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Mar. 5th, 2012 01:08 amFandom: Original, zwei Brüder, eine Mutter beim Kaffee trinken, Leute, die man auf Partys trifft
Widmung: Für Lisa ♥
Wörter: 775
Anmerkungen: Jeder(!) Mensch sollte "8": A Play about the Fight for Marriage Equality sehen. Danach sollten wir vielleicht nochmal über den Begriff “Zweite Klasse Bürger” auch in unserem Land nachdenken. Und ja, ich fühl mich gerade auch pathetisch.
http://www.youtube.com/watch?v=qlUG8F9uVgM&feature=player_embedded
„Ich denke nur, dass es anders heißen sollte. Ein ganz neuer Begriff.“ Wir starren unsere Mutter an. Bis vor einigen Minuten war es eine entspannte Unterhaltung über die Modestrecke in einer Frauenzeitschrift. Ein Tatort-Team neu eingekleidet, da das Magazin für Mode ohne Models wirbt. In der Bildunterschrift erfährt der Leser, dass Frau Folkerts lesbisch ist. Wir wussten das schon lange, aber anscheinend Mama nicht. „Eingetragene Lebenspartnerschaft. Warum nicht Ehe?“ hatte Daniel festgestellt und damit die Diskussion begonnen. „Wo ist der Unterschied?“ wiederholte Daniel Minuten später seine Frage. Mama lächelte ein wenig zu überzeugt. „Ich bin doch für gleiche Rechte, aber es gibt da so viele Fallstricke. Außerdem ist das verwirrend, wenn ein Mann sagt, er bringt seinen Ehemann mit. Ein neues Wort wäre besser.“ Die Diskussion verläuft im Sand. Wir versuchen unsere Gefühle zu beschreiben und sie ihre, ohne dass wir uns näher kommen.
Zwei Tage später sind wir auf einer Geburtstagsparty. „…und Rick Santorum. Ihr müsst den Nachnamen mal googlen, aber seid vorsichtig, wenn ihr auf die Bilder klickt. Garantiert nicht safe for work.“ Daniel nimmt einen weiteren Schluck aus seiner Bierflasche. Politik ist sein Thema und wird zum Thema auf jeder Party, auf der er erscheint. Deutschland, Europa, Amerika. Er hat es gelesen und kann es dazu noch unterhaltsam erklären. „…und warum will er gay marriage rückgängig machen. Weil es ja nicht sein kann, wenn in einem Staat fünfzig verschiedene Ehegesetze existieren.“ Er hat hübsche lange Wimpern und kleine Grübchen zeichnen sich in seinem Gesicht ab, wenn er lächelt. Daniel benutzt weitläufig gestikulierend beide Hände, um seine Argumente und Pointen zu unterstreichen. Während ich im so zuhöre, fange ich ganz automatisch an, die anderen Partygäste zu beobachten. Bei dem allgemeinen Gespräch über amerikanische Präsidentschaftskandidaten, ihre privaten Eskapaden und geradezu ironisch dummen Äußerungen war das Sofa noch überfüllt gewesen. Gay rights ist ein wenig der Partyblocker. Zwei der Jungs haben sich bereits am Anfang zu den Bierkisten zurückgezogen. Judith hat die Augen verdreht. Immer wir. Immer wir und dieses verdammte Thema, als hätte das irgendwas mit ihr oder Menschenrechten zu tun.
Wenn man selber der Fahrer ist, werden auf Partys ab einem gewissen Alkoholpegel alle anderen Gäste anstrengend. Ein großer Typ mit Bierflecken auf seinem blauen Poloshirt fängt mich im Flur ab. „Halt.“ Er fasst mich an der Schulter, etwas grob vielleicht. „ Dieser Daniel“ kommt er gleich zum Punkt. „Ist das dein Freund? “ Einen kurzen Moment überlege ich „Ja“ zu sagen. Der Typ ist mir zu nah und spuckt beim Sprechen – ich bin bereits angewidert. „Mein Bruder.“
„Acha!“ sagt er langsam. Ich habe das Gefühl ihm beim Denken zusehen zu können. Kleine Zahnräder drehen sich in seinem Kopf. In meiner Vorstellung treibt eine kleine Maus im Laufrad sie an. „Der ist schwul.“ bringt die kleine Maus plötzlich hervor, dass Sch schon etwas undeutlich ausgesprochen.
„Acha.“ sage ich nun und ziehe die Augenbrauen reflexartig zusammen. „Wie kommst Du darauf? Hast Du Interesse oder was?“ Er verschluckt sich an seiner Wodkacola. Ich lache. „Ich bin doch nicht schwul. Echt nicht…also, Iih“ Das ist der Moment, in dem ich beschließe lieber wieder in der großen Partyraum oder wenigstens zu den Rauchern zu gehen, anstatt hier zu zweit im Flur zu stehen. „Aber der.“ redet mein neu gewonnener Schatten weiter.“ Niemand trägt sonst solche Hosen.“
„Das sind normale Jeans.“ Ich zucke mit den Schultern und seufzte genervt.
