[identity profile] tristraine.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Team: Kaléko
Challenge: Romantik/Intimität - Regen
Fandom: Original
Wörter: 413
Warnings: ein bißchen schlimm...
Kommentar: Ich bin mir nicht sicher, ob es das Genre trifft. Dazu höre ich gerne Meinungen.




„Es regnet ganz leise.“ sagt sie. Ich rücke in der Dunkelheit näher, so nah, dass ich meine Stirn und Knie gegen den kalten Beton presse. Ich taste mit der Hand nach der Decke, von der ich weiß, dass sie nicht mehr da ist. „Bei so einem Wetter werden bald die Erdbeerpflanzen blühen.“ spricht sie weiter und während ich versuche zu schlafen, sehe ich Felder mit weißen Blüten vor mir.

Das Licht geht nicht mehr aus. Sie, die Stimme, sagt, es ist Nacht und sie kann den Mond sehen. Sie beschreibt mir den klaren Sternenhimmel. Ich habe eine Matratze und eine Decke bekommen.
Ich weiß nicht warum.
Ich weiß, sie werden mir alles wieder wegnehmen und ich versuche mich nicht daran zu gewöhnen. Aber mein Rücken tut so weh, dass ich mich nur auf der Matratze krümmen und ihr zuhören kann.

Meine Mutter darf mich besuchen. Es ist September. Vielleicht werden sie mich frei lassen. Das Essen ist verschimmelt, aber ich bin hungrig. Das Licht geht an. Ich mache mir nicht die Mühe, die weiß-bläuliche Schicht vom harten Brot zu kratzen. Die Stimme erzählt mir vom Sonnenaufgang und welche Vögel sie draußen hören kann. Sie imitiert eine Amsel. Das Licht geht wieder aus. Ich liebe sie.

Die Stimme ist verschwunden. „Hallo“ sage ich. Immer und immer wieder. Ich presse meinen Körper gegen die Wand, stelle mir ihre Hand auf meiner vor, ihr Knie, das sanft gegen meines drückt. Ich schlafe, bis sie das Essen bringen. Es ist kaum identifizierbar. Ich muss mich übergeben, sie lachen und zwingen mich, es vom Boden zu essen. Alles tut weh.

Meine Mutter ist wieder da. Es wird keinen Prozess geben. Es ist Februar. Sie sagt, der Familie geht es gut. Sie lügt. Ich lächel. Vielleicht lächel ich. Ich bin mir nicht mehr sicher, wie man lächelt. Ich weiß, ich werde meine Mutter nicht wieder sehen. Der Husten ist schlimmer geworden, alles nur eine Frage der Zeit. Ich möchte sie ein letztes Mal umarmen, aber sie erlauben es nicht.

„Hallo?“ höre ich und bin mir nicht sicher, ob ich es höre. „Ich hab damit nichts zu tun.“ sagt die Stimme. Aber es ist nicht sie, es ist die Stimme eines Mannes. Ich räuspere mich, um meine eigene, kratzige, brüchige Stimme unter Kontrolle zu bekommen. Ich weiß nicht, ob es Tag oder Nacht ist. Ich denke, dass es März ist, oder Mai. „Hört mich jemand?“ fragt die neue Stimme.

„Es regnet ganz leise.“ sage ich. „Bei so einem Wetter werden bald die Erdbeerpflanzen blühen.“

 



Date: 2012-07-01 01:38 pm (UTC)
From: [identity profile] leviathans-moon.livejournal.com
ich find schon, dass man die intimität rauslesen kann.

und ja, ein bisschen schlimm óò armes Ich.

klingt wie eine Dystopie oder so. hat mir gefallen.

Date: 2012-07-01 03:58 pm (UTC)
der_jemand: (Default)
From: [personal profile] der_jemand
Das ist definitiv intim. Und auf sehr herzbrechende Art und Weise auch wirklich schön. -- Aber, ja, vor allem schlimm.
Toll!

Date: 2012-07-01 08:27 pm (UTC)
luinaldawen: (Default)
From: [personal profile] luinaldawen
Das ist ja wirklich schlimm ._.
Aber schön. Und auf eine etwas creepige Art sehr intim.
Ich finde es wirklich toll!

Date: 2012-07-04 10:06 pm (UTC)
From: [identity profile] zerstreuung.livejournal.com
Wirklich schlimm und sehr verstörend. Aber auch tief im Herzen. Sehr interessant!

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