Titel: Olga (oder: Die Neue Mitbewohnerin)
Team: Joplin
Fandom: Original
Genre: Science-Fiction (Keine Raumschiffe, aber Cyborgs/Androiden!)
Challenge: August Karte 3 / "Es ist keine Paranoia, wenn sie wirklich hinter dir her sind"
Charaktere: Lukas, Marie und Olga - die (wie der Titel vermuten lässt) in einer WG wohnen.
Wörter: ~1800
Kommentar: Das erste mal, dass ich sowas geschrieben habe. Kritik wäre also herzlichst gewünscht :)
Außerdem, wie immer: Ungebetat und ungespellcheckt, weil der spellchecker nicht funktioniert. Immerhin einmal gegengelesen von mir selbst.....
Olga
Die neue Mitbewohnerin war seltsam, aber das stellte Marie erst fest als es schon zu spät war.
Beim Vorstellungsgespräch hatte sie, die sich als Olga vorstellte, sehr normal gewirkt, hatte den ihr angebotenen Tee oder Kaffee dankend abgelehnt, hatte nicht zu viel von sich erzählt – nur das nötigste eben. Nach ihrem Abitur verbrachte sie zwei Jahre mit Ausland, jetzt finge sie hier an zu studieren. Sie habe nichts gegen gelegentliches, wohngemeinschaftliches Beisammensein, würde aber vermutlich die meiste Zeit für sich bleiben.
Marie war das sehr recht, sehr viel rechter als eine interessierte Frage nach gemeinsamen Sauforgien oder Spieleabenden, und Lukas, der das gesamte Gespräch über auf dem Küchensofa neben ihr gesessen und ihre potentielle dritte Mitbewohnerin schweigend beobachtet hatte, war – angesichts Olgas Erscheinungsbild – schon als sie die Wohnung betrat davon überzeugt gewesen, dass diese Frau bei ihnen einziehen müsse.
Zum Abschluss des Gesprächs fragte Olga nicht „Und habt ihr sonst noch irgendwelche Fragen an mich?“, bedankte sich nur lächelnd für die Zeit der beiden. Ihre dunklen Augen mit dunklem Lidstrich lächelten mit.
Als sie einzog begann Marie bereits an der zurückhaltend-freundlichen Fassade zu zweifeln. All ihre Besitztümer stapelte Olga im Wohnungsflur, so dass es kaum mehr möglichwar die Küche oder das Bad zu betreten, während sie in ihrem Zimmer die Tapete von den Wänden riss.
Es gäbe eben Menschen, versuchte Lukas Marie zu beschwichtigen – während sich im Flur zu Kisten und Kartons vollgestopfte Müllsäcke gesellten und aus jedem Toilettengang einen Hindernislauf machten – es gäbe eben Menschen, die rohen Putz gestrichenen Raufasern vorzögen, da wäre nichts gegen einzuwenden. Olga habe vermutlich nur vergessen es zu erwähnen, bei ihrem Gespräch.
Was Olga anscheinend auch vergessen hatte zu erwähnen, war ihre Abneigung gegenüber Steckdosen und Lichtschalter, die sie allesamt fein säuberlich von der Wand entfernte, und ihre Abneigung gegenüber Laminat, das sie ordentlich und mit bedacht vom Fußboden löste.
Zu diesem Zeitpunkt hätte Marie sie am liebsten hinaus geworfen, aber dann hätten sie und Lukas alleine da gestanden, mit einem vollständig zerstörten Zimmer, und hätten sich selbst um die renovierung kümmern müssen. Also wartete Marie, duldete missmutig die erschwerten Bedingungen unter denen sie ihre Kaffeetasse zu ihrem Bett balancieren musste und den Balanceakt dem es bedurfte um von ihrem Bett ins Bad zu gelangen. Lukas sagte kein Wort, kochte nur jeden Abend für Marie und die renovierende Olga, die ihn stets mit einem entschuldigenden Lächeln und den Worten sie habe bereits gegessen abspeiste und bot ihr seine Hilfe an, die sie ebenfalls dankend ablehnte.
Nach zwei Wochen des Chaos kehrte das Laminat zurück auf den Fußboden, die Steckdosen zurück an die Wände, nur die Tapete blieb in ihren Müllsäcken und wanderte mit ihnen in den nächsten Müllcontainer. Kisten und Möbel verschwanden aus dem Flur, und Marie musste zugeben, dass Olgas Einrichtung überraschend gewöhnlich war.
