Wichtel-FF für rei17
Dec. 28th, 2011 11:18 amFür:
rei17
Fandom: Original
Genre: Steampunk, Romance
Worte: 2642
Kommentar: Liebes Wichtelkind, Ich hoffe, ich habe deinen Geschmack halbwegs getroffen. Es ist nicht sehr steampunkig, das gebe ich zu, aber ich hoffe, es ist trotzdem sichtbar.
Fröhliche Weihnachten!
Es war kalt. Hundekalt sogar, um genau zu sein, und Lord Albert Fitzgerold schlug grollend den Mantelkragen hoch, als es zu allem Überfluss auch noch zu Schneien begann. Er wusste nicht, wie lange er schon vor dieser Tür stand, die das Hausmädchen nach Nennung seines Namens und seines Anliegens so rüde vor seiner Nase zugeschlagen hatte. Natürlich, er hätte sich denken können, dass sein Name in diesem Haus nicht gerne gehört war, aber dass er so abweisend empfangen werden würde, damit hatte er dann doch nicht gerechnet. Vielleicht wäre es besser gewesen, einfach wieder zu gehen. Aber dann hätten die anderen ihn umgebracht – wörtlich und wahrscheinlich mit einem massiven Schraubenschlüssel – und darauf legte er nun auch keinen gesteigerten Wert.
Die Tür wurde genauso heftig aufgerissen, wie sie vorher geschlossen worden war. Im Türrahmen stand eine junge Frau in einem eleganten, senfgelben Kleid. Ihre kastanienbraunen Haare waren locker hochgesteckt und in ihre Augen ließen die Umgebungstemperatur schlagartig um noch einmal zehn Grad absinken.
„Was willst du hier?“
„Dir auch einen wunderschönen Tag, Evelynn.“
Die Angesprochene schnaubte und zwischen ihren Augen bildete sich eine kleine, steile Falte. In Alberts Magen regte sich etwas. Er wusste ganz genau, warum diese Frau seine Verlobte gewesen war. Er wünschte sich allerdings auch, genauso sicher zu wissen, warum sie nun seine Ex-Verlobte war.
„Komm mir nicht so, Albert“, fauchte sie. „Sag mir, was dich hertreibt, oder verschwinde.“
„Darf ich mich mit ihm duellieren?“ Francis, Evelynns älterer Bruder, dessen Statur eher an einen Preisboxer als an einen Erben eines Sitzes im Oberhaus denken ließ, erschien hinter ihr.
„Nein, darfst du nicht.“
„Aber ich möchte!“
„Weiß ich, aber was für einen Eindruck würde das denn machen? Nein, nein.“
„Hallo? Ist euch bewusst, dass ich noch vor euch stehe?“
Evelynn musterte Albert mit einem abfälligen Blick. „Durchaus. Ändert das etwas?“
Empört öffnete er den Mund, doch bevor er etwas sagen konnte, hatte sich seine ehemalige Verlobte bereits wieder ihrem Bruder zugewendet. „Also. Nicht duellieren. Noch hat er außerdem nichts getan, um meine Ehre in irgendeiner Weise zu beschmutzen.“ Grummelnd verzog sich Francis zurück ins Innere des Hauses. „Was mich darauf bringt“, Evelynn sah Albert wieder an, „was um alle Welt willst du nun eigentlich hier?“
Albert seufzte. „Der Falke fliegt nicht.“
„Bitte?“
„Das Luftschiff. Unser Schiff. Es fliegt nicht.“
Evelynn schnaubte. „Das habe ich schon verstanden. Mich interessiert viel mehr das warum und das wie habt ihr es geschafft, es jetzt noch zu versauen?“
„Ich weiß es nicht!“ Ein Hauch von Verzweiflung schlich sich in Alberts stimmte. Warum schaffte es diese Frau eigentlich immernoch, genau die Fragen zu stellen, die ihm auch schon seit geraumer Zeit Magenschmerzen verursachten?
„Ach.“
Und dann dieser abfällige Unterton und diese perfekt geformte hochgezogene Augenbraue. Albert glaubte, wahnsinnig zu werden. „Nichts ‚ach‘“, fauchte er. „Ich weiß es wirklich nicht. Es ist die Gewichtsverteilung. Wir bekommen ihn dazu, abzuheben, aber das Schiff wird nach kürzester Zeit instabil. Dabei dürfte das nicht passieren, die Berechnungen stimmen, ich habe sie selber sicher ein Duzend Mal überprüft.“
„Aber dass du nicht rechnen kannst, wissen wir alle“, gab Evelynn trocken zurück. „Du hast unsere Verlobung gelöst, Albert. Ich werde dir also ganz gewiss nicht helfen, den Falken flott zu bekommen.“
„Aber es ist auch dein Projekt! Deine Herzenssache!“ Noch mehr Verzweiflung. Er hatte befürchtet, dass sie genau das sagen würde. Oder so etwas in der Art. „Du kannst doch nicht einfach zusehen, wie der ganze Traum zerplatzt. Unser Traum.“
Evelynn wirkte noch immer unbeeindruckt. Sie zuckte die Schultern. „Doch, das kann ich sehr gut. Es ist vielleicht einmal unser Traum gewesen, aber der ist es schon lange nicht mehr. Und jetzt entschuldige mich bitte. Im Gegensatz zu dir habe ich inzwischen andere Verpflichtungen als Luftschiffe und Träume.“
Schon vor ihrem letzten Satz hatte sich Albert umgedreht. Das Team – er – hatte große Hoffnungen auf sie gesetzt. Aber wenn sie nicht wollte, bitte. Wenn Lady Evelynn Carter etwas nicht wollte, war ohnehin Hopfen und Malz verloren. Meistens.„Vielleicht warst du doch nicht die beste Ingeneurin, die die Akademie je hatte.“
„Wie war das?“
Er machte sich nicht die Mühe, sich zu ihr umzudrehen. „Jeder sagt es. Dass du es warst. Die Beste, meine ich. Aber zu einem guten Ingenieur gehören auch seine Träume. Und die hast du ja nicht mehr, wie du gerade gesagt hast. Also verzeih, dass ich dich belästigt habe und guten Tag.“
„Moment.“
Am Fuß der Treppe blieb er kurz stehen. „Ja?“
Doch er erhielt keine Antwort. Stattdessen hörte er hinter der nicht ganz geschlossenen Tür, wie Evelynn das reichlich verwirrte Stubenmädchen anfauchte, sie sollte ihren Mantel holen. Und er grinste in sich hinein. Wenn nichts anderes geholfen hatte, hatte man Evelynn schon immer bei ihrem Stolz packen können.
