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[identity profile] nyx-chan.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Für: [livejournal.com profile] kurimukeiki
Protagonisten: Lord Byron Audley und Lady Geraldine Audley (zwei Geschwister), Percival Thaddeus Gray (ein Erfinder), Colin (ein ehemaliger Straßenjunge) und zwei Rebellen der Konföderation auf der Flucht
Genre: Steampunk

Ihre unzähligen dunklen, ovalen Formen erinnerten Byron immer an eine Herde Heuschrecken die ausgehungert über Weizenfelder herfielen und sie vollkommen verwüstet zurückließen.
Ein Großteil von ihnen trug die Wappen zahlloser Adelshäuser, aber es waren einige darunter mit den schwarz-weißen Flaggen der Konföderation.

„Bald haben wir eine Rebellion am Hals“, verkündete Geraldine und lehnte sich undamenhaft weit aus der Kutsche um einen besseren Blick auf den Himmel zu erhaschen. Ein ausladender, fliederfarbener Hut umrahmte ihr herzförmiges Gesicht und als sie lächelte, erschienen zauberhafte Grübchen auf ihren Wangen. Geraldine sah immer zauberhaft aus.

„Du klingst unangemessen erfreut darüber“, stellte Byron fest, wobei er innerlich dasselbe gedacht hatte. Vermutlich war das kein Wunder. Die Zeitungen berichteten seit Wochen über nichts anderes als die andauernden Verhandlungen zwischen der Konföderation und der Krone. Es klang, als ob der Weltuntergang jeden Augenblick vor der Tür stand.

„Die letzte Saison war so entsetzlich dröge“, seufzte Geraldine. „Noch ein weiteres Jahr voll mit Nachmittagstee und Debütantinnenbällen übersteh ich einfach nicht.“

„Du könntest heiraten.“

„Großer Gott“, sagte sie ersetzt. „So etwas solltest du nicht einmal im Scherz sagen.“

Es war kein Scherz. Es gab durchaus Tage, an denen Byron es für eine hervorragende Idee hielt, seine kleine Schwester an den erstbesten Adeligen zu verheiraten, der ihm über den Weg lief. Ihr Vormund zu sein konnte über die Maßen anstrengend sein.

„Ich habe beschlossen, mit einem gutaussehenden Rebellen durchbrennen“, fuhr Geraldine nachdenklich fort.

Byron hob eine Augenbraue. „Wie schön sich das in der Familienbibel machen würde. Sämtliche unserer Vorfahren würden in ihren Marmorgräbern rotieren.“

Die Kutsche fuhr schwungvoll über mehrere Kuhlen im Kopfsteinpflaster und er griff nach der Wagentür, um sich festzuhalten, während Geraldine ihren Hut nachdrücklich auf ihre hochgesteckten, schwarzen Locken drückte.
Kurz darauf kam die Kutsche jedoch zu einem mehr oder minder abrupten Halt. Die Pferde tänzelten und eine leichtes Schlingern ging durch den Wagen, der Geraldine überrascht zur Seite rutschen ließ. Byron klopfte mit dem silbernen Knauf seines Spazierstocks an die Decke der Kutsche. „Jackson? Wieso halten wir?“

„Ich bitte um Verzeihung, eure Lordschaft“, ertönte Jacksons volltönende, tragende Stimme. „Ein aufgebrachter Mob versperrt uns den Weg.“

Wie zur Bestätigung ertönte ein Chor lauter Stimmen draußen und ein Ruckeln ging durch die Kutsche, als sei sie nichts weiter als ein kleines Boot auf wilder See, das durch die Wellen hin und hergeworfen wurde.

„Ein aufgebrachter Mob! Was möchten sie?“ fragte Geraldine interessiert und machte Anstalten ihren Kopf erneut durch das Fenster nach draußen zu schieben.

