Wie eine Familie
Jul. 15th, 2012 03:59 pmTeam: Novalis
Challenge: Hurt/Comfort/Angst - "Es sieht schlimmer aus, als es ist" (für mich)
Fandom: Original (Der Blaue Salon)
Wörter: ~700
Charaktere: Maron, Niél, Ian
Anmerkung: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15
Niél beobachtet die Szene von weitem. Sie versucht sich auf den Mörser in ihren Händen zu konzentrieren, aber es fällt ihr schwer. Unglaublich findet sie es – sie spürt all die Emotionen, die unter der Haut des Bluthundes Maron brodeln, und trotzdem sieht sie keine Regung in seinem Gesicht, kann nur eine Ahnung von Zuneigung erkennen, als er seinen Sohn in den Armen hält.
Es macht sie wütend, dieses Unvermögen. Sie hofft nur, dass Ian genug nach seiner Mutter kommt, um wenigstens etwas von der Liebe seines Vaters zu spüren.
„Papa?“, er tastet nach Marons Gesicht, befühlt dessen Kinn, dessen Lippen.
Jetzt erst bemerkt der Bluthund die roten Pusteln, die wie Gänseblümchen im Frühjahr auf der Haut seines Sohnes blühen, und den Verband der kühlend über dessen Augen liegt. Er wirft einen fragenden Blick zu Niél.
„Es sieht schlimmer aus, als es ist“, hört sie sich sagen, während sie die letzten Zutaten der Salbe untermischt.
„Ein paar Tage, und seine Haut ist wieder wie neu“, sagt sie. Sie setzt sich zu den beiden, streicht Ian mit kalten fingern über die Stirn.
„Ian?“, flüstert sie. Sofort löst der Junge sich von seinem Vater. (Es tut Niél leid, oder es ist ihr unangenehm – so genau kann sie das nicht unterscheiden in diesem Moment.)
„Mama“, nennt er sie. Niél wirft dem Bluthund Maron einen entschuldigenden Blick zu, aber der zeigt immer noch keine Regung, sieht teilnahmslos zu, wie sein Sohn aus seinen Armen schlüpft und sich in den Kleidern der Fremden, die Niél für sie beide sein sollte, verkrallt.
Nur mit viel zureden, flüstern und streicheln gelingt es ihr den Jungen wieder von sich zu lösen. Ihn zurück auf ihr Lager zu legen.
„Das brennt jetzt nochmal“, warnt sie ihn. Ohne darüber nachzudenken greift sie nach der Marons Hand und schließt die Finger seines Sohns darum. Dann beginnt sie die Salbe auf dem Sonnenbrand zu verteilen. Ian beißt tapfer seine Zähne zusammen, gräbt seine kleinen Kinderfingernägel so tief in Marons Haut, dass winzig-kleine Halbmonde zurück bleiben.
Sie wickelt Verbände um Ians Arme und Beine, auch um dessen Gesicht. Ganz leichte, dass er sich nicht eingezwängt fühlt, aber die Salbe ihre volle Wirkung entfalten kann.
Zuerst wehrt er sich ein wenig. Versucht die Binden abzustreifen. Aber es dauert nicht lange, dann schläft er wieder ein.
Niél hebt ihren Blick zu Maron. Verwirrt schaut er sie an, hilflos und müde. Und trotzdem sitzt er noch da, gerade und korrekt, als könnte jeder Zeit einer seiner Vorgesetzten hier herein platzen.
„Was ist mit ihm passiert?“, bringt er endlich hervor.
„Er hat den ganzen Tag draußen verbracht“, antwortet Niél. Ians Mutter muss Maron irgendwann erklärt haben, weshalb die Mondkinder so selten bei Tag zu finden sind.
„Aber er wird sich wieder erholen?“
„Er ist noch jung. Seine Haut heilt schnell“, sagt Niél.
„Seine Augen …“
„Das kommt darauf an, wie sehr er nach dir kommt.“
Maron nickt, langsam. Niél ist sich nicht sicher, ob er wirklich versteht, was sie gesagt hat.
