[identity profile] http://users.livejournal.com/leni_/ posting in [community profile] 120_minuten
Team: Novalis
Challenge: Angst/Hurt/Comfort - Ausnahmezustand (für mich)
Fandom: Original (Der Blaue Salon)
Wörter: ~1000
Charaktere: Maron, Niél, Ian, Ireana
Anmerkung: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15
Warnung Dinge die ich sonst eher nicht so schreibe: Sex-Szenen (wenn auch wenig explizit)


Zu den Freien Inseln hatte Ireana fliehen wollen. Bist dort reichen die Arme der Autorität nicht. Sie hatte alles sorgfältig geplant, durchgerechnet, wie viel Benzin sie vorrätig haben mussten, wie viele Lebensmittel. Maron zeigt Niél die Notizen.
Niél behält ihre Zweifel für sich. Die Freien Inseln liegen weit weg. Als ob sie im Blauen Salon nie davon gehört hätte. Sie lässt Maron alleine mit den Seekarten, Navigationsinstrumenten und der Hoffnung, die Ireana ihm hinterlassen hat. Und er scheint glücklich damit, den ganzen Tag und den Großteil der Abende die Brücke zu besetzen.
Nur spät in der Nacht übernimmt Niél für ihn, gibt Acht dass sie ihren Kurs nicht verlassen, während sie mit Ian spielt, ihm die alten Geschichten erzählt, von ihren Ahnen, die vom Himmel herab gestiegen kamen, und der Macht, die ihnen der Mond schenkte, als er sah wie Hilflos sie der Sonne und den Wesen des Tags ausgeliefert waren.
Gegen vier Uhr in der Früh wird er meistens müde, rollt sich auf Niéls Schoß zusammen. Wie das erste mal, als sie sich begegnet waren. Dann hält sie ihn ganz fest und küsst seine Haare und seine Stirn und könnte ganz leicht vergessen, dass es nichts als sein Wunschdenken ist, das aus ihr seine Mutter macht.

An einem Abend findet sie in ihrem Bettkasten – der war ihr vorher nie aufgefallen – Kleider. Kleider, die Ireana gehört haben müssen. Bunte, fröhliche Kleider – Kleider zu denen ein weites, offenes Lächeln und eine ansteckende Fröhlichkeit gehören. Natürlich kann Niél nicht wissen, ob sie mit diesen Vorurteilen Recht hat. Aber wenn, dann kann sie nicht begreifen, wie Ian sie – Niél – nicht als jemand ganz anderes erkennen kann.
Sie findet zwischen all dem Bunt auch ein graues Kleid, ein einfaches Leinen-Ding. Vollkommen nichtssagend und beliebig. Sie zögert, wägt ab, ringt mit sich, aber zieht es schließlich hervor, guckt ob Ian noch schläft und begibt sich in den winzigen Waschraum, unterdeck.
Sie streift ihre eigenen Kleider ab (der Stoff ist an manchen Stellen schon hart mit einer dicken Schicht aus Schweiß und Blut und Salbenresten), wäscht sich und schlüpft in Ireanas Kleid. Es passt, passt so gut, dass es Niél nahezu unheimlich erscheint.

Wie neu geboren kommt sie sich vor, so sauber. Sie weckt Ian, bringt ihn die Wohnküche und macht Frühstück für sie beide.
„Mama?“, fragt Ian, während sie ihm hilft mit dem Löffel seinen Haferbrei zu finden. Unmöglich kommt es ihr vor, dass sie irgend etwas anderes für ihn sein könnte.
„Magst du Papa nicht mehr?“, fragt Ian ganz unverblümt.
Niél weiß nicht, was sie darauf antworten soll. Aber da spricht Ian schon weiter.
„Weil er nicht geglaubt hat, dass du wiederkommst, ist das – oder?“, sagt er. So schnell,dass ihm der Löffel aus den Finger gleitet, hebt er seine Hände, zeigt in zwei entgegengesetzte Richtungen.
„So weit auseinander seid ihr“, sagt er und runzelt die Stirn.
„Ich finde, ihr solltet wieder mehr zusammen sein“, schließt er ab. Er bringt seine Hände vor sich zurück, faltet sie, wie zum Gebet.
Niél sagt dazu nichts. Sie sucht seinen Löffel, wischt ihn ab, und erklärt, dass jetzt aber, allem zum Trotz, erst einmal gefrühstückt werden muss. Ian gibt erstaunlich schnell nach.
Als sie allerdings fertig sind, und Niél ihn fragt, was er jetzt machen möchte schüttelt er nur den Kopf. Sie solle jetzt zu Papa gehen und sich mit ihm vertragen. Er könne schon auf sich selbst aufpassen, erklärt er, und klingt dabei so erwachsen wie ein dreijähriges Kind nur klingen kann.