„Untersteh dich“, zischte Byron ärgerlich und schob seinen Spazierstock zwischen sie und das Fenster, um sie aufzuhalten. Er war mit vierundzwanzig noch viel zu jung um graue Haare zu bekommen, aber wenn irgendjemand Schuld daran trug, dass er mit dreißig komplett ergraut sein würde, dann war es sicher Geraldine.

„Ich bin nicht ganz sicher, eure Ladyschaft“, verkündete Jackson steif. „Ihre Absichten stellen sich mir nicht ganz deutlich dar. Der Mob scheint mir assoziiert mit der Konföderation zu sein.“

„Oh, dann ist es kein Mob, Jackson. Dann nennen wir sie Rebellen“, korrigierte Geraldine.

„Sehr wohl, eure Ladyschaft.“ Jackson klang nicht so, als ob ihn das besonders beeindruckte.

Der Vorhang neben Byrons Fenster wurde ruckartig zur Seite gezogen und ein Fremder starrte in die Kutsche. Er hatte wirre, zu allen Seiten abstehende Haare und sein Gesicht war mit Ruß beschmiert. Er trug das schwarz-weiße Abzeichen der Konföderation wie eine Auszeichnung an seinem Revers. Hinter ihm konnte Byron ein Meer aus Gesichtern erkennen, Männer, Frauen und Kinder. Teilweise hielten sie Banner in der Hand und teilweise brennende Fackeln, was er nicht besonders beruhigend fand. Zum Glück waren Mistgabeln in der Londoner Innenstadt eher selten.
Der Rauch biss in seinen Augen und in seinen Ohren hallten die gerufenen Parolen wider.

„Verzeihung, guter Mann“, begann Byron auf gut Glück, aber er wurde sofort unterbrochen.

„Keine Adeligen“, schnauzte die finstere Gestalt. „Wir lassen keine Fräcke durch.“ Seine Zähne waren eine äußerst unappetitliche Ruine und er roch nach Schnaps. Seine Augen flackerten unruhig durch die Kutsche und landeten zielsicher auf Geraldine, um sie auf eine Art anzustarren, die Byron höchst alarmierend fand.

„Ich darf doch sehr bitten“, sagte er steif.

„Hey Lady. Die Brosche würde uns einen schönen Preis einbringen“, grinste die Gestalt und machte mit der Hand eine begehrliche Bewegung in Geraldines Richtung.

Geraldine lächelte nett. Schneller als Byron gucken konnte, hatte sie in ihr kokettes kleines Handtäschchen gegriffen und einen kleinen Revolver hervorgezaubert. Es gab ein hörbares Klicken als sie ihn entsicherte und auf den finsteren Fremden richtete.
Die Waffe war klein wie ein Spielzeug, ideal für Geraldines zierliche Hände, und schien fast ausschließlich aus metallischen Federn, Zahnrädern und Schrauben zu bestehen. Sie war ein Geschenk zu ihrem siebzehnten Geburtstag gewesen, eine Spezialanfertigung von Percy, und Geraldine liebt sie heiß und innig.

„Wir sind Freunde von Percy“, sagte sie freundlich. „Wir würden es sehr begrüßen, wenn ihr uns Durchlass gewähren würdet.“

„Percival Gray? Der Erfinder?“ Die Gestalt starrte dubios auf die zierliche Schusswaffe in Geraldines Hand. Nicht ohne Grund. Geraldine war eine begeisterte Schützin und sie hatte keine Hemmungen auf alles zu zielen was nicht bei drei auf den Bäumen war. Byron fand das war eine sehr beunruhigende Eigenschaft, auch wenn ihre Waffe in der Regel zu klein war um lebensbedrohliche Schäden anzurichten.

Geraldine neigte den Kopf und zeigte ein besonders entzückendes Grübchenlächeln. „Wir sind seine Mäzene.“

Auch wenn Byron nicht sicher war, ob der aufgebrachte Mob überhaupt wusste was ein ‚Mäzen‘ war, schienen sie sich doch zusammenreimen zu können, dass es bedeutete, dass er und Geraldine Percys Erfindungen finanzierten. Was sie auch taten. Mehr noch als das, sie finanzierten praktisch Percys gesamtes Leben.
Wenn es so weiterging wie bisher, würden sie bald versuchen müssen die Krone davon abzuhalten ihn zu verhaften.