An diesem Abend kochte Olga, ein oppulentes Essen mit mehreren Gängen und allerhand extravaganten Köstlichkeiten. Als Entschuldigung, erklärte sie, für die Umstände die sie ihren beiden Mitbewohnern gemacht habe.
Nach dem Essen stapelten sich Töpfe und Geschirr auf Anrichte und Spüle und Marie, die sich zwischenzeitlich hatte besänftigen lassen, überkam ein erneuter Unmut, der nur geschürt wurde als Olga verkündete, die anderen sollten sich bloß keine Gedanken darum machen. Solche Äußerungen endeten doch immer damit, dass der erste, der am nächsten Morgen frühstücken wollte, seinen Tag mit Spülarbeit beginnen musste. Aber am nächsten Tag war die Küche sauber – so sauber wie sie seit Lukas' Geburtstag (zu dem sich seine Eltern eingeladen hatten), nicht mehr gewesen war.
Bald pendelte sich eine Normalität ein, die selbst Marie als fast angenehm empfand. Olga lehnte immer noch jede ihr angebotene Mahlzeit, jedes ihr angebotenes Getränk, ab – machte dafür allerdings mit großer reegelmäßigkeit Gebrauch von ihren eigenen Kochkünsten, an denen sie ihre Mitbewohner gerne teilhaben ließ.
Marie beobachtete, wie Olga gelegentlich aus dem Fenster blickte, als erwarte sie dort jemanden zu sehen, wie sie am helllichten Tag die Rollos in ihrem Zimmer geschlossen hielt, sich weigerte Verabredungen am Telefon zu vereinbaren und ihr Heimnetzwerk in eine Informationstechnische Hochsicherheitsanlage verwandelte. Aber inzwischen hatte sie ihre seltsame Mitbewohnerin und ihre paranoiden Anwandlungen lieb gewonnen.
Als die beiden Frauen einen Abend alleine in der Küche verbrachten versuchte Marie dezent heraus zu finden, ob Olga eine Therapie besuchte, ob sie schon einmal darüber nachgedacht hatte, doch Olga ignorierte jeden dezenten Hinweis, überging jedes wohlgewählt und bewußt unauffällig fallengelassene Stichwort, und lenkte das Gespräch gekonnt in eine Richtung in der es bald Marie war, die Olga ihre gesamte Lebensgeschichte unterbreitete.
Über Weihnachten fuhren Lukas und Marie zu ihren Familien. Nur Olga zuckte mit den Schultern, als Lukas fragte wo sie die Feiertage verbringen würde. Sie habe wohl kein so gutes Verhältnis zu ihrer Familie, bemerkte er und hatte es, ganz umbemerkt geschafft, seine Hand in ihre zu schmuggeln.
„Nicht so besonders“, entgegegnete Olga knapp, zwang sich dann zu einem Lächeln und wünschte ihren Mitbewohnern eine schöne Zeit mit ihren Lieben.
Sylvester feierten sie zusammen. Marie hatte sich eine Feier gewünscht, aber Olga hatte darum gebeten von dieser Idee abzusehen. Sie habe ihre Probleme mit größeren Menschenansammlungen, und Marie respektierte diesen Wunsch diskusionsslos.
Es war vollkommen genügend Zeit alleine mit Lukas und Olga zu verbringen, nur hatte Marie Sorge bald zum dritten Rad am Fahrrad degradiert zu werden.
Sie guckten Dinner for One – gestreamt im Internet, weil sie es alle seit Jahren nicht mehr gesehen hatten. Sie aßen Käsefondue, das Olga alleine vorbereitete, spielten Bleigießen und scherzten über ihre eigene Spießigkeit. Um zwölf stellten sie sich ans Fenster – die Feuerwerke auf der Straße machten sie nervös, hatte Olga gestanden, und ihre Mitbewohner hatten sich inzwischen zu sehr an ihre Eigenarten gewöhnt um auch nur einen Versuch anzustellen sie aus der Wohnung zu locken.
Sie betrachteten die Lichterspiele am Himmel, Lukas legte seinen Arm um Olgas zierliche Taille und Marie begann bereits abzuwägen ob sie den restlichen Abend alleine in ihrem Zimmer verbringen oder sich doch noch in eine der Städtischen Kneipen wagen sollte, zwang sich dennoch zu einem fröhlich-ignoranten „Frohes Neues!“, als mit einem Mal jede Harmonie, Ruhe und Besinnlichkeit des Momentes zerplatze wie die Chinaböller vor ihrem Haus.