Niél weiß nicht so recht. Aber Ian ist sehr hartnäckig mit seiner Forderung. Also lässt sie ihn irgendwann alleine im Schlafzimmer zurück und klettert die Leiter hinauf zur Brücke.
Etwas unschlüssig bleibt sie neben der Bodenluke stehen. Sie sieht Maron zu, wie der über dem Kartentisch lehnt und Ireanas Notizen studiert.
„Entschuldigung“, macht sie sich endlich bemerkbar.
Maron blickt auf. Blickt ein zweites mal.
„Zieh das Kleid aus!“, sagt er.
Niél senkt schuldbewusst den Blick, überlegt noch, was sie ihm antworten kann, was ihr Vergehen abschwächen würde – da steht er bereits vor ihr, schleudert sie mit voller Wucht gegen die nächste Wand.
„Zieh das Kleid aus!“, sagt er noch einmal. Seine Hände ziehen und reißen schon selbst. Niél macht einen kläglichen Versuch sich zu befreien, aber Maron ist schneller, weiß auf jede ihrer Bewegungen zu reagieren, jedes Winden und Schlängeln zu unterbinden.
Erst als das Kleid um ihre Füße fällt kommt er zur Ruhe, hält sie noch fest, aber nicht länger so, dass es ihr weh tut. Tränen laufen seine Wangen hinunter, bleiben in blonden Bartstoppeln hängen. Ihre Blicke treffen sich. Zum ersten mal ganz wirklich, tief – die Einsamkeit und Trauer, die sie beide von innen zerfrisst, implodiert zu einer einzigen, gemeinsamen, alles-andere-vergessenden, Sehnsucht. Jedes Atom, das noch zwischen ihnen Platz findet, ist zu viel. Jedes unberührte Stückchen Haut schon halb erfroren.

Später sitzt Niél draußen an Deck. Das Kleid hat sie wieder an. Zerrissen und zerbeult wie es ist. Sie kniet da, die Hände im Schoß gefaltet, die Augen geschlossen.
„Es tut mir Leid!“, ruft sie in Gedanken, ruft es der ihr fremden Ireana zu.
„Es tut mir so Leid.“
Da fühlt sie Hände auf ihren Schultern. Zarte, schmale Frauen Hände. Erscheint vor ihren geschlossenen Augen ein Gesicht. Rund, mit großen, strahlenden Augen und einem weiten, offenen Lächeln.
„Mach dir um mich keine Sorgen“, sagt sie in der Sprache der Mondkinder und küsst das Mal auf Niéls Stirn.
„Ich bin ja hier“, sagt sie und nimmt Niéls Hände. Es kribbelt eiskalt in ihren Fingerspitzen, ihre Arme hinauf. Mit einem Mal bekommt Niél Angst.
Dann reißt Marons Stimme sie zurück in die Wirklichkeit.
„Ich wollte nur ...“, stammelt er.
„Es tut mir so unendlich Leid.“
„Braucht es nicht“, Niél steht langsam auf, stellt sich direkt vor ihm hin.
Für eine sehr lange Zeit sagen sie beide nichts. Studieren nur die Zehenspitzen ihres Gegenübers.
„Lass es uns einfach vergessen, Streuner“, sagt Niél dann.
Mit diesen Worten geht sie zurück auf die Brücke, steigt die Leiter hinunter, zurück in das Schlafzimmer, wo Ian auf sie wartet. Sie sieht den verwirrten Blick nicht, den Maron ihr nachwirft. Erst als sie sich in den frühen Morgenstunden zum Schlafen zusammen rollt, fällt es ihr ein sich zu wundern, weshalb sie den Bluthund plötzlich Streuner nennen sollte.

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