Auf dem Weg durch die Menschenmenge hakte Geraldine sich bei ihm ein. Es war eine vollkommen beiläufige Geste und dennoch spürte Byron wie er sich unwillkürlich dabei anspannte. Er wusste genauso gut wie Geraldine, dass sie es tat, um ihn zu stützen und nicht um selbst Halt zu finden, genauso wenig wie sein Spazierstock nur zur Zierde da war.
Er erhaschte einen zufälligen Blick auf ihr verzerrtes Spiegelbild in der metallischen Eingangstür. Niemand konnte leugnen, dass sie Geschwister waren, mit den identischen dunklen Locken, blauen Augen und blasser Haut. Aber hörte die Ähnlichkeit auch schon auf. Wo Geraldine zart und kurvig war, war er groß und hager und seine eingefallenen Wangen und dunklen Augenringe bildeten einen starken Kontrast zu ihrem herzförmigen Gesicht.

„Lord Byron Audley und Lady Geraldine Audley“, verkündete Elliot, sobald sie die riesige Fabrikhalle betraten, die Percys Wohnung darstellte. Seine Stimme hallte zwischen den hohen Wänden. Die von der Eingangstür am weitesten entfernte Wand bestand aus kleinen, quadratischen Fensterscheiben, die allesamt so verstaubt waren, dass man weder von außen nach innen noch von innen nach draußen blicken konnte. Die restlichen Wände waren bedeckt mit Regalen, die bis zur Decke reichten und seltsam aussehenden blinkenden Gerätschaften, die genau wie Geraldines kleine Pistole fast nur aus Schrauben, Federn und Zahnrädern zu bestehen schienen.

„Wie geht’s dir, Colin?“ grüßte Geraldine, während sie mit einer eleganten Bewegung ihre langen, fliederfarbenen Handschuhe abstreifte.

„Äußerst fidel, eure Ladyschaft.“

„Nimmt Percy dich auch nicht zu hart ran?“

„Keines Stück, eure Ladyschaft.“ Ein amüsiertes Lächeln zuckte an Colins Lippen, aber er war viel zu höflich und wohlerzogen, um Geraldine vielsagend anzugrinsen.

Byron hätte es ihm jedoch nicht verdenken können. Der junge Ire war ein ehemaliger Straßenjunge, dessen Wege sie gekreuzt hatten, als er vor drei Jahren Byrons goldene Taschenuhr gestohlen hatte. Geraldine, damals kaum fünfzehn Jahre alt, hatte ihn mit ihrem Sonnenschirm niedergeschlagen, aber war beim Anblick seiner blutenden Kopfwunde in bittere Tränen ausgebrochen und hatte darauf bestanden, ihn mit nach Hause zu nehmen. Seitdem hatte sie keinen treueren Fan auf der Welt als Colin.
Sie hatte ihm auch die Anstellung bei Percy besorgt, der sich bis dato standhaft geweigert hatte Dienstboten zu besitzen. Aber nicht einmal er würde heute noch leugnen, dass Colin ihn buchstäblich am Leben erhielt. Byron war beinah sicher, dass Colin seinen Arbeitgeber praktisch wusch, ankleidete und fütterte und ab und an eine Decke über ihn legte, wenn er mal wieder über einem seiner Projekte einschlief. Percy mochte ein wissenschaftliches Genie sein, aber in jeder anderen Hinsicht war er leider vollkommen alltagsuntauglich.

„Was ist das für ein aufgebrachter Mob vor der Haustür?“ fragte Byron, während er Colin seinen Mantel reichte.

Colins rundes, sommersprossiges Gesicht verdüsterte sich. „Sie blockieren seit Tagen die Straße“, grummelte er. „Kann Master Gray kaum vor die Tür lassen, ohne dass sie ihn belagern wie einen verflu- verflixten Heiligen. Verzeihung, eure Ladyschaft.“

„Das ist die Rebellion“, behauptete Geraldine vergnügt und zerrte sich den Hut vom Kopf.