Mit einer einzigen Bewegung hatte Olga Lukas gepackt, ihn herum gewirbelt bäuchlings auf die Tischplatte befördert, dass die Schüssel vom Bleigießen ihr bleisplitterversetztes Wasser über den Fußboden verteilte.
Marie stand fassungslos daneben, fragte sich – irgendwo in ihrem Hinterkopf – ob sie ihre Andeutungen bezüglich einer Therapie vielleicht etwas eindeutiger, eindringlicher hätte gestalten sollen, während Olga ein Knie auf Lukas' Wirbelsäule stützte, und seinen rechten Arm mit paralysierender Effektivität nach hinten bog.
„Wann haben sie dich ausgetauscht?“, zischte Olga, und klang ganz und gar nicht mehr zurückhaltend-freundlich.
Sie musste etwas unternehmen, dachte Marie, sonst würde Lukas noch ernsthaft verletzt werden. Weil sie nicht wußte, was man sonst in einer solchen Situation tun könnte, tat sie einen vorsichtigen Schritt auf Olga zu, hob ihre Hände beschwichtigend. Sie hatte noch kein Wort hervor gebracht, als Olga unter ihren Rock griff und eine zierliche Pistole hervor zog, deren Lauf Marie geradewegs ins Gesicht blickte, während Olgas eigene Augen weiterhin auf Lukas' Hinterkopf gerichtet waren.
Sie solle sich setzen, befahl Olga, und ruhig bleiben. Sie habe mit dieser Sache nichts zu tun, sagte Olga, aber wenn sie auf die Idee käme die Polizei zu rufen habe sie keine andere Wahl als Marie zu erschießen.
Marie fiel wie ein Stein in die Polster des Küchensofas und blieb dort, eingefrohren, mit weiten Pupillen und schneeblasskalter Haut.
„Wann haben sie dich ausgetauscht?“, wiederholte Olga ihre Frage an Lukas, doch Lukas sagte nichts. Mit unmenschlicher Kraft löste er sich aus Olgas griff und schleuderte sie zurück, dass sie gegen die Küchenwand krachte. Es knisterte blau zwischen seinen Fingern, dachte Marie während er auf die benommene Olga zu kam. Marie schrie auf, doch der Schrei ertrank im anhaltenden Lärm der Feuerwerke und den johlenden Neujahrsbegrüßungen.
Marie wurde von dem Geruch frische Kaffees geweckt. Sie blickte in dunkle Augen mit dunklem Lidstrich, die sie lächelnd ansahen und zu denen Hände gehörten, die ihr eine dampfende Tasse entgegenstreckten.
Marie setzte sich langsam auf. Sie mussten fürchterlich viel getrunken haben am Abend zuvor, darum konnte sie sich auch nicht mehr erinnern was genau geschehen war. Sie trank den Kaffee dankbar, machte Platz für Olga, die sich neben sie setzte und einen Arm um ihre Schultern legte.
Wie es Marie ginge, wollte sie wissen, und klang unangemessen besorgt.
„Gut“, erwiderte Marie, denn es ging ihr gut. Für ein Nacht mit Blackout waren ihre Kopfschmerzen verschwindend gering, ja nahezu nicht vorhanden.
„Willst du ihn sehen?“, fragte Olga und Marie hatte keinen blassen Schimmer wovon die Rede war.
Kaffeetasse noch in ihren Händen folgte sie Olga in ihr Zimmer.
Kaum war die Tür weit genug geöffnet um Marie einen Blick auf den Fußboden zu gestatten, ließ sie die Tasse mitsamt Heißgetränk fallen. Sie spürte Olgas Arm, der immernoch um ihre Schultern lag und sie festhielt als sie drohte das Gleichgewicht zu verlieren.
Ausgebreitet auf einem bunten IKEA-Teppich, splitterfasernackt, lag Lukas, oder jedenfalls etwas, das erstaunliche Ähnlichkeit mit Lukas hatte. Seine grünen Augen starrten weit aufgerissen an die Decke, sein Brustkorb stand klaffend offen. Aber da war kein Blut, kein Organmatsch oder Muskelgewebe.
Da waren Drähte und Kabel, Platinenstücke und Metallummantelungen.
