Gebrandmarkt
Jun. 23rd, 2012 03:13 pmFandom: Avatar, the last airbender
Charaktere: Zuko, Aang
Challenge: Brandwunden/ Brandnarben
Genre: … oneshot?
Wörter: 1751
~
„Darf ich... sie anfassen?“
Auf einen Schlag war ihre lockere, angenehme Stimmung wieder ganz nah an Tabuzonen und all den Schwierigkeiten
in ihrer etwas holperigen Schicksalsgemeinschaft. Das Feuer knackte und irgendwo gurrte ein Katzenkauz.
Zuko starrte in die offenen, ernsthaften Augen dieses kleinen, kahlköpfigen Kerlchens. Einen Moment lang konnte er nur das tun:
Reglos sitzen bleiben und seine Gefühle sortieren. Oder zumindest einen hilflosen Versuch dazu starten.
So ähnliche Momente hatten sie früher gehabt- war es wirklich schon drei Jahre her?
Die Nacht um sie herum und die wasserschwere Luft die nach Moos und Feuerlilien roch. Leises Froschquaken irgendwo aus der
Dunkelheit und das Zirpen von kleinen Insekten- drei Jahre. Beinahe so lange war er schon verheiratet und Herrscher über sein
Reich. Drei Jahre war Aang schon alleine und ohne Aufgabe nachdem die Welt gerettet und das vorläufige Ende glücklich war.
Warum hatte er nicht einmal daran gedacht, jemanden von den Anderen einzuladen?
Auf dieser Reise jetzt wollte er niemanden bei sich haben- er war sich nicht einmal sicher wieso. Niemanden außer ihn. Und jetzt
waren sie allein im Nirgendwo.
Er sah Wärme in den tiefen Augen und Mitgefühl-
„Okay“, flüsterte er.
Und dann schloss er instinktiv die Augen, schob den Kopf ein wenig nach vorn als Aangs Finger vorsichtig die Ränder der großen
Brandnarbe berührten. Ein kleines, inneres Zucken war nicht zu verhindern, aber er war zuversichtlich, dass es nicht sichtbar
gewesen war. Aangs Finger waren kühl und sehr, sehr vorsichtig. Ganz behutsam glitten sie über wulstige Grenzen wo gesunde
und vernarbte Haut ineinander übergingen. Er tastete ganz ohne Ekel aber so sorgfältig, als würde er jede kleine Unebenheit, jeden
Strang und jede Falte genau kennen lernen wollen und sich zum ersten Mal ein genaues Bild von dem Schaden machen, der Zukos
Gesicht entstellte.
Vorsichtig senkte er seine Handfläche darauf. Zuko reagierte indem er sich mehr entspannte, ihm den Kopf leicht entgegen schob
um ihm klar zu machen, dass es von seiner Seite aus keinen Grund gab, zu zaghaft zu sein.
„Tut es noch weh?“, wollte Aang wissen.
Seine Stimme klang etwas männlicher inzwischen, aber immer noch vertraut hell und melodisch.
„Nein“, brummte Zuko. „Fühlt sich nur komisch an. Die Nerven da sind nicht mehr so wie sie sein sollten.“
Aang gluckste. Ein unerwartet heiteres Geräusch, das Zuko irritiert die Augen öffnen ließ. Aber dann spürte er auch die zweite
Hand noch an seiner anderen Wange und es war kein Spott, keine Schadenfreude in der Berührung, nur Freundlichkeit- er
entspannte sich wieder.
„Tut mir leid“, das Lächeln in Aangs Stimme war hörbar und ein warmes Gefühl schwang darin mit, „Ich musste nur dran denken,
dass die Nerven in deiner Haut nicht die einzigen waren, die das durcheinander gebracht hat“
Er verstummte kurz, wurde nachdenklich:
„Weißt du, das Gefühl hatte ich immer wenn ich bei dir war-... komisch, oder? Wir hatten schon eine Menge Zeit zusammen als du
noch offiziell böse warst- jedenfalls, da hatte ich immer das Gefühl, dass du nicht so ein schlechter Kerl bist. Sondern vielleicht
einfach nur solche Schmerzen hattest...“
Der Satz klang in der Dunkelheit nach.
Zuko atmete aus, ließ seinen Kopf in die Hände des Anderen sinken.
„Es war die Hölle“, flüsterte er. „Das erste halbe Jahr war nicht klar ob ich nicht doch das Auge verliere. Ich bin wahnsinnig
geworden weil es so unvorstellbar weh tat. Mein Vater hatte verboten, mir Morphium zu geben. Keine andere Medizin hat geholfen.
