[identity profile] http://users.livejournal.com/leni_/ posting in [community profile] 120_minuten
Team: Novalis
Challenge: Fantasy/Mystery - Mond (für mich)
Fandom: Original
Wörter: ~800
Summary: In einer Dystopischen Zukunft Welt (jaja, demnächst versuch ich mal was un-düsteres) werden die Mondkinder des Blauen Salons von der Autorität verfolgt und hingerichtet. Niél ist eine der letzten Überlebenden...
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Den Blauen Salon gibt es nicht mehr, verkünden die Zeitungen stolz. Ein weiterer Sieg der Autorität. Auf den Photos sah man die Mondkinder. In Ketten gelegt, von Wachmännern umstellt. Mit wilden Haaren, glühenden Augen, starrten sie in die Kamera. Das runde Mal auf ihrer Stirn leuchtete weiß.
Als schauerliche Tapete hängen die Artikel in Niéls Versteckt. Jeden Tag kommt sie vom Großen Platz zurück und kann wieder neue Namen durchstreichen. Am Anfang musste sie noch die Tränen schlucken. Heute fühlt sie nichts mehr, wenn sie zusehen muss wie ihre Schwestern und Brüder hingerichtet werden.

Niél zieht die Kapuze tief in ihr Gesicht, den Schal hoch über ihre Nase. Eine Brille mit getönten Gläsern schluckt das Leuchten ihrer Augen. An manchen Tagen denkt sie daran sich auszuliefern. Den Blauen Salon gibt es nicht mehr – vielleicht ist sie die letzte ihrer Art. Aber sie wird noch gebraucht. Es gibt immer noch Menschen die sie brauchen. Die keine Angst haben. Die den Blauen Salon um Hilfe bitten.
Abends geht sie ihre Runde, geht die Runden ihrer verlorenen Schwestern und Brüder. Ihre Tasche hängt schwer auf ihren Schultern. All die Tinkturen, Kräuter, Steine. Als sie noch viele waren, war es leichter gewesen. Zu dritt hatten sie gebrochene Knochen in nur einer Nacht wieder zusammen wachsen lassen. (Zu siebzehnt waren sie gewesen, als alle Brücken zum Palast einstürzten – die Autorität für einen Monat nicht zu ihren Untertanen aufs Festland gelangen konnte.)
Heute muss sie jeden Patienten mehrfach besuchen. Muss in Etappen heilen und bringt sich selbst genau wie die, denen sie hilft, nur in weitere Gefahr damit.

Müde und ausgelaugt tritt sie den Heimweg an. Es sind mehr Autos der Autorität unterwegs als sonst, aber Niél ist zu erschöpft um noch Angst zu haben. Sie überquert den alten Friedhof, taucht unter einem Holunderstrauch hindurch, auf das Trümmerfeld (manche sagen, hier habe früher ein Theater gestanden). Nicht mehr weit, dann ist sie zuhause.
Da entdeckt sie etwas. Zwischen Mauerresten und Betonbröseln liegt jemand. Niél tritt näher heran. (Sie ignoriert die Stimme in ihrem Kopf, die Schreit: „Es könnte eine Falle sein!“)
Ihre Nachtaugen stören sich nicht am Dunkel. Ihre Nachtaugen erkennen genau. Ein Mann, liegt da. Ende zwanzig, ist er. Sein schwarzes Hemd ist blutgetränkt, in Fetzen gerissen, wo Klingen Stoff und Fleisch zerschnitten haben.

Niél weiß nicht, wie sie es schafft hat, ihn in ihr Versteck zu bringen. Es muss der Mond sein, der voll und rund im Himmel steht um seinen Kindern kraft zu schenken.
Sie legt den Fremden auf ihr Lager, streift ihm die verklebten Kleider ab. Jede Berührung lässt ihn aufstöhnen. Sie wäscht seine Wunden. Er hat gekämpft. Mit mehr als einem Gegner. Die Bluthunde der Autorität tragen Säbel, aber die Schnitte könnten genauso gut von jeder anderen Klinge stammen.
Sie braucht seinen Namen. Er stirbt – wie sollte sie ihn zurück rufen, wenn sie seinen Namen nicht kennt? Aber er will – kann – ihn ihr nicht verraten.

Sie sucht in seinen Taschen nach etwas, das ihn ausweist. Ihre Finger stoßen an kaltes Metall. Sie weiß schon was es ist, ehe sie es hervor gezogen hat. Handteller groß liegt es da, ein rundes Ding, eine Scheibe, das strahlende Rund der Sonne eingraviert, darüber geschrieben „Über alles – Wir“.
Niéls Hände zittern. Sie sieht den Mann an. Kreidebleich liegt er da, schweiß-nass, tränkt ihr Lager mit seinem Blut. Ein ganz normaler Mensch. (Ein hübscher sogar.) Ein Bluthund der Autorität.
Das kann nicht sein, versucht sie sich einzureden, vielleicht gelangte die Plakette nur versehentlich in seinen Besitz. „Maron – XCIII“, ließt sie auf der Rückseite. (Richtig, die Bluthunde haben keine Nachnamen, nur Nummern.)
Sie hebt seinen linken Arm (er wimmert nur noch), nicht sicher was sie hofft, was sie erwartet, starrt die Tätowierung an. Das strahlende Rund der Sonne. Die Nummer „XCIII“ darin.

„Ihr-“, seine Stimme ist nicht mehr als ein Hauch. Seine Augen kann er kaum offen halten. Seine Finger deuten auf ihre Stirn.
Sie kann ihm nicht helfen, weiß Niél. Wenn sie ihm hilft wird er sie nur verraten, wird sie enden wie alle anderen.
„-müsst Engel sein“, flüstert der Bluthund Maron. Ein spinnweb-feines Lächeln spielt um seine Lippen.
„Darum haben sie Angst vor euch“, flüstert er. Dann fallen seine Augen wieder zu, sein Kopf rollt zur Seite. Ein ganz normaler Mensch.

Niél sieht ihr Werkzeug. Steine, Kristalle, Tinkturen, Kräuter, Räucherwerk. Ein Dolch.
Die Blutflecken würden nicht halb so viel wiegen, wie all das Blut ihrer Brüder und Schwestern. Und doch würde sie sie niemals von ihren Händen – von ihrer Seele gewaschen kriegen.
„Maron?“, sein Name liegt seltsam vertraut auf ihrer Zunge. Wie ein kleines Kind sieht er sie an, hebt seinen Kopf um ihre Hand besser an seiner Wange spüren zu können.
„Es wird alles gut“, verspricht sie ihm. Ihre Stimme ist die eines Engels.
Dann macht sie sich an die Arbeit.

Date: 2012-07-04 10:02 pm (UTC)
From: [identity profile] zerstreuung.livejournal.com
Coole Welt. Fantasy oder Sci-Fi?

Date: 2012-07-05 08:52 am (UTC)
From: [identity profile] zerstreuung.livejournal.com
Ach so? Das klingt als wäre es teil einer größeren Story, die du schon länger im Kopf hast ^^ Beeindruckend, dass das einfach so kommt. Aber mehr davon :D

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