Undine

Jul. 6th, 2012 03:01 pm
[identity profile] http://users.livejournal.com/leni_/ posting in [community profile] 120_minuten
Team: Novalis
Challenges: Romantik/Intimität - Joker (fürs Team)
- Inspiriert von [livejournal.com profile] tsutsumi's Märchengeschichte, die mich inspiriert hat mich von einem Märchen inspirieren zu lassen.
Fandom: Original (frei nach Hans-Christian Andersen)
Wörter: ~1500
Anmerkung: Ich hoffe ich habe das mit dem Inspirations-Ding richtig gemacht. Ich hoffe auch, die Geschichte passt ins Genre.


Sie sieht den Unfall, bevor er passiert und kann doch nichts tun – weißes Scheinwerferlicht rast auf sie zu, Hupen, quietschende Reifen. Dann: Ein Baum, ein Knall, Glas splittert, Funken sprühen. Sie schreit auf.
Danach? Sie weiß es nicht mehr so genau. Sie denkt nicht nach. Läuft zu dem Trümmerauto, das sich da um den Baum geschlungen hat, zieht, zerrt, hebelt an der Fahrertür. Findet mit den Händen einen Weg zwischen ihm und Airbag. Es geht alles ganz schnell. Sie zerrt ihn raus, aufs Feld – sie hatte nicht gewusst, wie stark sie sein kann.
Er blutet, überall – so kommt es ihr jedenfalls vor. Aber er ist wunderschön. Und er sieht sie an, blinzelt durch die Blutbäche die seine Stirn hinunter laufen. Er lächelt.
Für immer sitzen sie so im Gras, sehen sich ganz tief in die Augen. Andere Autofahrer halten an. Jemand ruft einen Krankenwagen.
„Geht es Ihnen gut? Waren Sie auch im Auto? Was haben Sie hier gemacht?“
Sie starrt die Sanitäter an, hält noch immer seine Hand. Ganz fest (er hält sie auch, das weiß sie).
„Hallo? Hören Sie mich?“
Sie nickt, abwesend.
„Sie sollten mit uns mit kommen.“
Sie schüttelt den Kopf. Sie kann nicht. Sie muss zurück zu ihrem Vater. Sie hält die Hand des Fremden.
„Wer bist du?“, flüstert er. Seine Zähne sind rot.
„Frau -“, ein Sanitäter will sie an den Schultern packen. Aber sie kann doch nicht hier – sie kann doch nicht bleiben. Wie ein Fisch schlüpft sie unter seinen Händen weg, rennt durchs Gras – wie ein Reh – hinein ins Dickicht, durch den Wald, zurück zu ihrer Familie.

Wochen vergehen. Ihr Vater wird müde zu fragen, wo sie in dieser Nacht war. Ob sie das Dorf verlassen habe. In ihrem Wohnwagen sitzt sie, und hält das Stückchen Plastik in der Hand. Sachen stehen darauf geschrieben. Namen. Hans, heißt er und ist 187cm groß. Ein Bild ist da auch. Ihr Fremder. Ohne Blut im Gesicht, lächelt er sie mit treuen, warmen, braunen Augen an. Sie fährt ihm mit der Fingerspitze über die fotografierten Wangen, den Hauch Sommersprossen auf seiner Nase.
Er ist das schönste, was sie jemals gesehen hat.
Das geht lange so. Die anderen in ihrem Dorf schütteln die Köpfe, schimpfen. Einmal ruft ihr Vater sie zu sich. Was das soll – will er wissen. Sie wäre anders, in letzter Zeit. Würde sich aus der Gemeinschaft zurück ziehen. Und dabei wisse sie doch so gut wie jeder andere – nur die Gemeinschaft zählt.
Sie hört sich die Worte ihres Vaters an, nickt brav, und kann doch nur an das Bild denken, das jetzt an einem Stückchen Kordel um ihren Hals baumelt. Gut versteckt, unter ihrem T-Shirt.
„Papa“, sagt sie schließlich. Zögerlich. Vorsichtig.
„Wie ist die Welt, draußen?“, fragt sie.
Ihr Vater zwirbelt an seinem Vollbart. Er überlegt einen Augenblick. Dann erklärt er ihr.
„Die Welt da draußen ist schlecht! Die Menschen sind raffgierige und egoistisch. Da denkt keiner an den Anderen. Jeder kämpft für sich alleine, so was wie Gemeinschaft kennen die gar nicht – und wieso willst du das überhaupt wissen?“
„Nur – nur so...“, sie senkt ihren Blick. Ihre linke Hand greift unwillkürlich nach dem Bild des Fremden Mannes. Ihr Vater sieht die Geste. Er reißt ihr die Kette vom Hals.
„Wo hast du das her?“, will er wissen. Und wer dieser Kerl ist. Er zerbricht das Stückchen Plastik und wirft es über die Dächer ihrer Wohnwagen in den Wald.