„Finstere Zeiten sind das, eure Ladyschaft.“ Kopfschüttelnd wandte Colin sich ab. Byron und Geraldine folgten ihm weiter in die Fabrikhalle hinein.

Es war auf den ersten Blick zu erkennen, an welchem Projekt Percy grade arbeitet, und auch wieso die Anhänger der Konföderation sich um seine Fabrikhalle scharten wie Bienen um einen Honigstock. In der Mitte der Halle hing ein gigantisches Luftschiff. Trotz seiner Größe wirkte es nicht plump sondern beinah elegant. Es war lang und schmal und komplett in den schwarz-weißen Mustern der Konföderation gehalten.

Percy selbst lag rücklings auf einer Art Rollwagen und bastelte an einer Art überdimensionalen Schraube herum, die sich an deren unteren Seite des Luftschiffs befand. Er trug eine schwarze Hose und ein weißes Hemd ohne jede Weste. Seine Krawatte befand sich in einem Stadium völliger Auflösung und seine blonden Haare standen in alle Richtungen von seinem Kopf ab. Über einem Auge trug er, was aussah wie ein riesiges Monokel, von dem Byron aber wusste, dass es ein Vergrößerungsglas war.
„Colin“, murmelte er, „gib mir den Differenzschrauber.“

Colin stieß ihm wenig vornehm gegen die Beine. „Besuch, Master Gray.“

„Nicht jetzt.“

Colin seufzte und warf Byron und Geraldine einen entschuldigenden Blick zu. Geraldine rollte die Augen und schlug ihren zusammengefalteten Fächer nach Percys Beinen. „Percy“, flötete sie.

„Geraldine.“ Er blinzelte geistesabwesend und rollte einen Stück unter dem Luftschiff hervor. Er hatte die Zunge zwischen die Lippen geklemmt und blickte zu ihnen auf.
„Sehr unpassend“, stellte er mit gerunzelter Stirn fest. „Ich bin beschäftigt.“

Von jedem anderen kommend, hätte Byron es als Beleidigung empfunden, aber von Percy war er nichts anderes gewohnt. Percy hatte einfach keinerlei Manieren. Das war schon damals in Oxford so gewesen.

„Ich bin schockiert, ich bin entsetzt“, verkündete Geraldine. „Die Gerüchte stimmen also. Du bist ein königsuntreuer Verräter geworden, mein Lieber. Ein Rebell im Dienst der Konföderation.“ Sie deutete mit der Spitze ihres Fächers auf das Luftschiff, an dem Percy arbeitete. „Wie unerhört romantisch von dir.“

„Meine liebe Geraldine, es nichts Romantisches an einer Rebellion“, erwiderte Percy ungerührt. „Aber lass dir versichert sein, dass die Konföderation mich außerordentlich gut bezahlt.“

Geraldine lachte und griff nach Colins Arm. „Rasch, zeig mir seine neuesten Erfindungen“, bat sie. „Bevor er darunter hervorkommt und uns wieder verscheucht.“

Colin nickte eifrig und führte sie ein Stück beiseite, während Byron Percy eine Hand entgegenstreckte und ihm auf die Beine half. Mit der anderen stützte er sich auf dem Stock ab, als ein stechender Schmerz von der plötzlichen Gewichtsverlagerung durch sein Bein schoss. Er hatte gehofft, dass Percy es nicht bemerken würde, oder wenn doch, dass er wenigstens so tun würde, als ob er es nicht bemerkt hatte, aber wie üblich versagte Percy in jeder Art von höflicher Konversation und sprach es ohne Umschweife an.

„Dein Bein ist schlechter geworden“, stellte er fest.