„Wartest du vielleicht auch irgendwann mal auf mich?“, keuchte sie, als sie einige Augenblicke später endlich zu Albert aufgeschlossen hatte.
„Konnte ich damit rechnen, dass du plötzlich doch noch deine werte Meinung änderst?“
„Du hast keinen Grund zu sticheln. Du sagst also, es sei die Gewichtsverteilung. Ihr habt die Streben aber ausbalanciert, oder?“
„Selbstverständlich.“
„Und das Material für die Außenhaut ist auch nicht zu schwer?“
„Ganz sicher nicht. Es ist ein neuartiges beschichtetes Material aus den Staaten.“
„Die Amerikaner können nichts Gutes Produzieren. Das kann nur schief gehen. Abgesehen davon, wer ist eigentlich eure neue Chefingenieurin? Sie kann ja nur unfähig sein, wenn sie solche Sachen einbaut.“
„Ähm…“
Evelynn packte ihren ehemaligen Verlobten am Arm. „Was willst du mir damit sagen.“
„Ähm… warte es ab?“
Evelynn sah ihn aus dem Augenwinkel heraus an. „Das klingt so, als ob ich es nicht mögen werde.“
„Ich sagte doch, warte es ab.“
Sie erreichten die kleine Halle, die sie damals zu Ende ihrer Akademiezeit von ihren gemeinsamen Ersparnissen gemietet hatten, als es gerade begann, dunkel zu werden und ihnen ihre hell erleuchteten Fenster schon von Weitem entgegenstrahlten.
Evelynn kniff die Augen zusammen. „Ist das Ann da oben?“ Durch die von Eisblumen besetzte Scheibe war schemenhaft die schmale Gestalt einer Frau zu erkennen, die auf irgendeine seltsame Weise in der Luft zu schweben schien.
Albert nickte. „Seit sie ihren Abschluss hat, konstruiert sie bei uns. Sie sagt, sie muss den Vogel, den sie fliegen soll, ja vorher kennen lernen.“
Evelynn nickte, während Albert die breite Hallentür aufschob.
Im Gegensatz zu der eisigen Kälte draußen war es im Inneren erstaunlich warm, was, wie Evelynn bei einem kurzen Rundblick feststellte, an der abenteuerlichen, leise paffenden Konstruktion in einer Ecke lag. „Ein Dampfofen“, erklärte Albert, nachdem er hinter ihr die Tür geschlossen hatte. „Wir haben ihn zusammen ertüftelt, als uns hier drin fast die Finger erfroren sind.“
„Letzten Winter, richtig? Ich habe mir schon gedacht, dass ihr hier drin ziemlich zittern werdet.“
„Lady Evelynn! Giles, lass mich runter! Lady Evelynn ist da!“ Ann, die von ihrer Position unter der Decke den großen Raum am besten überblicken konnte, hatte die Neuankömmlinge als erste entdeckt. Evelynn legte den Kopf in den Nacken und winkte ihr zu. Gewagt wie immer sah Ann aus. Damit ihre Röcke bei den Arbeiten in luftiger Höhe nicht zu viel preisgaben, trug sie Hosen, wie auch schon in ihrer Zeit an der Akademie. Ein unerhörtes Kleidungsstück für eine Frau und Evelynn fand den Anblick ein klein wenig befremdlich, aber sie hatte Anns Begründung, dass sie sich mit den meterlangen Stoffbahnen beim Fliegen in den Hebeln verfangen würde, immer verstanden. Auch wenn das für sie selbst nie etwas gewesen wäre.
Hinter einigen Kisten entdeckte sie jetzt auch Giles, ihren Techniker, der mit einem dicken Seil in der Hand für Anns Sicherheit sorgte. Als er sie heil auf den Boden gebracht hatte, tippte er sich leicht an den Hut. Ann hingegen stürmte zu ihnen hinüber und es hätte nicht viel gefehlt, dass sie Evelynn um den Hals gefallen wäre. Erst kurz vorher bremste sie ab und knickste etwas ungelenk. „Wie schön, dich zu sehen.“
„Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du vor mir nicht knicksen musst?“
Verlegen strich sich Ann eine pechschwarze Strähne hinters Ohr. „Ich weiß. Aber… wie du aussiehst. So… edel.“
„Ich turne aber auch nicht mehr auf Luftschiffrohbauten herum“, gab Evelynn lachend zurück. Seit sie die Halle betreten hatte, war sie wie ausgewechselt. Ein schelmisches Funkeln war in ihre Augen zurückgekehrt, ihre steife Haltung einer Unruhe voller Tatendrang gewichen. Albert lächelte in sich hinein. Es war doch eine gute Idee gewesen, sie mit hierher zu bringen.