„Aber er lebt“, murmelt er zu sich selbst. (Vielleicht denkt er es auch nur – Niél ist sich nicht sicher.)
„Er lebt“, wieder und wieder.
Niél räumt die Verbandssachen zusammen. Spült Mörser, Töpfchen, Messer und Löffel. Von Zeit zu Zeit blickt sie zu Maron, der immer noch regungslos dasitzt und sich an der verbundenen Hand seines Sohnes festhält.
Sie ist gerade fertig mit Aufräumen, will sich zurecht machen um raus zu gehen – draußen gibt es immer noch andere Menschen, die ihre Hilfe brauchen, denen sie ihre Hilfe versprochen hat – als Maron seinen Augen von Ian löst, und sie ansieht.
„Wie heißt du eigentlich?“, fragt er mit dem Hauch eines Lächelns auf den Lippen.
„Niél“, antwortet sie. Sie zögert, hält inne – die Umhängetasche noch in den Händen.
„Kann ich euch alleine lassen?“
Maron überlegt einen Moment, schaut noch einmal zu Ian, der tief und fest schläft.
„Kommst du wieder?“
„Ich habe es vor“, sagt sie. Es wäre Sinnlos etwas zu versprechen – sie wissen ja beide, dass es nicht in ihrer Macht liegt. Sie ist schon halb aus der Tür, als Maron ihr nachruft (nicht zu laut, natürlich, schließlich will er Ian nicht wecken).
„Dann bleib“, ruft er. Für einen Moment ist Niél schockiert. Wie kann er die Bedürfnisse der anderen Menschen, denen sie hilft, hinter die seinen stellen. Aber dann erinnert sie sich. Sie hat ihn ja selbst gefragt. Das hätte sie nicht, wenn sie nicht schon vorher gewusst hätte, dass sie bleiben muss.
Challenge: Hurt/Comfort/Angst - "Es sieht schlimmer aus, als es ist" (für mich)
Fandom: Original (Der Blaue Salon)
Wörter: ~700
Charaktere: Maron, Niél, Ian
Anmerkung: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15
Niél beobachtet die Szene von weitem. Sie versucht sich auf den Mörser in ihren Händen zu konzentrieren, aber es fällt ihr schwer. Unglaublich findet sie es – sie spürt all die Emotionen, die unter der Haut des Bluthundes Maron brodeln, und trotzdem sieht sie keine Regung in seinem Gesicht, kann nur eine Ahnung von Zuneigung erkennen, als er seinen Sohn in den Armen hält.
Es macht sie wütend, dieses Unvermögen. Sie hofft nur, dass Ian genug nach seiner Mutter kommt, um wenigstens etwas von der Liebe seines Vaters zu spüren.
„Papa?“, er tastet nach Marons Gesicht, befühlt dessen Kinn, dessen Lippen.
Jetzt erst bemerkt der Bluthund die roten Pusteln, die wie Gänseblümchen im Frühjahr auf der Haut seines Sohnes blühen, und den Verband der kühlend über dessen Augen liegt. Er wirft einen fragenden Blick zu Niél.
„Es sieht schlimmer aus, als es ist“, hört sie sich sagen, während sie die letzten Zutaten der Salbe untermischt.
„Ein paar Tage, und seine Haut ist wieder wie neu“, sagt sie. Sie setzt sich zu den beiden, streicht Ian mit kalten fingern über die Stirn.
„Ian?“, flüstert sie. Sofort löst der Junge sich von seinem Vater. (Es tut Niél leid, oder es ist ihr unangenehm – so genau kann sie das nicht unterscheiden in diesem Moment.)
„Mama“, nennt er sie. Niél wirft dem Bluthund Maron einen entschuldigenden Blick zu, aber der zeigt immer noch keine Regung, sieht teilnahmslos zu, wie sein Sohn aus seinen Armen schlüpft und sich in den Kleidern der Fremden, die Niél für sie beide sein sollte, verkrallt.
Nur mit viel zureden, flüstern und streicheln gelingt es ihr den Jungen wieder von sich zu lösen. Ihn zurück auf ihr Lager zu legen.