Drei Tage muss sie suchen. Dann findet sie das Plastik wieder. Die eine Hälfte, wenigstens. Das Bild bleibt verschwunden, aber das bisschen Schrift ist ein Trost. Eine Adresse steht dort. Als sie noch klein war, und mit Keuchhusten im Bett gelegen hatte, da hatte ihre Mutter so eine Adresse rausgesucht. Da hatte sie ihre Tochter genommen und war zur nächsten Straße gegangen, hatte ein gelbes Auto angehalten, mit gelbem Leuchtschild auf dem Dach und ihm die Adresse gegeben. Dann waren sie zu einem Arzt gefahren – in einem richtigen Haus. Mit weißem Kittel und allem drum und dran. Der Arzt kannte ihre Mutter noch von früher.
Als sie ins Dorf zurück kamen hatte ihr Vater getobt. Sie bräuchten keine Hilfe von Halsabschneider-Kapitalisten hatte er geschimpft und ihrer Mutter eine Ohrfeige verpasst. Aber die Medizin des Halsabschneider-Kapitalisten half.

„Ich gehe!“, sagt sie zu ihrem Vater. Es kostet all ihren Mut. Sie habe doch gar keine Ahnung von der Welt, brüllt ihr Vater. Sie sei genauso schlimm wie ihre Mutter. Für irgend einen dahergelaufenen Stromschwimmer die Gemeinschaft zu verraten.
„Ich gehe!“, sagt sie wieder. Ihr Vater ist weiß vor Wut. Er ballt seine Faust. Sie zuckt zurück, aber er schreit nur: „Dann bist du kein Teil der Gemeinschaft mehr. Wenn du jetzt gehst – hast du hier nichts mehr verloren!“

Sie findet ein gelbes Auto mit gelbem Taxi-Leuchtschild auf dem Dach und gibt dem Fahrer die Adresse.
„Zwölf-Siebzig“, sagt er – als sie angekommen sind. Sie weiß nicht, was er von ihr will. Sie öffnet die Beifahrertür, möchte aussteigen. Er packt sie an der Schulter.
„Bist du taub, oder was? Zwölf-Siebzig hab ich gesagt!“, zischt der Fahrer. Sie weiß nicht was er will. Die Tränen steigen ihr in die Augen.
„Du“, sagt da jemand. Vor dem Auto steht ihr Fremder, und schaut sie mit treuen, warmen, braunen Augen an.
„Ich kenne dich..“, sagt er. Er runzelt die Stirn, schüttelt den Kopf. Er blickt an ihr vorbei, zu dem Taxifahrer. Ob es ein Problem gäbe, fragt ihr Fremder. Er holt ein Ledertäschchen hervor und gibt dem Fahrer zwei Papierfetzen.
„Stimmt so“, erklärt er und hält ihr seine Hand hin. Er zieht sie aus dem Auto, stellt sie vor sich auf.
„Ich kenne dich“, sagt er noch einmal und lächelt das schönste Lächeln, dass sie jemals gesehen hat.
Sie könnte immer hier stehen bleiben und ihm in die Augen schauen, ertrinken, in seinen Augen.
Sie hält noch seine Hand, als er die Haustür öffnet, sie die Treppe hinauf führt in eine Wohnung, mit weißen Wänden und weißen Möbeln.
„Möchtest du etwas trinken?“, fragt er und fingert an einem schwarzen Kasten herum. Aus dem Kasten kommt Kaffee – fließt direkt in zwei Tassen.

