Wichtel-FFfür sommerschnee
Dec. 28th, 2011 11:04 amFandom: Original
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Kommentar: Liebes Wichtelkind, du scheinst mir eine nette, warme Story gewollt zu haben und eigentlich wollte ich dir auch eine schöne , weihnachtliche "Awwww, ist das süß!"-Geschichte zaubern. Aber wie immer werden meine Charas wahnsinnig und raus kommt sowas. Ich hoffe, du hast dennoch ein wenig Freude mit deiner Geschichte.
„Was! Ist! DAS?“
„Wie kamst du an eine Eins in Biologie? Das ist offensichtlich ein Hund!“
„So offensichtlich finde ich das nicht!“ Christina-Marie beäugte skeptisch das grau-weiße Etwas, das zitternd in den Armen ihres Vaters lag.
„Hol ein Handtuch, der arme Kerl ist ganz durchnässt!“
„Mit <i>unseren</i> Handtüchern?“
„Wie soll er denn sonst trocken werden?“
„Kannst du ihn nicht einfach über die Heizung hängen?“
„Christina-Marie! Du holst sofort ein Handtuch!“
Jürgen unterdrückte ein Seufzen, als er seiner Tochter hinterherblickte, die wütend in Richtung Badezimmer stampfte.
Er hatte gewusst, dass es nicht leicht werden würde, seine neurotische Tochter von dem kleinen Hund zu überzeugen, aber dennoch war da ein wenig die Hoffnung gewesen, das irgendwo tief in Christina-Marie ein normaler Teenager schlummerte, der sich bei dem Anblick eines Hundes freudig geregt hätte. Er hätte es besser wissen müssen, schließlich konnte er seit 13 Jahren beobachten, dass seine Tochter <i>nicht</i> normal war.
Zu Anfangs hatte er noch Erklärungen gehabt, wenn seine einjährige Tochter statt mit einem patzigen „Nein“ mit einem höflichen „Nein, Danke!“ geantwortet hat. Frühentwickelt, sprachlich anderen voraus. Dann kamen die Ausflüchte, als sie mit vier anfing, jede Sofadecke, jedes Geschirrtuch und jedes Handtuch ordentlich zusammenzulegen. Ihr macht das Spaß, Einzelkinder müssen sich selbst beschäftigen. Als Christina-Marie dann acht wurde, schütze Jürgen Ignoranz vor. Das Bad war immer sauber, ohne, dass er es je putze – ja und? Seine ungetaufte Tochter sammelte jeden Schnipsel über den Papst und nahm alle seine Fernsehauftritte auf? War doch schön!
Aber als sie ihm mit zehn dann ihren Plan für die Zukunft vorlegte (abgebrochenes Politik- und Philosophie-Studium mit 23, erster Roman mit 26, Tiefpunkt der Karriere mit 40, Bekenntnis zur Homosexualität mit 46 um Werbetrommel für neuen Roman anzurühren, 49 Hochzeit mit Lebensgefährtin, mit 82 Tod durch einen tragischen Jagdunfall) musste sich Jürgen schließlich der grauenhaften Wahrheit stellen: Seine Tochter war total durchgenknallt!
„Hier, das Handtuch! Warum eigentlich die Mühe, wenn er draußen eh wieder nass wird?“
„Wieso sollte wieder raus?“
„Wieso sollte er nicht?“ in Christina-Maries Stimme schwang ein bedrohlicher Unterton mit.
„Ich dachte, er könnte bei uns bleiben!“
„Das mit dem Denken üben wir nochmal!“
„Mariechen…“
„Mein Name ist Christina-Marie!“ Christina-Maries Fauchen ließ den kleinen Hund zusammenzucken und mit einem leisen Winseln versteckte er sich hinter Jürgens Beinen. Jürgen tätschelte ihm sanft den Kopf. „Keine Sorge, sie beißt nicht… sie kratzt nur manchmal!“
„Wie stellst du dir das überhaupt vor? Du kannst nicht einfach einen Hund auf der Straße aufsammeln und mit nach Hause nehmen. Das ist kein Dickens-Roman!“
„Natürlich lass ich nach einem möglichen Besitzer suchen, aber ich denke nicht, dass sich einer meldet. Schau dir das arme Ding doch an! Ich appelliere an deine christlichen Werte!“
Christina-Marie winkte ab. „Das war doch nur eine Phase, du weißt, dass ich Agnostiker bin. Und überhaupt, wie sollen wir das machen? Du verdienst jetzt schon zu wenig, die Hundesteuer, das Hundefutter, Tierarztbesuche – ein Haustier können wir uns niemals leisten!“
„Nur weil ich keinen Atombunker aus unserem Keller machen kann und will, nagen wir noch lange nicht am Hungertuch!“ Jürgen ließ sich auf einen Sessel fallen und die nun trockene Promenadenmischung sprang sofort auf seinen Schoß. Seit Kim Jong-Ils Tod war seine Tochter besessen von der Idee, einen Atombunker zu benötigen, ein Thema, das ihm Kopfschmerzen bereitete.
„Na gut, aber wer soll mit dem Vieh raus? Du arbeitest bis spät abends und ich bin den ganzen Tag in der Schule!“ Da war sie, Christina-Maries stärkste Waffe: Vernunft.
Gedankenverloren streichelte Jürgen den kleinen Hund. Das war in der Tat ein Problem. Momentan hatte er noch Urlaub, aber sollte sich binnen zwei Wochen kein Besitzer melden, musste er sich was einfallen lassen.
Christina-Marie fasste das Schweigen ihres Vaters als Kapitulation auf. „Siehst du? Deswegen sage ich: raus mit dem Vieh, bevor es noch mehr Keime in der Wohnung verteilt!“
Als hätte er die harschen Worte verstanden, winselte der kleine Hund erneut erbärmlich auf und schmiegte sich enger an Jürgen.
„Du machst ihm Angst!“ tadelte Jürgen.
„Ich? Wer trägt denn den schwarzen Tod in seinem Fell mit sich rum?“
Wieder winselte der Hund, blickte ängstlich zu Christina-Marie und vergrub dann schnell seine Schnauze unter einer Pfote.
„Das reicht! Er ist komplett eingeschüchtert und verängstigt. Ihm muss grauenhaftes widerfahren sein und ich werde den Hund sicherlich <i>nicht</i> bei diesem Wetter aus dem Haus jagen. Der Hund bleibt und damit Basta!“ der Hund sprang mit einem erschrockenen Fiepen von Jürgens Schoß, als dieser wütend aufstand und schließlich aus dem Wohnzimmer schritt.
Christina-Marie blieb wütend zurück. Sie kannte den Ton. Ihr Vater hatte eine Entscheidung getroffen und würde dabei bleiben, so unsinnig sie auch war. Ihr Blick wanderte zu der Promenadenmischung, die sich gemütlich die Pfote leckte. Als sie Christina-Maries Blick auf sich zu spüren schien, wandte sie den Kopf, richtete sich provozierend langsam auf, bellte Christina-Marie herausfordernd an und stolzierte dann triumphierend aus dem Wohnzimmer, ihrem neuen Herrchen hinterher.