Byron zuckte mit den Schultern und wich seinem Blick aus. „Es ist das Wetter.“

Percy hob die Augenbrauen und das Monokel fiel aus seinem Auge. Er fing es elegant mit einer Hand und verstaute es in der Brusttasche seines Hemdes, bevor er seine Brille hervorkramte und Byron genauer betrachtete.
„Du lügst.“

„Perc…“

„Du bist inzwischen bei Morphium angelangt. Genau wie ich es vorhergesagt habe“, unterbrach Percy ihn und legte seine Hand unter Byrons Kinn, um seinen Kopf leicht anzuheben. „Ich sehe es an deine Pupillen. Es wird immer schlimmer nicht wahr?“

„Nicht dass es dich etwas anginge.“ erwiderte Byron kühl und wandte den Kopf ab. Er warf einen unruhigen Seitenblick in Geraldines Richtung, die an einem der großen Tische stand und sich von Colin ein seltsam aussehendes, blinkendes Gerät zeigen ließ. „Darf ich wenigstens auf deine Diskretion hoffen?“

Percy schnaubte. „Viele Menschen bauen auf meine Diskretion. Seltsamerweise habe ich weniger Bedenken, dass die Krone herausbekommt, was ich verheimliche. Bei deiner Schwester bin ich mir da nicht so sicher.“

„Lass sie meine Sorge sein“, knurrte Byron unwirsch und mit dem dumpfen Gefühl, dass Percy recht hatte. Es war beinah unmöglich irgendetwas vor Geraldine geheim zu halten.

„Du weißt, dass ich dir helfen könnte“, fragte Percy leise und sachlich, seine grauen Augen waren stechend hinter den runden Brillengläsern.

Byron schüttelte den Kopf. „Keine Prothese.“

„Was ich dir bauen könnte, ist besser als jede Prothese, mein Freund.“

Bevor Percy etwas darauf erwidern konnte, tauchte Geraldine an seiner Seite auf.
„Deine neuen Erfindungen sind ganz außerordentlich“, sagte sie. „Ich möchte dir mindestens die Hälfte davon abkaufen, sobald ich meine letzte Schneiderrechnung bezahlt habe.“

„Ich bin sicher, das kann noch Jahre dauern. Hast du sie etwa immer noch nicht verheiratet?“ fragte Percy an Byron gewandt.

Byron schüttelte den Kopf. „Sie macht es mir sehr schwer.“

Geraldine stieß ihm ihren Fächer in die Seite, bevor sie Percy ein Grübchenlächeln schenkte. „War das etwa ein Antrag, mein Lieber?“

„Nicht im Geringsten.“

Plötzliche Unruhe brach vor dem Tor aus. Stimmengewirr und einzelne Schüsse waren zu hören. Colin, der am Eingang gelauert hatte, kam hastig angelaufen. „Master Gray.“ Er klang seltsam atemlos. „Master Gray, es sind Besucher da. Sie wollen sie umgehend sprechen.“

Percy hob die Augenbrauen. „Scheinbar bin ich heute sehr beliebt.“

Colin trat neben ihn und flüsterte etwas, das Byron nicht verstehen konnte. Sein Tonfall klang eindringlich und während er redete verfinsterte Percys Gesicht sich.

„Ich fürchte, die Situation wird gleich sehr unerfreulich“, sagte er knapp und schickte Colin mit einer Kopfbewegung zur Tür. „Ihr solltet besser gehen.“

„Ist er der aufgebrachte Mob vor deiner Tür?“ fragte Byron und bewegte sich keinen Zentimeter. Auch Geraldine sah nicht so aus, als beabsichtige sie in nächster Zeit zu verschwinden.

Percy presste die Zähne zusammen und Byron konnte sehen wie seine Kiefer aufeinander malten. Es schien ernst zu sein, denn Percy war sonst die Ruhe selbst.
„Es sind die Besitzer des Luftschiffes“, sagte er schließlich. „Konföderierte, die nicht grade gut auf den Adel zu sprechen sind. Ich kann keine Auseinandersetzungen an meinem Arbeitsplatz gebrauchen.“

„Ich bitte dich. Wir denken nicht im Traum daran uns unhöflich zu verhalten“, versprach Geraldine. Ihre Augen leuchteten vor Aufregung, hatte sie schon doch schon seit Wochen darauf bestanden, endlich einmal Mitglieder der Konföderation persönlich treffen zu wollen.

