagegen etwas zu tun hatte er nicht für sein Bier gehalten und jetzt war es sowieso zu spät.
Während Lukas nach einer Weile zum Notieren auch das Fragen Stellen übernahm, konnte Nathalie nicht umhin sich zu fragen, was Frau Trümper mit so einem Mann anfangen mochte. Sie konnte sich nicht vorstellen einen Freund zu haben, der ihrer Tochter mit blankem Desinteresse begegnete. Aber sie war auch nur geschieden und keine Witwe.
Herr Trümpers Händedruck zum Abschied war feucht, aber überraschend fest. Er schlufte aus dem Verhörraum ohne eine Vermutung bezüglich des Täters dazulassen und Lukas bot sich an, frischen Kaffee und Sandwiches aus der Cafeteria zu holen, eher der nächste Zeuge angesetzt war. Nathalie blieb grübelnd sitzen und überflog das eben erstellte Protokoll. Dieser Fall war für ihren Geschmack schon viel zu lange offen. Noch dreißig Jahre bis zu Rente.
Mit dem Geschmack von Pappe und Salat im Mund begann Nathalie die zweite Befragung. Levin Mihai, 19 Jahre alt, Auszubildender zum Spengler im 1. Lehrjahr, wirkte beinahe übereifrig. Er erklärte alles bis in die kleinen Einzelheiten und hätte sie bis Mitternacht unterhalten, wenn sie ihn nicht zwischendurch ausgebremst hätte. Nathalie und Lukas erfuhren von dem verlassenen eingleisigen Bahnhof, an dem Levin, Tom und Dritter namens Jojo sich regelmößig getroffen und getrunken hatten. Regelmäßig bis kurz Tom Rausschmiss aus dem Elternhaus. Sie erfuhren von den bevorzugten Alkoholmarken, von den Beschaffungswegen, von den Fenstern, die Tom seit der Grundschule eingeworfen hatte und von geklauten Fahrrädern. Sie erfuhren, dass Tom seinen Stiefvater für einen Schlappschwanz gehalten hatte und dass Tom nie eine richtige Freundin gehabt hatte. Er hatte nicht mal was mit Jenny gehabt, die jetzt mit Jojo zusammen war und vorher wirklich alle durchgemacht hatte. Sie erfuhren, dass Tom alles für seine kleine Schwester getan hätte und das er ziemlich angefressen war, als die mal angefahren worden war. Tom hätte am liebsten ein Mordkomanndo aufgestellt und das Srschloch zur Strecke gebracht - Levin hielt und starrte auf seinen Plastikbecher halbvoll mit Früchtetee.
"Wann haben Sie Tom zum letzten Mal gesehen?", fragte Lukas.
Levin legte den Kopf. "Vor drei Monaten so", sagte er. "Seine Alte hat ihn ja vor die Tür gesetzt und da stand er dann plötzlich vor der Tür, weil er ja irgendwo pennen musste. Hab ihm natürlich die Couch angeboten, macht man ja so unter Kumpels."
"Wie lange ist er bei Ihnen gebliebenen?"
Diesmal fiel der Kopf auf die andere Seite. "Fünf, nein, sechs Tage. Dann hat meine Freundin Stress gemacht. Mit der wohn ich jetzt seit einem halbem Jahr zusammen und -"
"Und haben Sie Tom nochmal gesprochen? Oder sich nach ihm erkundigt?"
"Nein."
"Wissen Sie, zu wem er gegangen ist, nachdem er nicht mehr bei ihnen bleiben konnte?"
Levin biss auf seine Unterlippe und nahm einen Schluck Tee. "Nein, kein Plan."
Nachdem auch Herr Mihai gegangen war, holte Nathalie ein paar Schokoriegel aus dem Automaten auf dem Gang, um den Nachgeschmack der Sandwiches zu vertreiben. Steffie, die Beamtin mit den schwarzen Haaren und den Hello Kitty-Nägel gesellte sich zu ihr. Sie hatte inzwischen püntklich zur EM den Katzenblobb durch die Deutschlandflahne ersetzt und offensichtlich das dringende Bedürfnis, Nathalie vom vierten Geburtstag ihrer Tochter zu erzählen. Nathalie nickt und kaute an den richtigen Stellen und wartete darauf, dass Lukas sie erlöste. Aber Lukas kam nicht. Als sie ihre Pause schon mehr als eine Viertelstunde überzogen hatte, schaffte sie es endlich sich zu entschuldigen. Sie fand Lukas im Verhörzimmer. Er hatte einen frischen Kugelschreiber dabei, aber keinen Zeugen. "Wer sollte jetzt da sein?", fragte sie seufzend. "Johannes Strohmann."
Ah ja, dachte sie, Jojo, der jetzt mit der zusammen ist, die schon alle durchhat. Na wunderbar. "Lass ihn anrufen", sagte sie und kehrte zum Automaten zurück. Die Obsttörtchen da drin hatte sie noch nie probiert.
Als sie das Verhör mit Caroline Baus, 17, Schülerin, begannen, hatte Nathalie eindeutig zu viel Süßkram im Bauch. Sie fühlt sich aufgebläht und schwabbelig und ausgerechnet jetzt saß ihr ein Blondchen mit pfeildünn gezupften Augenbrauen und einem Vorbau für die Götter gegenüber. Oder einem Vorbau für Lukas, wenn es nach dem Blondchen ging. Sie hatte Nathalie zwar noch die Hand gegeben, benahm sich danach aber so, als säße sie mit dem Protokollanten in einem schnuckeligen Café und nicht einem kargen Betonkasten. Fragen stellen war zwecklos, das erkannte Nathalie sofort. Und selbst Lukas brauchte geschlagene vierzehn Minuten - Nathalie zählte an der Wanduhr mit - um Caro, wie er sie nennen sollte, dazu bringen konnte, doch bitte einmal von Tom zu erzählen und nicht von sich selbst. "Tom?", fragte Blondchen, wickelte eine Haarsträhne um ihren Zeigefinger und zwirbelte daran herum. Nathalie kannte diese Geste nur zu gut, sie hatte sie sogar vor Lie to me schon gekannt. Blondchen war gelangweilt. Tom war offensichtlich nicht mehr angesagt seit er tot war. Pech für den armen Kerl, aber kein Grund zur Traurigkeit für Caroline. An diesem Punkt war Nathalie ganz froh, dass Blondchen nicht mit ihr reden mochte, denn sie hätte sich sicher schwer getan, einigermaßen freundlich mit ihr umzugehen.