„Das brennt jetzt nochmal“, warnt sie ihn. Ohne darüber nachzudenken greift sie nach der Marons Hand und schließt die Finger seines Sohns darum. Dann beginnt sie die Salbe auf dem Sonnenbrand zu verteilen. Ian beißt tapfer seine Zähne zusammen, gräbt seine kleinen Kinderfingernägel so tief in Marons Haut, dass winzig-kleine Halbmonde zurück bleiben.
Sie wickelt Verbände um Ians Arme und Beine, auch um dessen Gesicht. Ganz leichte, dass er sich nicht eingezwängt fühlt, aber die Salbe ihre volle Wirkung entfalten kann.
Zuerst wehrt er sich ein wenig. Versucht die Binden abzustreifen. Aber es dauert nicht lange, dann schläft er wieder ein.
Niél hebt ihren Blick zu Maron. Verwirrt schaut er sie an, hilflos und müde. Und trotzdem sitzt er noch da, gerade und korrekt, als könnte jeder Zeit einer seiner Vorgesetzten hier herein platzen.
„Was ist mit ihm passiert?“, bringt er endlich hervor.
„Er hat den ganzen Tag draußen verbracht“, antwortet Niél. Ians Mutter muss Maron irgendwann erklärt haben, weshalb die Mondkinder so selten bei Tag zu finden sind.
„Aber er wird sich wieder erholen?“
„Er ist noch jung. Seine Haut heilt schnell“, sagt Niél.
„Seine Augen …“
„Das kommt darauf an, wie sehr er nach dir kommt.“
Maron nickt, langsam. Niél ist sich nicht sicher, ob er wirklich versteht, was sie gesagt hat.
„Aber er lebt“, murmelt er zu sich selbst. (Vielleicht denkt er es auch nur – Niél ist sich nicht sicher.)
„Er lebt“, wieder und wieder.
Niél räumt die Verbandssachen zusammen. Spült Mörser, Töpfchen, Messer und Löffel. Von Zeit zu Zeit blickt sie zu Maron, der immer noch regungslos dasitzt und sich an der verbundenen Hand seines Sohnes festhält.
Sie ist gerade fertig mit Aufräumen, will sich zurecht machen um raus zu gehen – draußen gibt es immer noch andere Menschen, die ihre Hilfe brauchen, denen sie ihre Hilfe versprochen hat – als Maron seinen Augen von Ian löst, und sie ansieht.
„Wie heißt du eigentlich?“, fragt er mit dem Hauch eines Lächelns auf den Lippen.
„Niél“, antwortet sie. Sie zögert, hält inne – die Umhängetasche noch in den Händen.
„Kann ich euch alleine lassen?“
Maron überlegt einen Moment, schaut noch einmal zu Ian, der tief und fest schläft.
„Kommst du wieder?“
„Ich habe es vor“, sagt sie. Es wäre Sinnlos etwas zu versprechen – sie wissen ja beide, dass es nicht in ihrer Macht liegt. Sie ist schon halb aus der Tür, als Maron ihr nachruft (nicht zu laut, natürlich, schließlich will er Ian nicht wecken).
„Dann bleib“, ruft er. Für einen Moment ist Niél schockiert. Wie kann er die Bedürfnisse der anderen Menschen, denen sie hilft, hinter die seinen stellen. Aber dann erinnert sie sich. Sie hat ihn ja selbst gefragt. Das hätte sie nicht, wenn sie nicht schon vorher gewusst hätte, dass sie bleiben muss.
no subject
Date: 2012-07-15 08:42 pm (UTC)Wow.
Die Geschichten, die du schreibst, sind unglaublich intensiv, die Welt ist so greifbar und so grausam. Einfach wunderschön. Ich kann es kaum erwarten, neue Teile zu lesen, ich krieg jedes Mal eine Gänsehaut. Ich liebe deinen Stil. Ganz, ganz toll, wirklich. Ich bin total begeistert.
no subject
Date: 2012-07-17 11:36 am (UTC)