[identity profile] tsutsumi.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Team: Ovid
Challenge: Angst/h/c - Narben [Für mich]
Fandom: Orginal
Wörter: 709
Kommentar: Frei nach Hemmingway: Write drunk, edit sober. Wobei hier nicht viel zu editieren ist.

Sie sitzt im alten Ledersessel, den irgendwer zu Beginn der Party in die Mitte des Raumes geschoben hat, auf den sich der Gastgeber gestellt und das Glas zum Anstoß erhoben hat- die zivilisierteste Handlung, welche dieser Raum seitdem sah.
Im bunten Glaskugellicht aus Ikea-Leuchten wiegen sich trunkene Leiber mit der Anmut von angeschossenem Schwarzwild, headbangen sich durch den Raum und werfen dabei halbvolle Bierflaschen um. In den Ecken liegen, hocken, sitzen einsam, zweisam, dreisam Menschen und warten auf den Ausgang der Nacht oder ihr Taxi, oder darauf, dass irgendetwas geschieht, was ihnen einen Anlass gibt, von der Tätigkeit, an die bunt beschienene Wand zu starren, abzusehen.

Er lehnt sich über sie, die sie versunken in dem Sessel kauert und sich an eine Flasche Pfefferminzschnaps klammert, fasst nach ihrer Wange und spürt die Alkoholhitze unter ihrer Haut wüten.
„Nicht das Alter bringt uns um“, murmelt sie, gerade so laut genug um die Musik zu übertönen.
„Sondern die Zerstörung der Zeit. Wir haben einfach irgendwann keine Zeit mehr.“
Er seufzt.
„Bist du wieder in Philosophielaune? Dann wird’s Zeit, dass wir nach Hause gehen.“
„Ich will nicht nach Hause.“ Sie schiebt seine Hand weg und funkelt die Dunkelheit jenseits der großen Altbaufenster an, als würde sie hinter den Scheiben irgendetwas suchen.
Womöglich Einhörner oder Feen, so wie er sie kennt.

„Wir zerhauen unsere Zeit“, sagt sie.
„Wie man mit einer Axt Kerben in Holz schlägt. Die ist schon ganz vernarbt, die Zeit.“
Er tätschelt ihr den Kopf und greift nach der Schnapsflasche. Aber sie hält sich daran fest, schüttelt wütend Strähnen ihrer Haare aus dem Gesicht und schießt ihm zornig Atemstöße entgegen, die nach Zahnpasta riechen.

„Okay, schon verstanden“, sagt er und hebt beschwichtigend die Hände.
„Narben in der Zeit. Was tun wir dagegen?“

„Nichts.“
Sie schaut deprimiert.
„Wir warten auf Wunder, obwohl wir wissen, dass die so selten sind. Wir gehen ins Kino und schauen uns Schauspieler an, die perfekt für uns wirken, die aber auch nicht echter sind als zweidimensionale Einwand-Saloons in alten Westernfilmen. Wir sehen uns Wirklichkeiten an, die niemals unsere sein werden und sind tieftraurig darüber. Aber zurück können wir ja auch nicht mehr, weil es in unseren Köpfen sitzt und nagt und zerrt und schreit 'Wieso kann mir sowas nicht passieren?!'“

Er holt tief Luft.
Auf keinen Fall geht es um Kerben im Gewebe der Zeit; vielmehr um Narben, die das Leben hinterlässt. Er hasst diese ihre Phasen, sie wird dann unerträglich.

„Es hat bestimmt sein Gutes“, entgegnet er lahm wie jemand, der seiner eigenen Lüge nie und nimmer Glauben schenken würde.

„Womöglich.“ Sie hält sich an der Flasche fest als sei diese ein Teddy.
„Es nimmt der immerwährend unterschwelligen Unerträglichkeit des Lebens die Schärfe.“

„Na siehst du.“

„Ach, was weißt du schon?“
Sie winkt ab.

„Mehr als du mir zugestehst. Soll ich jetzt wütend werden?“

„Du zählst nicht. Du hast nie gezählt, du wirst nie zählen. Sogar noch weniger als ich.“
Sie strahlt ihn an und verzerrt ihren Mund in ein höhnisches Grinsen.

Da verschränkt er die Arme und lächelt, einen Mundwinkel hochgezogen;
„Sieh an. Du bist heute ja besonders klar.“

Sie schließt grinsend die Augen und erhebt Zeige- und Mittelfinger ihrer rechten freien Hand zu einem Peace-Zeichen.

„Ich habe Zeit“, sagt sie und sieht dabei wie eine Frau im Wachkoma aus.
„Ich habe soviel Zeit und gleichzeitig keine. Ich kenne so viele Menschen und zugleich niemanden wirklich. Ich habe nur dich. Das weißt du.“





Sie halfen ihr noch in den Mantel und küssten sie zum Abschied auf die Wange, unter dem zwitschernden Wispern, sie möge gut nach Hause kommen. Den gesamten Abend hatte sie grinsend in diesem Ledersessel verbracht und mit der Luft über Zeit, Raum, Liebe und Narben debattiert. Einige machten sich Sorgen um ihre mentale Gesundheit. Ob dies nicht erste Anzeichen für eine Neurose, eine Schizophrenie seien. Ob man ihr nicht Hilfe holen sollte.
Sie winkten ihr noch hinterher und warteten besorgt, bis sie um die erste Straßenecke gebogen war. Um Frauen, die nachts allein unterwegs waren, hatte man immer etwas Angst. Wenn sie wenigstens einen Freund hätte, der sie begleiten würde. Dann zuckten sie die Schultern.
Und drehten die Musik wieder auf.

Date: 2012-07-15 10:08 am (UTC)
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Endlich ein Fight-Club Moment, den ich nicht vorher gesehen habe! <3

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