„Was sich für eine Dame auch wirklich nicht gehört.“ Hinter einigen aufgestapelten Rohren und anderen Bauteilen trat ein schlacksiger Mann hervor. Seine unordentlichen, roten Haare zeugten von einer schottischen oder irischen Herkunft und die dicken Brillengläser auf seiner Nase von einer ausgeprägten Kurzsichtigkeit. Er deutete einen Diener an.
„Lady Evelynn.“ Dieser entgleisten die Gesichtszüge.
„Das ist nicht dein Ernst.“ Hätten Blicke töten können, Albert wäre auf der Stelle umgefallen. Sein Glück, so konnte er noch beschwichtigend die Hände heben.
„Du bist einfach gegangen! Ich – wir – brauchten einen Ingenieur. Und er…“
Der Rothaarige verschränkte etwas angesäuert die Arme. „Und er hat seinen Abschluss mit Auszeichnung gemacht und war der einzige, der visionär genug war, sich diesem vollkommen wahnsinnigen Projekt zu stellen. Ich sehe Euer Problem nicht ganz, Lady Evelynn.“
„Mein Problem?“ Evelynn ballte die Hände zu Fäusten und rauschte dann einfach an ihm vorbei zu dem Tisch, auf dem ausgebreitet die Pläne des Luftschiffs lagen. Triumphierend stach sie mit dem Zeigefinger auf das unschuldige Papier ein. „Sag ich’s doch! Das KANN doch überhaupt nicht funktionieren! Leclerc hat schon vor Jahren bewiesen, dass die Gewichtsverteilung an den Querstreben einem Drittel der Gewichtsverteilung der Haltestreben entsprechen muss, damit die Stabilität gewahrt bleibt. Abgesehen davon, was ist das hier für eine Formel? Und das? Was soll man damit anfangen? Albert, wie konntest du nur?“
„Ich brauchte einen Ingenieur?“, gab ihr Ex-Verlobter etwas kleinlaut zurück. Richtig, arbeiten mit Evelynn war ein ständiges auf und ab. Diese Frau war wie ein Gewitter. Genau deswegen hatte er sich irgendwann einmal in sie verliebt.
„Achtet irgendwer noch darauf, dass ich anwesend bin?“, fragte der Rothaarige deutlich konsterniert. Albert zuckte die Schulter. „Das ist Evelynn. Gewöhn dich besser daran, Tom!“
„Aber ich kann so nicht arbeiten!“
„Sie konnten offensichtlich auch vorher nicht arbeiten, sonst würde der Falke längst in der Luft sein!“, kam es vom Arbeitstisch herüber. Tom schnaubte empört.
„Versuchen Sie erst gar nicht, sich zu verteidigen. Haben Sie eigentlich irgendwo in Ihren Berechnungen auch Einheiten, oder werfen sie gern rohe Zahlen auf ein Blatt?“
Tom schnaubte noch ein bisschen lauter und lief langsam rot an. Er tat das auf eine sehr interessante Art, beginnend von seinem Hemdkragen bis hin zu seinen Haarspitzen, wobei seine Nasenspitze alle Farbe verlor. Ann, die die ganze Zeit mit großen Augen daneben gestanden hatte, kicherte verhalten.
„So kann ich nicht arbeiten!“
„Sagten Sie bereits, aber das haben wir schon geklärt“, kommentierte Evelynn.
Und ehe ihn irgendwer aufhalten konnte, war Tom aus der Halle gestürmt.
„Hmm... ihm wird kalt werden.“
„Warum das?“, fragte Ann.
„Weil sein Mantel hier über dem Stuhl hängt. Wie dem auch sei.“ Evelynn kam wieder zu den anderen zurück. „Jetzt, wo alle Fremdkörper beseitigt sind... Ann, darf ich mir mal dein Seil ausleihen?“
„Selbstverständlich!“
„Gut. Giles, ziehst du mich hoch?“
Endlich kam auch der stämmige Techniker hinter seinem Kistenstapel hervor. „’Türlich, M’lady“, brummte er. „Jetz’ gleich?“
„Ja, bitte. Ich muss schauen, ob Tom bei der Umsetzung genauso viel Mist gebaut hat, wie bei den Berechnungen.“
„Hat er nicht“, antworteten Ann und Giles wie aus einem Mund. Sie sahen sich kurz an und Ann lachte. „Wir sind ja immerhin auch noch da. Und auch, wenn er es nicht zugeben will“, sie deutete über die Schulter auf Albert, „sogar er war unglücklich darüber, Tom ins Boot zu holen. Aber wir brauchten eben einen Ingenieur.“
„Ich versteh schon. Also, Giles, ziehst du mich hoch?“
Natürlich trug Evelynn bei weitem weniger praktischere Kleidung als Ann und so geriet ihre Kletterpartie über der Außenhaut des Luftschiffs eher zu einem ständigen Kampf mit ihren zahlreichen Röcken und dem eng geschnürten Korsett. Aber wenigstens ließ das, was sie sah, sie wieder ein wenig Hoffnung schöpfen. Einige Elemente waren hoffnungslos verbaut, aber bei anderen gab es eine gute Chance, sie in relativ kurzer Zeit in einen funktionsfähigen Zustand zu versetzen. Sie würde nur ein paar Tage brauchen. Dass sie noch vor ein paar Stunden der festen Meinung gewesen war, sowohl Albert als auch dieses gewisse Luftschiff nie wiedersehen zu wollen, daran dachte sie überhaupt nicht mehr. Bis sie Giles wieder auf den Boden herunterließ und sich gemeinsam mit Ann verabschiedete.