„Röhrenjeans sind so was schwul.“ höre ich noch, während ich mich in die kleine Küche drängele.
„Fahr nicht so schnell.“ Daniel hat ein wenig zu viel getrunken. Ich fahre zwanzig in einer dreißiger Zone und bin gespannt, wie lange ich brauchen werde, um uns nach Hause zu bekommen. "Juliane hat mich in der Küche abgefangen“ fange ich an, um ihn ein wenig abzulenken und weil ich es ihm schon den ganzen Abend erzählen wollte. „Sie hat mich gefragt, ob Du schwul bist.“
Ich grinse, Daniel grinst auch. „Und was hast Du gesagt?“ Er klingt so voller Vorfreude als hätten wir diese Unterhaltung nicht bereits x-Mal geführt.Ich lache. „Sie soll dich fragen.“
„Das sind alles so verdammte Feiglinge, mich hat mal wieder keiner gefragt. Und Heuchler. Ich mein, ich bin ein Mensch, da darf ich wohl mal über Menschenrechte reden. Wenn ich über Frauenrechte spreche muss ich doch auch keine Frau sein… „
Den Text kenne ich bereits, aber ich liebe meinen Bruder für seine Weltsicht und seinen Eifer, der sich auch nachts um halb vier betrunken nicht bremsen lässt. Während er weiter redet, werfe ich einen Blick in den Rückspiegel. Ich bin ziemlich durchschnittlich mit meinem grünen Hemd, den kurzen braunen Haaren und drei Kilo zu viel auf dem Rippen. „Mich fragt nie einer.“ bemerke ich „Meinst Du, dass liegt daran wie ich mich anziehe?“
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Date: 2012-03-05 04:14 pm (UTC)Und die pure Wahrheit.
Du sprichst Dinge an, die ich mir oft denke.
Meine Tante ist auch der Meinung, das Homosexualität nicht normal ist. Bei ihr klingt es ein bisschen so, als hätte man einen Knacks, wenn man das gleiche Geschlecht liebt. Oder als würde man es sich aussuchen.
Dein Text gefällt mir gut und spricht mir aus dem Herzen. 8)
no subject
Date: 2012-03-05 05:38 pm (UTC)no subject
Date: 2012-03-05 06:42 pm (UTC)Ja, diese kleinen Erlebnisse sind irgendwie allgegenwärtig.
Ich finde es schon allein schlimm, wenn die Jugendlichen zu allem, was ihnen nicht passt "schwul" sagen.
Das ist das Gleiche, wie "behindert".
Es klingt dann immer, als wäre es schlimm, schwul, lesibsch, behindert, oder sonst was zu sein.
Die heutige Gesellschaft ist äußerst seltsam.
no subject
Date: 2012-03-08 08:46 am (UTC)@Allgegenwärtigkeit: Leider. Ich studiere Berufsschullehramt und kann aus dem Schulpraktikum sagen: Ja, schwul ist das häufig benutzte Schimpfwort. Mir ist schon klar, dass das im Prinzip aus seinen eigentlichem Bedeutungskontext gerissen ist - aber es nervt.
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Date: 2012-03-08 10:07 am (UTC)Vermutlich hat er selbst verstanden, wie es ist.
Ich bin Kinderpflegerin und grad in der Ausbildung zur Erzieherin und arbeite teilweise auch mit auffälligen, oder behinderten Kindern. Und ich toleriere solche Bezeichnungen ebenfalls nicht. Zu einem Bekannten habe ich mal gesagt "Möchtest du, dass ich in Zukunft immer 'Das ist ja DANIEL' sage, wenn ich was beschissen finde?" - dann hat er sich aufgeregt, aber geholfen hat es nicht. D:
no subject
Date: 2012-03-05 09:07 pm (UTC)Ich hab mal beim Abendessen mit ganz beiläufiger Überzeugung gesagt, dass sie endlich auch Lesben und Schwulen erlauben sollten Kinder zu adoptieren. Woraufhin ein anderer Essensteilnehmer sofort nach einem Themenwechsel gefordert hat, weil das Thema doch zu schwer für ein schönes Abendessen sei. Und meine Tante sagte: "Ich sag dazu lieber nichst." Mehr musste sie auch nicht sagen *drop*
Ich mag den Satz mit den Menschenrechten ^-^ Go, Daniel!
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Date: 2012-03-08 08:52 am (UTC)Vielen Dank für deinen langen Kommentar!♥
no subject
Date: 2012-03-07 12:52 pm (UTC)Immer wir und dieses verdammte Thema, als hätte das irgendwas mit ihr oder Menschenrechten zu tun.
Genau das... Natürlich.
Eigentlich möchte ich grade viel mehr schreiben, aber irgendwie hat mich das grade beiläufig irgendwo getroffen, wo es wirklich weh tut, auch wenn mein letztes Erlebnis in die Richtung verdammt lang her ist... Ich denke, das ist ein Kompliment an dein Schreiben. :)
no subject
Date: 2012-03-08 08:58 am (UTC)