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May. 28th, 2012 12:26 amFandom(?): Grimms Märchen - eher Original
Wörter: 597
Challenge: Des Rätsels Lösung
Summary: Es wird nicht lange dauern bis jeder weiß, was mit der Pflegemutter geschehen ist.
Laverne ist sich nicht sicher, ob sie jemals einen vergleichbaren Fall hatte. Nein. Nein, nicht wirklich. Zumindest nicht in ihrer eigenen, zugegebenermaßen kurzen Laufbahn als Verfahrenspfleger.
„Möchtest du ein Bonbon?“, fragt sie, sich über den Tisch beugend und hält dem Mädchen das bunte Glas hin.
„Nein, danke“, erwidert das Kind höflich.
„Ich mag keine Süßigkeiten mehr.“
„Oh? Das ist aber selten.“
„Bei der Hexe hat es nie etwas anderes gegeben. Von zuvielen Süßigkeiten bekommt man schlechte Zähne, wussten Sie das nicht?“
Das kleine Mädchen ist blond, mit einem ordentlichen Mittelscheitel, zwei geflochtenen Zöpfen und so hellblauen Augen, dass die Pupillen wie immerschwarze Höhlen aussehen, die Löcher in die Welt bohren.
Laverne runzelt die Stirn und lehnt sich zurück.
Sie hat die Akte gelesen. Natürlich. Wer würde das nicht? Die Geschichte ist viel zu spannend um als reine Routineangelegenheit in die Aktenschränke des Familiengerichtes eingeordnet und dort vergessen zu werden.
Der Vater geschieden, neue Frau. Die Stiefmutter mag die Kinder nicht. Der Vater ist willenlos und ihr hörig, vermutlich durch seine Komplexe. Laverne hat ihn gesehen; er ist nicht viel mehr als ein glatzköpfiger Zwerg mit einer massiven Midlife Crisis. Die Kinder werden vom Jugendamt mitgenommen und in die Obhut einer Pflegemutter gegeben. Bis dahin nichts Besonderes. Der Junge nimmt innerhalb von Wochen beängstigend schnell zu. Dann die Unglaublichkeit- die Pflegemutter landet unter mysteriösen Umständen im Steinofen, den sie in ihrem Garten zu stehen hat. Laverne hat sie gestern gesehen. In einem weißen Krankenhauszimmer liegt die Frau nun; ihre Ohren sind abgebrannt, ihre Haut praktisch nicht mehr vorhanden. Es ist nur eine Frage der Zeit bis auch der Rest des Körpers aufgibt.
„Sie haben doch mit meinem Bruder gesprochen.“
Das Mädchen schaut Laverne an und seine Augen blinzeln sich noch heller.
„Die Hexe hat ihm viel zuviele Süßigkeiten gegeben. Jetzt muss er jeden Tag einen Berg hochrennen und darf nur noch Gemüse essen. Das hat er nicht verdient. Er konnte doch nichts dafür, dass er nur Süßes bekommen hat.“
Wie eine Frau, deren Hobby es war, Brot im eigenen Steinofen zu backen, es nicht fertigbrachte, zwei Kinder vernünftig zu ernähren, ist Laverne ebenfalls schleierhaft.
„Sie hätte Brot machen sollen. Keine Bonbons, und keine Pfefferkuchen. Sie war ja nicht dumm, wissen Sie.“
Natürlich ist die Kriminalpolizei an der Sache dran. Bisher konnte jedoch noch niemand herausfinden wie es möglich war, dass eine erwachsene Frau in einen backenden Ofen stürzt und sich hinter ihr die Tür schließt, so dass erst aufgeschreckte Nachbarn herbeilaufen und einen Krankenwagen rufen müssen.
Laverne zieht die Augenbrauen zusammen.
„Sag mal“, murmelt sie leise und beugt sich wieder vor.
„Hast du vielleicht irgendetwas gesehen? Wo warst du als deine Pflegemutter in den Ofen gefallen ist?“ Gefallen, von wegen. Niemand fällt seitlich in etwas rein.
Sie weiß nicht, ob das Kind von den BKA-Leuten bereits befragt worden ist. Womöglich nicht. Die Geschehnisse überschlagen sich seit den letzten zwei Tagen.
Aber so wie das Mädchen sie anlächelt, wird Laverne klar, dass hier nicht mehr viel zu machen ist. Das Kind ist acht Jahre alt.
„Ich möchte jetzt nach Hause, Tante.“
Nach dem Gespräch braucht Laverne einige Zeit, sich zu sammeln. Sie kann sich nicht erklären, warum ihr nun beim Anblick des Bonbonglases jedesmal schlecht wird. Mit dem Glas kriegt sie sonst jedes Kind zum Reden. Was tut man, wenn ein Kind kein Bonbon will?
Die hellen Augen des Mädchens haben sich in ihrem Gedächtnis festgesaugt und scheinen dort wie geisterhafte Funken.
Als sie später aus ihrem Büro auf den Gang tritt, liegen Brotkrümel auf dem billigen Parkett.
Wörter: 597
Challenge: Des Rätsels Lösung
Summary: Es wird nicht lange dauern bis jeder weiß, was mit der Pflegemutter geschehen ist.
Laverne ist sich nicht sicher, ob sie jemals einen vergleichbaren Fall hatte. Nein. Nein, nicht wirklich. Zumindest nicht in ihrer eigenen, zugegebenermaßen kurzen Laufbahn als Verfahrenspfleger.