Marie wußte nicht, was sie sagen sollte, konnte gar nicht so recht glauben dass das hier kein Traum sein sollte.
„War Lukas immer...“, begann sie, aber brachte den Satz nicht zu Ende.
Olga schüttelte den Kopf. Sagte nichts, als Marie wissen wollte, was dann mit dem richtigen Lukas geschehen wäre.
„Warum – was – wer macht so etwas?“, stammelte Marie, fand sich auf dem Fußboden wieder, fand ihre Finger in Lukas Strubbellocken. Sie musste lange auf eine Antwort warten, bis sie Olgas Stimme direkt hinter ihr hörte.
„Mein Vater“, sagte Olga. In ihren Händen hielt sie eine Platine, die sie Roboterlukas in die Brust setzte. Sie habe alle Befehle, die ihr Vater einprogrammiert hatte, gelöscht, erklärte sie, während sie Roboterlukas den Brustkorb schloss, mit einem leisen Klick fanden die beiden Klappen zusammen und schafften alsbald die nahtlose Illusion eines Mitzwanziger-Oberkörpers. Die Kopien ihres Vaters wären stets sehr genau, erklärte sie, es würde also niemand den Unterschied bemerken.
Marie war zu überfordert um darüber nachzudenken ob eine solche Lüge moralisch vertretbar war, fühlte die Überforderung nur wachsen, als Roboterlukas seine – viel zu menschlichen – Augen öffnete und von Olga zu Marie wandern ließ.
„Haben wir so wild gefeiert?“, fragte er mit einem desorientierten Blick an sich hinunter, und während Marie noch alle mühe hatte nicht erneut aufzuschreien brachte Olga ein schiefes Grinsen zustande.
„Nicht nur das“, versicherte sie ihm, und ihre dunklen Augen mit dem dunklen Lidstrich funkelten.
Team: Joplin
Fandom: Original
Genre: Science-Fiction (Keine Raumschiffe, aber Cyborgs/Androiden!)
Challenge: August Karte 3 / "Es ist keine Paranoia, wenn sie wirklich hinter dir her sind"
Charaktere: Lukas, Marie und Olga - die (wie der Titel vermuten lässt) in einer WG wohnen.
Wörter: ~1800
Kommentar: Das erste mal, dass ich sowas geschrieben habe. Kritik wäre also herzlichst gewünscht :)
Außerdem, wie immer: Ungebetat und ungespellcheckt, weil der spellchecker nicht funktioniert. Immerhin einmal gegengelesen von mir selbst.....
Die neue Mitbewohnerin war seltsam, aber das stellte Marie erst fest als es schon zu spät war.
Beim Vorstellungsgespräch hatte sie, die sich als Olga vorstellte, sehr normal gewirkt, hatte den ihr angebotenen Tee oder Kaffee dankend abgelehnt, hatte nicht zu viel von sich erzählt – nur das nötigste eben. Nach ihrem Abitur verbrachte sie zwei Jahre mit Ausland, jetzt finge sie hier an zu studieren. Sie habe nichts gegen gelegentliches, wohngemeinschaftliches Beisammensein, würde aber vermutlich die meiste Zeit für sich bleiben.
Marie war das sehr recht, sehr viel rechter als eine interessierte Frage nach gemeinsamen Sauforgien oder Spieleabenden, und Lukas, der das gesamte Gespräch über auf dem Küchensofa neben ihr gesessen und ihre potentielle dritte Mitbewohnerin schweigend beobachtet hatte, war – angesichts Olgas Erscheinungsbild – schon als sie die Wohnung betrat davon überzeugt gewesen, dass diese Frau bei ihnen einziehen müsse.
Zum Abschluss des Gesprächs fragte Olga nicht „Und habt ihr sonst noch irgendwelche Fragen an mich?“, bedankte sich nur lächelnd für die Zeit der beiden. Ihre dunklen Augen mit dunklem Lidstrich lächelten mit.
Als sie einzog begann Marie bereits an der zurückhaltend-freundlichen Fassade zu zweifeln. All ihre Besitztümer stapelte Olga im Wohnungsflur, so dass es kaum mehr möglichwar die Küche oder das Bad zu betreten, während sie in ihrem Zimmer die Tapete von den Wänden riss.
