Seira

Jul. 3rd, 2012 03:32 pm
[identity profile] http://users.livejournal.com/leni_/ posting in [community profile] 120_minuten
Team: Novalis
Challenge: Fantasy/Mystery - Die erste Verwandlung (für mich)
Fandom: Original
Wörter: ~1100
Summary: Ilenii beobachtet, wie ihre Freundin Seira zu einer Nichte der Urmutter ihres Stammes gemacht wird.


In dieser Nacht schlief sie noch einmal in meinem Zelt. Sie kuschelte sich dicht an mich heran. Ich fühlte ihr Herz schlagen. Ihre Schultern zitterten. Sie wollte nicht weinen. Keine Angst zeigen.
In meinem Kopf schwirrten die Gedanken, wollten hinaus. Ich konnte nichts sagen.
„Du wirst mich vergessen“, dachte ich.
Tränen bissen in meine Augen. Im Halbdunkel konnte ich sehen, wie sie sich auf einem Arm abstützte. Ihre Finger strichen durch mein Haar, über mein Gesicht. Sie war immer die Stärkere von uns beiden gewesen.
„Egal was passiert“, flüsterte sie – als hätte sie meine Gedanken gelesen „ich werde dich nie vergessen."

Noch vor Sonnenaufgang kam die Urmutter zu uns um sie zu holen. Wortlos kniete sie vor meinem Lager und legte ihre uralte Knochenhand an Seiras Wange. Draußen riefen die Krähen.
„Es ist Zeit“, säuselte sie. Ich hatte die Urmutter selten sprechen gehört; ein warmer Schauer lief meinen Rücken hinunter.
Sie führte Seira fort. Den Berg hinauf führte die Urmutter sie, wo die nackten Füße blau werden im Schnee. Wo das Wasser heiß und dampfend aus der Felswand sprudelt. Wo die Ahnen wohnen.
Man hört sie singen, dort oben, mutmaßten manche aus unserem Stamm, aber keiner von uns war jemals dort gewesen. Nur die Urmutter und ihre Nichten durften den Berg betreten.

In den ersten Tagen vergaß ich, dass sie nicht da war. Auf dem Weg zur Jagd blieb ich stehen und lauschte auf Seiras Schritte, bis die anderen mich am Arm fassten und weiter zerrten. Abends lag ich in meinem Zelt und spürte die Leere, die Kälte, dort wo Seira früher gelegen hatte. Manchmal träumte ich, träumte von ihr. In meinen Träumen rief sie nach mir, schrie meinen Namen.
Mehr als einmal packte ich mein Bündel, wollte ich mich auf den Weg machen – den Berg hinauf, wo nur die Umrutter und ihre Nichten sein dürfen. Ich konnte nicht. Der Mond wurde dünner und dünner, bis er ganz verschwand, und Seira kam nicht wieder. Ich gewöhnte mich daran. Gewöhnte mich an das Loch, dort wo sie gewesen war, vermisste sie noch aber lernte mit meinem Vermissen zu leben.

Als der Mond wieder voll und rund auf uns hinab blickte kam sie zurück. Sie folgte der Urmutter, mit gesenktem Blick. Ihre Kleider waren schwarz und schwer mit Krähenfedern. Ihre Gesichter mit dunklen Strichen bemalt. Die Vögel kreisten krächzend über ihnen.
Auf dem Dorfplatz hielten sie an. Das Feuer brannte bereits. Zelthoch hatten die Alten es aufgestapelt. Die Männer standen darum herum und schlugen die Trommeln. Der dumpf-dröhnende Herzschlag der Welt.
Eine Krähe landeten in unserer Mitte, flatterte aufgeregt mit den Flügeln. Ihre Zeit der Prüfung war vorüber. Die Urmutter sang das Lied unseres Stammes. Ihre Stimme war älter als die Steine in den Bergen. Singend trat sie an das Feuer heran. Die Krähe hob ihren Kopf, öffneten ihren Schnabel weit, und schloss sich dem Lied an. Da löste die Urmutter den Riemen, der um den Hals der Krähe geschlungen war, warf ihn ins Feuer und presste ihre uralten Lippen gegen die Stirn des Tiers.
Die Trommeln dröhnten, vier weitere Vögel landeten um die Urmutter und die Krähe, wiegten sich im Rhythmus hin und her, flatterten mit ihren Flügeln. Ihre Schatten wuchsen, größer und größer.
Ich blickte zu Seira, die noch im Dunkeln stand. Zitternd wartete. Sie sah in meine Richtung, sah mich an. Ihre Augen waren leer, rein gewaschen. Sie hatte mich vergessen, so wie es bestimmt war.
Seiras Gesicht verschwamm. Die Krähen kreischten, schrill bohrten sich ihre Schreie in meinen Kopf, in das große Nichts, das plötzlich dort war.
Ihr Federkleid zerplatzte, schwarzer Flaum wirbelte um sie herum. Die Trommeln dröhnten und vier junge Frauen stiegen aus dem schwarzen Federberg hervor. Halfen der fünften, der neuen, zurück auf ihre Menschenfüße, küssten sie mit schwarzen Lippen und führten sie mit sich, führten sie im Kreis um das große Feuer.
Die Urmutter brachte Seira herbei. Die Federn an ihrem Mantel bebten. Dicht vor dem Feuer blieben sie stehen. Seira mit den Flammen im Rücken, die Urmutter dicht vor ihr. Sie küsste Seira auf die Stirn. (Ich dachte daran, wie ihre Haut sich unter meinen Lippen angefühlt hatte.)
Die fünf Nichten sangen laut, klagend, sehnsüchtig ihre Schwester erwartend, als die Urmutter ihre Hände auf Seiras Schultern legte, ließen ihre Stimme mit den Funken in den Nachthimmel steigen, als die Urmutter sie in das Feuer stieß.

