Team: Ovid
Challenge: Nahtoderfahrung (Tabelle h/c) - Für mich
Fandom: Digimon 02
Pairing: Mimi/Jou
Wörter: 1057
Andere hätten sich zurückblickend womöglich selbst die Schuld dafür gegeben. Als Frau beleidigte man einen Mann, der einem hinter dem Bahnhof in den nächtlichen Schatten verfolgte, nun mal nicht. Man trat ihm, wenn schon, dann wenigstens mit genügend Kraft zwischen die Beine. Man trug vielleicht weniger hohe Schuhe - oder war damit trainiert genug, einen Sprint über fünfhundert Meter hinzulegen. Nein, dachte Mimi, als sie das Handy vom Ohr sinken ließ, die andere Hand fest und zitternd auf das grauschwarze Loch unter ihren Brüsten gedrückt, aus dem es dick und finster quoll, nein, niemand außer diesem Mann war die Schuld zu geben. Wieso sollte sie nicht ihre Lieblingsschuhe tragen? Wieso musste sie Selbstverteidigungskurse besuchen, nur weil sie zwei X-Chromosomen hatte?
Dann schaute sie hinunter auf die Wunde und spürte, wie all ihr Stolz langsam auf den Asphalt sickerte.
Im Krankenwagen dämmerte zum ersten Mal diese Idee in ihrem Hinterkopf, irgendwo zwischen Hirn und Ohren und ihrem blutverschmierten Make-up: Vielleicht es das Ende.
Sie hatte nie an Selbstmord gedacht. Sie liebte das Leben. Einige Dinge mochten nicht perfekt sein- ihre kleine, schäbige Wohnung, die sie sich mit ihrem Anfangsgehalt als bezaubernde Assistentin von Japans berühmtesten Fernsehkoch gerade so leisten konnte. Dabei konnte dieser Mensch gar nicht wirklich kochen. Sie dachte an ihren Lebensplan. An ihre eigene Show. An ihre Eltern, an ihre Freunde.
Was die Notärzte da mit ihr anstellten, wusste sie nicht genau. Sie drückten hier und da, warfen einander knappe, bissige und unbekannte Begriffe über ihren Kopf hinweg zu und hatten so fest zusammengepresste Münder, dass es aussah, als hätte ihnen jemand die Lippen genommen.
'Was macht ihr da', wollte sie fragen als sie spürte, wie es dunkler in ihrem Kopf wurde.
'Was macht ihr? Ich rutsche weg!'
Das nächste, was sie wahrnahm, war die Notaufnahme des Krankenhauses. Sie schien einen entscheidenden Schritt verpasst zu haben, denn sie wusste nur, dass sie hinter den Notärzten selbst aus dem Wagen stieg und hinter ihnen herlief, weil ihr nichts Besseres einfiel. Woher sollte sie wissen, wohin sie musste? Niemand sprach mit ihr. Einen Augenblick wunderte sie sich, warum diese Leute die Bahre noch immer so hektisch vor sich herschoben.
'Ich bin doch hier! Wieso lasst ihr euren Patienten hinter euch herlaufen?'
Dann sah sie, wie die Ärzte einen leblosen Körper mit wirren Haaren auf ein schmales Bett hievten und sie erkannte sich selbst wieder.
Wie ein bunter Heliumballon schwebte sie über sich selbst. Sie wünschte sich, dass irgendwer kommen und sie an einer Schnur irgendwo anbinden möge, damit sie nicht wegschwebte. Sie probierte es mit Affirmationen: 'Das dort unten bin ich, nicht irgendwer. Ich bin noch hier, ich bleibe auch hier.'
Noch nie hatte sie etwas Anstrengenderes erlebt. Eine seltsame Kraft zog an ihren Schultern nach oben, als hätte sich die Gravitation verkehrt, als würden alle unbelebten Dinge nicht auf dem Boden haftenbleiben, sondern ungebremst nach oben steigen.
Mit allen Seelenkräften, geballten Fäusten und jedem Gedanken, den sie noch aufbringen konnte, klammerte sie sich an diesem Raum fest.
