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[personal profile] servena posting in [community profile] 120_minuten
Titel: Herz gegen Verstand
Team: Dickinson
Challenge: Romantik/Intimität – Regen (für mich)
Fandom: Original
Kommentar: Tatsächlich eine Geschichte auf Deutsch und ohne Dialoge, inspiriert von dem Regenguss, in den ich Dienstag geraten bin, auf dem Weg vom Mathetreffen nach Hause. (Was übrigens ausgefallen ist. Weg umsonst. *drop*)

Der Verstand sagt ihr, dass sie sich trennen muss, doch was ist, wenn das Herz nicht will...?

Herz gegen Verstand

Sie schlug den Weg zu diesem Ort nicht bewusst ein. Es war einfach, als würden ihre Füße sie dorthin tragen, gezogen von ihrem Herzen, das ihr vorauseilte. Ihr Gehirn betrachtete das Ganze mit milder Verwunderung und ein bisschen Selbsthass. Nein, es war nicht genug, dass sie ihm gleich das Herz brechen würde. Zuerst musste sie ihr eigenes durch alle Scherben der Erinnerung ziehen, die sie finden konnte, und ihr Verstand konnte nichts anderes, als dabei zusehen. Er hatte nicht länger die Kontrolle.
Aber das musste aufhören. Es würde aufhören.
Gestern hatte sie das Fotoalbum aus dem Regal geholt, nachdem sie zwei Stunden dagegen angekämpft und sich durch die abendlichen Krimiserien gezappt hatte. Aber es war nicht genug, dass sie bei jeder auch nur angedeuteten Liebesszene heulen musste. Nein, sie hatte bis tief in die Nacht über dem Album sitzen und so viele Tränen vergießen, bis ihre Wangen rot und ihre Kehle heiser war. Jede einzelne Erinnerung sog sie aus den Bildern, jeden schönen Moment. Es war, als würde ihr Herz ihren Verstand auf die Probe stellen, der sagte 'Du musst', und das Herz schrie 'Wirklich? Muss ich wirklich?'
Aber als sie am nächsten Morgen auf dem Sofa erwachte (sie konnte das Bett nicht ertragen, das war zu viel, alles, aber nicht das), da war der Entschluss noch immer da, wie eine kleine Pflanze, die einen Tornado überlebt hatte. Und sie nahm das als Zeichen. Es sollte sein.
Sie nahm sich viel Zeit dafür, sich zurecht zu machen. Es brauchte einiges am Make up, um aus dem verheulten, jämmerlichen Wesen, das ihr aus dem Spiegel entgegenstarrte, eine hübsche Frau zu machen. Noch einiges mehr an Zeit verwandte sie auf ihre Garderobe. Jedes Kleidungsstück, das sie einmal auf einem ihrer Dates getragen hatte, ließ sie konsequent aus, und das ließ nicht mehr viel übrig. Das Sommerkleid? Zu verspielt. Die alte Jeans? Zu furchtbar.
Letztendlich wurde es eine der Blusen, die sie zur Arbeit trug, mit einer schwarzen Hose. Sie band die Haare zurück. 'Du bist eine schöne und selbstbewusste Frau', sagte ihr Verstand. Ihr Herz heulte nur.
Aber jetzt war sie hier und all ihr angebliches Selbstbewusstsein war zum Teufel. Nichts, nicht einmal die vergangene Nacht, hätte sie auf die Gefühle vorbereiten können, die jetzt auf sie einstürmten. An diesem Ort, der alles für sie war, nein, der alles für sie beide gewesen war, ihr erstes Treffen, ihre Dates, ja selbst ihre zunehmenden Streitigkeiten. Alles hatte das Meer gesehen, wenn sie an ihm entlanggeschlendert waren, barfuß über den Strand, oder von einem der zahlreichen Cafés auf das Wasser hinausgeblickt hatten. Als wäre die Essenz ihrer Beziehung hier in den Boden gesickert und hinaus ins Meer geflossen.
Ihre Hände umklammerten die Brüstung, die unter ihrem Griff feucht von Schweiß wurde. Die sorgfältig frisierten Haare klebten ihr im Nacken. Sie konnte sich nicht bewegen, ihren Blick nicht von dieser Umgebung abwenden, die wie in einem mediterranen Gemälde wirkte. Wie konnte sie etwas so Schönes zerstören? Als wäre dies, die Sonne, das Meer und die erhitzten Pflastersteine, das Leben selbst und sie versuchte, sich davon loszureißen.
