[identity profile] http://users.livejournal.com/leni_/ posting in [community profile] 120_minuten
Team: Novalis
Challenge: Horror/Thriller - Undercover (für mich)
Fandom: Original (Der Blaue Salon)
Wörter: ~1200
Charaktere: Maron, Ireana
Anmerkung: Spielt fünf oder sechs Jahre vor der Haupthandlung.


Es war die Neugierde gewesen, die Maron hatte den Antrag stellen lassen. Solange er denken konnte hatte er eine Uniform getragen – hatte seine Umwelt gesehen, was er war. Die Neugierde war sein schlimmster Fehler, hatten sie ihm schon in der Krippe versucht beizubringen.
„Sie wollen die Stelle doch nicht etwa aus Neugierde?“, hatte sogar sein Rudelführer ihn gefragt, als er in dessen Büro stand und darum bat zur Verdeckten Ermittlung versetzt zu werden.
Natürlich nicht, versicherte er. Er wolle der Autorität dienen so gut er nur könne und seine Fähigkeiten genügten den Anforderungen für die Position.
Seinen ersten Auftrag erhielt er ein halbes Jahr und allerhand Übungsszenarien später. Den Goldenen Pfau sollte er beobachten. Eines jener Lokale, die nur darum noch existierten weil die Autorität schlau genug war nicht alle Formen der Unterhaltung, die nicht von ihr selbst kamen, auf einmal zu verbieten.

Die Wohnung, die man ihm zugeteilt hatte war kaum größer als seine Zelle in der Kaserne. Ebenso spärlich eingerichtet. Einzig das Federbett machte einen Unterschied. Einen Unterschied, an den er sich schwer gewöhnte. Die meisten Nächte verbrachte er auf dem Fußboden.
Möglich, dass es ihm nur so vor kam: Die Straßen sahen anders aus, wenn man sie als Zivilist durchquerte. Die Blicke, die man erhielt waren andere. Beiläufiger, offener. Angstfrei, mit unter gar respektlos.
Die ersten Abende verbrachte er ganz unbemerkt. An einem kleinen Tisch im hintersten Winkel des Lokals saß er, trank Stunden an einem einzigen Glas Rotwein. Gar keinen Alkohol zu trinken wäre auffällig gewesen. Er beobachtete die Gäste, beobachtete die Band und die Mädchen auf der Bühne. Er ließ die Eindrücke auf sich wirken, ohne darüber nachzudenken. Er hatte das Mondkind hinter dem Tresen gesehen – fremdartig und faszinierend. Die vielleicht größte Gefahr für seinen Auftrag.
Zuhause erinnerte er sich, notierte was ihm auffällig oder bemerkenswert erschienen war. Das war einiges, aber nur wenig, das den Verdacht bekräftigte hinter schweren Wandvorhängen Verschwörungen gegen die Autorität zu finden.
Über einen Monat lang kam er vorbei, jeden Dienstag, Freitag und Samstag. Da hatte seine Frau regelmäßige Verabredungen mit ihren Freundinnen, und konnte ihm seine Besuche nicht ausreden. Und ganz der flüchtige Ehemann, den noch das schlechte Gewissen quält, ließ er sich Zeit, bis er endlich seinen Tisch im hintersten Winkel verließ und sich zu anderen Gästen gesellte, Karten spielte um minimale, später größer werdende Beträge, den Gesprächen dabei lauschte, gelegentlich das ein oder andere beisteuerte.
Die Gespräche waren enttäuschend nichts-sagend. Die meiste Zeit sprachen die Männer von ihren Geliebten oder andere, ihnen (noch) nicht bekannte Personen weiblichen Geschlechts, die sich in dem Lokal blicken ließen (diejenigen, mit denen sie Ringe getauscht hatten, allerdings, fanden wenig Erwähnung). Seltener sprach man über das Wetter, über die übertrieben hohe Tabaksteuer, oder spekulierte, wann die Autorität wohl die Zufahrten zu den anderen Inseln wieder öffnen würde.
Einmal erzählte ein junger Mann, Parel hieß er und war Student, wie die Bluthunde einen seiner Freunde im Wohnheim aufgegriffen hatten. Ohne zu erklären, was er getan habe, hatten sie ihn gepackt und hinaus gezogen. Als der Freund versuchte sich zu wehren, hätten sie ihm erst das Gesicht blutig geschlagen, als er auch da keine Ruhe geben wollte, traten sie so lange auf ihn ein, bis er endlich still war.
Maron hörte schweigend zu, starrte das Blatt in seiner Hand an und konnte sich nicht mehr so recht über die Karten freuen. Was ihn irritiert hatte – zu dem Schluss kam er, als später, alleine in seiner Wohnung hockte – was ihn irritiert hatte war nicht die Geschichte an sich gewesen. Er wusste, wie manche seiner Kameraden reagierten – auch wenn er selbst zu den Ruhigeren unter ihnen gehörte, hatte er früh gelernt, diese Art der Reaktion selbstverständlich zu finden.
Was ihn irritierte war also nicht, wie die Bluthunde mit dem Freund des ihm fremden Parel umgegangen waren. Es war die offen und ehrliche Bestürzung Parels, die tiefe Überzeugung, das – in einer perfekten Welt – niemand das Recht dazu hatte, jemand anderem auch nur einen Kinnhaken zu verpassen.