Dann sah sie ihn. Sie hatte ihn eine lange Weile nicht gesehen, weil er durch sein Medizinstudium nie die Zeit gehabt hatte etwas anderes zu tun als zu lernen, Instant-Nudelsuppen und Kaffee in sich hineinzuschütten - geschweige denn, mal etwas mit ihr zu unternehmen - aber das war definitiv er. Sein schmales, ernstes Gesicht hätte sie unter Zehntausenden wiedererkannt. Jou stand plötzlich über ihrem blassen, lecken Körper und von ihrer Position schräg über ihm konnte sie den Schock in sein Gesicht geschrieben sehen.
Sie drängte ihre kleine, fade Seelenwolke so nahe ihn ihn heran wie möglich, ihre Stimme direkt an seinem Ohr, ihre Hände nach seinem weißen Kittel fassend mit der kraftlosen Bewegung dünner Glasstäbchen.
'Hilf mir', hauchte sie, weil sie nichts anderes mehr konnte.
'Ich darf nicht verschwinden. Bitte, bitte, hilf mir.'
Sie dachte daran, dass es natürlich nicht allein seine Schuld gewesen war, dass sie sich seit Jahren nicht gesehen hatten. Sie hätte ihm gut und gern einen Kuchen vorbeibringen können (in ihrem Haushalt wurde ohnehin täglich gebacken), ihm zusprechen können, ihm Mails schreiben können. Nein, sie hatte ihn einfach allein gelassen zwischen seinen Büchern und Prüfungen und einsamen Tagen.
Als er begann, fieberhaft ihrem Körper zu arbeiten, hielt sich sich an ihm fest und schaute dabei über seine Schulter. Einige Augenblicke lang hatte sie Angst, dass ihr schlecht werden könnte bei all dem Blut; dann fiel ihr wieder ein, dass ihr Magen dort unten lag und von all dem nichts mitbekam.
Sie schmiegte sich an Jous Körperwärme, seine verschwitzten Schläfen, seine konzentriert bebende Stimme. Da war plötzlich nichts mehr übrig von dem Jungen, der damals beim Anblick eines eiergefüllten Kühlschrankes im Nirgendwo in Angst und Panik ausgebrochen war. Seine Angst war ebenso erwachsen geworden wie er; und seine Panik lenkte nun seine Finger in präzisen Bewegungsabfolgen.
Mimi spürte, wie ihr die Luft ausging.
Die Kraft von oben wurde stärker, ihre Gedanken vernebelten sich. Dann kippte das Licht um, und die Welt und die Geräusche; und das Leben wurde ein Brei aus grau-schwarzem Schmerz und seinem sehnsüchtigen Ziehen irgendwo zwischen Herz und Hirn. Eine tröstende Finsternis nahm sie in Empfang.
Das nächste Mal sah sie ihn wieder von unten.
Ihr Körper war schwer; alles tat weh und war müde. Aber sie spürte das Licht der Sonne wieder auf ihrer eigenen Haut und schaute ihn wieder durch ihre eigenen Augen an. Das war unersetzlich.
Er blinzelte sie an, scheinbar nach Worten suchend, da hob sie schon die Hand und fasste nach seiner, welche bis eben hilflos am Rande der Matratze gelegen hatte.
„Ich muss nicht mehr sterben“, murmelte sie,
„Zumindest jetzt nicht. Richtig?“
Warum sich seine Augen plötzlich Tränen füllten, vermochte sie nicht zu sagen. Er nickte. Er sah aus als sei er selbst der Tod, blass und müde und ausgelaugt. Womöglich hatte er die gesamte Nacht Notdienst gehabt. Wahrscheinlich war seine Schicht nun vorbei und er würde nach Hause gehen, sich endlich in sein Bett legen und schlafen.
Er wischte sich fahrig über die Augen mit seiner freien Hand.
„Ist ja gut“, sagte Mimi und strich mit ihrem Daumen über seinen Handrücken.
„Alles wird gut. Dank dir.“
Jou war der erste Mensch, den sie seit Stunden sah, dessen schmaler, dünner Mund seine Lippen zurückgewann. Er lächelte verlegen, winkte ab, stieß einige inkohärente Worte aus.
Aber mehr musste er für den Anfang gar nicht tun.