„Es ist ja immerhin Heilig Abend. Ihr beiden solltet auch sehen, dass ihr irgendwann noch nach Hause kommt, eure Familien warten sicher.“ Von beiden erntete Ann ein abfälliges Schnauben.
Und dann waren sie plötzlich wieder allein. In der Halle, in der sie so viele Stunden gemeinsam verbracht hatten. In der sie ihre luftschiffförmigen Luftschlösser gebaut hatten.
Rüde drängte sich Evelynn an Albert vorbei. „Ich muss noch eine Berechnung überprüfen.“
„Evelynn.“
„Was denn?“
„Musst du jetzt wieder so sein?“
„Wie denn? 25...36...17...das stimmt doch nie!“
„So. So abweisend. Gerade ging es doch auch.“
„...Ach, da ist der Faktor. So macht es Sinn. Gerade war ich auch noch nicht mit dem Mann allein, der die Verlobung mit mir gelöst hat.“
Lord Albert Fitzgerold war ein ruhiger und ausgeglichener Mann. Es gab wenige Menschen, die bezeugen konnten, dass er einmal die Geduld verloren hätte. Aber das war zuviel.
„Warum betonst du eigentlich immer wieder so, dass ich die Verlobung gelöst hätte?“, brauste er auf.
Evelynn, die die ganze Zeit auf das Brett mit den Berechnungen gestarrt hatte, wirbelte herum. „Weil du es getan hast! Weil ich in Paris saß und plötzlich darüber informiert wurde, dass du dich entschieden hast, lieber nicht mehr mit mir verlobt zu sein und sich in London die Klatschpresse das Maul zerreißt!“
„Weil du mir telegraphiert hast, dass du es für das beste hältst, weil du nicht glaubst, dass du dieses Arrangement aufrecht erhalten möchtest. Glaubst du, ich hätte dich sonst einfach sitzen gelassen, obwohl du für uns nach Frankreich gegangen bist, um bei Leclerc zu lernen?“
„Ja, offensichtlich! Weil ich nie irgendetwas telegraphiert habe! Ich weiß nicht, was du dir da zurecht spinnst, aber ich habe nichts damit zu tun.“
„Bitte?“
„Ich hatte keine Ahnung, wie mir geschieht, als ich die Nachricht bekommen habe.“
„Ich auch nicht! Ich wollte dir etwas ersparen mit dem, was ich getan habe, nach dem Telegramm.“
„Aber es gab kein Telegramm!“
„Gab es doch! Mit der eindeutigen Bitte, das Arrangement aufzulösen, damit du in Paris bei Leclerc bleiben kannst. Was du dann ja auch getan hast.“
„Weil ich nicht zurück konnte! Alleine wegen des Skandals! Aber ich weiß nicht, wie oft ich es dir noch erklären soll, ich habe dieses Telegramm nicht geschrieben.“
„Aber wieso habe ich es dann?“
Sie schauten sich an.
„Weil... jemand anderes es geschickt hat?“, fragte Evelynn vorsichtig.
„Aber wer?“
Und plötzlich ließ sie sich einfach auf die nächste Kiste fallen. „Leclerc.“
„Bitte?“ Albert glaubte, seinen Ohren nicht zu trauen.
„Leclerc hat immer wieder betont, dass ich die beste Assistentin war, die er je hatte und er hat sich diebisch gefreut, als ich geblieben bin, weil du die Verlobung gelöst hast. Ich würde es ihm zutrauen.“ Sie ballte die Hände zu Fäusten.
Albert war währenddessen mit einem ganz anderen Gedanken beschäftigt. „Das heißt... du wolltest das gar nicht?“
„Sag ich doch die ganze Zeit! Und du... wolltest das auch nicht?“
„Nein!“ Endlich kam Albert hinüber zu ihr. „Evelynn, die Verlobung mit dir zu lösen war das letzte, was ich wollte! Ich war vollkommen kopflos nach dem Telegramm, aber ich...“ Er schaute sich um und sein Blick fiel auf den dastehenden Werkzeugkasten. Er fischte eine Mutter heraus, die normalerweise die dicken Halteschrauben der Querstreben befestigte, und kniete sich dann vor Evelynn auf den staubigen Hallenboden.
„Lady Evelynn Carter. Möchtest du meine Frau werden?“
Evelynn grinste. „Einen verpeilten Unternehmer, der miserable Ingenieure einstellt, Telegramme zu wörtlich nimmt und ein wenig größenwahnsinnig ist? Nichts lieber als das.“
Fandom: Original
Genre: Steampunk, Romance
Worte: 2642
Kommentar: Liebes Wichtelkind, Ich hoffe, ich habe deinen Geschmack halbwegs getroffen. Es ist nicht sehr steampunkig, das gebe ich zu, aber ich hoffe, es ist trotzdem sichtbar.
Fröhliche Weihnachten!