„Möchtest du ein Bonbon?“, fragt sie, sich über den Tisch beugend und hält dem Mädchen das bunte Glas hin.
„Nein, danke“, erwidert das Kind höflich.
„Ich mag keine Süßigkeiten mehr.“
„Oh? Das ist aber selten.“
„Bei der Hexe hat es nie etwas anderes gegeben. Von zuvielen Süßigkeiten bekommt man schlechte Zähne, wussten Sie das nicht?“
Das kleine Mädchen ist blond, mit einem ordentlichen Mittelscheitel, zwei geflochtenen Zöpfen und so hellblauen Augen, dass die Pupillen wie immerschwarze Höhlen aussehen, die Löcher in die Welt bohren.
Laverne runzelt die Stirn und lehnt sich zurück.
Sie hat die Akte gelesen. Natürlich. Wer würde das nicht? Die Geschichte ist viel zu spannend um als reine Routineangelegenheit in die Aktenschränke des Familiengerichtes eingeordnet und dort vergessen zu werden.
Der Vater geschieden, neue Frau. Die Stiefmutter mag die Kinder nicht. Der Vater ist willenlos und ihr hörig, vermutlich durch seine Komplexe. Laverne hat ihn gesehen; er ist nicht viel mehr als ein glatzköpfiger Zwerg mit einer massiven Midlife Crisis. Die Kinder werden vom Jugendamt mitgenommen und in die Obhut einer Pflegemutter gegeben. Bis dahin nichts Besonderes. Der Junge nimmt innerhalb von Wochen beängstigend schnell zu. Dann die Unglaublichkeit- die Pflegemutter landet unter mysteriösen Umständen im Steinofen, den sie in ihrem Garten zu stehen hat. Laverne hat sie gestern gesehen. In einem weißen Krankenhauszimmer liegt die Frau nun; ihre Ohren sind abgebrannt, ihre Haut praktisch nicht mehr vorhanden. Es ist nur eine Frage der Zeit bis auch der Rest des Körpers aufgibt.
„Sie haben doch mit meinem Bruder gesprochen.“
Das Mädchen schaut Laverne an und seine Augen blinzeln sich noch heller.
„Die Hexe hat ihm viel zuviele Süßigkeiten gegeben. Jetzt muss er jeden Tag einen Berg hochrennen und darf nur noch Gemüse essen. Das hat er nicht verdient. Er konnte doch nichts dafür, dass er nur Süßes bekommen hat.“
Wie eine Frau, deren Hobby es war, Brot im eigenen Steinofen zu backen, es nicht fertigbrachte, zwei Kinder vernünftig zu ernähren, ist Laverne ebenfalls schleierhaft.
„Sie hätte Brot machen sollen. Keine Bonbons, und keine Pfefferkuchen. Sie war ja nicht dumm, wissen Sie.“
Natürlich ist die Kriminalpolizei an der Sache dran. Bisher konnte jedoch noch niemand herausfinden wie es möglich war, dass eine erwachsene Frau in einen backenden Ofen stürzt und sich hinter ihr die Tür schließt, so dass erst aufgeschreckte Nachbarn herbeilaufen und einen Krankenwagen rufen müssen.
Laverne zieht die Augenbrauen zusammen.
„Sag mal“, murmelt sie leise und beugt sich wieder vor.
„Hast du vielleicht irgendetwas gesehen? Wo warst du als deine Pflegemutter in den Ofen gefallen ist?“ Gefallen, von wegen. Niemand fällt seitlich in etwas rein.
Sie weiß nicht, ob das Kind von den BKA-Leuten bereits befragt worden ist. Womöglich nicht. Die Geschehnisse überschlagen sich seit den letzten zwei Tagen.
Aber so wie das Mädchen sie anlächelt, wird Laverne klar, dass hier nicht mehr viel zu machen ist. Das Kind ist acht Jahre alt.
„Ich möchte jetzt nach Hause, Tante.“
Nach dem Gespräch braucht Laverne einige Zeit, sich zu sammeln. Sie kann sich nicht erklären, warum ihr nun beim Anblick des Bonbonglases jedesmal schlecht wird. Mit dem Glas kriegt sie sonst jedes Kind zum Reden. Was tut man, wenn ein Kind kein Bonbon will?
Die hellen Augen des Mädchens haben sich in ihrem Gedächtnis festgesaugt und scheinen dort wie geisterhafte Funken.
Als sie später aus ihrem Büro auf den Gang tritt, liegen Brotkrümel auf dem billigen Parkett.
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Date: 2012-05-28 06:09 am (UTC)no subject
Date: 2012-05-28 10:36 pm (UTC)no subject
Date: 2012-05-28 06:56 pm (UTC)ich LIEBE grimms märchen <3 danke fürs betthupferl (auch wenns ein bisschen schaurig war XD)
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Date: 2012-05-28 10:36 pm (UTC)Hehe, das freut mich (solange du keine Alpträume hattest).
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Date: 2012-05-28 07:09 pm (UTC)no subject
Date: 2012-05-28 10:37 pm (UTC)"The bloody adventures of Gretel" oder so. Würde als Manga bestimmt total gut ankommen.
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Date: 2012-05-28 11:33 pm (UTC)no subject
Date: 2012-05-28 10:38 pm (UTC)