An den folgenden Tagen saß er wieder alleine. Trank seinen Rotwein, lauschte und beobachtete aus der Ferne. An einem dieser Abende kam sie zu ihm.
„Was kann ich für Sie tun?“, fragte sie mit einem Lächeln wie es ehrlicher nicht hätte sein können. Sie zog einen Stuhl vom Nachbartisch heran und setzte sich.
„Wird man Sie nicht hinter der Bar vermissen?“, fragte Maron zurück. Wenn er nur vorsichtig war, wusste er, hatte er vor dem Mondkind nichts zu fürchten. Trotzdem machte ihn ihre Anwesenheit nervös.
„Die kommen schon eine Weile ohne mich aus“, das Mondkind holte ein Zigarettenetui hervor (er hatte nicht den leisesten Schimmer wo her, denn ihr Kleid machte den Eindruck als könne es unmöglich Taschen haben), und begann zu rauchen.
Er habe sie gesehen, begann Maron zaghaft. Wie sie mit manchen Gästen reden würde. Und er wolle wirklich nicht aufdringlich klingen, aber mit der Zeit sei er doch neugierig geworden.
„Was wollen diese Menschen von ihnen?“, fragte er über den Rand seines Weinglases hinweg, um der Frage eine größere Beiläufigkeit zu geben.
„Ratschläge“, antwortete das Mondkind mit einem Schulterzucken. Sie lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück – für den Bruchteil einer Sekunde berührten ihre Beine die seinen, dann zog sie sie wieder zurück.
„Die meisten wollen wissen, was sie wirklich wollen“, erklärte sie.
„Und das wissen Sie?“, Maron hob eine Augenbraue. Er war sich nie vollkommen sicher, was die Mondkinder anbelangte. Einerseits hatte man ihn gewarnt, vor ihrer Hexerei, auf der anderen Seite wurde die selbe Hexerei als Hokuspokus und nicht ernst zu nehmende Schwindelei bezeichnet.
„Das weiß ich“, antwortete das Mondkind und ließ den Zigarettenrauch in Ringen aufsteigen.
„Meistens jedenfalls“, räumte sie dann lächelnd ein.
„Und was will ich?“
Noch während er sprach verfluchte Maron sich innerlich. Da hatte er ihr tatsächlich eine Einladung gegeben, in seinem Kopf zu suchen.
Das Mondkind lächelte wieder. Sie legte ihre Zigarette in den Aschenbecher und bedeutete ihm, ihr seine Hand zu reichen. Die Linke, wenn ihm das recht wäre. Maron zögerte, fand es beruhigend, dass Zögern in diesem Moment wohl für jeden eine denkbar natürliche Reaktion gewesen wäre.
Mit dünnen, blassen Fingern zog sie die Linien in seiner Hand nach. Ein angenehm taubes Gefühl breitete sich hinter Marons Schläfen aus, ließ seine Gedanken taub und plump werden. Ob das schon Hexerei war, fragte er sich. Dann presste sie ihre Handfläche an seine. Sie schloss ihre Augen. Ihre Lider glommen zart rosa.

Als sie ihn wieder ansah lächelte sie nicht mehr. Sie sah auch nicht aus, als habe sie ihn entdeckt. Traurig wirkte sie, fast Mitleidig.
„Sie wollen ein Mensch sein“, sagte sie, als ob sie das selbst wundern würde.
Maron lachte. Er wisse ja nicht, ob sie da andere Definitionen habe, teilte er ihr mit, aber er wäre ein Mensch. An diesem Umstand gäbe es nichts zu rütteln.
Da schüttelte sie ihren Kopf. Sie nahm ihre Zigarette und stand auf.
„Sie sind ein Mensch“, stimmte sie ihm zu.
„Rein äußerlich. Aber da drin“, ihre Fingerspitzen berührten flüchtig die Brusttasche seiner Jacke,
„da drin sind Sie nichts. Nur ein Werkzeug.“

In dieser Nacht wollte es ihm nicht gelingen, auch nur einen Satz zu notieren. Bis zum Morgengrauen starrte er die leeren Seite vor ihm an.
Am nächsten Tag meldete er sich bei seinem Rudelführer.
Er habe sich geirrt, erklärte Maron, schuldbewusst, demütig – mit eingezogenem Schwanz, sozusagen. Er wäre bereit alle Konsequenzen für seine Feigheit zu tragen, aber er müsse den Auftrag abgeben. Er wolle zurück zu den Spürern. Zurück in seine Zelle in der Kaserne, und zu seiner Uniform.

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