Sie ließ sich auf eine nahe Bank sinken, und beobachtete einige Kinder am Strand, die eine Sandburg bauten. Ein großer Mischlingshund kam an ihr vorbei, viele Familien, Männer im Anzug. Liebespärchen.  Sie weinte nicht, aber auch nur, weil der letzte Rest Verstand sie davon abhielt, ihr Make up zu ruinieren. Sie saß dort und konnte sich nicht überwinden zu gehen. Ihr Verstand zerrte an ihr herum, aber ihr Herz weigerte sich standhaft, zu seiner eigenen Hinrichtung zu gehen.
Langsam bezog sich der Himmel. Sie bemerkte es erst, als der Schatten einer dunklen Wolke auf ihr Gesicht fiel. Die Menschen zogen sich in die Häuser und Cafés zurück, aber sie bewegte sich nicht. Die ersten Regentropfen druckten dunkle Punkte auf den Steinboden. Sie hatte keine Jacke mit Kapuze an, sondern nur ihren Blazer, und keinen Schirm. Das Wasser fiel in ihre Haare, auf ihre Beine und rann ihre Wangen hinunter. Sie atmete die warme, feuchte Luft, die flimmernd über den Straßen stand. Von den Bergen im Osten rollte ein entfernter Donner.
Der Regen begann sacht und wurde dann dichter, fiel in dicken Tropfen hinunter und prasselte auf die Straße. Er war angenehm kühl auf ihrer erhitzten Haut, lief über ihr Gesicht, ihre Hände, ihre aufgesprungenen Lippen. Sie öffnete ihren Mund wie eine Verdurstende.
Sie streifte ihren durchweichten Blazer ab und schlüpfte aus ihren Sandalen. Ihre weiße Bluse klebte auf ihrer Haut, aber es war ohnehin niemand mehr unterwegs, der sie sehen würde, also war es ihr egal. Das Zopfgummi wurde mit Mühe aus ihren tropfenden Haaren gelöst, sodass sie ihr frei über die Schultern fielen.
Sie ging die nassen Steinstufen hinunter zum Strand, wo ihre nackten Füße im feuchten Sand einsanken. Am Wasser ließ sie die Wellen ihre Füße umspülen. Sie beugte sich herunter und schöpfte sich etwas davon ins Gesicht, es brannte auf ihren wunden Wangen und den Lippen. Der Geruch von Salz umgab sie und sie nahm einen tiefen Atemzug. Sie hatte sich schon lange nicht mehr so gefühlt, ruhig, frei und glücklich dabei, etwas völlig Verrücktes zu tun.
Als sie hinauf zur Uferpromenade blickte, hatte sie den Eindruck, der Regen würde all die leuchtenden Farben herauswaschen wie aus einem Gemälde, das kräftige Grün der Palmblätter genauso wie das  Terracottarot der Häuserwände. Er schien auch von ihr alles abzuwaschen, alte Gefühle und Erinnerungen, die an ihr herunterrannen und ins Meer flossen.
Über allem lag ein dunstiger Schleier, der die Details verwischte. Die erhitzte Straße dampfte unter der Nässe. Sie kehrte zurück zu der Promenade und schlüpfte mit etwas Mühe wieder in ihre Sandalen. Zwischen ihren Zehen knirschte der feuchte Sand. Die nassen Haarsträhnen hingen ihr ins Gesicht und ihre Kleidung klebte ihr am Körper. Das war nicht ganz der Auftritt, wie sie ihn sich vorgestellt hatte. Aber jetzt wusste sie, dass sie an seine Tür klopfen und es sagen konnte. Der Regen hatte einen Teil von ihr davongewaschen. Und jetzt war sie frei.

Date: 2012-07-13 07:39 pm (UTC)
der_jemand: (green)
From: [personal profile] der_jemand
Das ist... wow, anders. Sag ich mal, aber wahrscheinlich ist es nur der Mangel an Dialog.
Es ist ne tolle Beschreibung der Gefühle und deine Beschreibung von der Stimmung und dem Strand ist einfach richtig... gut. Ich kann den Strand richtig sehen (und will hin! Egal ob bei Regen oder Sonne...). :)

Date: 2012-07-13 07:41 pm (UTC)
From: [identity profile] http://users.livejournal.com/leni_/
Toll. Und so atmosphärisch. Ich habe den Strand und den Regen riechen können!

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