[identity profile] http://users.livejournal.com/leni_/ posting in [community profile] 120_minuten
Team: Novalis
Challenges: Fantasy/Mysetry - Schwüre und Flüche (für mich)
Fandom: Original
Wörter: ~1200
Summary: Die Großmutter erzählt, wie sie den Großvater gefunden und wieder verloren hat.


Manchmal hören wir ihn weinen – draußen im Wald. Kläglich zitternd, schreiend, leise wimmernd. „Er sucht noch immer“, sagt dann die Großmutter. Ihre blinden Augen blicken weit ins Feuer, in eine längst vergessene Welt.
Wenn wir ihn draußen weinen hören, dann nehmen uns unsere Decken und versammeln uns um den Sessel der Großmutter.
„Erzähl uns von ihm“, sagt einer von uns.
„Erzähl uns von Großvater!“
Und die Großmutter beginnt zu erzählen.
„Als eure Großmama noch jung war“, beginnt sie also und wir bewegen unsere Lippen mit ihren Worten. Wir haben die Geschichte schon oft gehört.

„Als eure Großmama noch jung war, ungefähr so alt wie du jetzt bist – Azur – da ging sie hoch in die Berge um Fische zu fangen.“
„Zu einem Fluss?“, fragen wir alle zusammen.
„Oh nein“, antwortet die Großmutter.
„Früher, da lebten die Fische noch an Land. In den Bergen lebten sie, im Heidekraut. Das war nicht leicht, sie da zu fangen, sag ich euch. Aber ich war geschickt, damals. Meine Augen waren noch gut und meine Hände so ruhig, dass ich einen Schmetterling hätte schießen können.“
Die Großmutter hält inne. Jetzt müssen wir ihre Pfeife bringen, wissen wir. Sie zieht, pafft Rauchwolken aus, zieht noch einmal. Dann lehnt sie sich zufrieden zurück.
„Ich ging hoch in die Berge, wie jeden vierten Tag im Sommer. Aber dieses mal, da fand ich aber etwas da oben, damit hatte ich nicht gerechnet.“
„Einen Fisch?“
„Oh nein“, die Großmutter lächelt zahnlos.
„Da lag ein junger Mann auf einem Stein und sonnte sich. Ganz nackt war er, und so wunderschön, dass ich mich auf der Stelle in ihn verliebte.“
„Wer bist du, Fremder?“, fragen wir. Die Großmutter lässt ihre Stimme jung und unschuldig klingen:
„Ich? Niemand und Nichts. Ein Hauch Wind. Ein leichter Regen“, sagt sie.
„Aber hast du keinen Namen?“, fragen wir.
„Keinen, den ich Euch verraten dürfte, wertes Fräulein.“
Die Großmutter schließt ihre Augen. Sie legt ihr graues Köpfchen auf die Seite, lässt das Mundstück der Pfeife an ihren Lippen ruhen. Sie erinnert sich. Dann reißt ein heftiger Husten sie zurück in die Gegenwart. Einer von uns läuft los, um ihr Wasser zu bringen.
„Das war euer Großvater“, sagt sie, als sie sich endlich beruhigt hat.
„Wir haben uns danach noch so manches mal gesehen“, erzählt sie weiter.
„Wenn ich hoch in die Berge kam, hat er auf mich gewartet. Dann hat er mir gezeigt, wo man die besten Fische fangen kann. Und auch anderes...“
„Hat er dir seinen Namen gesagt?“
„Nein. Euer Großvater, müsst ihr wissen, war nämlich ein Elf – und Elfen dürfen ihre Namen nicht an uns Menschen verraten.“
Draußen hören wir ihn weinen. Lauter, klagender als sonst. Die Großmutter wendet ihren Kopf zum Fenster. Sie hustet wieder, hustet so lange, dass wir Angst haben sie hört nie wieder auf. Aber irgendwann ist der Husten vorbei. Die Großmutter trinkt einen Schluck Wasser und zieht an ihrer Pfeife. Dann fährt sie fort:

„Wir hatten uns schon oft getroffen, als ich merkte, dass da ein Kind in mir ran wächst. Als ich das eurem Großvater erzählt habe, da hat er sich aber erschrocken. Gefreut hat er sich natürlich auch. Ich habe ihm dann erklärt, dass wir jetzt heiraten müssen. Das hat euer Großvater erst nicht verstanden. Aber er hat mich geliebt“, die Großmutter muss innehalten, um mit traurigem Lächeln Tränen fort zu blinzeln, die sie schon lange nicht mehr weinen kann.
„Der Pfarrer – der alte Pfarrer Münz, aber der ist gestorben, bevor ihr auf die Welt gekommen seid – wollte natürlich seinen Namen wissen. Musste er ja, damit wir heiraten können. Da hat euer Großvater lange gezögert. Aber dann hat er ihn dem Pfarrer und mir ins Ohr geflüstert.“
Sie schüttelt ihren alten Kopf, zieht an ihrer Pfeife und seufzt.
„Mein Vater hat uns dieses Haus hier geschenkt und wir zogen hier ein. Da saß euer Großvater dann oft an dem Fenster da, und blickte hinaus. Mit so einem seltsamen Blick. Aber das habe ich damals natürlich nicht verstanden. Mit jedem Tag wurde er stiller und stiller. Ich konnte es mir nicht erklären. Vielleicht gefiel ihm das Menschenleben doch nicht so, fürchtete ich oft. Aber er versprach mir, wie sehr er mich liebte und dass er nirgends lieber sein wollte als bei mir. Irgendwann, da war ich schon sehr schwanger, saß er dann nur noch da. Da in dem Stuhl“, sie deutet auf den Stuhl, der so lange wir denken können unberührt und bewegt am Fenster steht.
„Und starrte aus dem Fenster. Ich versuchte mit ihm zu reden, aber er verstand mich nicht mehr. Nicht einmal Essen wollte er mehr. Eine leere Hülle war er geworden. Da ging ich hinauf in die Berge, schwanger wie ich war, kletterte höher als ich jemals vorher geklettert war. Denn dort lebten die Elfen, hatte euer Großvater mir verraten.
„Die anderen Elfen erkannten mich sofort, weil sie eure Mutter in meinem Bauch erkannten. Diebin, riefen sie, und Schlange, und noch viel schlimmere Dinge. Ich ließ es über mich ergehen. Ich konnte ja sonst nichts tun. Als sie fertig geschimpft hatten erzählte ich ihnen von eurem Großvater. Aber sie schüttelten nur ihre Köpfe. Das hat er sich selbst eingebrockt, sagten sie, und gaben mir die Schuld und scheuchten mich fort.“
„Aber eine Elfe kam dir nach!“, rufen wir aufgeregt.
„Ja... eine Elfe war mir gefolgt. Er hat seinen Namen verraten, erklärte sie mir. Wenn nur ein Mensch den Namen eines Elfen kennt, dann ist seine Seele verloren. Und solange seine Seele verloren ist, wird er nichts sein als eine leere Hülle, auf der Suche nach etwas, an das er sich nicht mehr erinnern kann -“

In diesem Moment öffnet sich die Tür zur Stube. Unsere Mutter kommt herein. Sie schimpft mit der Großmutter, dass sie wieder Pfeife raucht und schimpft mit uns, dass wir die Großmutter haben Pfeife rauchen lassen, und schickt uns alle (Kinder und Großmutter) ins Bett.
Wir warten in unserem Bett, bis wir Mutter und Vater in der Stube mit einander reden hören. Dann schleichen wir uns zum Bett der Großmutter.
„Erzähl uns die Geschichte zu ende!“, bitten wir.
Die Großmutter öffnet ihre Augen, auch wenn sie mit ihnen nichts mehr sehen kann. Im Mondlicht sieht sie tausend Jahre älter aus, als sie es wirklich ist.
„Oh, da gibt es nicht mehr viel zu erzählen“, flüstert sie.
„Als ich nach Hause kam, war euer Großvater fort. Ein paar mal sah ich ihn noch, aber meistens hörte ich ihn nur. So wie heute Nacht...“, sie hustet noch einmal. Ihre Hände tasten nach uns.
„Versprecht mir etwas“, sagt sie. Auf ihren Lippen liegt das selbe Grinsen, wie wenn sie Scherze und Lügengeschichten erzählt.
„Wenn ihr euren Großvater einmal seht, grüßt ihn von mir“, bittet sie.
„Sagt ihm, dass es mir leid tut.“

Sie seufzt noch einmal. Ihre Augen fallen zu. Ihre Hände werden schwer in unseren.
Auf einmal ist es ganz still. Dann steht Azur auf. Er öffnet das Fenster, öffnet es weit. Wir lehnen uns hinaus in die Nachtluft und lauschen.
Niemand weint, niemand klagt, niemand heult. Niemand irrt mehr umher und sucht etwas, an das er sich nicht mehr erinnern kann.

Date: 2012-07-08 02:15 pm (UTC)
servena: (Morgana)
From: [personal profile] servena
Wie traurig... .__. Aber was für ein schöner Gedanke, dass er seine Seele zu geben bereit war, nur um mit ihr zusammen zu sein.
Ich fand, du hast die Atmosphäre sehr gut heraufbeschworen, das war so richtig 'Geschichten am Lagerfeuer'-mäßig...Auch, dass die Kinder die Geschichte schon praktisch mitsprechen können...und ich mag die Pfeife rauchende Großmutter.

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