Es gäbe eben Menschen, versuchte Lukas Marie zu beschwichtigen – während sich im Flur zu Kisten und Kartons vollgestopfte Müllsäcke gesellten und aus jedem Toilettengang einen Hindernislauf machten – es gäbe eben Menschen, die rohen Putz gestrichenen Raufasern vorzögen, da wäre nichts gegen einzuwenden. Olga habe vermutlich nur vergessen es zu erwähnen, bei ihrem Gespräch.
Was Olga anscheinend auch vergessen hatte zu erwähnen, war ihre Abneigung gegenüber Steckdosen und Lichtschalter, die sie allesamt fein säuberlich von der Wand entfernte, und ihre Abneigung gegenüber Laminat, das sie ordentlich und mit bedacht vom Fußboden löste.
Zu diesem Zeitpunkt hätte Marie sie am liebsten hinaus geworfen, aber dann hätten sie und Lukas alleine da gestanden, mit einem vollständig zerstörten Zimmer, und hätten sich selbst um die renovierung kümmern müssen. Also wartete Marie, duldete missmutig die erschwerten Bedingungen unter denen sie ihre Kaffeetasse zu ihrem Bett balancieren musste und den Balanceakt dem es bedurfte um von ihrem Bett ins Bad zu gelangen. Lukas sagte kein Wort, kochte nur jeden Abend für Marie und die renovierende Olga, die ihn stets mit einem entschuldigenden Lächeln und den Worten sie habe bereits gegessen abspeiste und bot ihr seine Hilfe an, die sie ebenfalls dankend ablehnte.
Nach zwei Wochen des Chaos kehrte das Laminat zurück auf den Fußboden, die Steckdosen zurück an die Wände, nur die Tapete blieb in ihren Müllsäcken und wanderte mit ihnen in den nächsten Müllcontainer. Kisten und Möbel verschwanden aus dem Flur, und Marie musste zugeben, dass Olgas Einrichtung überraschend gewöhnlich war.
An diesem Abend kochte Olga, ein oppulentes Essen mit mehreren Gängen und allerhand extravaganten Köstlichkeiten. Als Entschuldigung, erklärte sie, für die Umstände die sie ihren beiden Mitbewohnern gemacht habe.
Nach dem Essen stapelten sich Töpfe und Geschirr auf Anrichte und Spüle und Marie, die sich zwischenzeitlich hatte besänftigen lassen, überkam ein erneuter Unmut, der nur geschürt wurde als Olga verkündete, die anderen sollten sich bloß keine Gedanken darum machen. Solche Äußerungen endeten doch immer damit, dass der erste, der am nächsten Morgen frühstücken wollte, seinen Tag mit Spülarbeit beginnen musste. Aber am nächsten Tag war die Küche sauber – so sauber wie sie seit Lukas' Geburtstag (zu dem sich seine Eltern eingeladen hatten), nicht mehr gewesen war.
Bald pendelte sich eine Normalität ein, die selbst Marie als fast angenehm empfand. Olga lehnte immer noch jede ihr angebotene Mahlzeit, jedes ihr angebotenes Getränk, ab – machte dafür allerdings mit großer reegelmäßigkeit Gebrauch von ihren eigenen Kochkünsten, an denen sie ihre Mitbewohner gerne teilhaben ließ.
Marie beobachtete, wie Olga gelegentlich aus dem Fenster blickte, als erwarte sie dort jemanden zu sehen, wie sie am helllichten Tag die Rollos in ihrem Zimmer geschlossen hielt, sich weigerte Verabredungen am Telefon zu vereinbaren und ihr Heimnetzwerk in eine Informationstechnische Hochsicherheitsanlage verwandelte. Aber inzwischen hatte sie ihre seltsame Mitbewohnerin und ihre paranoiden Anwandlungen lieb gewonnen.
Als die beiden Frauen einen Abend alleine in der Küche verbrachten versuchte Marie dezent heraus zu finden, ob Olga eine Therapie besuchte, ob sie schon einmal darüber nachgedacht hatte, doch Olga ignorierte jeden dezenten Hinweis, überging jedes wohlgewählt und bewußt unauffällig fallengelassene Stichwort, und lenkte das Gespräch gekonnt in eine Richtung in der es bald Marie war, die Olga ihre gesamte Lebensgeschichte unterbreitete.
Über Weihnachten fuhren Lukas und Marie zu ihren Familien. Nur Olga zuckte mit den Schultern, als Lukas fragte wo sie die Feiertage verbringen würde. Sie habe wohl kein so gutes Verhältnis zu ihrer Familie, bemerkte er und hatte es, ganz umbemerkt geschafft, seine Hand in ihre zu schmuggeln.