Ich konnte nicht schlafen, ich konnte nichts essen... ich hab geheult und geschrien, aber das hat alles nur noch schlimmer
gemacht. Ich hab mich auf meinem Lager hin und her geworfen und abwechselnd meinen Vater und die Götter angefleht mir zu
helfen. Als das nichts brachte, hab ich angefangen mir Haare auszureißen und meinen Kopf gegen die Wand zu schlagen damit es
aufhört. Mein Onkel musste mich festbinden, damit ich mich nicht selbst töte. Die Wunde musste ein paar Mal am Tag frisch
verbunden werden. Es war jedes Mal ein Gefühl als würden sie mir die Haut abziehen.“
Aang ließ seine Hand sinken.
„Ich... wünschte, mir wäre irgendwas eingefallen was ich hätte tun können.“, flüsterte er. Es klang ehrlich betroffen.
„Du hast genug getan.“, knurrte Zuko und zog eine düstere Grimasse.
„Außerdem war das doch schon lange vorher... da war noch weit und breit keine Spur von dir.“
Er wusste selbst nicht woher der plötzliche Ausbruch gekommen war.
Außer Iroh hatte niemand davon gewusst. Er hatte es keinem erzählt. Er wollte es keinem erzählen.
Und jetzt war die Erinnerung hochgewühlt wie Schlamm in einem stillen See. So schnell würde sie sich nicht wieder setzen.
Er zog seinen Kopf zurück, fuhr sich durch die Haare- für die Dauer ihrer Reise hatte er den traditionellen Kopfschmuck natürlich
abgelegt- und rückte ein Stück weg zur Seite. Plötzlich hatte er das Bedürfnis, die Knie anzuziehen und die Arme darum zu
schlingen. Er tat es absichtlich nicht und starrte stattdessen in die Glut, deren abstrahlende Wärme sich unnatürlich heiß auf dem
geröteten, harten Narbengewebe anfühlte.
Ihre vertraute, wohlige Stimmung war wie weggeblasen. Irgendwo schrie der Katzenkauz ein zweites Mal, und jetzt klang es
seltsam unheimlich.
Er erinnerte er sich an das merkwürdige Gefühl, dass Feuer- und der Anblick davon- sich kalt anfühlen konnte. Kalt wie Eis, das
seine Wirbelsäule hinunter sickerte.
Aber die Empfindung war zu verstörend um sie wirklich glauben zu können. Feuer war ein Teil von ihm. Es war etwas das ihn
ausmachte, sein Ursprung, seine Heimat, sein innerster Kern, zu glauben dass es sich auf so eine Art gegen ihn
wandte-... das Kältegefühl wurde stärker.
„Aang“, sagte er heiser.
Er wusste nicht wirklich was er damit wollte. Es war ein instinktives Tasten in eine Dunkelheit die immer dichter zu werden schien.
„Ich bin hier“, kam die leise Erwiderung und Zuko spürte das Zupfen an seinem Ärmel. Er grub seine Finger in die feuchte Erde
unter seinen Händen und zog den Kopf auf die Brust.
„Was-...“, krächzte er, erschrocken darüber wie seine Stimme brach, „Das ist ewig her-... man kann nichts daran ändern-...“
Das Feuer zischte und schmorte und leckte in sein Gesicht. Und auf einmal konnte er wieder verbranntes Fleisch riechen. Am
Anfang war da kaum Schmerz, nur das bodenlose Gefühl von Horror und Fassungslosigkeit und die eisige Kälte-... der Schmerz
kam später, unaufhaltsam und durch nichts zu stoppen. Er spürte den Schrei in seiner Kehle gerade noch rechtzeitig um ihn durch
fest zusammengekniffene Lippen und das Gefühl von gelähmten Stimmbändern zu stoppen. Der Schock war viel zu groß als dass
er durch irgendetwas zu fassen oder zu beschreiben war. Er ging ihm durch bis ins Mark- da war nicht nur die Narbe in seinem
Gesicht, er fühlte einen tiefen Riss klaffen, etwas unumkehrbar Zerstörtes und Bodenloses, das man mit Worten nicht ausdrücken
konnte und das jetzt drohte ihn in seinem Sog zu verschlingen.
Feuer brauste in seinen Ohren, flirrte weiß vor seinem Gesicht und er rang nach Luft. Kein Sauerstoff war mehr da- kein
Sauerstoff-...