Es war kalt. Hundekalt sogar, um genau zu sein, und Lord Albert Fitzgerold schlug grollend den Mantelkragen hoch, als es zu allem Überfluss auch noch zu Schneien begann. Er wusste nicht, wie lange er schon vor dieser Tür stand, die das Hausmädchen nach Nennung seines Namens und seines Anliegens so rüde vor seiner Nase zugeschlagen hatte. Natürlich, er hätte sich denken können, dass sein Name in diesem Haus nicht gerne gehört war, aber dass er so abweisend empfangen werden würde, damit hatte er dann doch nicht gerechnet. Vielleicht wäre es besser gewesen, einfach wieder zu gehen. Aber dann hätten die anderen ihn umgebracht – wörtlich und wahrscheinlich mit einem massiven Schraubenschlüssel – und darauf legte er nun auch keinen gesteigerten Wert.
Die Tür wurde genauso heftig aufgerissen, wie sie vorher geschlossen worden war. Im Türrahmen stand eine junge Frau in einem eleganten, senfgelben Kleid. Ihre kastanienbraunen Haare waren locker hochgesteckt und in ihre Augen ließen die Umgebungstemperatur schlagartig um noch einmal zehn Grad absinken.
„Was willst du hier?“
„Dir auch einen wunderschönen Tag, Evelynn.“
Die Angesprochene schnaubte und zwischen ihren Augen bildete sich eine kleine, steile Falte. In Alberts Magen regte sich etwas. Er wusste ganz genau, warum diese Frau seine Verlobte gewesen war. Er wünschte sich allerdings auch, genauso sicher zu wissen, warum sie nun seine Ex-Verlobte war.
„Komm mir nicht so, Albert“, fauchte sie. „Sag mir, was dich hertreibt, oder verschwinde.“
„Darf ich mich mit ihm duellieren?“ Francis, Evelynns älterer Bruder, dessen Statur eher an einen Preisboxer als an einen Erben eines Sitzes im Oberhaus denken ließ, erschien hinter ihr.
„Nein, darfst du nicht.“
„Aber ich möchte!“
„Weiß ich, aber was für einen Eindruck würde das denn machen? Nein, nein.“
„Hallo? Ist euch bewusst, dass ich noch vor euch stehe?“
Evelynn musterte Albert mit einem abfälligen Blick. „Durchaus. Ändert das etwas?“
Empört öffnete er den Mund, doch bevor er etwas sagen konnte, hatte sich seine ehemalige Verlobte bereits wieder ihrem Bruder zugewendet. „Also. Nicht duellieren. Noch hat er außerdem nichts getan, um meine Ehre in irgendeiner Weise zu beschmutzen.“ Grummelnd verzog sich Francis zurück ins Innere des Hauses. „Was mich darauf bringt“, Evelynn sah Albert wieder an, „was um alle Welt willst du nun eigentlich hier?“
Albert seufzte. „Der Falke fliegt nicht.“
„Bitte?“
„Das Luftschiff. Unser Schiff. Es fliegt nicht.“
Evelynn schnaubte. „Das habe ich schon verstanden. Mich interessiert viel mehr das warum und das wie habt ihr es geschafft, es jetzt noch zu versauen?“
„Ich weiß es nicht!“ Ein Hauch von Verzweiflung schlich sich in Alberts stimmte. Warum schaffte es diese Frau eigentlich immernoch, genau die Fragen zu stellen, die ihm auch schon seit geraumer Zeit Magenschmerzen verursachten?
„Ach.“
Und dann dieser abfällige Unterton und diese perfekt geformte hochgezogene Augenbraue. Albert glaubte, wahnsinnig zu werden. „Nichts ‚ach‘“, fauchte er. „Ich weiß es wirklich nicht. Es ist die Gewichtsverteilung. Wir bekommen ihn dazu, abzuheben, aber das Schiff wird nach kürzester Zeit instabil. Dabei dürfte das nicht passieren, die Berechnungen stimmen, ich habe sie selber sicher ein Duzend Mal überprüft.“
„Aber dass du nicht rechnen kannst, wissen wir alle“, gab Evelynn trocken zurück. „Du hast unsere Verlobung gelöst, Albert. Ich werde dir also ganz gewiss nicht helfen, den Falken flott zu bekommen.“
„Aber es ist auch dein Projekt! Deine Herzenssache!“ Noch mehr Verzweiflung. Er hatte befürchtet, dass sie genau das sagen würde. Oder so etwas in der Art. „Du kannst doch nicht einfach zusehen, wie der ganze Traum zerplatzt. Unser Traum.“
Evelynn wirkte noch immer unbeeindruckt. Sie zuckte die Schultern. „Doch, das kann ich sehr gut. Es ist vielleicht einmal unser Traum gewesen, aber der ist es schon lange nicht mehr. Und jetzt entschuldige mich bitte. Im Gegensatz zu dir habe ich inzwischen andere Verpflichtungen als Luftschiffe und Träume.“
Schon vor ihrem letzten Satz hatte sich Albert umgedreht. Das Team – er – hatte große Hoffnungen auf sie gesetzt. Aber wenn sie nicht wollte, bitte. Wenn Lady Evelynn Carter etwas nicht wollte, war ohnehin Hopfen und Malz verloren. Meistens.„Vielleicht warst du doch nicht die beste Ingeneurin, die die Akademie je hatte.“
„Wie war das?“
Er machte sich nicht die Mühe, sich zu ihr umzudrehen. „Jeder sagt es. Dass du es warst. Die Beste, meine ich. Aber zu einem guten Ingenieur gehören auch seine Träume. Und die hast du ja nicht mehr, wie du gerade gesagt hast. Also verzeih, dass ich dich belästigt habe und guten Tag.“
„Moment.“
Am Fuß der Treppe blieb er kurz stehen. „Ja?“
Doch er erhielt keine Antwort. Stattdessen hörte er hinter der nicht ganz geschlossenen Tür, wie Evelynn das reichlich verwirrte Stubenmädchen anfauchte, sie sollte ihren Mantel holen. Und er grinste in sich hinein. Wenn nichts anderes geholfen hatte, hatte man Evelynn schon immer bei ihrem Stolz packen können.