„Nicht so besonders“, entgegegnete Olga knapp, zwang sich dann zu einem Lächeln und wünschte ihren Mitbewohnern eine schöne Zeit mit ihren Lieben.
Sylvester feierten sie zusammen. Marie hatte sich eine Feier gewünscht, aber Olga hatte darum gebeten von dieser Idee abzusehen. Sie habe ihre Probleme mit größeren Menschenansammlungen, und Marie respektierte diesen Wunsch diskusionsslos.
Es war vollkommen genügend Zeit alleine mit Lukas und Olga zu verbringen, nur hatte Marie Sorge bald zum dritten Rad am Fahrrad degradiert zu werden.
Sie guckten Dinner for One – gestreamt im Internet, weil sie es alle seit Jahren nicht mehr gesehen hatten. Sie aßen Käsefondue, das Olga alleine vorbereitete, spielten Bleigießen und scherzten über ihre eigene Spießigkeit. Um zwölf stellten sie sich ans Fenster – die Feuerwerke auf der Straße machten sie nervös, hatte Olga gestanden, und ihre Mitbewohner hatten sich inzwischen zu sehr an ihre Eigenarten gewöhnt um auch nur einen Versuch anzustellen sie aus der Wohnung zu locken.
Sie betrachteten die Lichterspiele am Himmel, Lukas legte seinen Arm um Olgas zierliche Taille und Marie begann bereits abzuwägen ob sie den restlichen Abend alleine in ihrem Zimmer verbringen oder sich doch noch in eine der Städtischen Kneipen wagen sollte, zwang sich dennoch zu einem fröhlich-ignoranten „Frohes Neues!“, als mit einem Mal jede Harmonie, Ruhe und Besinnlichkeit des Momentes zerplatze wie die Chinaböller vor ihrem Haus.
Mit einer einzigen Bewegung hatte Olga Lukas gepackt, ihn herum gewirbelt bäuchlings auf die Tischplatte befördert, dass die Schüssel vom Bleigießen ihr bleisplitterversetztes Wasser über den Fußboden verteilte.
Marie stand fassungslos daneben, fragte sich – irgendwo in ihrem Hinterkopf – ob sie ihre Andeutungen bezüglich einer Therapie vielleicht etwas eindeutiger, eindringlicher hätte gestalten sollen, während Olga ein Knie auf Lukas' Wirbelsäule stützte, und seinen rechten Arm mit paralysierender Effektivität nach hinten bog.
„Wann haben sie dich ausgetauscht?“, zischte Olga, und klang ganz und gar nicht mehr zurückhaltend-freundlich.
Sie musste etwas unternehmen, dachte Marie, sonst würde Lukas noch ernsthaft verletzt werden. Weil sie nicht wußte, was man sonst in einer solchen Situation tun könnte, tat sie einen vorsichtigen Schritt auf Olga zu, hob ihre Hände beschwichtigend. Sie hatte noch kein Wort hervor gebracht, als Olga unter ihren Rock griff und eine zierliche Pistole hervor zog, deren Lauf Marie geradewegs ins Gesicht blickte, während Olgas eigene Augen weiterhin auf Lukas' Hinterkopf gerichtet waren.
Sie solle sich setzen, befahl Olga, und ruhig bleiben. Sie habe mit dieser Sache nichts zu tun, sagte Olga, aber wenn sie auf die Idee käme die Polizei zu rufen habe sie keine andere Wahl als Marie zu erschießen.
Marie fiel wie ein Stein in die Polster des Küchensofas und blieb dort, eingefrohren, mit weiten Pupillen und schneeblasskalter Haut.
„Wann haben sie dich ausgetauscht?“, wiederholte Olga ihre Frage an Lukas, doch Lukas sagte nichts. Mit unmenschlicher Kraft löste er sich aus Olgas griff und schleuderte sie zurück, dass sie gegen die Küchenwand krachte. Es knisterte blau zwischen seinen Fingern, dachte Marie während er auf die benommene Olga zu kam. Marie schrie auf, doch der Schrei ertrank im anhaltenden Lärm der Feuerwerke und den johlenden Neujahrsbegrüßungen.
Marie wurde von dem Geruch frische Kaffees geweckt. Sie blickte in dunkle Augen mit dunklem Lidstrich, die sie lächelnd ansahen und zu denen Hände gehörten, die ihr eine dampfende Tasse entgegenstreckten.