Sie sitzen zu zweit auf dem Sofa und schweigen. Ihre Körper berühren sich wie zufällig. Ihr Herz rast. Ganz langsam hebt sie eine Hand, betastet den Hauch Sommersprossen in seinem Gesicht. Ihre Nasenspitzen berühren sich. Sie atmet nur noch seinen Atem ein, seine Hand in ihren Haaren. Sie schließt ihre Augen, beugt sich vor. Für den Bruchteil einer Sekunde berühren sich ihre Lippen.
Dann beginnt Musik zu spielen. Scheppernd und laut und mit einem konstanten Brummgeräusch unterlegt.
„Fuck“, sagt er, ganz leise. Greift nach dem Plastikding neben seiner Kaffeetasse, klappt es auf.
„Ja?“, sagt er in das Plastikding.
„hey... – ja, ich bin da – natürlich hab ich das nicht vergessen – halbe Stunde – ja, gut – ich dich auch!“
Das Plastikding schnappt wieder zu. Mit einem mal sieht ihr Fremder panisch aus.
„Hör zu“, sagt er.
„Es tut mir wirklich leid, aber du musst gehen“, sagt er, und schiebt sie förmlich zur Tür.
„Darf ich wiederkommen?“, fragt sie schüchtern.
Ihr Fremder überlegt. Dann nickt er.
„Bis bald“, sagt er und umarmt sie.

Draußen weiß sie nicht wohin mit sich. Sie irrt umher, bis es dunkel wird. Sie hat Hunger, aber niemand will ihr etwas zu essen abgeben. Sie weiß nicht, wo sie schlafen soll, läuft so lange, bis sie nicht mehr kann – sich in irgend einem Hauseingang zusammen rollt.
Am nächsten Morgen kehrt sie zu ihrem Fremden zurück. Die Haustür steht offen. An seiner Wohnungstür klopft sie an. Aber es ist nicht ihr Fremder der öffnet.
Eine junge Frau steht da. Blond, mit roten Lippen und dicken, schwarzen Klimperwimpern.
„Kann ich dir helfen?“, fragt die Frau.
„Ich wollte zu Hans“, sagt sie. Wie ein Kind fühlt sie sich, plötzlich.
„Aha?“, sagt die Andere. Sie ruft nach ihm.
„Was machst du denn hier?“, ist das erste was er zu ihr sagt.
„Ich wollte – ich dachte“, stammelt sie, „Du sagtest, wir können uns wieder sehen...“
„Ich weiß nicht, wovon du sprichst.“
Das Mitleid in seinen Augen verletzt sie mehr, als seine Worte.
„Hans, wer ist das?“, wirft die Andere dazwischen. Sie hängt an seinem Arm, wie eine Kletten. Die Frau, die mein Leben gerettet hat, denkt sie die Liebe meines Lebens, denkt sie.
Hans schenkt der Anderen ein Lächeln. Er zuckt mit den Schultern.
„Niemand“, sagt er.
„Eine Verrückte.“

Sie stolpert die Treppen hinunter, aus dem Haus, die Straße runter. Hier lang hat die Taxe sie gefahren, hier lang geht es wieder zurück. Zu ihrem Dorf. Tränen verschleiern ihre Sicht – die ganze Welt ist grau und leer. Das gelbe Schild, Ortseingang-Ausgang, sie erinnert sich – da sind sie vorbei gekommen. Es wird bereits dunkel, als sie die Landstraße erreicht. Der Asphalt liegt sommerwarm unter ihren nackten Füßen. Nur noch ein Stückchen, dann ist sie da. Dann ist sie zuhause.
Sie sieht den Unfall, bevor er passiert und kann doch nichts tun – weißes Scheinwerferlicht rast auf sie zu, Hupen, quietschende Reifen. Dann: Nichts mehr.

Date: 2012-07-06 01:14 pm (UTC)
From: [identity profile] somali77.livejournal.com
;____________;

so traurig.

Date: 2012-07-06 02:14 pm (UTC)
luinaldawen: (Uranus to Neptune)
From: [personal profile] luinaldawen
Ich liebe das Märchen... und deine Interpretation davon ist einfach großartig. ;_; Traurig... ;_;

Date: 2012-07-06 02:26 pm (UTC)
From: [identity profile] keksdiebin.livejournal.com
Gah... ich dachte erst an Hänsel und Gretel, aber am Ende habe sogar ich es dann geschnallt. Arme kleine Meerjungfrau... Und yay für die erste Inspirationsff!

Date: 2012-07-06 05:39 pm (UTC)
From: [identity profile] keksdiebin.livejournal.com
Ich habe eine sehr selektive Wahrnehmung bei Headern, aber jetzt ist es mir natürlich auch aufgefallen ;)

Date: 2012-07-07 12:21 pm (UTC)
From: [identity profile] tsutsumi.livejournal.com
Genauso herzzerreißend wie das Original. (Ich mochte die Disney-Version aus ersichtlichen Gründen eh viel lieber. Auch wenn Prinz Eric ein Brot war)
;__;
Aber so schön beschrieben. Aber so traurig. Hach. ._.
(Ich freu mich, dass ich dich irgendwie inspirieren konnte *__*)

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