Geigentanz

Jun. 17th, 2012 11:45 pm
[identity profile] chija.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Titel:
Geigentanz
Fandom:
Original | Schalmeienklänge
Challenge:
"Jetzt oder nie!"
Kommentar:
Kein Verlust geht spurlos an einem Menschen vorbei. Das Ficlet hing mir seit gestern im Kopf herum und die Challenge kam da gerade recht. Titel und Inspiration aus diesem Lied.

Dreh dich, dreh dich, immer tiefer, immer tiefer, komm zu mir
Wander, wander mit dem Kobold, tausend Schätze schenk ich dir.


Ihr Kopf schmerzte, ihre Arme waren schwer und ihre Füße bluteten auf dem kalten, harten Steinboden. Und doch tanzte sie. Tanzte und tanzte, spürte die Blicke der geifernden Männer auf ihrem Körper. Genoss das beruhigende Gewicht des Dolches an ihrem Bein. In dem Beutel an ihrem Gürtel klimperten Münzen, die nicht ihre waren. Weil es so verführerisch gewesen war. Und weil niemand da gewesen war, um sie davon abzuhalten. Weil niemals jemand da war.
Jemand packte sie grob am Arm. „Na, kleine Tänzerin, wie wäre es denn mit uns?“
Und sie nickte. Weil niemand da war, ihr zu sagen, dass es genug war, dass sie das nicht tun musste. Das sich jemand anderes um das Essen kümmern würde. Dass sie einfach schlafen sollte.
Weil das niemand mehr sagte.
Er zog sie in eine dunkle Ecke. Die Geige kreischte weiter. Die Betrunkenen grölten. Fast war es ihr, als sei sie selber trunken, vielleicht war sie es auch, sie hatte kaum mehr darauf geachtet, was man ihr hingestellt hatte. Eine grobe Hand wanderte unter ihren Rock. Sie schloss die Augen. Ihre Hand wanderte zu dem Dolch, kaum mehr als ein Messer, doch genug. Sie zog ihn vorsichtig, verbarg ihn in der Hand. Niemand würde es merken. Ein Betrunkener mehr, der in der Ecke lag, im süßen Schlaf des Rausches. Es würde lange dauern, bis sie merkten, dass dieser hier für immer schlief. Und bis dahin würde sie verschwunden sein.
Fest zog er sie näher. Sie schmiegte sich an ihn. Strich langsam über seinen Nacken. Die Schneide lag schon fast auf seiner Haut.
Und dann, unter den kreischenden Geigen und der weinenden Flöte, war da ein anderer Klang. Das leise singen einer Schalmei. Der dumpfe Herzschlag einer Trommel.
Sie erstarrte.
„Na, Kleine, was ist denn?“
Grob stieß sie den Mann von sich, Wand sich aus seinem Arm. Was hätten sie wohl gesagt, hätten sie sie so gesehen? Der Blick stumpf, das Haar wirr? Diebin. Hure. Mörderin.
„Lass mich in Ruhe.“ Und bevor er sie packen konnte, war sie verschwunden.

Blind rannte Ninia in die Nacht hinein. Nein. Nicht so. Sie hätte es niemals so weit kommen lassen dürfen. Aber jetzt, jetzt war es vorbei.
Jetzt oder nie.

Date: 2012-06-20 06:47 pm (UTC)
der_jemand: (Default)
From: [personal profile] der_jemand
Oh wow.
Das ist wundervoll atmosphärisch, ziemlich beklemmend mit dem "es ist nemand da", toll gemacht. Und ihre Entscheidung kommt wunderbar plötzlich und entschieden, der letzte Satz ist wirklich toll.
Gott, ich kann keine Kommentare schreiben. Darf ich einfach "Oh wow" wiederholen?

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