Er kam zu sich, als er am Rücken in feuchtem Gras lag, unter ihm nasser Erdboden. Mit sanfter Gewalt presste sich Luft durch die
Nase seine Luftröhre hinunter und langsam in seine Lungen- zwang ihn dazu ruhig einzuatmen... und auszuatmen.
Er riss die Augen auf und starrte in Aangs Gesicht über sich, dessen Hand über seinen Atemwegen und etwas in seinem Kopf
brach mit kleinem, trockenem Knacken. In Sekundenbruchteilen hatte er die Reste des kleinen Lagerfeuers anderthalb Meter weiter
gebändigt und blies dem Anderen einen tosenden Feuerball von gewaltigen Ausmaßen ins Gesicht. Sofort war er auf Händen und
Knien, grub die Finger in den feuchten Waldboden und rutschte auf nassem Gras ab, stieß die Beine von sich um voran zu
kommen. Weg von diesem Monster-... weg von dem Feuer-... weg von dem Etwas in seinem Inneren das schrie und schrie und
schrie-...
„Zuko!“
Er stürzte Kopf voran in den Wald, ohne sich noch einmal umzudrehen.
„Zuko! Warte!“
Die Stimme trieb ihn noch panischer vorwärts. Er stolperte in dichtes Unterholz, verfing sich in Ranken und trockenen Zweigen,
begann um sich zu treten-... etwas traf ihn im Rücken, ein anderer Körper, er fuhr herum, schlug nach ihm, ging krachend durch all
das Gestrüpp zu Boden, spürte seine Hände am Gelenk gepackt und wie mühelos er gegen die kaum erwähnenswerte Muskelkraft
des Anderen ankam-
„Zuko, hör auf bitte! Es tut mir leid! Du sahst aus als würdest du ersticken! Ich hatte Angst! Ich wollte dir helfen, es tut mir leid! Ich
werde nie mehr deinen Atem bändigen, okay? Ich wusste nicht was ich tun soll! Du musst mir helfen-... ich weiß nicht was man in
solchen Fällen tut!“
Jetzt erst hielt er inne. Im schwachen Mondlicht sah er Aangs Tättowierung, die weiten, ehrlichen Augen, wie er aussah als wäre er
den Tränen nah.
„Geh runter von mir“, keuchte Zuko tonlos.
„Ja. Klar. Okay!“, Aang hob beschwichtigend beide Hände und setzte sich zurück auf die Fußknöchel-... wirklich „unten“ war er
damit noch nicht, immerhin saß er nach wie vor auf Zukos Bauch, aber es war ein Anfang.
Zuko kam hoch auf die Ellenbogen, dann stemmte er den Oberkörper zurück in Sitzposition, stützte sich mit den Händen ab. Er
spürte sich am ganzen Körper zittern.
„Zuko“, beteuerte Aang hilflos, „Ich weiß nicht, was man in solchen Fällen tun kann- Aber wenn es was gibt-... wenn ich irgendwie
helfen kann- bitte, lass es mich wissen. Wenn ich einfach nur dasitzen soll, okay- wenn ich eine Runde wegfliegen soll, okay-...
wenn ich dich mal umarmen soll, okay!“
Zuko stieß ihn entschieden von sich.
„Du sollst mich nicht umarmen!“, schnappte er in alt bekannter Bissigkeit.
Aang sprang ein gutes Stück auf Abstand, landete mit den Füßen im Moos. Sein Blick war nicht weniger ernsthaft.
„Ich konnte nicht zusehen wie du erstickst“, flüsterte er verzweifelt.
Zuko kämpfte sich auf wackelige Beine. Seine Arme waren zerkratzt, aber das spürte er gar nicht. Er warf dem Anderen einen
düsteren Blick zu und hatte ein ganz seltsames Gefühl was den Avatar anbetraf. Eine undefinierbare Mischung aus Angst und
Schuldgefühlen, aus Wut und einer Sehnsucht den Kopf in seinem Arm zu vergraben und seine Narbe noch einmal berühren zu
lassen, so sanft dass es ihm dumme Gefühl gab, dass vielleicht irgendwie alles doch wieder gut werden konnte.
„Morgen gehen wir runter nach Hoa-Ji.“, knurrte er, als er den Weg zu der mickrigen Glut ihres Lagerfeuers zurück stapfte ohne
sich nach dem anderen noch einmal umzudrehen, „Und keine Gespräche über Narben oder Frauen oder sonst was mehr!“
Aang sah ihm verdutzt nach.
„Aber wir suchen nach deiner Mutter!“, rief er ihm ins Gedächtnis.
~Ende~