Mit Spannung betrachtete Byron die beiden Neuankömmlinge. Der Herr sah eher unauffällig auf, klein und aschblond, bekleidet in einem grauen Anzug und einem Zylinder. Das einzig besondere an ihm war die auffällige Armprothese, die er anstelle des linken Armes trug. Sie bestand ganz und gar aus goldenen Scharnieren und Schrauben und schien über ein seltsames Federgetriebe beweglich zu sein. Die exzentrische Konstruktion trug ganz deutlich Percys Handschrift und unwillkürlich musste Byron an dessen Angebot denken, ihm eine eigene Prothese zu bauen.

Die Dame an seiner Seite war jedoch der eigentliche Blickfang. Sie war sehr jung, nicht älter als Byron selbst vermutlich und hatte ein offenherziges Gesicht mit einem vollen Mund. Ihre dunkelroten Locken fielen ihr offen über die Schultern und sie trug die Kleidung eines Piloten, inklusive Hosen und einer Fliegermütze. Geraldine atmete heftig neben ihm ein.

„Mr. Gray“, grüßte sie.

„Miss Hartley. Mr. Norris.“ Percy nickte ihnen zu, blieb aber in einiger Entfernung stehen und ließ die Hände unhöflich in den Hosentaschen stecken.

„Wen haben wir denn da?“ Die Stimme der Dame – Miss Hartley? - war volltönend und tief wie die einer Operndiva. Ihr Blick wanderte interessiert zu Byron und Geraldine.

„Ganz und gar unwichtig“, entgegnete Percy kühl.

„Hoffentlich keine Spione der Krone“, sagte der Herr in dem grauen Anzug und tupfte sich mit einem Taschentuch Schweißperlen von der Stirn.

„Seien sie doch nicht albern, Mr. Norris. Kommen wir lieber zum Geschäftlichen“, sagte Percy und gab Colin mit einer Handbewegung zu verstehen, dass er sich verziehen sollte. Byron konnte sich des Gedankens nicht entziehen, dass es vermutlich Colins eigener Sicherheit diente nicht dabei zu sein.

Miss Hartleys Blick ruhte immer noch auf Byron und Geraldine und langsam begann Byron sich eindeutig unbehaglich zu fühlen.
Ihre Mundwinkel zuckten und auf einmal brach sie in Gelächter aus.

„Spione der Krone“, wiederholte sie, eindeutig belustigt. „In der Tat.“
Sie wandte sich an ihren Begleiter und deutete mit einer ausschweifenden Handbewegung auf Byron und Geraldine. „Darf ich vorstellen, Elliot: Das sind Lord Byron Audley und seine Schwester Lady Geraldine“, verkündete sie. Mr. Norris, ihr Begleiter, wurde kreidebleich. „Er sitzt im Kronrat und sie ist eine Cousine der Königin. Wie schrecklich unpassend.“

„Miss Hartley…“, begann Percy. Seine Zähne knirschten.

Mit einem Griff so rasch, dass Byron ihr kaum folgen konnte, hatte Miss Hartley bereits einen Pistole gezückt. Die Konstruktion sah der von Geraldine erstaunlich ähnlich, war aber beträchtlich größer und eindeutig kein Spielzeug für die Handtasche.
Beinah nachsichtig richtete Miss Hartley die Waffe auf Byron.
„Verzeihung“, hauchte sie. „Ich hoffe, sie nehmen das nicht persönlich. Aber ich fürchte wir sind grade sehr in Bedrängnis. Die Wachen des Kronrates sind hinter uns her.“

Sie schnippte mit dem Finger und Mr. Norris bewegte auf das Luftschiff zu.