Marie setzte sich langsam auf. Sie mussten fürchterlich viel getrunken haben am Abend zuvor, darum konnte sie sich auch nicht mehr erinnern was genau geschehen war. Sie trank den Kaffee dankbar, machte Platz für Olga, die sich neben sie setzte und einen Arm um ihre Schultern legte.
Wie es Marie ginge, wollte sie wissen, und klang unangemessen besorgt.
„Gut“, erwiderte Marie, denn es ging ihr gut. Für ein Nacht mit Blackout waren ihre Kopfschmerzen verschwindend gering, ja nahezu nicht vorhanden.
„Willst du ihn sehen?“, fragte Olga und Marie hatte keinen blassen Schimmer wovon die Rede war.
Kaffeetasse noch in ihren Händen folgte sie Olga in ihr Zimmer.
Kaum war die Tür weit genug geöffnet um Marie einen Blick auf den Fußboden zu gestatten, ließ sie die Tasse mitsamt Heißgetränk fallen. Sie spürte Olgas Arm, der immernoch um ihre Schultern lag und sie festhielt als sie drohte das Gleichgewicht zu verlieren.
Ausgebreitet auf einem bunten IKEA-Teppich, splitterfasernackt, lag Lukas, oder jedenfalls etwas, das erstaunliche Ähnlichkeit mit Lukas hatte. Seine grünen Augen starrten weit aufgerissen an die Decke, sein Brustkorb stand klaffend offen. Aber da war kein Blut, kein Organmatsch oder Muskelgewebe.
Da waren Drähte und Kabel, Platinenstücke und Metallummantelungen.
Marie wußte nicht, was sie sagen sollte, konnte gar nicht so recht glauben dass das hier kein Traum sein sollte.
„War Lukas immer...“, begann sie, aber brachte den Satz nicht zu Ende.
Olga schüttelte den Kopf. Sagte nichts, als Marie wissen wollte, was dann mit dem richtigen Lukas geschehen wäre.
„Warum – was – wer macht so etwas?“, stammelte Marie, fand sich auf dem Fußboden wieder, fand ihre Finger in Lukas Strubbellocken. Sie musste lange auf eine Antwort warten, bis sie Olgas Stimme direkt hinter ihr hörte.
„Mein Vater“, sagte Olga. In ihren Händen hielt sie eine Platine, die sie Roboterlukas in die Brust setzte. Sie habe alle Befehle, die ihr Vater einprogrammiert hatte, gelöscht, erklärte sie, während sie Roboterlukas den Brustkorb schloss, mit einem leisen Klick fanden die beiden Klappen zusammen und schafften alsbald die nahtlose Illusion eines Mitzwanziger-Oberkörpers. Die Kopien ihres Vaters wären stets sehr genau, erklärte sie, es würde also niemand den Unterschied bemerken.
Marie war zu überfordert um darüber nachzudenken ob eine solche Lüge moralisch vertretbar war, fühlte die Überforderung nur wachsen, als Roboterlukas seine – viel zu menschlichen – Augen öffnete und von Olga zu Marie wandern ließ.
„Haben wir so wild gefeiert?“, fragte er mit einem desorientierten Blick an sich hinunter, und während Marie noch alle mühe hatte nicht erneut aufzuschreien brachte Olga ein schiefes Grinsen zustande.
„Nicht nur das“, versicherte sie ihm, und ihre dunklen Augen mit dem dunklen Lidstrich funkelten.
no subject
Date: 2011-09-29 01:23 pm (UTC)Aber Androiden. I approve.
Ich mag wie schön seltsam Olga wirkt und wie herrlich normal dagegen Lukas (das bisschen, was man von ihm sieht)... Hat was. Planst du, mehr dazu zu schreiben?
no subject
Date: 2011-09-29 01:27 pm (UTC)Also hatte ich auch, eigentlich, keine Fortsetzung geplant.
Aber beim Schreiben habe ich mich so in die drei verliebt, dass ich mir die Option gerne offen halten wollte.
Also, ja, vielleicht.
no subject
Date: 2011-09-29 01:47 pm (UTC)Aber ja, ich kenn das mit Charakteren, die man irgendwann einfach nicht töten kann, also... Egal wie, ich hatte Spaß (Androiden!) und... werd ja sehen ob noch was kommt. =)