[identity profile] tsutsumi.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Challenges: #1 Weihnachtswunder
#2 "Du riechst nach..."
Fandom: Original
Wörter: ~650
Anmerkung: schwermütig, viel Atmosphäre, wenig Handlung.

Als das Telefon klingelt, rutscht mir das Herz bis in die Hose. Einfach so, als wäre es wie ein Glas oder ein Teller heruntergefallen. Sekunden später weiß ich, dass dieses Herz eine Vorahnung gehabt haben muss. Deine Stimme klingt dünn und schwach und du betest Uhrzeiten, Krankenhausadressen und Bestattungsunternehmen herunter. Als letztes fügst du hinzu, dass du gerade die dritte Kerze auf dem Adventskranz angezündet hattest als man dich anrief.

Ich kämpfe mich durch den halb geschmolzenen Schnee zu dir durch. Die Stadt liegt grau verschleiert in ihrem Vorweihnachtsschlaf, ganz dunkeltraurig und hoffnungsuchend. Über allen Eingangstüren scheinen goldene und rote Lichter, die trösten wollen. Womöglich hat das Lichterfest ursprünglich nur diesen Grundgedanken gehabt. Trost vor der Finsternis.

Tage später hat man den Körper deiner Mutter schon verbrannt und der Mann vom Bestattungsunternehmen, dessen Glatze weihnachtlich im Gegenlicht glänzt und der sich zweifellos jeden Morgen die Stimme nachölt, spricht von Zeremonieabläufen und Blumengestecken.
Ich sitze daneben und bewundere deinen abwesenden Blick, der über allen Taten und Gedanken liegt. Als wären wir in deinem Traum, als würdest du nur darauf warten, aufzuwachen und deine Mutter über Christstollen und schwarzem Tee in die Arme zu schließen.

„Ich warte auf ein Wunder“, sagst du später beim Essen.
Es verblüfft mich. Für gewöhnlich wartet man auf das Wunder bevor jemand stirbt.

Und ich grüble, suche, überlege, denke, denke, bis sich mein Kopf anfühlt als wolle er platzen. Du und ich gehen seit Jahren miteinander, aber du weigerst dich noch immer, zu mir zu ziehen. „Weil du deine Sachen überall herumliegen lässt“, sagst du. „Weil du nie saubermachst. Wir würden ja nur streiten.“

Die Beerdigung findet einen Tag nach dem vierten Advent statt.
Sie ist klirrend kalt. Wir stehen auf dem Friedhof unter nackten Lindenbaumästen, lauschen auf das Sausen des Nordwindes und frieren, obwohl wir Plusgrade haben. Die Urne sinkt ins Erdreich und es sieht friedlich aus. In der Ferne steht ein Trompetenspieler und bläst gebrochene Töne in die Luft.
Ich stehe stundenlang hinter dir, eine Hand auf deiner Schulter. Meine Ohren nehmen jedes Schluchzen auf, meine Augen jedes Zucken; und sie schließen alles tief in sich ein wie ein finsteres Geheimnis, welches nie den hellichten Tag sehen soll. Es ist interessant, wie der Tod eines Menschen einen anderen geradezu tödlich verwundet. Man kann nur warten und hoffen, dass der Patient überlebt.

Wir sitzen stundenlang an deinem Küchentisch, zwischen uns der Adventskranz, Lebkuchen und literweise Glühwein. Wir vergiften uns mit Weihnachten. Nein, man sollte wohl besser sagen, dass wir uns einer drastischen Kur unterziehen.
„Ich warte auf ein Wunder.“
„Frieden auf Erden.“
„Der Heiland ist geboren.“
„Wir haben unser Licht entfacht.“
„Du riechst wie dreißig Kilo Pfefferkuchen.“

Heiligabend verbringen wir zu zweit. Ganz leise und langsam. Zuerst stehe ich ratlos vor dir als du wortlos Decken und Kissen vor dem Weihnachtsbaum ausbreitest. Dann denke ich mir, dass jeder mindestens einmal im Leben unter einem Weihnachtsbaum geschlafen haben muss und lege mich daneben. Wir lassen die Lichter die gesamte Nacht brennen, flüstern leise, rascheln mit Geschenkpapier, saugen den Duft der Tannennadeln ein, schweigen.
Die Nacht ist nicht per se heilig. Aber du machst sie dazu. Wannimmer ich aufwache und mich umdrehe, sehe ich dich mit offenen Augen daliegen, hoch in die geschmückten Zweige starrend. Ich träume von Engeln und Zimtsternen.

Am nächsten Morgen liegt draußen Schnee auf dem Fensterbrett. So richtig wach werde ich erst als du das Fenster öffnest und die knisternde Kälte hereinlässt. Die vom Schnee dumpfe Stille dringt herein. Du drehst dich um und lächelst.
„Ich habe mir gedacht, naja, ich könnte ja auch ganz alleine sein.“

Da verstehe ich ein bisschen, auf was für ein Wunder du die ganze Zeit gewartet hast.
Ich nehme dich in Empfang, fest in beiden Armen und mit der Dezemberkälte in den Haaren.
Gott sei Dank, denke ich. Gott sei Dank.

Date: 2011-12-12 04:41 pm (UTC)
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Oh wow.
Ich verformuliere mich seit ner Viertelstunde in Erklärungen, warum "oh wow", aber... ja, ich verformuliere mich. Also wiederhole ich: Oh wow. Und starre noch ein bisschen schwermütig in die Ecke, denn keine Ahnung wieso, die hat mich trotz der kalten Luft (toll!) nicht losgelassen.^^"

Date: 2011-12-13 04:43 pm (UTC)
der_jemand: (velo)
From: [personal profile] der_jemand
Aah, ich find "Depressives" im Adventskalender nicht schlecht, gehört doch alles dazu.^^ Und wenn's dann so gut und atmosphärisch ist, wie sollte das irgendjemanden stören?

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