Challenge: Nahtoderfahrung (Tabelle h/c) - Für mich
Fandom: Digimon 02
Pairing: Mimi/Jou
Wörter: 1057
Andere hätten sich zurückblickend womöglich selbst die Schuld dafür gegeben. Als Frau beleidigte man einen Mann, der einem hinter dem Bahnhof in den nächtlichen Schatten verfolgte, nun mal nicht. Man trat ihm, wenn schon, dann wenigstens mit genügend Kraft zwischen die Beine. Man trug vielleicht weniger hohe Schuhe - oder war damit trainiert genug, einen Sprint über fünfhundert Meter hinzulegen. Nein, dachte Mimi, als sie das Handy vom Ohr sinken ließ, die andere Hand fest und zitternd auf das grauschwarze Loch unter ihren Brüsten gedrückt, aus dem es dick und finster quoll, nein, niemand außer diesem Mann war die Schuld zu geben. Wieso sollte sie nicht ihre Lieblingsschuhe tragen? Wieso musste sie Selbstverteidigungskurse besuchen, nur weil sie zwei X-Chromosomen hatte?
Dann schaute sie hinunter auf die Wunde und spürte, wie all ihr Stolz langsam auf den Asphalt sickerte.
Im Krankenwagen dämmerte zum ersten Mal diese Idee in ihrem Hinterkopf, irgendwo zwischen Hirn und Ohren und ihrem blutverschmierten Make-up: Vielleicht es das Ende.
Sie hatte nie an Selbstmord gedacht. Sie liebte das Leben. Einige Dinge mochten nicht perfekt sein- ihre kleine, schäbige Wohnung, die sie sich mit ihrem Anfangsgehalt als bezaubernde Assistentin von Japans berühmtesten Fernsehkoch gerade so leisten konnte. Dabei konnte dieser Mensch gar nicht wirklich kochen. Sie dachte an ihren Lebensplan. An ihre eigene Show. An ihre Eltern, an ihre Freunde.
Was die Notärzte da mit ihr anstellten, wusste sie nicht genau. Sie drückten hier und da, warfen einander knappe, bissige und unbekannte Begriffe über ihren Kopf hinweg zu und hatten so fest zusammengepresste Münder, dass es aussah, als hätte ihnen jemand die Lippen genommen.
'Was macht ihr da', wollte sie fragen als sie spürte, wie es dunkler in ihrem Kopf wurde.
'Was macht ihr? Ich rutsche weg!'
Das nächste, was sie wahrnahm, war die Notaufnahme des Krankenhauses. Sie schien einen entscheidenden Schritt verpasst zu haben, denn sie wusste nur, dass sie hinter den Notärzten selbst aus dem Wagen stieg und hinter ihnen herlief, weil ihr nichts Besseres einfiel. Woher sollte sie wissen, wohin sie musste? Niemand sprach mit ihr. Einen Augenblick wunderte sie sich, warum diese Leute die Bahre noch immer so hektisch vor sich herschoben.
'Ich bin doch hier! Wieso lasst ihr euren Patienten hinter euch herlaufen?'
Dann sah sie, wie die Ärzte einen leblosen Körper mit wirren Haaren auf ein schmales Bett hievten und sie erkannte sich selbst wieder.
Wie ein bunter Heliumballon schwebte sie über sich selbst. Sie wünschte sich, dass irgendwer kommen und sie an einer Schnur irgendwo anbinden möge, damit sie nicht wegschwebte. Sie probierte es mit Affirmationen: 'Das dort unten bin ich, nicht irgendwer. Ich bin noch hier, ich bleibe auch hier.'
Noch nie hatte sie etwas Anstrengenderes erlebt. Eine seltsame Kraft zog an ihren Schultern nach oben, als hätte sich die Gravitation verkehrt, als würden alle unbelebten Dinge nicht auf dem Boden haftenbleiben, sondern ungebremst nach oben steigen.
Mit allen Seelenkräften, geballten Fäusten und jedem Gedanken, den sie noch aufbringen konnte, klammerte sie sich an diesem Raum fest.
Dann sah sie ihn. Sie hatte ihn eine lange Weile nicht gesehen, weil er durch sein Medizinstudium nie die Zeit gehabt hatte etwas anderes zu tun als zu lernen, Instant-Nudelsuppen und Kaffee in sich hineinzuschütten - geschweige denn, mal etwas mit ihr zu unternehmen - aber das war definitiv er. Sein schmales, ernstes Gesicht hätte sie unter Zehntausenden wiedererkannt. Jou stand plötzlich über ihrem blassen, lecken Körper und von ihrer Position schräg über ihm konnte sie den Schock in sein Gesicht geschrieben sehen.