„Wartest du vielleicht auch irgendwann mal auf mich?“, keuchte sie, als sie einige Augenblicke später endlich zu Albert aufgeschlossen hatte.
„Konnte ich damit rechnen, dass du plötzlich doch noch deine werte Meinung änderst?“
„Du hast keinen Grund zu sticheln. Du sagst also, es sei die Gewichtsverteilung. Ihr habt die Streben aber ausbalanciert, oder?“
„Selbstverständlich.“
„Und das Material für die Außenhaut ist auch nicht zu schwer?“
„Ganz sicher nicht. Es ist ein neuartiges beschichtetes Material aus den Staaten.“
„Die Amerikaner können nichts Gutes Produzieren. Das kann nur schief gehen. Abgesehen davon, wer ist eigentlich eure neue Chefingenieurin? Sie kann ja nur unfähig sein, wenn sie solche Sachen einbaut.“
„Ähm…“
Evelynn packte ihren ehemaligen Verlobten am Arm. „Was willst du mir damit sagen.“
„Ähm… warte es ab?“
Evelynn sah ihn aus dem Augenwinkel heraus an. „Das klingt so, als ob ich es nicht mögen werde.“
„Ich sagte doch, warte es ab.“
Sie erreichten die kleine Halle, die sie damals zu Ende ihrer Akademiezeit von ihren gemeinsamen Ersparnissen gemietet hatten, als es gerade begann, dunkel zu werden und ihnen ihre hell erleuchteten Fenster schon von Weitem entgegenstrahlten.
Evelynn kniff die Augen zusammen. „Ist das Ann da oben?“ Durch die von Eisblumen besetzte Scheibe war schemenhaft die schmale Gestalt einer Frau zu erkennen, die auf irgendeine seltsame Weise in der Luft zu schweben schien.
Albert nickte. „Seit sie ihren Abschluss hat, konstruiert sie bei uns. Sie sagt, sie muss den Vogel, den sie fliegen soll, ja vorher kennen lernen.“
Evelynn nickte, während Albert die breite Hallentür aufschob.
Im Gegensatz zu der eisigen Kälte draußen war es im Inneren erstaunlich warm, was, wie Evelynn bei einem kurzen Rundblick feststellte, an der abenteuerlichen, leise paffenden Konstruktion in einer Ecke lag. „Ein Dampfofen“, erklärte Albert, nachdem er hinter ihr die Tür geschlossen hatte. „Wir haben ihn zusammen ertüftelt, als uns hier drin fast die Finger erfroren sind.“
„Letzten Winter, richtig? Ich habe mir schon gedacht, dass ihr hier drin ziemlich zittern werdet.“
„Lady Evelynn! Giles, lass mich runter! Lady Evelynn ist da!“ Ann, die von ihrer Position unter der Decke den großen Raum am besten überblicken konnte, hatte die Neuankömmlinge als erste entdeckt. Evelynn legte den Kopf in den Nacken und winkte ihr zu. Gewagt wie immer sah Ann aus. Damit ihre Röcke bei den Arbeiten in luftiger Höhe nicht zu viel preisgaben, trug sie Hosen, wie auch schon in ihrer Zeit an der Akademie. Ein unerhörtes Kleidungsstück für eine Frau und Evelynn fand den Anblick ein klein wenig befremdlich, aber sie hatte Anns Begründung, dass sie sich mit den meterlangen Stoffbahnen beim Fliegen in den Hebeln verfangen würde, immer verstanden. Auch wenn das für sie selbst nie etwas gewesen wäre.
Hinter einigen Kisten entdeckte sie jetzt auch Giles, ihren Techniker, der mit einem dicken Seil in der Hand für Anns Sicherheit sorgte. Als er sie heil auf den Boden gebracht hatte, tippte er sich leicht an den Hut. Ann hingegen stürmte zu ihnen hinüber und es hätte nicht viel gefehlt, dass sie Evelynn um den Hals gefallen wäre. Erst kurz vorher bremste sie ab und knickste etwas ungelenk. „Wie schön, dich zu sehen.“
„Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du vor mir nicht knicksen musst?“
Verlegen strich sich Ann eine pechschwarze Strähne hinters Ohr. „Ich weiß. Aber… wie du aussiehst. So… edel.“
„Ich turne aber auch nicht mehr auf Luftschiffrohbauten herum“, gab Evelynn lachend zurück. Seit sie die Halle betreten hatte, war sie wie ausgewechselt. Ein schelmisches Funkeln war in ihre Augen zurückgekehrt, ihre steife Haltung einer Unruhe voller Tatendrang gewichen. Albert lächelte in sich hinein. Es war doch eine gute Idee gewesen, sie mit hierher zu bringen.
„Was sich für eine Dame auch wirklich nicht gehört.“ Hinter einigen aufgestapelten Rohren und anderen Bauteilen trat ein schlacksiger Mann hervor. Seine unordentlichen, roten Haare zeugten von einer schottischen oder irischen Herkunft und die dicken Brillengläser auf seiner Nase von einer ausgeprägten Kurzsichtigkeit. Er deutete einen Diener an.