Ein Augenblick, eine Sekunde, bevor die Flammen sie verschlangen, trafen ihre Augen, ihre schwarzen Perlaugen, die meinen.
„Egal was passiert“, flüsterte sie in meinem Kopf „ich werde dich nie vergessen.“

Die Nichten sangen, bis das Feuer erlosch, bis die Morgensonne am Horizont erschien. Ich hörte sie aus der Ferne, hatte nicht bei ihnen bleiben können, nicht zu sehen können, wie Seira unter ihren Stimmen verbrannte, schreiend, wimmernd.
Ich rollte mich in meinem Zelt zusammen, hielt mir die Ohren zu, bis nur noch die Trommeln zu mir drangen.

Tage vergingen. Ich vermied es, der Urmutter über den Weg zu laufen, machte einen Bogen um ihre Nichten, zog mich auch vor den anderen zurück. Alleine machte ich mich auf die Suche nach Pilzen und Beeren – früher hatte Seira mich dabei begleitet. Alleine fand ich mich an dem See wieder, dem See, den wir vor zwei Jahren gefunden hatten, den See an dem wir uns vor Jahren gefunden hatten. Nachdem wir uns schon so lange kannten.
Ich legte meine Tasche neben den Steinen ab. Die selbe Stelle, an der wir früher unsere Taschen versteckt hatten. Streifte meine Kleider ab und legte sie zu meinem Gepäck.
Das Wasser war eiskalt. Zu kalt um noch zu weinen. Ich schwamm. Weit und weiter hinaus. Vielleicht hoffte ich zu ertrinken, aber dann hatte ich schon unsere Insel erreicht. Watete aus dem Wasser – der Wind war noch kälter auf meiner Haut.
Im Sand liegend erinnerte ich mich. Im letzten Sommer waren wir fast jeden Tag hier her gekommen. Zu zweit. Ich versuchte Seiras Stimme in meinem Kopf zu hören, rief mir ihre schwarzen Perlaugen, ihre roten Lippen ins Gedächtnis – wie sie sich anfühlte.

Ich muss eingeschlafen sein, denn als ich meine Augen wieder öffnete dämmerte es bereits. Ich setzte mich auf. Meine Haut fühlte sich trocken an, spannte. Der Sand hatte jeden Tropfen von ihr aufgesogen. Von weit her hörte ich Rufe, meinte ich meinen Namen zu hören. Suchten sie mich etwa schon? Nein. Das waren keine Menschen, war nur eine Stimme, war kein Mensch, war das Kraar-Kraar einer Krähe. Zum ersten Mal, seit Seiras Verwandlung, trieb mir der Klang keine Tränen in die Augen.

Sie landete auf meinem linken Knie. Unstet flatternd, war das Vogelsein noch nicht gewohnt, legte ihr Kräheköpfchen auf die Seite und blinzelte mich an. An dem Riemen um ihren Hals baumelte ein kleiner, schwarzer Stein.Sie krächzte leise, zärtlich, stupste mich mit schwarzem Krähenschnabel an.
„Drei Jahre“, wusste ich, wollte sie sagen.
„Drei Jahre musst du nur warten. Dann bin ich wieder bei dir.“

Date: 2012-07-03 04:09 pm (UTC)
From: [identity profile] chija.livejournal.com
Das ist... beeindruckend. Wow. Ich bin wirklich sprachlos, ich muss sagen, ich hab selten so etwas faszinierendes gelesen. Wow.

Date: 2012-07-04 10:36 pm (UTC)
From: [identity profile] zerstreuung.livejournal.com
Faszinierendes Ritual! Ich hatte die ganze Zeit indianische Szenen vor augen. Und ein wenig Black Swan.

Aber die positive Wendung am schluss hatte ich nicht erwartet!

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