Sie drängte ihre kleine, fade Seelenwolke so nahe ihn ihn heran wie möglich, ihre Stimme direkt an seinem Ohr, ihre Hände nach seinem weißen Kittel fassend mit der kraftlosen Bewegung dünner Glasstäbchen.
'Hilf mir', hauchte sie, weil sie nichts anderes mehr konnte.
'Ich darf nicht verschwinden. Bitte, bitte, hilf mir.'
Sie dachte daran, dass es natürlich nicht allein seine Schuld gewesen war, dass sie sich seit Jahren nicht gesehen hatten. Sie hätte ihm gut und gern einen Kuchen vorbeibringen können (in ihrem Haushalt wurde ohnehin täglich gebacken), ihm zusprechen können, ihm Mails schreiben können. Nein, sie hatte ihn einfach allein gelassen zwischen seinen Büchern und Prüfungen und einsamen Tagen.
Als er begann, fieberhaft ihrem Körper zu arbeiten, hielt sich sich an ihm fest und schaute dabei über seine Schulter. Einige Augenblicke lang hatte sie Angst, dass ihr schlecht werden könnte bei all dem Blut; dann fiel ihr wieder ein, dass ihr Magen dort unten lag und von all dem nichts mitbekam.
Sie schmiegte sich an Jous Körperwärme, seine verschwitzten Schläfen, seine konzentriert bebende Stimme. Da war plötzlich nichts mehr übrig von dem Jungen, der damals beim Anblick eines eiergefüllten Kühlschrankes im Nirgendwo in Angst und Panik ausgebrochen war. Seine Angst war ebenso erwachsen geworden wie er; und seine Panik lenkte nun seine Finger in präzisen Bewegungsabfolgen.
Mimi spürte, wie ihr die Luft ausging.
Die Kraft von oben wurde stärker, ihre Gedanken vernebelten sich. Dann kippte das Licht um, und die Welt und die Geräusche; und das Leben wurde ein Brei aus grau-schwarzem Schmerz und seinem sehnsüchtigen Ziehen irgendwo zwischen Herz und Hirn. Eine tröstende Finsternis nahm sie in Empfang.
Das nächste Mal sah sie ihn wieder von unten.
Ihr Körper war schwer; alles tat weh und war müde. Aber sie spürte das Licht der Sonne wieder auf ihrer eigenen Haut und schaute ihn wieder durch ihre eigenen Augen an. Das war unersetzlich.
Er blinzelte sie an, scheinbar nach Worten suchend, da hob sie schon die Hand und fasste nach seiner, welche bis eben hilflos am Rande der Matratze gelegen hatte.
„Ich muss nicht mehr sterben“, murmelte sie,
„Zumindest jetzt nicht. Richtig?“
Warum sich seine Augen plötzlich Tränen füllten, vermochte sie nicht zu sagen. Er nickte. Er sah aus als sei er selbst der Tod, blass und müde und ausgelaugt. Womöglich hatte er die gesamte Nacht Notdienst gehabt. Wahrscheinlich war seine Schicht nun vorbei und er würde nach Hause gehen, sich endlich in sein Bett legen und schlafen.
Er wischte sich fahrig über die Augen mit seiner freien Hand.
„Ist ja gut“, sagte Mimi und strich mit ihrem Daumen über seinen Handrücken.
„Alles wird gut. Dank dir.“
Jou war der erste Mensch, den sie seit Stunden sah, dessen schmaler, dünner Mund seine Lippen zurückgewann. Er lächelte verlegen, winkte ab, stieß einige inkohärente Worte aus.
Aber mehr musste er für den Anfang gar nicht tun.
no subject
Date: 2012-07-02 11:24 am (UTC)Ich liebe deine Digimon-Charas und und und... hach. Mir fehlen die Worte.
Ergreifend und wunderschön zu lesen.
no subject
Date: 2012-07-02 05:43 pm (UTC)Einen Moment hatte ich wirklich angst, dass du sie sterben lässt (trotz der Challenge ._.) aber sie hat ja die Kurve gekriegt. Und natürlich hat sie vor allem wegen Jou überlebt. ^-^
Hach... du schreibst einfach zum niederknien gut. Darf man auf eine Fortsetzung hoffen? ^.~
no subject
Date: 2012-07-04 10:22 pm (UTC)Was für ein rasanter Einstieg in die Geschichte! Total coole Frau! Und dann sieht man sie richtig schweben. Weiter so! *anfeuernde Puschel heb*