„Lady Evelynn.“ Dieser entgleisten die Gesichtszüge.
„Das ist nicht dein Ernst.“ Hätten Blicke töten können, Albert wäre auf der Stelle umgefallen. Sein Glück, so konnte er noch beschwichtigend die Hände heben.
„Du bist einfach gegangen! Ich – wir – brauchten einen Ingenieur. Und er…“
Der Rothaarige verschränkte etwas angesäuert die Arme. „Und er hat seinen Abschluss mit Auszeichnung gemacht und war der einzige, der visionär genug war, sich diesem vollkommen wahnsinnigen Projekt zu stellen. Ich sehe Euer Problem nicht ganz, Lady Evelynn.“
„Mein Problem?“ Evelynn ballte die Hände zu Fäusten und rauschte dann einfach an ihm vorbei zu dem Tisch, auf dem ausgebreitet die Pläne des Luftschiffs lagen. Triumphierend stach sie mit dem Zeigefinger auf das unschuldige Papier ein. „Sag ich’s doch! Das KANN doch überhaupt nicht funktionieren! Leclerc hat schon vor Jahren bewiesen, dass die Gewichtsverteilung an den Querstreben einem Drittel der Gewichtsverteilung der Haltestreben entsprechen muss, damit die Stabilität gewahrt bleibt. Abgesehen davon, was ist das hier für eine Formel? Und das? Was soll man damit anfangen? Albert, wie konntest du nur?“
„Ich brauchte einen Ingenieur?“, gab ihr Ex-Verlobter etwas kleinlaut zurück. Richtig, arbeiten mit Evelynn war ein ständiges auf und ab. Diese Frau war wie ein Gewitter. Genau deswegen hatte er sich irgendwann einmal in sie verliebt.
„Achtet irgendwer noch darauf, dass ich anwesend bin?“, fragte der Rothaarige deutlich konsterniert. Albert zuckte die Schulter. „Das ist Evelynn. Gewöhn dich besser daran, Tom!“
„Aber ich kann so nicht arbeiten!“
„Sie konnten offensichtlich auch vorher nicht arbeiten, sonst würde der Falke längst in der Luft sein!“, kam es vom Arbeitstisch herüber. Tom schnaubte empört.
„Versuchen Sie erst gar nicht, sich zu verteidigen. Haben Sie eigentlich irgendwo in Ihren Berechnungen auch Einheiten, oder werfen sie gern rohe Zahlen auf ein Blatt?“
Tom schnaubte noch ein bisschen lauter und lief langsam rot an. Er tat das auf eine sehr interessante Art, beginnend von seinem Hemdkragen bis hin zu seinen Haarspitzen, wobei seine Nasenspitze alle Farbe verlor. Ann, die die ganze Zeit mit großen Augen daneben gestanden hatte, kicherte verhalten.
„So kann ich nicht arbeiten!“
„Sagten Sie bereits, aber das haben wir schon geklärt“, kommentierte Evelynn.
Und ehe ihn irgendwer aufhalten konnte, war Tom aus der Halle gestürmt.
„Hmm... ihm wird kalt werden.“
„Warum das?“, fragte Ann.
„Weil sein Mantel hier über dem Stuhl hängt. Wie dem auch sei.“ Evelynn kam wieder zu den anderen zurück. „Jetzt, wo alle Fremdkörper beseitigt sind... Ann, darf ich mir mal dein Seil ausleihen?“
„Selbstverständlich!“
„Gut. Giles, ziehst du mich hoch?“
Endlich kam auch der stämmige Techniker hinter seinem Kistenstapel hervor. „’Türlich, M’lady“, brummte er. „Jetz’ gleich?“
„Ja, bitte. Ich muss schauen, ob Tom bei der Umsetzung genauso viel Mist gebaut hat, wie bei den Berechnungen.“
„Hat er nicht“, antworteten Ann und Giles wie aus einem Mund. Sie sahen sich kurz an und Ann lachte. „Wir sind ja immerhin auch noch da. Und auch, wenn er es nicht zugeben will“, sie deutete über die Schulter auf Albert, „sogar er war unglücklich darüber, Tom ins Boot zu holen. Aber wir brauchten eben einen Ingenieur.“
„Ich versteh schon. Also, Giles, ziehst du mich hoch?“
Natürlich trug Evelynn bei weitem weniger praktischere Kleidung als Ann und so geriet ihre Kletterpartie über der Außenhaut des Luftschiffs eher zu einem ständigen Kampf mit ihren zahlreichen Röcken und dem eng geschnürten Korsett. Aber wenigstens ließ das, was sie sah, sie wieder ein wenig Hoffnung schöpfen. Einige Elemente waren hoffnungslos verbaut, aber bei anderen gab es eine gute Chance, sie in relativ kurzer Zeit in einen funktionsfähigen Zustand zu versetzen. Sie würde nur ein paar Tage brauchen. Dass sie noch vor ein paar Stunden der festen Meinung gewesen war, sowohl Albert als auch dieses gewisse Luftschiff nie wiedersehen zu wollen, daran dachte sie überhaupt nicht mehr. Bis sie Giles wieder auf den Boden herunterließ und sich gemeinsam mit Ann verabschiedete.
„Es ist ja immerhin Heilig Abend. Ihr beiden solltet auch sehen, dass ihr irgendwann noch nach Hause kommt, eure Familien warten sicher.“ Von beiden erntete Ann ein abfälliges Schnauben.
