ext_114511: (Default)
[identity profile] schwarze-elster.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Challenge: Satansbrut
Autor: Elster
Fandom: Original (Fortsetzung hiervon: http://www.fanfiktion.de/s/4d190bd4000012bb0c90138b)
Anmerkung: Ich bin schlecht, sorry. Ich weiß auch nicht, wie man sowas vergessen kann...




Anselm ist nicht glücklich. Die Dämmerung hat eingesetzt, ein schneidender Wind trägt harte kleine Eiskristalle mit sich, die die Bezeichnung 'Schnee' nicht mehr verdienen, und Oskar ist irgendwohin verschwunden. Mit der Taschenlampe. Zwischen den Sträuchern, die Böschung runter, vermutlich.

Anselm könnte ihn leicht finden, aber er ist sich nicht sicher, ob er das will. Er steht unschlüssig neben der Straße und denkt darüber nach, wie schön es wäre, zum Auto zurückzukehren. Sitzheizung. Licht. Und ja, Zentralverriegelung. Einsame Landstraßen mögen Oskars Verstellung von einem Abenteuerspielplatz entsprechen, Anselm aber findet sie gruselig.

Er wüsste gern, was sie hier eigentlich tun, aber Oskar war wiedermal nicht sehr entgegenkommend mit Erklärungen. Oskar scheint sowieso immer von der Annahme auszugehen, Anselm sei allwissend, was sehr schmeichelhaft wäre, wenn es nicht so furchtbar frustrierend wäre. Oder vielleicht ist Oskar auch einfach nur total wahnsinnig und hält „Der erste Vollmond nach der Wintersonnenwende, lass uns nach Satansbrut suchen!“ für einen allgemein verständlichen Satz.

Möglicherweise hält er ihn sogar für einen romantischen Satz, schwer zu sagen. Er sah jedenfalls begeistert aus und Anselm nimmt sich vor, das in Zukunft als ein Warnsignal zu werten.

Oskar zufolge funktioniert Satansbrut suchen so ähnlich wie Pilze suchen, nur dass man statt in der Morgendämmerung in der Abenddämmerung anfängt. Tatsächlich war das die einzige Erklärung zu der er sich herabgelassen hat, bevor er in eine weitschweifige Tangente über Giftpilze und deren Wirkung verfallen ist.

Es ist nicht so, dass Oskar nicht gerne und viel reden würde, das Problem ist, dass es eher Monologe sind, die sich nur ungefähr an Fragen orientieren, die Anselm ihm stellt. Oder auch gar nicht. Vielleicht sollte sich Anselm inzwischen daran gewöhnt haben, oder vielleicht ist der Wunsch, Oskar zu schütteln, bis er mal fünf Minuten lang eine normale Unterhaltung führt, eine völlig normale Reaktion und wird sich nie ändern.

„Anselm!“ schallt es aus dem Wald. „Kommst du?“

Er seufzt, rückt seinen Schal zurecht und zieht sich den Reißverschluss seiner Jacke ganz zu, dann schlittert er auf dem gefrorenen Gras den Hang hinunter. Anselm ist kein Fan der freien Natur und die freie Natur, da ist er sich sicher, ist kein Fan von Anselm. Ein Fan von Anselm würde ihm keine Steine in den Weg legen.

Er stolpert und kann schon die Schürfwunden an seinen Händen fühlen, aber dann taucht Oskar auf als hätte er sich aus einem der Schatten materialisiert und fängt ihn auf. Seine Augen leuchten silbern im Mondlicht, aber die Melodramatik wird zunichte gemacht von den spöttischen Lachfältchen in seinen Augenwinkeln.

„Tu dir nichts“, flüstert er.

Anselm macht sich aus der Umarmung los. „Oh Schatz“, sagt er leise und ist sich nicht so ganz sicher, ob er flirtet oder einfach nur sarkastisch ist, „machst du dir Sorgen?“

Oskar lächelt gespenstisch. „Sie können Blut riechen.“

Ja. So oder so ähnlich laufen Gespräche mit Oskar. Meistens ist es auf bizarre Weise liebenswert, aber nicht nachts im Wald bei gefühlten minus zwanzig Grad.

„Welche Richtung?“

Anselm sieht sich suchend um. Es ist als würde man nach seiner Lieblingsfarbe gefragt; solange man nicht darüber nachdenkt, erscheint die Antwort offensichtlich. Wenn Anselm sich um die eigene Achse dreht und den Wald mit den Augen absucht, dann ist jede Richtung gleich unliebsam. Außer vielleicht die Richtung in der das Auto steht, der Weg hoch zur Straße. Aber wenn er einfach nur fühlt, dann ist es die Richtung, in die er zuallererst geguckt hat. Er erkennt sie daran wieder, dass der Schatten unter den Bäumen besonders düster und der Untergrund besonders unwegsam aussieht.

Er nickt in die Richtung und lässt Oskar vorgehen. Der Mann ist wie ein Hund, der eine Fährte aufnimmt, er vibriert förmlich vor unterdrückter Energie und wirkt gleichzeitig so gut gelaunt, als wäre das ein Picknickausflug in hellstem Sonnenschein. Außerdem scheint er keine Probleme zu haben sich in der Dunkelheit einen Weg zwischen den Ästen zu bahnen, was Anselm widerwillig bewundert.

„Und was genau suchen wir?“ versucht er es nocheinmal.

„Satansbrut. Sie sehen aus wie... hm... naja. Katzen?“ Oskar klingt so als würden sie kein bisschen wie Katzen aussehen und er wüsste selbst nicht, wieso er diesen Vergleich zieht. „Oder wie Salamander...“

„Ah“, macht Anselm und in dieser einen Silbe liegen Welten von Skepsis.