Im Grunde war die Befragung von Frau Baus wie die von Herrn Mihai, nur dass sie weniger erzählte, dafür mehr flirtete und insgesamt noch weniger "Plan" davon hatte, was Tom zwischem seinem Verschwinden bei Levin und seinem Auftauchen im Bärleber See gemacht hatte.
"Haben dir ihre Brüste gefallen?", fragte sie, als Lukas die Tür hinter seinem neugewonnen Groupie schloss. "Sie ist siebzehn!", kam die entgeisterte Antwort. Nathalie schüttelte nur den Kopf. Lukas war jetzt seit fünfzehn Jahren bei der Polizei und handelte immer noch strikt nach Vorschrift. Bei dem Guten war Hopfen und Malz verloren.
"Ich bin ihn nur entgegengekommen, weil es den Ermittlungen dienlich war", ereiferte er sich und Nathalie befürchtete schon einer seiner "Ich bin ein guter Junge"-Voträge erleiden zu müssen, als Lukas von einem Klopfen unterbrochen wurden. Es war Deutschland-Kitty mit dem Protokoll von Nina Celine Trümper, 8, Schülerin. Nathalie war mehr als froh gewesen, als sie das Gespräch an einen Kollegen hatten abdelegieren können. Lesen musste sie es aber trotzdem. Sie klemmte sich den Ordner unter den Arm, holte sich noch ein Apfeltörtchen, und las stehend auf dem Gang, das Protokoll in der einen, den Kuchen in der anderen Hand. Die ersten zwei Seiten beinhaltete nichts als Verteidigungen. Die Kleine wusste offensichtlich, dass ihr großer Bruder nicht selten Dreck am Stecken gehabt hatte, und wollte das auf keinen Fall auf ihn sitzen lassen. Denn Tom habe sie immer beschützt. Ab Seite 3 war es dem Kollegen wohl gelungen, sie davon überzeugen, dass ihr Bruder allen als Vorzeigeteeanger in Erinnerung bleiben würde. Nina hatte ein bisschen von ihrer Katze erzählt, die jemand überffahren und in die Hofeinfahrt gelegt hatte, und dass Tom weggegangen war, um diese böse Person zu bestrafen. Sie hatte erzählte, dass Mama viel weinte zu Hause. Auf der letzten Seite noch die ewig gleiche Frage, ob sie sich vorstellen könne, wer dem Tom etwas gewollt hätte? Nein, konnte sie nicht.
"Irgendwas interessantes?", hörte sie Lukas Stimme plötzlich direkt neben ihrem Ohr. Der Ordner fiel ihr aus der Hand, aber Lukas griff schnell danach und fing ihn auf. "Erschreck mich doch nicht so!", lachte sie und steckte das halbgegessene Törtchen zurück ganz zurück in seine Plastikhülle, bevor auch damit noch ein Unfall passierte. "Der Zeuge von 16 Uhr 30 ist doch noch gekommen", sagte Lukas. "Hat angeblich die Zeit vergessen."
Johannes Strohmann, 19, Ausbildungsplatzsuchender seit vier Jahren, war Toms bester Freund gewesen. Sein T-Shirt hatte ein Loch an den linken Schulter und er fläzte breitbeinig auf seinem Stuhl, ganz so, als wären sie unabgemeldet und um Stunden zu spät und nicht er. Nathalie hatte keine Geduld mehr. Sie hetzte ihn durch die Formalitäten, sprach ihn auf die Saufereien und Sachbeschädigungen am Bahnhof an und hatte ihn schon gefressen, als er großspurig erklärte, dass wäre damals gewesen, jetzt werde er Vater und sein Leben ein ganz anderes. Sie erfuhren, dass Tom, bevor er bei Levin untergekommen war, bei ihm gewohnt hatte, dass Johannes aber schon nicht einmal mehr wusste, dass Tom von ihm aus zu ihrem gemeinsamen Freund gegangen war. Er wusste nicht einmal, wo und wie Tom gefunden worden war. "Ach Tom ist die Wasserleich? Krass", war sein ganzer Kommentar dazu. Nathalie hätte am liebsten Lukas den Protokollbogen weggerissen und ihm diesem besten Freund um die Ohren gehauen.
Als sie endlich verspätet in den Feierabend gehen und nach Hause fahren konnte, war Nathalie schlecht, nein, ihr war kotzübel und sie hatte die böse Vermutung, dass nicht der Süßigkeitenautomat daran schuld war. Wenn ein Kind starb, war das immer einer Tragödie. Wenn ein Jugendlicher starb, war das nicht weniger schlimm. Im Gegenteil, man erwartete noch einen viel weitläufigeren Freundeskreis, der um ihn trauerte. Den Protokollen zufolge war Tom aber kein Jugendlicher gewesen. Den Protokollen zufolge war Tom Trümper ein achtzigjähriger Greis, klammheimlich verschieden im Fernsehsessel, nach zwei Wochen durch seinen üblen Geruch entdeckt.