Und dann waren sie plötzlich wieder allein. In der Halle, in der sie so viele Stunden gemeinsam verbracht hatten. In der sie ihre luftschiffförmigen Luftschlösser gebaut hatten.
Rüde drängte sich Evelynn an Albert vorbei. „Ich muss noch eine Berechnung überprüfen.“
„Evelynn.“
„Was denn?“
„Musst du jetzt wieder so sein?“
„Wie denn? 25...36...17...das stimmt doch nie!“
„So. So abweisend. Gerade ging es doch auch.“
„...Ach, da ist der Faktor. So macht es Sinn. Gerade war ich auch noch nicht mit dem Mann allein, der die Verlobung mit mir gelöst hat.“
Lord Albert Fitzgerold war ein ruhiger und ausgeglichener Mann. Es gab wenige Menschen, die bezeugen konnten, dass er einmal die Geduld verloren hätte. Aber das war zuviel.
„Warum betonst du eigentlich immer wieder so, dass ich die Verlobung gelöst hätte?“, brauste er auf.
Evelynn, die die ganze Zeit auf das Brett mit den Berechnungen gestarrt hatte, wirbelte herum. „Weil du es getan hast! Weil ich in Paris saß und plötzlich darüber informiert wurde, dass du dich entschieden hast, lieber nicht mehr mit mir verlobt zu sein und sich in London die Klatschpresse das Maul zerreißt!“
„Weil du mir telegraphiert hast, dass du es für das beste hältst, weil du nicht glaubst, dass du dieses Arrangement aufrecht erhalten möchtest. Glaubst du, ich hätte dich sonst einfach sitzen gelassen, obwohl du für uns nach Frankreich gegangen bist, um bei Leclerc zu lernen?“
„Ja, offensichtlich! Weil ich nie irgendetwas telegraphiert habe! Ich weiß nicht, was du dir da zurecht spinnst, aber ich habe nichts damit zu tun.“
„Bitte?“
„Ich hatte keine Ahnung, wie mir geschieht, als ich die Nachricht bekommen habe.“
„Ich auch nicht! Ich wollte dir etwas ersparen mit dem, was ich getan habe, nach dem Telegramm.“
„Aber es gab kein Telegramm!“
„Gab es doch! Mit der eindeutigen Bitte, das Arrangement aufzulösen, damit du in Paris bei Leclerc bleiben kannst. Was du dann ja auch getan hast.“
„Weil ich nicht zurück konnte! Alleine wegen des Skandals! Aber ich weiß nicht, wie oft ich es dir noch erklären soll, ich habe dieses Telegramm nicht geschrieben.“
„Aber wieso habe ich es dann?“
Sie schauten sich an.
„Weil... jemand anderes es geschickt hat?“, fragte Evelynn vorsichtig.
„Aber wer?“
Und plötzlich ließ sie sich einfach auf die nächste Kiste fallen. „Leclerc.“
„Bitte?“ Albert glaubte, seinen Ohren nicht zu trauen.
„Leclerc hat immer wieder betont, dass ich die beste Assistentin war, die er je hatte und er hat sich diebisch gefreut, als ich geblieben bin, weil du die Verlobung gelöst hast. Ich würde es ihm zutrauen.“ Sie ballte die Hände zu Fäusten.
Albert war währenddessen mit einem ganz anderen Gedanken beschäftigt. „Das heißt... du wolltest das gar nicht?“
„Sag ich doch die ganze Zeit! Und du... wolltest das auch nicht?“
„Nein!“ Endlich kam Albert hinüber zu ihr. „Evelynn, die Verlobung mit dir zu lösen war das letzte, was ich wollte! Ich war vollkommen kopflos nach dem Telegramm, aber ich...“ Er schaute sich um und sein Blick fiel auf den dastehenden Werkzeugkasten. Er fischte eine Mutter heraus, die normalerweise die dicken Halteschrauben der Querstreben befestigte, und kniete sich dann vor Evelynn auf den staubigen Hallenboden.
„Lady Evelynn Carter. Möchtest du meine Frau werden?“
Evelynn grinste. „Einen verpeilten Unternehmer, der miserable Ingenieure einstellt, Telegramme zu wörtlich nimmt und ein wenig größenwahnsinnig ist? Nichts lieber als das.“
no subject
Date: 2011-12-30 11:14 pm (UTC)Liebe Wichtelmama, vielen Dank für die wunderbare Geschichte! *__*
Es tut mir sooo leid, dass ich mich jetzt erst melde, aber Arbeit und Alltag haben mich zugemüllt mit Stress, deswegen hab ich es erst heute abend geschafft deine wunderbare Geschichte zu würdigen.
Ich bin hin und weg und völlig verliebt in Evelynn. Ach Evelynn! <3
Sie ist ja sooo entzückend.
Armer Albert. Er tat mir am Anfang ein bisschen leid. óò Ich versteh so gut, wieso er sie zurückhaben will und ich find es auch total gut, dass sie sich am Ende doch noch kriegen! Sehr, sehr schön! ♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥
Du hast meinen Geschmack wirklich total getroffen! <3
Ich liebe Steampunk und Luftschiffe und Charaktere wie Evelynn und Ann und Albert und sogar Francis und Tom (der seinen Mantel vergessen hat *g*). Die sind alle toll! *_* Und ich würde wahnsinnig gerne noch mehr aus diesem Universum lesen. Also wenn du jemals wieder Lust darauf hast - immer her damit!