Da ist ein Geräusch irgendwo im Unterholz und Oskar ist plötzlich weg. Anselm kann das erstaunlich leise Geräusch hören, mit dem er durchs Unterholz rennt, aber er kann ihm nicht durch das Geäst folgen. Fluchend bleibt er stehen. „Oskar?!“

Natürlich keine Antwort. Er sieht sich um und hat für einen Moment das Gefühl, sich verirrt zu haben, aber dann wird ihm klar, dass er weiß, wo das Auto ist und wo die Straße verläuft. Er weiß sogar, wo Oskar ist. Ungefähr. Der Mond ist hinter den Wolken hervorgekommen und wirkt blendend hell.

Anselm atmet einmal tief durch. Es ist vermutlich alles okay. Wenn es gefährlich wäre, hätte Oskar ihn gewarnt, oder ihm zumindest eine Waffe in die Hand gedrückt.

Er vergräbt die Hände in den Taschen und geht weiter, hauptsächlich, um sich warm zu halten, nicht weil er tatsächlich irgendwo hin will.

Dann hört er das Geräusch; eine undefinierbare Mischung aus Gurren und Schnarren. Er drängelt sich durch ein Gebüsch klettert über einen morschen Baumstamm und dann sieht er es: ein kleines Tier. Es sitzt auf einem Stein und sieht aus als würde es sich im Mondlicht sonnen, die Augen in einem Ausdruck durchaus katzenhafter Wonne genießerisch geschlossen. Alle sechs.

Anselm schleicht sich näher und das Tier wendet sich ihm ohne Eile zu und öffnet träge eines der Augen. Es legt den Kopf schief und starrt Anselm an. Das gesamte Auge ist pechschwarz und blitzt im Mondschein feucht. Anselm steht still und starrt das Tier an. Satansbrut, denkt er. Es wird ihm nicht gerecht. Es ist seltsam, ja, aber nicht bedrohlich oder hässlich. Da ist kein Pferdefuß und keine Hörner. Es wirkt elegant, selbst wenn es nur bewegungslos dasitzt und in diesem Punkt ähnelt es wirklich einer Katze, auch wenn es sonst nur die ungefähre Größe mit einer gemein hat. Der Körper glänzt schwarz und das Mondlicht scheint sich auf der Haut zu brechen wie auf der Oberfläche einer öligen Pfütze.

„Hey, Schönheit“, murmelt Anselm und das Tier zuckt mit den großen Ohren. Es gurrt wieder. Oder maunzt. Oder schnarrt. Anselm macht einen Schritt auf es zu und das Tier springt vom Stein und schleicht langsam auf ihn zu. Es bewegt sich so ähnlich wie eine Katze – wenn eine Katze eine gänzlich andere Anordnung von Gelenken hätte. Es sieht beunruhigend fremd aus, aber nicht falsch.

Einen halben Meter vor Anselm bleibt es stehen und schnurrt leise. Er hockt sich hin und streckt seine Hand aus. Anselm ist sich nicht sicher, was er erwartet hat, aber er ist überrascht, wie angenehm sich das Tier anfasst. Die schuppige Haut ist glatt, trocken und warm. Weich wie feines Leder. Er streichelt das Tier hinterm Ohr und es schließt die Augen und schmiegt sich an.

„Anselm?“ Oskars Stimme kommt aus einiger Entfernung und er klingt besorgt.

Jetzt hat er gemerkt, dass er was vergessen hat“, beschwert sich Anselm bei dem Tier. Das Tier schnarrt zustimmend und Anselm lächelt. „Hier“, ruft er halblaut, um es nicht zu erschrecken.

Es dauert keine zwei Minuten, bis sich Oskar aus der Finsternis schält. Er duckt sich unter den tiefhängendes Zweigen eines Baumes hindurch und bleibt dann stehen um Anselm und das Tier anzustarren.

„Darf ich es mit nachhause nehmen?“ fragt Anselm.

Oskar lacht ungläubig. „Was hast du mit ihr gemacht?“

„Keine Ahnung.“ Er zuckt die Schultern. Die Satansbrut gibt einen seidigen Laut von sich.

„Sag ihr, dass sie mitkommen soll.“

Das Tier wirft Oskar einen missbilligenden Blick zu.

„Komm bitte mit“, sagt Anselm. „Du darfst auch im Bett schlafen.“

„Nein, darf sie nicht.“

Das Tier springt auf Anselms Schulter und siehst Oskar hämisch an. Anselm kann es nicht sehen, aber er weiß es. Er strahlt Oskar so unschuldig wie möglich an und steht auf. Der schlangenartige Schwanz des Tieres wickelt sich haltsuchend um seinen Hals. Die Haut fühlt sich an, wie sehr feines, weiches Leder.

„Oskar“, sagt Anselm nach einer Weile auf dem Rückweg zur Straße.

„Hm?“ macht Oskar, ohne sich umzudrehen.

Anselm sucht einen Moment lang nach Worten. „Danke. Für heute Nacht. Wir ähm... könnten öfters mal was zusammen machen, wo wir nichts umbringen.“

Oskar lächelt ihm über seine Schulter zu, ein einfaches, warmes Lächeln, sodass Anselm ihn am Handgelenk heranzieht und ihn küsst. Sie trenne sich und Oskars Lächeln macht Platz für eines seiner unmöglichen Grinsen. „Ich könnte mich überreden lassen.“

Anselm schnaubt amüsiert und geht an ihm vorbei weiter. Oskar folgt ihm. „Das Tier kommt aber nicht ins Bett.“

Profile

120_minuten: (Default)
Die Uhr läuft ... jetzt!

Most Popular Tags

January 2026

M T W T F S S
   1 234
567891011
12131415 161718
19202122232425
262728293031 

Style Credit

Powered by Dreamwidth Studios