„Ich hoffe, die Reparaturen sind beendet, Mr. Gray“, ergänzte Miss Hartley, während sie ihm folgte und dabei immer näher auf Byron und Geraldine zutrat. „Ihre Dienste waren wirklich unschätzbar. Ich hoffe, sie halten mich nicht für allzu unhöflich, wenn ich ihre beiden Gäste bitten muss, mich kurzfristig zu begleiten. Es ist wirklich eine vertrackte Situation in der wir uns befinden. Der Kronrat…“, ihr Blick streifte Byron, „…hat uns eine Falle gestellt, wissen sie.“

„Die Verhandlungen sind also gescheitert“, mischte sich Geraldine ein. Ihrer Stimme war nicht anzumerken, ob sie Angst hatte oder nicht.

„Ich fürchte ja, mein Kind. Äußerst unglücklich.“ Miss Hartley nickte und machte eine auffordernde Bewegung mit der Pistole. „Darf ich sie bitten einzusteigen? Sie auch, mein Herr?“

„Miss Hartley, ich muss ihnen aufs Strengste untersagen…“, fauchte Percy, aber Geraldine unterbrach ihn. Ihre Augen waren weit aufgerissen und glänzten und ihr Blick war weiterhin auf Miss Hartley gerichtet.

„Reg dich nicht auf, Percy“, sagte sie, „es ist alles in Ordnung. Ich hatte ohnehin beabsichtigt irgendwann in diesem Jahr mit einem gut aussehenden Rebellen durchzubrennen. Das hier kommt etwas unerwartet, aber Spontanität ist ja eine Tugend.“
An Miss Hartley gewandt, sagte sie: „Darf ich sie bitten, meinen Bruder hier zu lassen? Er ist, fürchte ich, nicht in bester Verfassung und es wäre mir ganz und gar unlieb ihn solchen Strapazen auszusetzen. Ich verspreche dafür auch mich ganz tadellos zu benehmen und die vorzüglichste Geisel zu sein, die sie sich vorstellen können. Sie werden nichts zu beanstanden haben, mein Ehrenwort.“

„Geraldine!“ Byron versuchte nach ihr zu greifen, aber seine Schwester war bereits einige Schritte auf Miss Hartley zugetreten.

Die rothaarige Dame lächelte. „Das klingt in der Tat nach einem Angebot, dass schwer abzulehnen ist, meine Teuerste. Darf ich sie bitten einzusteigen? Ich verspreche, dass sie an unserer kurzfristigen Gastfreundlichkeit nichts auszusetzen haben werden.“


Das sehr, sehr vorläufige und abrupte Ende ….


Date: 2011-12-28 09:29 pm (UTC)
From: [identity profile] kurimukeiki.livejournal.com
Ich hab einen Lord Byron bekommen *___* Du, unbekannter Wichtelpate, hattes mich schon mit der Beschreibung der Protagonisten XD Ich habe einen Lord Byron bekommen und dann auch noch mit sexy Spazierstock und Beschützerinstinkt weckendem Beinproblem~ was will eine Frau mehr? XD

Aber von der Story bin ich auch seeeeeeeeeeehr angetan. Geraldine und Miss Hartley ~ "Ich hatte ohnehin beabsichtigt irgendwann in diesem Jahr mit einem gut aussehenden Rebellen durchzubrennen" *____________* Ich weiß echt nicht, über wen ich mich mehr freuen soll, Miss Hartley oder Lord Byron

Auch das ganze Setting ist fabelhaft. Steampunk Lodndon inmitten einer bürgerkriegähnlichen Revolution - wunderbar!

Sorry, nich sehr konstruktiver Kommentar, ich bin noch zu glücklich XD

Eine kleine Amerkung: Ganz am Anfang werden die beiden in Percys Fabrik nicht von Colin, sondern von einem "Elliot" begrüßt, der dannn später aber Miss Hartleys Begleiter ist - ich glaub, da hast du was vertauscht XD

Und, du kannst es dir schon denken: Ich will eine Fortsetzung! Jawoll!


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